Arm, aber glücklich

Ich bin alleinerziehend, arm, und glücklich: Der scheinbare soziale Abstieg entpuppt sich als Freiheit und macht mir Lust, eine neue Existenz aufzubauen. Wie kommt’s?

Bis vor kurzem wohnte ich in einem Haus mit Garten, das etwa 200 m² groß war, 6 Zimmer hatte, und 2150 € warm kostete – das ist ein nornaler Preis für eine Bleibe dieser Größe in Konstanz.

Ich arbeitete in der Schweiz und erhielt dafür ein Gehalt, das deutlich über dem von deutschen Universitätsprofessoren lag, hatte für die Kinderbetreuung monatliche Fixkosten von 900 € (das war günstig, wegen der Kombination Au-Pair und Kindergarten), und mein Konto war stets gut gefüllt, wenn auch eine Art “Durchlauferhitzer” wegen der hohen Fixkosten.

Im Dezember 2009 trennte ich mich von meinem Mann, und Mitte 2010 zog er aus. Für eine Weile lief alles weiter wie vorher, nur entspannter – allerdings war es durchaus schwierig, die Auswirkungen der Trennung auf die Kinder aufzufangen, und auch die Folgen der über Jahre erlebten elterlichen Konflikte langsam zu heilen.

Im Mai 2011, als die Kinder sich allmählich wieder fingen, erhielt ich die Kündigung durch meinen Arbeitgeber (zu seinem großen Bedauern – es ging um die Konzentration aufs Kerngeschäft), und im Dezember 2011 flatterte mir eine Eigenbedarfskündigung meiner Vermieterin ins Haus.

Das schien mir ziemlich viel Pech auf einmal zu sein. Aber heute, nur wenige Monate nach Momenten großer Niedergeschlagenheit und Existenzsorgen, bin ich froh darüber, wie es gekommen ist und blicke sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Denn ich hab’s gut: Mir ist eine öffentlich geförderte Wohnung in einem Neubaugebiet zugeteilt worden, die nicht nur billig, sondern auch wunderschön ist und mit netten Nachbarn einhergeht. Es wimmelt hier von Kindern allen Alters, denn hier sind nur Leute mit Wohnberechtigungsschein und ganz viele Alleinerziehende.

Das ging natürlich nicht von alleine, ich habe gleich nach Eintritt der Arbeitslosigkeit einen WBS beantragt und mich auf die Warteliste der städtischen Wohnbaugesellschaft setzen lassen. Als ich die Eigenbedarfskündigung erhielt, habe ich wegen wachsender Dringlichkeit dort vorgesprochen und bin auf offene Ohren gestoßen.

Wie der Zufall es so will, verdient der (selbstständige) Vater der Kinder auf einmal deutlich weniger Geld als in den Jahren zuvor, so dass der Kindesunterhalt mächtig zusammengeschmolzen ist. Das ist unschön, kann aber teilweise dadurch aufgefangen werden, dass ich Zuschüsse zum Kindergarten- und Hortbesuch erhalte und Wohngeld – beides habe ich vergangene Woche beim hiesigen Sozial- und Jugendamt beantragt. Auch in Sachen Krankenkasse gibt’s die Chance auf Ermäßigung: die Künstlersozialkasse bezuschusst die Beiträge freier Journalisten, und mein Antrag dort wird bereits bearbeitet. Es gibt also viele Möglichkeiten für Alleinerziehende (oder Eltern generell), sich finanzielle Hilfe vom Staat zu holen, und ich bin wirklich froh, dass wir diesen Sozialstaat haben.

In dieser halbwegs komfortablen Situation (wir verhungern nicht, sind krankenversichert und haben eine Wohnung) möchte ich mich aber nicht ausruhen, und schon gar nicht will ich ALG 2 beantragen. Ich möchte nämlich arbeiten, unbedingt, und meine Talente nicht vergeuden. Außerdem sollen meine Kinder ein Zuhause haben, in dem Arbeit der Normalzustand ist.

