Bestellung beim Universum – Gastbeitrag

Eine Freundin von mir bestellt sich regelmäßig alles Mögliche beim Universum. Einen schicken Mann, eine Gehaltserhöhung, Schnee. Das Übliche halt. Erstaunlich oft funktionieren diese Bestellungen. Deswegen mache ich das jetzt auch: Ich möchte mich bitte gerne teilen.

Eigentlich dürfte da nichts schiefgehen, denn – seien wir mal ehrlich – das Universum schuldet mir etwas. In den letzten Jahren habe ich immer freundlich gedankt, bei allem, was es mir reingereicht hat. Ich habe für hohen Unterhaltungswert gesorgt und bin jetzt einfach mal dran. Das Universum hatte genug Spaß mit mir.

Erst lässt es mich nicht einmal, sondern gleich zweimal ungewollt schwanger werden. Noch bevor das zweite Kind das Licht der Welt erblickt, wird der Erzeuger mit akuter Kinderallergie belegt, verlässt mich über Nacht und zieht gleich achthundert Kilometer weit weg, um bloß nicht in die Nähe einer Verpflichtung kommen zu können.

Bestellung beim Universum 800

Die Kinder sind natürlich keine handelsüblichen Exemplare. Sondern ich erhalte vom Universum einen Sohn, der eine Energie hat, mit der man problemlos Las Vegas beleuchten könnte. Der läuft sogar, wenn er schläft. Kein Witz. Und eine Tochter, die zur allseitigen Überraschung bereits mit acht Monaten sprechen kann. Nämlich genau ein Wort, dieses aber klar und deutlich: „Nein!“. In den darauffolgenden zwei Jahren erweitert sich der Sprachschatz nicht wesentlich, es kommen erst nur Varianten hinzu wie „Nein, Mami!“, „Nein, Nein, Nein!“ oder „Neeeeiiiin!“ und neuerdings auch so etwas wie „Selber machen“, „Das mag ich nicht“ und „Geh weg!“.

Beruflich hat sich das Universum natürlich auch etwas Schickes für mich überlegt: Meine Arbeit als selbständige Sprecherin, die zu Hause eine kleine Kabine für Tonaufnahmen hat, war zu Pärchenzeiten ein Traum. Mit zwei Kindern erweist sich die mangelhafte finanzielle Absicherung allerdings als böse Falle. Denn natürlich verliere ich in den schlaflosen Monaten nach den Geburten reichlich Stammkunden. Aber wie das Universum weiß, macht das Leben als Alleinerziehende erst bei knapper Kasse so richtig Spaß. Besonders wenn man einen Jungen hat, der wächst, als ob es dafür einen Preis gäbe (gibt es aber nicht!). Und ein Mädchen, das sich beharrlich weigert, die Sachen des großen Bruders aufzutragen. („Neeeeeeeeiiiiiiin!“) Und eher halbnackt aus der Wohnung rennt, als den Pullover mit dem Fußball drauf anzuziehen.

Um finanziell wieder auf einen grünen Zweig zu kommen und die veralteten Geräte in der Sprecherkabine irgendwann mal austauschen zu können, müsste natürlich ein neuer Kundenstamm aufgebaut werden. Dafür bräuchte es Zeit. Aber da hat sich das Universum auch etwas einfallen lassen: Meine Kinderexemplare heben bei jedem Virus, der in Kreuzberg auf der Durchreise ist, sofort die Hand. Oder sie rennen sogar halbnackt draußen hinter ihm her. Bevorzugt bei den Viren, die zwar ultrasuperhochansteckend sind – weswegen die Kinder natürlich nicht in die Kita dürfen – aber eigentlich nach einem Tag mit Fieber schon wieder quicklebendige Kinder hinterlassen. Deren Beitrag zur Kundenakquise dann darin besteht, den WLAN-Router mit einem heftigen Fußballschuss in seine Bestandteile zu zerlegen und damit das Internet zu töten. Selbstredend werden die Kinder grundsätzlich nur nacheinander krank, damit sich das auch lohnt.

Da hat sich das Universum letztens erst wieder etwas ganz Tolles einfallen lassen: Eine Woche war der Junge krank, dann kam die Kleine dran. Hochansteckender Magen-Darm-Virus. Immerhin war sie so matt, dass sie freiwillig schlief. Während ich bei einem heißersehnten Sprecherjob für einen neuen, vielversprechenden Kunden in meiner Tonkabine saß, schlief sie dann allerdings doch nicht mehr, sondern stand mitten in der Aufnahme plötzlich vor mir und übergab sich schwallartig auf mich und die Gerätschaften, die seitdem nicht nur veraltet sind, sondern auch durchsetzt mit Kinderkotze. Diese konnte ich nämlich nicht schnell genug entfernen, da zeitgleich mit der Absage des Kunden ein Anruf aus der Kita kam, weil mein Sohn beim Versuch, von einem Klettergerüst zum anderen zu springen, gescheitert war.

