Kopf und Bauch: Dahin gehen, wo die Angst ist

Kopf und Bauch: Dahin gehen, wo die Angst ist

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Kreuzspinne
Torfi007 auf Pixabay.com

Ich bin das Mädchen, das im Unterricht nie etwas sagte. Am Schuljahresanfang beeilte ich mich, einen Platz in der dritten Reihe, irgendwo am Rand (aber nicht ganz am Rand!), zu bekommen, denn dort war man für die Lehrer am unsichtbarsten, das wusste ich.

Am besten saß ich hinter irgendeinem großen Jungen, oder lauten Kindern, die von einem selbst ablenken. Und so kam es, dass am Schuljahresende, bei der Vergabe der mündlichen Noten, mehr als ein Lehrer erstaunt von seinen Blättern aufschaute und in die Klasse fragte: „Christine? Wer ist denn Christine?“ Ich zeigte auf, und der Lehrer war erstaunt über meiner Anwesenheit in der Klasse. Dabei hatte ich nie geschwänzt, das hätte ich mich gar nicht getraut.

Cut.

Vor ein paar Tagen stand ich vor etwa 130 Leuten und hielt einen Vortrag, und ich habe mich dabei gut gefühlt. Mehr noch, ich hatte Spaß. Und die Leute auch. Aber bevor ich zu diesem Vortrag fuhr, den ich auf der Elternbloggerkonferenz #denkst in Nürnberg hielt, wusste ich nicht, ob mir das liegt. Oder ob ich sterben würde vor Angst.

Meistens denke ich sehr lange nach, bevor ich mich zu etwas entschließe, und je mehr ich nachdenke, desto weniger weiß ich, was ich will, weil ich irgendwann mein Bauchgefühl völlig aus den Augen verliere. Und dann reagiere ich nach alten Mustern, wie das ein Mensch halt tut. Aber ich bin auch sehr neugierig, und ich lerne gerne. Also mache ich gelegentlich Dinge mit voller Absicht ganz anders, oder auf eine Art, die mich scheinbar nicht weiterbringt. Und genau das bringt mich oft weiter.

Meine Angst-Meilensteine

Wenn ich heute auf die Angst-Meilensteine in meinem Leben zurückblicke, dann weiß ich, dass es gut für mich war, dass ich genau dort hingegangen bin, wo die Angst war. Sie war zum Beispiel hier: Ich hatte Angst,

  • in der Schule etwas sagen zu müssen (bis Klasse 11)
  • Angst, andere Leute nach der Uhrzeit oder den Weg zu fragen (als Teenie)
  • alleine in die Disco zu gehen (als Twen)
  • Angst vorm Bungee-Jumping (ich sprang dann doch)
  • davor, dumm zu sein (immer)
  • Flugangst (bis ich mit 25 ein Flugangst-Seminar besuchte)
  • Angst, zu sehr zu lieben (das wäre einen eigenen Text wert)
  • vor Konferenzen (gerade erst überwunden)
  • Angst vor dem Reden vor größerem Publikum (ich arbeite daran)

Ich hatte sehr viel Angst. Und ich stelle heute fest, dass ich vieles richtig gemacht habe, ohne eine Ahnung von Konfrontationstherapie oder ähnlichem zu haben. Menschen mit Fahrstuhlangst und Höhenangst setzen Therapeuten den angstauslösenden Situationen aus, und ich beschloss mit 19 ohne jegliches Wissen über diese Dinge, dass ich öfter mal ganz alleine in die Disco fahren sollte, weil mich das reizt. Und weil ich dann dort mit wildfremden Menschen sprach, wenn auch mit Herzklopfen.

Mich reizte später noch mehr. Es reizte mich, mich kopfüber von einem 25-Meter Bungee Kran in Freiburg zu stürzen, nachdem ich mir 2 Stunden lang angeschaut hatte, ob die Menschen, die das taten, hinterher glücklicher oder unglücklicher als vorher aussahen. Es reizte mich auch, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, obwohl ich davor Angst hatte. Und weitere Dinge zu tun, die mit Angst besetzt waren, zum Beispiel an der Uni Seminare zu halten. Meistens fühlte ich mich hinterher gut.