Und es sieht ganz gut aus für mich: Die Webseite, für die ich gearbeitet habe, ist verkauft worden – indem ich mich in die Verhandlungen eingebracht habe und die ehemalige Firma wohlwollendes Interesse am Erhalt der Inhalte zeigte – und der neue Inhaber bat mich, für ihn stundenweise als “feste freie Journalistin” tätig zu sein. Ich arbeite also auf Abruf auf Honorarbasis, habe Freude an meiner Arbeit, und das Gefühl, noch einmal durchstarten zu können. Das alles zusammen macht  mich zu einer sehr glücklichen Frau.

Was ich damit sagen will: Veränderungen sind gut, und was zuerst aussieht wie eine Katastrophe kann sich im Endeffekt als Glücksfall herausstellen. Und ich bin, trotz der Gebundenheit an die Bedürfnisse der Kinder, so frei wie letztmalig als Studentin. Das tut meinen Kindern und mir sehr gut.

Im Moment ist jeder Tag ein guter Tag. Was will man mehr?

LInktipps innerhalb des Blogs:

Mamas Rentenbescheid der BfA

Selbstständigkeit als Notlösung?

Mama sucht Arbeit

Artikel im Spiegel Online Freie Journalisten: Arm, aber verblüffend glücklich

Hinterlasse einen Kommentar

10 Kommentare auf "Arm, aber glücklich"

avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Silke
Gast

Liebe Christine,

jeder Tag ein guter Tag. Das ist wirklich ein Menge! Ich freue mich über deine wunderbare Einstellung und die Leichtigkeit, die ich bei dir lese.

Es wird noch viel mehr Positives passieren, davon bin ich überzeugt!

Freue mich so sehr über Dein Glück, denn es war nun wahrlich alles nicht immer leicht und erst recht nicht selbstverständlich!

Alles Liebe,
Silke

Nicole
Gast
Ich freue mich sehr über Eure positiven Erfahrungen als arbeitende, alleinerziehende Mamas. Ich komme selbst aus den neuen Bundesländern und bin nach 13 Jahren in Niedersachsen auch wieder zurück gegangen. Mir war es immer wichtig, dass die Kinder in einem Haushalt aufwachsen, wo auch einer Arbeit nachgegangen wird. Für Mütter mit kleineren Kindern ist dies sicherlich sehr schwierig, aber bei der richtigen Organisation auch Stundenweise möglich. Meine Kinder sind fast elf Jahre auseinander, da hatte ich den “Großen” bald als Kindermädchen. Ich bin nach der Trennung vom Vater, der sich eher wie der kleine Prinz benommen hat, als die Kinder,… Read more »
desperateworkingmum
Gast

Liebe Christine,

vielen Dank für deinen Post! Ich versuche daraus so viel Hoffnung wie möglich zu schöpfen für die kommende Zeit, denn auch ich stehe vor der Trennung von meinem Mann (auch wenn er sie noch als vorläufig bezeichnet) und meine Firma steht vor der Fusion. Das große Haus werde ich nicht halten können, meine Eltern wohnen vier Autostunden entfernt. Das Leben fliegt mir um die Ohren und ich wünschte mir, diese Herausforderungen mit ebensoviel Kraft meistern zu können wie du, aber im Augenblick habe ich da so meine Zweifel.
Gratulation und viel Glück weiterhin auf deinem Weg!
DWM

hostmami
Gast

Hallo Christine!

Mit diesem Beitrag hast du mich einiger Ängste beraubt. Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Wohnung!l

trackback
Wünsch dir was. Blogparade: Lasst uns träumen!

[…] Prozesskostenhilfe finanziert, und wir erhalten Wohngeld und Zuschüsse vom Bildungspaket. Ich bin arm, aber glücklich – jedenfalls meistens. […]