Als ich dann mit Kotzflecken auf meinen Klamotten und zwei jammernden Kindern in der mir wohl vertrauten Notaufnahme saß, ohne neuen Kunden, ohne Einkäufe für das Abendessen und mit der Gewissheit eines heillosen Chaos’ in der Wohnung, dachte ich mir: Vielleicht könnte das Universum doch jetzt endlich mal etwas geben, anstatt immer nur zu nehmen. Ich bestelle mir nun einfach auch mal etwas. Und was ich am meisten bräuchte, liebes Universum, dass wäre bitte noch einmal mich selbst. Denn ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wie ein Mensch alleine das alles hinkriegen soll. Und diese Sache mit dem Mann – Beziehung, Familie oder wie auch immer andere das nennen – daran glaube ich nicht mehr. Also: Ich bestelle hiermit eine formvollendete Teilung. Möglichst noch diese Woche. Danke.

 

Warum dieser Gastbeitrag? Annika ist alleinerziehend, ich kenne sie nicht. Aber ich kenne ihre Sorgen. Und zudem hat es mit diesem Text etwas ganz Besonderes auf sich. Was, das verrate ich am Donnerstag, den 26. Februar.

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20 Kommentare auf "Bestellung beim Universum – Gastbeitrag"

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Clarissa
Gast
Ich bestelle beim Universum immer Parkplätze (klappt meistens, aber manchmal hat auch das Universum miese Phasen). Auf die Idee, was anderes zu bestellen, bin ich noch gar nicht gekommen. Meine Erfahrung hat mir aber gezeigt, dass man sich sehr klar ausdrücken muss: Wann, wo, groß genug fürs Auto. Beim Teilungswunsch würde ich mir also noch überlegen, ob beide Exemplare exakt identisch sein sollen, oder ob vielleicht spezifische Kompetenzen bei Version 1 anders ausgeprägt sein sollen als bei Version 2, oder ob eventuell ein alternierender Schlafrhythmus gut wäre (irgendwo müssen die beiden sich ja auch mal ausruhen). Nur so als Tipp… Read more »
Mama arbeitet
Webmaster

Ich habe meine jetzige Wohnung im Dezember 2011 beim Universum bestellt, Clarissa. Das hat super geklappt!

https://mama-arbeitet.de/arbeitssuche/liebes-schicksal

Nicole Kirchler
Gast

Der Beitrag von Annika hat mich sehr berührt. Ich hoffe, die Situation wird für sie bald leichter.

Bea
Gast
Dramatisch – ohne Ironie, ich bewundere Euch Mädels, ich weiß, man/frau muß da durch – aber es stehen einem schon die Haare zu Berge. Was tun??? Da keine Institution hilft, eigentlich hilft überhaupt niemand, wenn es schlecht läuft, egal für wen (gut,gut, manchmal, selten – gibt es hilfreiche Mitmenschen, will ich ja nicht verkennen) – tscha, vielleicht hilft das Universum ???? Ich kenne das Büchlein und habe es dann weiterverschenkt. Sowas Ähnliches nutze ich auch – und, ob Ihr es glaubt oder nicht – es funktioniert. Man muß sich aber sehr klar ausdrücken. Z.B. ich brauche jetzt und hier einen… Read more »
Simone
Gast

GENAU!
Auch Rückschläge ergeben irgendwann Ihren Sinn – in diesem Sinne …… ;-)

Julia
Gast

Der Text hat mir gut gefallen, ich kenne die Themen gut, auch, wenn ich nicht allein erziehend bin. Eines hat mich allerdings gewundert: Wie kann man zwei Mal ungewollt schwanger werden? Ich bin 35 Jahre nicht schwanger geworden und dann ganz schnell gewollt je beim ersten Versuch. Fazit: Hohe Fruchtbarkeit und 35 Jahre große Vorsicht. Bitte nicht als Vorwurf verstehen, ich bin nur sehr über den Satz gestolpert, denn nun sind sie ja da und das war ja auch eine Entscheidung. Ich hoffe, auch eine gute und schöne trotz all der Sorgen. Alles Gute!

