10 Jahre. Alleinerziehenden-Elegie

Klagelied einer langjährigen Alleinerziehenden ohne Versmaß. Mit Rant und Küssen.

10 Jahre, in denen ich ein Baby stillte, mich um 2 weitere Kinder kümmerte, und voll arbeitete, wenn auch meist von Zuhause aus, und ein Leben mit Au-Pair, Putzfrau, Haus und Garten, Ehemann und wochenlangen Geschäftsreisen nach Norwegen führte. Anfangs.

10 Jahre, in denen ich mich dann damit auseinandersetzen musste, dass diese scheinbare Idylle zerbrach. Gewalt, Trauma, Albträume, eine Scheidung. Weinende Kinder.

10 Jahre, in denen ich über lange Strecken nicht wusste, wieviel Geld ich im nächsten Monat habe, und ob das zum Leben reicht.

10 Jahre, in denen ich alles alleine gemacht habe.

10 Jahre, in denen ich nur einen Mann küsste, einige wenige Male, das aber gern und lange. Für mehr hatte ich keine Zeit.

10 Jahre, die ich versuche, den Kindern Sicherheit und Stabilität zu geben, und immer wieder an meine Grenzen gerate, weil ich so wenig ausrichten kann gegen all das, was auf sie einstürmt, und gegen das, was der Vater anrichtet.

10 Jahre, in denen ich alleine schlafe, wenn nicht gerade Kinder in meinem Bett liegen. In denen ich mich um sie sorge, für sie sorge, sie verteidige und beschütze, so gut ich kann. Alleine.

Alleinerziehenden Elegie
Mohamed Hassan auf Pixabay.com

10 Jahre, in denen ich nicht krank sein konnte ohne schlechtes Gewissen, weil da niemand sonst war, der sich kümmerte. In denen ich nicht ausfallen oder umfallen darf.

10 Jahre, in denen ich jedes Jahr dachte, es müsse doch langsam mal besser werden, sicher würde das alles leichter. Aber das wurde es nicht.

10 Jahre, in denen ich manchmal meine letzte Kraft zusammenkratze, weil mir schwindelig ist vor Verantwortung und Anstrengung, und ich denen ich nicht dazu komme, mir Sorgen um mich zu machen.

10 Jahre, in denen ich Kotze aufgewischt habe, Tränen getrocknet, Elterngespräche in Schule, Kita, mit dem Jugendamt und Therapeuten geführt habe.

10 Jahre, in denen ich Unterschriften einholen musste vom Vater der Kinder, der sich um nichts kümmert, aber sorgeberechtigt ist.

10 Jahre, in denen die Kinder immer wieder zutiefst enttäuscht vom Vater waren, der seine Versprechen nicht einhielt und unzuverlässig war.

10 Jahre, in denen ich nicht arbeiten konnte, wie ich es gewollt hätte, weil mich die private Sorgearbeit mehr als jeder Vollzeitjob in Beschlag nahm.

Alleinerziehendsein als Geschäftsmodell!?

Und irgendwelche Väterrechtler schreiben in Großbuchstaben und mit 3 Ausrufezeichen ins Internet, alleinerziehend zu sein sei ein Geschäftsmodell, und wir ruhten uns auf den Unterhaltszahlungen für die Kinder aus.

Dabei erhalten 75% der Alleinerziehenden nicht einmal den Mindestunterhalt. Und auch ich erhalte keinen Unterhalt mehr für die Kinder. Dafür muss ich aber weiterhin Unterschriften hinterherrennen, die will Vater Staat nämlich. Beim Eintreiben des Unterhalts nimmt er es aber nicht so genau, da darf ruhig der Steuerzahler einspringen. Können die vielleicht auch meine Formulare unterschreiben? Und mich in den Arm nehmen?

Ich bin es so leid.

Ich bin es leid, dass wir eine Familienministerin haben, die offenbar findet, Väter müssten bessergestellt werden, anstatt die Not der alleinerziehenden Frauen zu sehen. Die Not derjenigen, die Gewalt in der Ehe erlebt haben, deren Kinder traumatisiert sind, und die in Armut leben. Aber hey, die armen getrennten Väter, die mit dem luxuriösen Selbstbehalt von 1080 € im Monat und den Schlupflöchern im Unterhaltsrecht, denen muss der Staat jetzt endlich mal helfen! (Für Alleinerziehende gibt es keinen Selbstbehalt. Und eigene Zimmer haben etliche, so wie ich, auch nicht.)

Ja, genau, das sind die Väter, die man zu nix verpflichten kann. Wer keine Zeit hat, sich um seine Kinder zu kümmern nach der Trennung, oder keine Lust, der muss auch nicht. Das schadet dem Kindeswohl. Aber wenn der getrennte Papa das Wechselmodell will oder seine Kinder sehen, egal ob Gewalt passiert ist oder nicht, dann hat er selbst-re-dend das Recht dazu, das einzufordern, notfalls auch wenn das Kind mit der Polizei abgeholt werden muss.

