Das kann doch nicht wahr sein: 18 Jahre ohne Theaterbesuch

Es war Hamlet, das weiß ich so genau, weil ich den Stoff so oft in Zwischenprüfungen an der Uni abgenommen hatte, das Stück kannte ich quasi im Schlaf. Hamlet also war die letzte Aufführung, die ich im Theater gesehen habe, abgesehen von Kindervorstellungen und Puppentheater.

Bis gestern. Da war ich im Theater, weil ich als Stadträtin eingeladen war, mir ein aktuelles Stück über Rassismus anzusehen. Es war amüsant bis lustig, weil es sich um eine Komödie handelt, das Ganze spielt in Bayern, und erinnerte mich ans Ohnesorg-Theater, nur halt auf Bayrisch und mit Botschaft. Ein ziemlicher Kontrast zu Macbeth, über das ich damals, als ich noch in Hamburg lebte und dort gerade auf die Journalistenschule ging, wie alle anderen aus meiner Klasse eine Rezension schreiben musste.

Als Stadträtin bin ich sehr oft zu Veranstaltungen eingeladen, mal zu Vernissagen, auch zu Vorträgen und Aufführungen, und ich gehe fast nie irgendwo hin, weil mein Alltag so voll ist. Das ist er schon ziemlich lange, wie mir gestern auffiel.

Theaterbesuch

Denn ich bin ganze, erschütternde, 18 Jahre nicht mehr im Theater gewesen. Wie das mir als Geisteswissenschaftlerin passieren konnte? Ich habe ein Kind bekommen, dann noch eins, dann ein drittes, ich habe gearbeitet, ich hatte zu wenig Schlaf, ich habe mich scheiden lassen, ich habe Bücher geschrieben und mich politisch engagiert. Aber ich hatte keine Zeit für Kultur.

Zeit ist Mangelware, wenn du junge Mutter bist. Und wenn du älter wirst, und mehr Kinder hast, und dann auch noch Familie und Beruf unter einen Hut bringen musst, dann bleibt Zeit weiterhin Mangelware.

Wie lange es gedauert hat, bis ich nach der Geburt der ältesten Tochter im Herbst 2000 endlich wieder Zeit fand, regelmäßig schwimmen zu gehen! Eigentlich ging das erst, nachdem alle meine drei Kinder selbst schwimmen konnten, denn mein Exmann steckte all seine Zeit in die Firma, und wenn er Zuhause war, fand er es selbstverständlich, dass wir alle etwas zusammen machen, anstatt einzeln unserer Wege zu gehen, und sei es auch nur zum Schwimmen.

Nach der Trennung wurde das nicht einfacher. Ich musste zwar niemanden mehr fragen, ob ich jetzt schwimmen gehen kann oder ins Kino, hatte aber auch keinen zweiten Erwachsenen mehr an der Seite, der das zumindest theoretisch hätte unterstützen können.

Schön blöd, denken jetzt sicher manche, warum hat sie sich das gefallen lassen? Nun, weil mein Mann einfach so war, und weil ich mich im Laufe der Ehe daran gewöhnt hatte, teils aus Schlafmangel, teils aus dem Wunsch heraus, ein harmonisches Familienleben führen zu können. Das war natürlich eine Sackgasse.

Und nun, mit 52 Jahren, stelle ich auf einmal fest, dass ich 18 Jahre nicht mehr im Theater war. Das hätte ich mir niemals vorstellen können, damals, als ich Macbeth in Hamburg im plüschigen roten Schauspielhaus anschaute. Ich habe einfach vergessen, dass Theater eine Option ist, weil es so viele Dinge gab, um die ich mich kümmern musste, und weil meine familiäre Situation es nur selten zulässt, dass ich etwas einfach tue, weil ich Lust darauf habe.

Die Liste der Dinge, die ich vermisse, ist zwar nicht lang, aber sie wiegt schwer, und meist versuche ich, einfach nicht an das zu denken, was mir gerade nicht möglich ist, weil mir dann das, was möglich ist, nicht mehr auffällt oder gefällt. Sie beinhaltet neben Reisen, Nächte durchtanzen, einem festen Job mit Kollegen im Büro auch ins Restaurant gehen und küssen. Lauter Dinge, die ich als junge, kinderlose Frau für selbstverständlich hielt. Mit Freunden ins Theater zu gehen gehörte bisher nicht auf die Liste der Dinge, die mir fehlen – bis gestern. Tja.

There is a crack in everything, that’s how the light gets in.

P.S.: Getaggt habe ich das unter „Teilhabe“. Alleinerziehende werden verstehen, warum. Und Eltern kleiner Kinder auch.

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Susann
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Susann

Ich würde gern schreiben: ‚Fühl dich gedrückt!‘, aber das bringt dir nichts. Stattdessen fällt mir auf, wie wenig ich tue um andere in deiner Situation zu unterstützen. Klar, Konstanz ist zu weit weg, aber ich bin mir sicher, auch in meiner Stadt gibt es Alleinerziehende. Statt diese zu unterstützen, stecke ich meine überschüssige Energie in meinen unbefriedigenden Job und in meine Hobbys. Vielleicht bekommst du deshalb manchmal Gegenwind, weil die Menschen feststellen, wie gut es ihnen eigentlich geht und wie wenig sie andere unterstützen. Ich wünsche dir und deinen Lieben einen schönen zweiten Advent und dass du in Zukunft häufiger… Weiterlesen »