Warum tue ich mir das an?

Geht es da um Mutproben? Nein, das ist es nicht. Es geht darum, sich selbst in die Augen zu schauen. Sich der Angst vor dem Kontrollverlust zu stellen, ihn entweder in Kauf zu nehmen oder ihn wissentlich anzusteuern. Es ist okay, dabei zu scheitern. Aber dann habe ich es wenigstens probiert. Und es hat mich bisher immer, wirklich jedes einzelne Mal, auch wenn es so wehtat wie der große Liebeskummer im vergangenen Winter, weitergebracht, mich hinzustellen und zu sagen: „Okay, ich habe Angst. Aber ich mache das jetzt. Hinterher bin ich klüger.“

Wieso ich das heute schreibe? Nun, die große Tochter wollte gerne die Haare blau färben. Und sie suchte eine Komplizin, sie bat mich, mitzumachen. Ich hatte zwar nicht direkt Angst, aber Bedenken. Immerhin ist morgen eine Aufsichtsratssitzung im Rahmen meines Gemeinderats-Mandats. Und blaue Haare hatte meines Wissens bisher keine der Rätinnen. Und überhaupt bin ich zu alt für sowas. Aber dann dachte ich: „Ach, egal!“, und dass es eigentlich lustig wäre. Dann lachen sie halt, die anderen Räte. Aber Angst hatte ich keine, denn die ist fast weg.

Heute habe ich nur noch Angst davor, dass einem meiner Kinder etwas passiert. Das wäre wirklich unerträglich. Alles andere ist irgendwie zu bewältigen. Dass diese Angst nie mehr weggehen wird, finde ich in Ordnung. Alle anderen Ängste werde ich mir genau ansehen, weil ich glaube, dass ich an ihnen wachsen kann.


P.S.: Vom 5-Meter Turm im Schwimmbad bin ich wieder heruntergeklettert.

20 Kommentare

  1. Ich hätte deinen Vortrag auf der denkst sehr gerne gehört! Vielleicht bin ich im nächsten Jahr dabei, dann sprichst du als alter Hase ja bestimmt wieder. ;) Auf meiner Angst-überwinde-Liste steht auch noch das Sprechen vor vielen Menschen. Weil ich das auch so gerne könnte. Aber vielleicht überwinde ich mich etwas später, genau wie du. Jetzt habe ich mich ja erst mal dazu überwunden, eine „richtige“ Bloggerin zu sein. Das war auch schon nicht ganz leicht. ;)

  2. Danke für diesen Text!! Ich werde ihn noch öfter lesen, arbeite noch am „Aber ich mache das jetzt.“ Bei den ganz großen Ängsten (nicht wenige), seh ich mich diesen Schritt nicht ansatzweise machen…. :-/ Und die Ängste werden stetig größer gedacht…. Teufelskreis. Seufz.

  3. Diese Gedanken verstehe ich so gut. Und dann sagen die Leute: „Mensch, das würde ich auch gerne können“ und denken nicht darüber nach, was es einen gekostet hat an Überwindung, Dämonenbezwingung und Leisestellen dieser Stimme im Kopf, die vom Scheitern spricht. Es sieht hinterher so oft so leicht aus und das ist es meist doch erst ab einem gewissen Punkt. Bis man sich eben fragt, warum man das nicht schon viel früher probiert hat.
    Bungee ginge gar nicht, aber ich kann mittlerweile als Erste eine Kneipe betreten und jemanden um etwas bitten. Und deshalb meine Frage: darf ich den Begriff Angst-Meilensteine in einem eigenen Blogbeitrag verwenden? Das ist so eine treffende Wortschöpfung für dieses Grundgefühl des Über-sich-hinaus-wachsens.
    Danke für das Teilen dieser schönen Gedanken.