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Pass auf dich auf, hast du gesagt.

Ich weiß nicht, warum du das sagtest, Small Talk war’s jedenfalls nicht. Vielleicht, weil du nicht auf mich aufpassen kannst oder willst, nicht einmal aus der Ferne. Aber die nächsten 10 Jahre schaffe ich auch noch. Auch, wenn sich das heute nicht so anfühlt.

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H. K.
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H. K.

Du sprichst mir aus der Seele. Es tut so gut Deine Texte zu lesen. Es zeigt mir, dass ich nicht alleine bin. Obwohl ich es so häufig denke. Alleine, 3 Jobs und nie ein Ende. Bitte lass Dich nicht unterkriegen!!

alex
Gast
alex

Sie haben so recht vor allem beim Unterhalt und beim Sorgerecht . Ich hatte das Glück das ich immer Unterhalt bekommen habe und auch das alleinige Sorgerecht für meine Kinder hatte. Aber diese himmelschreiende Ungerechtigkeit das Väter nur zahlen müssen wenn sie lust darauf haben bzw. wenn das Jugendamt bock hatte etwas zu tun das ist soo ungerecht . Genauso ungerecht wie das gemeinsame Sorgerecht egal ob der Vater sich kümmert oder nicht. Ich bin nicht immer mit allem was Sie schreiben einverstanden aber ich bin heilfroh das es Frauen wie sie gibt die sich einsetzen die sich wehren die… Weiterlesen »

Sunni
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Sunni

Ach, wie mir das aus dem Herzen spricht. Ich hatte den Kampf mit 2 „Vätern“, einer davon Pfarrer, der wegen damals 5 DDR-Mark mehr Unterhalt jeweils in 2 Gerichtsinstanzen klagte.Der zweite offenbarte mir 3 Monate nach der Eheschließung, dass er zwei uneheliche Kinder mit einer verheirateten Frau habe und da leider nun 3 Jahre Alimente nachzahlen müsse…Und nachdem das durch meine Zusatzarbeit erledigt war (14 Jahre), beschloss er , fernerhin sein Geld für sich zu behalten und ich mich endgültig zu trennen…. Dazu mit einem Hauptberuf und 3 Nebenjobs und die 2 Kinder…Aber irgendwann wird es wirklich besser und leichter.… Weiterlesen »

Isabel
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Isabel

Hey. Danke für deine etlichen ehrlichen Texte, du triffst immer wieder den Kern. Nicht alle Väter sind so „schlimm“, ich kenne einen, der zahlt gern und ist jederzeit für seine Kinder da. Aber er ist eine Ausnahme. Schade. Dabei ist und kann er Vorbild sein für so viele, die Verantwortung und Fürsorge nicht verstanden haben. Aber 1080€ sind nicht viel, denke ich. Wenn diese Männer unterstützt werden, weiterhin für ihre Kinder da zu sein, finde ich das gut. Alle anderen profitieren eh nicht davon. Wer nicht zahlt, hat keinen Vorteil davon. Ich hoffe, dass wir Kinder eines Tages nicht mehr… Weiterlesen »

Heidi E.
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Heidi E.

Wenn Mütter nicht emotional so viel mehr verknüpft wären mit ihren Kindern als Väter (weswegen auch immer und ja, es gibt Ausnahmen), dann befänden sich schon sehr lange viel mehr Väter in der Alleinerziehenden-Rolle und vieles wäre anders geregelt! Worauf Ihr einen “heben“ könnt ;-)

Anna
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Anna

Ich kann das gut verstehe, ich bin es auch leid, und ich bin nur mit einem Kind allein. Und nun auch noch die Ansage der Familienministerin. Kümmert sich das Amt dann in Zukunft zuerst, frage ich mich, um den Unterhalt für die Kinder oder um die reduzierten Unterhaltszahlungen für die Unterhaltspflichtigen? Müssen dann die Unterhaltspflichtigen ebenso lange auf die Berechnung des reduzierten Unterhalts warten, wie ich auf die Berechnung und Auszahlung des Unterhalts? Reicht es, wenn der Unterhaltspflichtige nachweist, wie oft die Kinder bei ihm sind, oder wird man als Mutter auch noch gefragt? Es stresst mich so sehr, diese… Weiterlesen »

kerstin grether
Gast
kerstin grether

großartiger und berührender text. ich bin geschockt.

