11 Jahre im Schnelldurchlauf

Heute vor 11 Jahren war ich eine verheiratete Frau, die morgens um 4 Uhr ihr drittes Kind geboren hatte und in den Armen hielt. Mit Mann, Eltern und Kindern an meiner Seite.

Heute vor 10 Jahren war ich eine frisch getrennte Frau, die kaum wusste, wo oben und wo unten ist. Aber noch in der Doppelhaushälfte, mit Au-Pair, voll berufstätig mit gutem Gehalt.

Heute vor 9 Jahren war ich alleinerziehend, seit ein paar Monaten arbeitslos, betriebsbedingt gekündigt, und durch eine Eigenbedarfskündigung der Vermieterin von Obdachlosigkeit bedroht. Das war schlimm. Aber ich hatte schon zu bloggen begonnen. Ich schrieb etwa 200 Bewerbungen.

Vor 8 Jahren wurde mir klar, dass mich als Alleinerziehende mit 3 kleinen Kindern und Promotion niemand mehr einstellt, jedenfalls nicht da, wo ich lebe. Ich machte mich selbstständig, obwohl ich das nie wollte. Aber Hartz IV wollte ich noch weniger.

Vor 7 Jahren reichte mein Exmann die Scheidung ein, und ich war erleichtert. Da ich mich getrennt hatte, und immer noch in Angst vor ihm lebte, war es besser für mich, wenn er das Gefühl hatte, hier nun den Prozess zu steuern.

Zeitraffer
Stux auf Pixabay.com

Vor 6 Jahren im Januar war ich endlich geschieden. Und der Exmann, der die Kinder damals noch manchmal für den Umgang abholte, ließ zwischen Tür und Angel fallen, dass er ab kommender Woche in XY, 1000 km weg wohnen würde. Die Scherben dieser unsensiblen Entscheidung kehre ich immer noch auf.

Vor 5 Jahren war ich auf einmal Stadträtin im Januar. Das bin ich immer noch. Ich hatte viel zu tun damit, das Haus irgendwie verlassen zu können für die Sitzungen. Es war nicht einfach. Nebenbei begann ich, mein erstes Buch zu schreiben, weil ein Verlag mich kontaktiert hatte.

Vor 4 Jahren hatte ich das Gefühl, an Liebeskummer zu sterben. Vielleicht bin ich das auch ein Stück weit.

Vor 3 Jahren war ich schon voll im Diagnostik-Marathon. Kinderpsychiatrien, Tagesklinik, Therapeutentermine, Runde Tische, Familienhelfer, Elterngespräche (ich alleine, immer) Jugendamtskontakte, ein Clearing-Verfahren. Nicht immer erfreulich. Kräftezehrend. Beängstigend, weil mit bedrohlichen Szenarien verbunden. Auch für die Kinder.

Vor 2 Jahren begann ich mein zweites Buch, der Rest verschwimmt im Nebel.

Vor 1 Jahr erhielt ich die Diagnose Asperger Autismus für meine Jüngste, die heute 11 Jahre alt wurde. Endlich.

Heute ist meine jüngste Tochter 11. Und ich weiß nicht, wie ich das alles überstanden habe, außer, dass ich es musste. Und dass ich mir all das niemals hätte träumen lassen am Tag ihrer Geburt.

Glaubt nie, dass euch „das“ nicht auch passieren kann. Das hab ich bei der Preisverleihung des Edition F Awards gesagt, im Mai 2019. Seid solidarisch, seid hilfbereit. Es kann sehr schnell gehen, dass dein Leben ganz anders ist. Be kind, always.

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Christina
Christina
10. Januar 2020 06:46

Wahnsinn, was du die letzten 11 Jahre durchgemacht und geleistet hast. Ich wünsche dir und deinen Kindern alles Gute und hoffe, dass euch nun ein paar ruhigere aber nicht weniger interessante Jahre ins Haus stehen. Happy Birthday an deine Jüngste.

Mamamaj
Mamamaj
10. Januar 2020 08:19

Oh ja. Viel zu schnell. Und plötzlich erkennt man den Mann, den man geheiratet hat nicht mehr wieder…
Danke für die Rückschau. Ich bin noch ganz am Anfang und hab Angst vor dem was kommen mag, möchte aber andererseits auch die Zeit vorspulen und schon einen Teil des Berges der vor mir liegt geschafft haben.
LG Mamamaj

Hip-mama
Hip-mama
10. Januar 2020 09:07

Respekt, as usual. Und alles Liebe und gute!

Suzie
Suzie
10. Januar 2020 11:49

Der Liebeskummer ist schon 4 Jahre her?! Wie die Zeit vergeht. Da bin ich langsam in Deinen Blog eingestiegen. Keine Ahnung mehr, woher ich kam… Seitdem lese ich regelmäßig. Und Du hast meine Sichtweise auf meine alleinerziehende Freundin geändert. Wir trafen (und treffen) uns öfters bei ihr, damit sie nicht noch mehr Stress mit der Suche nach einer Kinderbetreuung hat. Und oft komme ich schon zum Abendbrot, bringe frisches Brot & Käse mit (und einen Wein ;-)) & spiele danach noch eine Stunde mit ihrem Kind Scrabble oder Uno, damit sie sich in die Wanne legen kann und wir, wenn… Weiterlesen »

Nadine
Nadine
16. Januar 2020 16:20
Antwort  Suzie

Ich möchte auch einmal dalassen, dass mich dieser Kommentar total freut und berührt! Und du tust zwei Sachen, du schenkst deiner Freundin ein Augenblick für sich und dem Kind ungeteilte Aufmerksamkeit, beides so wertvoll!