    PS: ich habe mir letztes Jahr in den Ferien die Haare mit Haarkreide blau angemalt, eine Riesensauerei, aber großartig. Auf das blaue Haar <3

    • Natürlich darfst du „meinen“ Begriff benutzen, ich fühle mich geehrt! Und das mit der Kneipe verstehe ich gut. Ich bin heute immer noch nicht gerne alleine in einem Cafè und würde nur höchst ungerne alleine in einem Restaurant etwas essen, selbst wenn es nur die „Nordsee“ ist.

      • Samstag ;-) – und, liebe Christine, ich freue mich, dass du die Angst überwunden hast und die Veranstaltung mit zu dem gemacht hast, was sie war… Auf ein Wiedersehen zur #denkst17

        • Ich danke dir, Sven, dass du so geduldig und genau im richtigen Tonfall nachgefragt hast, ob ich als Speakerin kommen will. Es war toll!

  4. mein ding bei dem thema: ich habe keine angst, dinge zu tun. mutig genug für den meisten quatsch bin ich :) mein problem ist in der folge oft das zurückrudern. als ob ich vor meinem eigenen mut erschrecke und ihn ungeschehen machen möchte. da fange ich plötzlich an zu beruhigen oder zu relativieren oder abzumildern….. das ist meine herausforderung: meinen mut auszuhalten.

  5. Liebe Christine, ein ehrlicher und schöner Text – Ich habe dir am Samstag die Aufregung kein bisschen angemerkt. Du wirktest lustig, gelöst und locker. Dir zuzuhören macht wirklich Spaß. Krass, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind, oder? Alles Liebe, Laura

    • Die Angst, liebe Laura, war dann auch weg – das ist bei mir meistens so, wenn es erstmal losgeht. Aber in den Wochen vor dieser Tagung hatte ich richtig Muffensausen!
      Danke für die netten Worte, und viele Grüße!

      Christine

  6. Liebe Christine,
    auch mir hat dein Vortrag am Samstag sehr gefallen – ich fand´dich sehr authentisch und souverän! :-) Das du dich deinen Ängsten stellst und nicht vor ihnen wegläufst finde ich toll.

    Das Thema Angst beschäftigt mich schon länger. Ich habe zwar grundsätzlich nur wenig Angst, aber davor „Fehler zu machen“ oder „etwas nicht zu schaffen“… davor hatte ich immer Angst. Dann habe ich ein interessantes Zitat gelesen und angefangen, mich meiner Angst zu stellen:

    ’’Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.‘‘ Dietrich Bonhoeffer

    Ich habe nämlich festgestellt, dass mich die Angst eingeschränkt hat. Der hohe Anspruch an die eigene Leistung führte dazu, einige Dinge lieber nicht zu machen, um ein „Versagen“ zu vermeiden.
    Dabei helfen gerade Fehler dabei, uns weiterzuentwickeln und den Horizont zu erweitern.

    Ich habe versucht umzudenken, Fehler nicht persönlich nehmen, sondern als Erfahrung abzuhaken und mich darüber zu freuen, dass ich mutig genug war mich zu trauen! Das Leben ist kurz und am Ende des Lebens bereut man (angeblich) besonders die Dinge, die man NICHT gemacht hat.

    Liebe Grüße,
    Patricia

    • Ja, das stimmmt – Angst kann sehr lähmen. Und einen daran hindern, Dinge zu tun, die zumindest einen Versuch wert wären. So versuche ich das auch zu betrachten. Ich hab auf alle Fälle gewonnnen, wenn ich bewusst mit der Angst umgehe und mich ihr stelle. Und dann kann ich immer noch entscheiden, wie auf dem 5-Meter Turm, dass ich etwas tun oder lassen möchte. Im Fall von Vorträgen vor großen Menschenmengen wäre es halt schlimmstenfalls langweilig für die Zuhörer und unangenehm für mich gewesen. Aber dann wüsste ich immerhin, woran ich bin. Dass es nun gut lief, ist natürlich schöner. :)