Mama arbeitet
Webmaster

Das habe ich mich auch gefragt, Julia. Mal gucken, ob Annika bereit ist, hier zu kommentieren. Ich frage sie mal.

berit
Gast

Keine Verhütungsmethode ist unfehlbar, vielleicht hat sie auch einfach Pech gehabt. Statistisch unwahrscheinlich aber immer möglich.

Pamela
Gast

Witzig geschrieben, aber traurig wahr. Ich kann mich sehr damit identifizieren.

Im Übrigen bin ich immer noch sprachlos, dass einem wirklich keiner hilft.

Hier jetzt meine kleine Anekdote: Ich erkrankte im Urlaub allein mit meiner Tochter so stark, dass ich das Bett nicht verlassen konnte. Nach 10 Stunden rief ich verzweifelt den Notarzt. Der peppelte mich etwas auf, nahm mich aber nicht mit ins Krankenhaus. Jetzt kommt’s: Die Krankenkasse wertet das als Fehleinsatz und die Stadt Königswinter schickt mir jetzt die Rechnung das Einsatzes zu: € 298…

Wie regelt Ihr das, wenn Ihr ausfallt? Ich habe keinerlei Familie in der Nähe.

Simone
Gast

Ich habe schon sehr viel im Universum bestellt! Die großen Wünsche klappen nicht so richtig aber die kleinen laufen ganz gut! Man muss nur konkret genug sein bei der Bestellung! Also so richtig ausschmücken was alles dazugehört!
Letztes Jahr habe ich für eine entfernte Verwandte DEN RICHTIGEN bestellt! Mit allem drum und dran …. leider habe ich vergessen zu erwähnen dass er noch einige Zeit leben sollte! :-(

Antonia
Gast

In Österreich gibt es Organisationen wie KIB oder Sozial Global, wo man bei einem geringen monatlichen Mitgliedsbeitrag im Fall einer Krankheit, sei es des Kindes oder der Mutter, unverzüglich eine Hilfskraft nach Hause geschickt bekommt. Die kann mehrere Stunden bleiben und das alles unentgeltlich. Sowas gibt es in Deutschland bestimmt auch…

Mama arbeitet
Webmaster

Nein, Antonia, das glaube ich leider nicht. Davon habe ich noch nie gehört, und ich lese ganz, ganz viel. Werde ich mal googeln!

Evelyn
Gast

Toller, witziger Text, der unter die Haut geht.
Vielleicht sollten sich Alleinerziehende zusammentun. Zumindest in WGs oder Gemeinschaftshäusern und sich gegenseitig aushelfen. Vielleicht sogar beruflich. Sprecherin, Autorin, da sind doch spannende Berufe dabei!

Krusinchen
Gast
Witzig finde ich das überhaupt nicht. Aber man entwickelt tatsächlich irgendwann einen gewissen Galgenhumor, sonst schnallt man schlicht ab. Ich kann ihr das sooo gut nachfühlen. Ich würde mir eher ein bedingungsloses Grundeinkommen wünschen, damit man nicht Monat für Monat hoffen und bangen muss mit dem Geld hinzukommen. Die finanzielle Unsicherheit und die unterschwellig immer drohende Armut strengt mich am meisten an. Es wäre sehr erleichternd sich in Ruhe um sein Duracellhasi und die Dramaqueen kümmern zu können und noch genug Energie für das 3. Kind zu haben, damit es sich nicht in die Rolle des quasi unsichtbaren Kindes fügen… Read more »
Julia
Gast

Hallo Mama arbeitet,
hier nur kurz ein Link zu einer Initiative, die schnelle Hilfe nach der Geburt eines Babys anbieten. Leider habe ich nicht rausfinden können, bis zu welchem alter der Kinder sie unterstützen…
http://www.wellcome-online.de/index.html
Bin Hebamme und habe da schon ein paar Mal beobachten können, dass “wellcome” wirklich schnell und unbürokratisch hilft…
Liebe Grüße
Julia

Mama arbeitet
Webmaster

Die kenne ich Julia, vielen Dank. Das ist wirkliche eine super Organisation!

Lena
Gast

Wellcome unterstützt 3 oder 6 monate nach der geburt Soweit ich weiß.

Ulrike
Gast

Toller Text! Ironisch, nicht witzig … Und die Überraschung ist, dass das ein Auzug aus einem Buch ist, welches du schreibst. Oder? ODER?!

Katarina
Gast

Liebes Universum.
Ich möchte bitte die Zusage für das tolle Haus haben, dass wir letztens besichtigt haben.

Sabine
Gast

Punktgenau und so gar nicht witzig; wenn man da nicht immer schmunzeln müsste!

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