Vali
Gast
Vali

Es ist so real, was du schreibst…bei mir sind es schon“deine“ dreizehn Jahre, auch drei Kinder und den “Rest“ schaff ich auch noch….so schnell hilft uns eh keiner…wir können nur unsere Kinder stark machen. Die Realität, in der wir leben, ist wirklich traurig und wirklich Zeit oder Kraft, darüber lange nachzudenken hat man (Frau, Mama) gar nicht. Während wir mit Schadensbegrenzung zu tun haben, können sich vor allem die gebeutelten Männer um ihre Bedürfnisse kümmern…und finden sofort offene Ohren. Wie schön für Familie und Kind(er)

Cathie
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Cathie

….me too….. Und ich wünschte, ich hätte „nur“ diese eine Baustelle. Bei mir klappt es mit der Arbeit nicht. Alle ein oder 2 Jahre bange ich ums Geld, verhandele wieder neu meine Arbeitszeit und wünsche mir nichts sehnlicher, als von zuhause zu arbeiten. Weiterbildung, Studium nebenher….. kann ich vergessen bei 3 Kindern ist dafür keine Zeit. Bafög krieg ich keins und sparen kann ich erst, wenn ich die Kinder ins Leben entlassen kann…. es ist frustrierend… Spuren hat der jahrelange Kampf vor allem in meinem Kopf hinterlassen. Ich fühle mich manchmal wie ausgebombt: nichts, auf das ich aufbauen kann, sodass… Weiterlesen »

Heidi E.
Gast
Heidi E.

…dass Pflegekinder die Auslagen des Jugendamtes teilweise zurückzahlen müssen, sobald sie das erste Lehrlingsgehalt einfahren, das war mir nie bekannt! Ist aber grad in den Medien! Komisch, wenn es um sowas geht, dann sagt keiner der Regierenden “wir leben in einem reichen Land“. Kinder haben keinen hohen Stellenwert in unserer kapitalistischen Gesellschaft und Frauen auch nicht. Mütter werden zusammen mit ihren Kindern nur als Belastungsfaktor gesehen. Väter aber nicht. Woher das bloß kommt?? Kinder zu haben in Deutschland, das ist ein Luxus, den wir uns vielleicht bald gar nicht mehr werden leisten können, wenn einige nicht zur Einsicht kommen und… Weiterlesen »

Regina
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Regina

Das ist so ein Wahnsinns Text. Danke dafür. Was die Rolle des Staates und der Familienministerin angeht, bin ich ebenfalls voll bei dir. Ein Vater, der die Mutter und das ungeborene und dann geborene Kind vollständig alleine lässt, der extra nicht arbeiten geht, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen, steht einer Mutter gegenüber, die 50 Stunden die Woche arbeitet und die volle Verantwortung trägt und jederzeit da ist für Ihr Kind. Wie kann es ernsthaft um die Väter gehen? Wenn vielleicht 15% der Väter Verantwortung übernehmen. Warum geht es nicht endlich um die Mütter?!

Kat
Gast
Kat

Sie haben wirklich recht bei diesem Rechtssystem, dass angeblich Unterhalt und Sorgerecht strikt trennt. Es bei Wechselmodell oder erweitertem Umgang und unterhaltsreduzierung wieder verquickt und der betreuende Elternteil doch wieder benachteiligt ist. Das ganze System ist Augenwischerei. Es geht nur darum dem Umgangsberechtigten Rechte zu geben. Frau Giffey hat ja keine Ahnung was sie da anrichtet. Die sollten sich mal um die Einhaltung der Pflichten der Umgangsberechtigten kümmern… Es hat nichts mehr mit Rechtssystem zu tun. Und warum hört keiner auf die Kinder wenn die nicht zum Umgang wollen?! Gezwungen werden se bis sie 14 Jahre sind. Eine Schande. Urlaub,… Weiterlesen »

mom
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mom

Ich bin auch fassungslos über die Ansagen der Familienministerin, auf wessen Seite steht die denn eigentlich? Ist sie wirklich so völlig, völlig ahnungslos und blind, wie sehr sie mit dem Wechselmodell den Frauen bzw. Kindern ans Bein pisst, die mit einem verantwortungslosen, unwilligen Expartner bzw. Vater geschlagen sind? Und die sind ja nun wirklich nicht in der Minderheit.

Carolin
Gast
Carolin

Liebe Christine, Ich habe Sie zum ersten Mal vor ca einem Jahr gesehen, in irgend einer Sendung, auf youtube. Und Sie haben mich so sehr an meine Mutter erinnert, die vor 25 Jahren auch beschlossen hat, uns lieber alleine grosszuziehen, als eine toxische Beziehung fortzuführen und sich selbst zu verraten. Sie, genau wie meine Mutter, hatten wahrscheinlich in dem Moment gar keine Ahnung, was es heissen würde, die nächgen 10 oder 20 Jahre Alleinerziehend zu sein. Während die Mütter nicht mal krank werden dürfen, weil die Kinder dann alleine dastehen, fahren die Väter weiterhin 4 mal im Jahr in Urlaub,… Weiterlesen »