Bald drängele ich auch an der Kasse. Blogparade #älterwerden

Mir läuft die Zeit davon, dieses Gefühl ist neu. Relativ neu, es fing mit etwa 45 Jahren an. Und nun dauert es nur noch 2 Monate und 2 Wochen, bis ich 50 werde.

Je älter ich werde, desto weniger Zeit habe ich, das ist mir in einer Klarheit bewusst, die an Grausamkeit grenzt. Natürlich wusste ich auch schon als Kind, dass Menschen sterben, und dass auch ich sterben würde, und ich ängstigte mich sehr, als ich im Alter von 13 Jahren mit panikartigem Herzrasen nachts im Bett lag, während ich über die Endlichkeit des Seins und den Sinn des Lebens nachdachte.

Angst vor dem Tod, dem Totsein, dem Alter habe ich nicht mehr. Der Sinn des Lebens ist für mich nach wie vor unergründlich und meine Existenz absurd, und ziemlich frei nach Camus habe ich mich damit arrangiert und mache das Beste daraus.

Einkaufswagen
Alexas_Fotos Pixabay.com

Aber ich mag es nicht, wie die Zeit immer schneller vergeht. Die Winter, die ich hasse, werden jedes Jahr länger, und die Sommer immer kürzer. In jedem Winter friere ich mehr und leide ich stärker unter der Dunkelheit. Ich habe noch 30 Sommer, wenn alles gut geht und ich halbwegs gesund 80 Jahre alt werde. Ein Sommer besteht aus 3 Monaten. 90 Monate Lebensfreude, das ist nicht viel. 2700 Tage. Je nach Wetter etwa 1000 laue Sommerabende. Gut, es mag sein, dass ich älter werde als 80, in meiner Familie gibt es viele Hochbetagte, die Uroma wurde sogar 104, aber darauf verlassen kann man sich ja nicht. Und die Rechnung bleibt im Grunde dieselbe, wenn auch mit leicht höheren Zahlen.

Wie sehr die Zeit rennt, und dass der Körper anfängt, kleine Mucken und Macken zu haben, das trübt mir die Laune. Meine rechte Schulter zwackt, meine Zähne, mit denen ich sowieso schon immer haderte, werden nicht besser im Alter, und die Haare, ach, was gäbe ich drum, wären sie noch original straßenköterblond, wie man das damals nannte!

Je älter ich werde, desto schneller werde ich. Langsam war ich sowieso nie, aber als Jugendliche und junge Frau hatte ich das Gefühl, noch Zeit zu haben. Zeit für was auch immer, das würde sich schon alles finden. Ich döste stundenlang im Freibad, ich lag auf Wiesen und träumte, ich verbrachte Stunden bummelnd in der Stadt und saß auf Mauern an Plätzen, von denen aus ich Passanten beobachtete und mir Gedanken machte.

Heute macht es mich nervös, vor geschlossenen Bahnschranken zu warten, weil ich immer irgendwo hin muss und Dinge zu erledigen sind. 5 Minuten verschwendete Lebenszeit, 4 Mal am Tag. Dabei weiß ich, dass so zu denken albern ist. Aber es fühlt sich so an. Mit dem Rest meines Lebens will ich etwas Gutes anstellen. Und die Zeit rast.

Bald, das dachte ich vorgestern an der Supermarktkasse, als es schier überhaupt nicht vorwärts ging und die Kassierinnen von Storno zum gegenseitigen Kassenschlüsseltausch übergingen, bin ich eine dieser Rentnerinnen, die sich an der Kasse vordrängeln, über die ich früher so die Stirn gerunzelt habe. Die Rentner haben doch Zeit, glaubte ich früher. Das Gegenteil ist der Fall, das weiß ich jetzt.

P.S.: Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade der verehrten Frau Quadratmeter.

Bloggerin, Autorin, Texterin und alleinerziehende Mutter von 3en. Print und Online. Spezialisiert auf Kinderbücher, Vereinbarkeit von Familie & Beruf, Familienthemen.

15 KOMMENTARE

  1. Ich bin auch Ende vierzig und kann Deine Gedanken und Worte sehr nachvollziehen, ich erlebt es ähnlich. Ich empfinde es oft zwiespältig, denn das Bewusstwerden der Endlichkeit und der kürzer werdenden Lebenszeit führt bei mir einerseits zu viel mehr Lebensqualität, weil ich mir der Kostbarkeit des Augenblicks ( das so abgedroschene carpe diem) sehr bewusst bin und ich das dann auch doppelt genießen kann, aber andererseits bin ich dadurch eben auch gehetzt. Ein schöner sonniger Tag? Das MUSS ich ausnutzen, den kann man doch nicht einfach so verstreichen lassen! Früher habe ich auch entspannt und unbeschwert die Tage vertändelt, das fällt mir heute schwer. Manchmal setze ich mich regelrecht unter Druck etwas „Schönes“ zu unternehmen. Und ich finde, 80 ist sehr positiv gedacht, ich habe da irgendwie eine etwas verhaltenere Erwartungshaltung – vielleicht weil in meiner Familie der Altersdurchschnitt eher niedriger liegt und weil so vieles auch in jüngeren Jahren passieren kann…
    Interessante Gedanken zum Thema Älterwerden, danke!

  2. Wobei gerade das Innehalten auch wichtig ist. Ich weiß aus gesundheitlichen Gründen nicht, wie viele Jahre ich auf die derzeit 32 draufsatteln kann und kenne das Gefühl. Gerade auch mit Alltag, Kind und Job. Aber mir hilft es, mich zu fokussieren. Also nicht möglichst viel machen und möglichst schnell, sondern das, was sich grade richtig anfühlt. Und das kann auch durchaus dösen oder faulenzen sein… ?