Paula
Paula
10. Januar 2020 15:36

„Wir freuen uns, dass Du geboren bist, und hast Geburtstag heut“ Ein Lied für das Geburtstagmädchen! Alles Gute dir und deiner Familie!

Sara
Sara
10. Januar 2020 23:31

Respekt und ich kenne viele der Gefühle. Wir schaffen es aber immer wieder alles zu meistern! 💕

Manu
Manu
11. Januar 2020 13:59

Als ebenfalls 15 Jahre alleinerziehende Mutter, die diese Entscheidung bewusst getroffen hat, kann ich nur Respekt zollen. Werde Ihr Buch sicher lesen, mit dem Wissen was man zu schaffen vermag, wie weit man an seine Grenzen gehen kann, muss. Dem Rückblick darauf, dass Frau und Mutter stolz sein kann, auf das, was sie geleistet hat.
Dem Geburtstagkind alles Gute.

Anonymausgründen
Anonymausgründen
11. Januar 2020 21:30

Vielen Dank für das Teilen! Das macht mir immer Mut und ich fühle mich weniger allein… Danke! Bitte kämpfe weiter! Du bist auch nicht allein!!!

kin
kin
17. Januar 2020 12:39

Wenn Sie so weitermachen verbessern Sie die Situation für Alleinerziehende für die Zukunft signifikant! Was heisst wenn. Sie haben schon viel erreicht! Ich bin seit 20 Jahren alleinerziehend und habe Deutschland aus guten Gründen meistens gemieden (Rabenmutter, Gutgemeintaberschlechtgemacht-Politik, Schulen, Kinderbetreuung, Steuersystem und so vieles mehr). Nun sind wir wieder hier, eher unfreiwillig. Haben uns daran gewöhnt. Verheiratet war ich nie und das war mein Glück! Alleinerziehend kann jede Mutter werden, geht ganz schnell. Und die Damen vom Grill, die sich, da verheiratet, für etwas Besseres und Unantastbares halten. Nun ja, es gibt viele gute Psychologen in Deutschland. Wer die Realität… Weiterlesen »

Heidi E.
Heidi E.
22. Januar 2020 21:42

In Deiner Situation würde ich aussteigen – ganz weit weg – für mindestens 1 Jahr. Wenn die eigene Gesundheit schon SO in Mitleidenschaft gezogen und eine Aussicht auf eklatante Verbesserungen nicht vorhanden ist – was nützt einem dann die Karriere, der Erfolg und das Bewusstsein, man schafft es ohne ALG2? Von Deiner Gesundheit hängt ALLES ab für Dich und die Kinder! Klar, jeder hat seine Sicht, seine Glaubenssätze und seine Herangehensweise – aber glaub mir, das ist ein positiver, wirklich um Deine Zukunft besorgter Rat: Reißleine ziehen, egal wie. Du wirst sehen, dass nach einer Hamsterrad-Pause von ca. 365 Tagen… Weiterlesen »

Heidi E.
Heidi E.
29. Januar 2020 19:05

…und einen ERSTklassigen Anwalt. Ich denke, Du musst Dich freischwimmen… Eine gute Strategie wird sich finden lassen. Wie die aussehen kann, weißt Du besser als ich…. Vorschlag zur Güte, drohen (womit auch immer) – irgend etwas, was “zieht“???
Gute , fundierte Gutachten – ob die Dich oder die Kinder betreffen, egal. ALLES, was für dieses Vorhaben spricht, einbeziehen… Ich würde notfalls sogar mal jemand von “Moskau-Inkasso““ vorbeischicken, um Grüße ausrichten zu lassen, falls die Gegenseite gar zu uneinsichtig ist… Oder Du tauchst unter – dann kannst hier aber vorerst nicht mehr aufkreuzen (das muss gut überlegt sein)!

Good Luck!!!
H.

Ursula Schön-Herrmann
Ursula Schön-Herrmann
4. Februar 2020 17:42

Hallo Christine,

Ich habe eben in Brisant (gestern schon lokal in Köln), einen Beitrag über einen Schulavatar für Kinder gesehen, die aus welchen Gründen auch immer, am Unterricht nicht teilnehmen können.

Ich habe gar keine Ahnung, ob so etwas für ein autistisches Kind funktioniert, aber ich lese so oft, wie klug deine Tochter ist und habe gestern spontan gedacht, das könnte helfen, die Beschulung zu vereinfachen. Wenn nicht, einfach ignorieren, ich will nicht aufdringlich sein.

https://www.noisolation.com/de/av1/

Das Ding kostet ein Vermögen, dafür gibt es aber sicher diverse Quellen. Förderverein, etc..

Freundliche Grüsse

Uschi

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Warten, dass der Knoten platzt
13. Februar 2020 18:52

[…] warte darauf, dass ich mich damit abfinde, dass es ist wie es ist. Aber ich kann das nicht, ich hab schon so viel geschluckt in den letzten Jahren. Nicht das auch noch. Was bleibt denn dann vom Leben? Wer platzt zuerst, der Knoten oder ich? Wie […]