  7. Als ehemalige Angstpatientin habe ich deinen Text sehr genossen. Es freut mich sehr, wenn jemand offen über seine Ängste schreibt, noch mehr wenn diese Ängste auch überwunden wurden oder gerade überwunden werden.
    Es wird viel zu wenig darüber geschrieben. Ängste sind gut, sie helfen uns uns selbst zu schützen aber sie können auch lähmen. Dabei hat jeder Mensch vor irgendwas Angst aber schon Kindern wird oft gesagt „jetzt hab dich nicht so!“ Das allgemeine Verständnis für Ängste ist leider eher gering.
    Ich habe meine größten Ängste übrigens durch die Kinder über wunden. Ich hatte plötzlich einen Grund stark, mutig und furchtlos zu sein (manchmal auch nur so zu erscheinen) und heute geht es mir genau wie dir, echte Angst habe ich nur noch davor das meinen Kindern etwas zustößt oder sie unglückliche Erwachsene werden.

  8. Liebe Christine,
    nicht zu vergessen – die Kafkareske Angst davor, dass man als Opfer irgendwo hineinrutscht und als „Verbrecher“ rauskommt (wie damals, in der Grundschule, wo ich mich für das Ei an der Wand so stark fremdgeschämt habe, dass es manchen verdächtig vorkam), dass die empörte Sprachlosigkeit als schuldbewusstes Schweigen, das aufgeregte, wie immer viel zu schnelle Sprechen als „wer sich verteidigt, der klagt sich an“ ausgelegt werden.
    Ich fiel in der Schule trotz aller Bemühungen früher auf – nach der ersten Klassenarbeit. „ Wer ist denn „…“ – ach du, Glückwunsch, tolle Leistung“. Und als Kind verweigerte ich das Einkaufen nicht aus Faulheit, sondern aus Angst – was, wenn mir die unfreundliche Verkäuferin (damals Standard in der Volksrepublik Polen) statt der Vollmilch die fettreduzierte gibt und ich dann die Sache zurechtbiegen muss? Bis jetzt Probleme mit Reklamationen und Beschwerden, aber auch ich arbeite dran.
    Manche entwickeln Ängste posttraumatisch, manche haben sie, wie ich, a priori. Aber tatsächlich, nur die Angst um die Nächsten, die wie plötzlich aus dem Nichts auftaucht und in der Nacht Schweißausbrüche verursacht, lässt sich wahrscheinlich nie ablegen. Für alles Andere muss man wohl den Kopf ausschalten können lernen, was mir manchmal aus Mutter-Müdigkeit sogar gelingt.

  9. Vielen Dank für den Artikel. Ich erkenne mich wieder!
    Genau wie du habe ich versucht, in der Schule immer unsichtbar zu sein. Ich hatte immer Angst, vor der Klasse zu sprechen. Besonders nachdem mich der Klassenheld einmal wegen meiner roten Socken ausgelacht hatte. Erstaunlich, dass man sowas nie vergisst… ich trage bis heute keine roten Socken… Die Angst ausgelacht zu werden, saß lange tief.
    Erst nach der Schule habe ich begonnen, mich meinen Ängsten zu stellen. Und festgestellt, dass die Angst in vielen Fällen total unbegründet ist. Dass es im Rückblick gar nicht so schlimm war, wie ich befürchtet hatte.
    Aber auch heute noch habe ich viele Angstsituationen: das unangenehme Gespräch mit dem Chef, vor versammelter Mannschaft eine Ansprache zu halten, Angst vor Autounfällen und natürlich die allgegenwärtige Angst um die Kinder.
    Ich muss mir dabei immer wieder bewusst macht, dass mich die Angst zu sehr lähmt, wenn ich sie zulassen. Und in den meisten Fällen gelingt es mir, die Angst klein zu halten.

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