  3. Wer nur noch durch das Leben hetzt, voller Ungeduld, der ist auf dem sicheren Weg zum Burnout mit chronischen Depressionen. Entschleunigung ist das Zauberwort. Passen Sie gut auf sich auf!
    Physisch werden wir statistisch älter, nur die Gehirnleistungen wachsen im Alter leider nicht adäquat.

  4. Ganz ehrlich? Nochmal jung sein so ca. 14 oder 15 oder sogar 20? Nein danke.
    Allerdings wünschte ich mir ich hätte die Weisheit von heute schon damals gehabt und mehr auf meine Intuition vertraut ( die einem (oder mir) damals noch tatkräftig aberzogen worden ist).
    Aber wer weis was sich dann alles ergeben hätte. Wer weis was ich dann für ein Mensch geworden wäre.
    Ich denke es kommt wirklich darauf an, wie gehaltvoll ein Leben gelebt wird, wie kritisch man zu sich selbst ist, wie viel Gut-Zeit man sich ganz allein gönnt, wie viel Gut-Zeit man bereit ist mit und in andere zu investieren( eigene Kinder!) um daraus die positiven Emotionen zu schöpfen, an die man sich gerne erinnert.
    Das mit dem immer schneller werden kenne ich auch, vor allem seit ich mein erstes Kind bekommen habe. In der Schwangerschaft dachte ich mir noch, dass ich alle, wirklich alle Uhren aus dem Haus entferne und nur noch in den Tag hinein lebe. Tatsächlich wurde es mit den Uhren nach der Geburt meiner Tochter nur noch schlimmer. Und seit das zweite Kind da ist läuft die Logistik.
    Allerdings sind solche Auszeiten wie du sie beschrieben hast z.B. am See dösen oder in der Stadt bummeln gehen irgendwie echt nicht mehr möglich – ich würde es schlichtweg nicht aushalten.
    Aber ich denke mir dass anderen Menschen das durchaus möglich ist, und dass es zu diesem Zustand auch wieder einen Weg hin gibt. Vielleicht nicht gerade jetzt aber bald.
    Das ist mein Ziel.

    Hier noch eine kleine Geschichte aus dem Blog von Coco Niehoff – Link.

  5. Drum schnell ganz viel die Seele aus dem Leib v*geln ;)
    Ich will nicht sterben! Und muss es doch irgendwann.

    Verdammte Hacke, Du immer mit Deinem melancholisch-schmunzeligen Enterhaken.

    LG Eva

  6. Was für eine zutreffende Beschreibung – abgesehen von der Beschreibung des Wintergefühls (ich selbst kann verregneten und dunklen Tagen von der behaglichen Wärme meines Hauses aus betrachtet viel abgewinnen) finde ich mich wieder in diesen Worten.
    Die Zeit rennt immer schneller – wie ungläubig ich früher war, wenn meine Mutter so etwas äußerte. Wie genervt ich sofort bin, wenn jemand trödelt und ich kostbare Minuten dreingeben muss!
    Die kleinen gesundheitlichen „Freuden“ beim Altern – mein Körper hat meinen 50. Geburtstag zum Anlass genommen, jetzt mal sich jetzt mal so richtig daneben zu benehmen.
    Die Gewissheit, dass ich nur ein Fliegenschiss im Universum bin!

    Ach, lasst uns leben, solange es noch geht!!!

    GlG
    Britta

  7. @Peter Meyer
    Sie haben ins Schwarze getroffen, die Menschen begreifen wirklich nicht, dass Leben wirklich endlich ist. Erst wenn der Mensch selbst betroffen ist (Krankheit, Unfall), überdenkt er vielleicht seine persönliche Situation. Diese verdammte Wachstumsgesellschaft mit der Kreditwirtschaft verblödet systematisch Menschen, auch Akademiker bleiben davor nicht verschont.
    Aber schlussendlich muss jeder Mensch selbst für sich entscheiden, ob er diesen gesellschaftlichen Schwachsinn in dieser BRD weiterhin mitmachen will. Wir schaffen das und es ist alles alternativlos? Die FDJ-Dame aus dem Osten bleibt ihrer Mission treu. Dafür wurde sie auch von der Stasi in der DDR ausgebildet, nur merken es die politisch desinteressierten Wessis nicht ;-(

  8. Verschaffen Sie sich Platz, indem Sie sich am Ende der Kassenwarteschlange mit dem respektgebietenden Ausruf vernehmbar machen: »Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt.« – Für gewöhnlich schwenken die vor Ihnen Wartenden sogleich artig mit ihren Einkaufswagen beiseite, um eine Rettungsgasse zu bilden und Ihnen die Vorfahrt freizugeben.

  9. Das beste, was man mit seiner freien Zeit machen kann – rausgehen – am besten Nordic Walking, Jogging oder Spazierengehen im Wald, Park oder am Strand! Den Wald spüren, einatmen, ausatmen, durchatmen! Ausserdem habe ich seit dem Frühjahr ein eBike und fahre jetzt damit an 4 Tagen/Woche zur/von der Arbeit- es ist soviel besser, als im Auto zu sitzen…und schon kannst du deinem Tagen mehr Leben geben…

  10. Es geht auch anders, als im Supermarkt zu drängeln oder sich als Rettungsarzt auszugeben :-) über einen Markt bummeln, auf der Reichenau das herrliche Herbstgemüse und -obst besorgen, das eigene Gemüse aus dem Garten ernten, Äpfel und Birnen pflücken (zB auf dem Obsthof) – oder sich das Benötigte vom Supermarkt liefen zu lassen…

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