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11 Jahre im Schnelldurchlauf

Heute vor 11 Jahren war ich eine verheiratete Frau, die morgens um 4 Uhr ihr drittes Kind geboren hatte und in den Armen hielt. Mit Mann, Eltern und Kindern an meiner Seite.

Heute vor 10 Jahren war ich eine frisch getrennte Frau, die kaum wusste, wo oben und wo unten ist. Aber noch in der Doppelhaushälfte, mit Au-Pair, voll berufstätig mit gutem Gehalt.

Heute vor 9 Jahren war ich alleinerziehend, seit ein paar Monaten arbeitslos, betriebsbedingt gekündigt, und durch eine Eigenbedarfskündigung der Vermieterin von Obdachlosigkeit bedroht. Das war schlimm. Aber ich hatte schon zu bloggen begonnen. Ich schrieb etwa 200 Bewerbungen.

Vor 8 Jahren wurde mir klar, dass mich als Alleinerziehende mit 3 kleinen Kindern und Promotion niemand mehr einstellt, jedenfalls nicht da, wo ich lebe. Ich machte mich selbstständig, obwohl ich das nie wollte. Aber Hartz IV wollte ich noch weniger.

Vor 7 Jahren reichte mein Exmann die Scheidung ein, und ich war erleichtert. Da ich mich getrennt hatte, und immer noch in Angst vor ihm lebte, war es besser für mich, wenn er das Gefühl hatte, hier nun den Prozess zu steuern.

Vor 6 Jahren im Januar war ich endlich geschieden. Und der Exmann, der die Kinder damals noch manchmal für den Umgang abholte, ließ zwischen Tür und Angel fallen, dass er ab kommender Woche in XY, 1000 km weg wohnen würde. Die Scherben dieser unsensiblen Entscheidung kehre ich immer noch auf.

Vor 5 Jahren war ich auf einmal Stadträtin im Januar. Das bin ich immer noch. Ich hatte viel zu tun damit, das Haus irgendwie verlassen zu können für die Sitzungen. Es war nicht einfach. Nebenbei begann ich, mein erstes Buch zu schreiben, weil ein Verlag mich kontaktiert hatte.

Vor 4 Jahren hatte ich das Gefühl, an Liebeskummer zu sterben. Vielleicht bin ich das auch ein Stück weit.

Vor 3 Jahren war ich schon voll im Diagnostik-Marathon. Kinderpsychiatrien, Tagesklinik, Therapeutentermine, Runde Tische, Familienhelfer, Elterngespräche (ich alleine, immer) Jugendamtskontakte, ein Clearing-Verfahren. Nicht immer erfreulich. Kräftezehrend. Beängstigend, weil mit bedrohlichen Szenarien verbunden. Auch für die Kinder.

Vor 2 Jahren begann ich mein zweites Buch, der Rest verschwimmt im Nebel.

Vor 1 Jahr erhielt ich die Diagnose Asperger Autismus für meine Jüngste, die heute 11 Jahre alt wurde. Endlich.

Heute ist meine jüngste Tochter 11. Und ich weiß nicht, wie ich das alles überstanden habe, außer, dass ich es musste. Und dass ich mir all das niemals hätte träumen lassen am Tag ihrer Geburt.

Glaubt nie, dass euch „das“ nicht auch passieren kann. Das hab ich bei der Preisverleihung des Edition F Awards gesagt, im Mai 2019. Seid solidarisch, seid hilfbereit. Es kann sehr schnell gehen, dass dein Leben ganz anders ist. Be kind, always.