Das Leben. Pflicht oder Freude?

Vor ein paar Tagen ist die Musik wieder aus meinem Leben verschwunden, und das ist mir recht. Sie bringt sowieso nur Unruhe hinein, so wie die Liebe. Das klingt wirr? Ich bin sicher, meine Oma hätte mich verstanden. Bei meiner Oma lief nie Musik. Es tickte immer nur die Küchenuhr, und ich fand das schön.

In Omas Flur in der kleinen Wohnung in der Nähe der Kieler Schleuse hing ein gerahmter Spruch, gestickt auf Tuch: „Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.“ Das ist von Tagore, was ich nicht wusste, bis ich den Drei-Satz irgendwann mal einer Therapeutin vor die Füße kotzte, weil er so perfekt auf den Punkt bringt, was vielleicht ein Familien- oder aber auch gleich ein Menschheitsdilemma ist.

Elisabeth Duve 1933
Oma Elisabeth in Hosen, 1933

Meine Oma ist schon über 20 Jahre tot, und ich vermisse sie bitterlich. Sie war schön, eitel, schlau, immer ein bisschen traurig und vor allem fehl am Platz. Sie war anders. Elisabeth hieß sie, und als sie jung gewesen war, war sie wild – sie trug Hosen (unerhört!), schnitt sich die Haare ab, und rauchte Pfeife (das war in den Golden Twenties). Meine Mutter hat mir erzählt, dass meine Oma als eine der ersten Frauen in Kiel mit dem Fahrradsport anfing, das war Kunstradfahren, was total unschicklich war, weil auch mit Hosen verbunden.

Ich weiß auch, dass meine Oma nicht den Mann geheiratet hat, dem ihr Herz gehörte. Aber das hat mir nicht meine Oma erzählt, sondern meine Mutter. Und vielleicht hing genau deswegen dieser Spruch bei Oma an der Wand gegenüber von der Küche, in Augenhöhe, wo man gar nicht anders konnte, als hinsehen, und das gleich mehrfach am Tag.

Elisabeth Duve mit Otto
Elisabeth mit Otto

Sie war eine Frau, die sich mit 75 noch Ohrlöcher stechen ließ, weil sie das immer schon haben wollte, aber darauf verzichtet hatte, weil ihr sie sehr liebender und sie vergötternder Ehemann Otto das nicht gut gefunden hätte. Aber als er 10 Jahre tot war, da dachte sie, es sei jetzt an der Zeit, auch das noch zu verwirklichen.

Ihren Mann hatte sie gemocht und geschätzt, aber ich glaube, sie hat ihn geheiratet, weil sie sich sicher sein konnte, dass er sie für immer lieben würde. Sie hatte drei Kinder mit ihm, eine große Tochter, einen Sandwich-Sohn, und eine kleine Tochter, genau wie ich mit dem Ex-Mann, den ich auch geheiratet habe, damit er mich vor Enttäuschungen bewahren würde.

Als es daran ging, ob sie ins Altenheim gehen sollte, um dort zu leben, sagte meine Oma: „Was soll ich dann da? Da sind doch nur alte Leute!“, und das ist wunderbar zutreffend für ihre Lebenseinstellung, für ihr Selbstbild, denn sie war immer jung, auch als sie alterte.

Oma und ich – ein besonderer Draht

„Oma“, fragte ich sie etwa 5 Jahre vor ihrem Tod, „Wie ist es, alt zu sein? Hast du das Gefühl, es ist in Ordnung?“ Und sie antwortete mir, ohne lange herumzudrucksen, dass es in keinster Weise in Ordnung sei. „Ich gucke jeden Morgen in den Spiegel und überlege, wie das passieren konnte“, war ihre Antwort. Ich glaubte ihr aufs Wort, obwohl ich erst Mitte 20 war.

Meine Oma stammte aus Eckernförde, sie sprach Plattdeutsch, und ich verstand sie gut, dabei waren meine Eltern nach Freiburg gezogen und ich wurde mit dem Alemannischen groß. Ich verstand meine Oma überhaupt gut, ob es daran lag, dass alle in der Familie sagten, ich sehe ihr unglaublich ähnlich, oder ob wir uns einfach so nahe waren, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass sie schlau war, so wie ihre Mutter schon, und wie meine Mutter es auch ist. Und das alles gänzlich ohne höhere Bildung.

Oma ahnte, was mit Leuten los war, was passieren würde, und sie konnte Tarot-Karten legen, was sie aber niemandem erzählte, damit man sie nicht für eine Art Hexe halten würde, eine Spökenkiekerin. Sie versuchte, sich unauffällig zu verhalten, und es gelang ihr quasi nie, was auch etwas ist, das ich gut kenne.

Ohne arrogant klingen zu wollen – es ist nicht leicht für schlaue Frauen, wenn sie auch noch hübsch sind und ihren eigenen Kopf haben. Das ist die Botschaft meiner Kindheit. Und dass frau gelegentlich nicht bekommt, was sie will, auch wenn sie es sehr will.

omas uhr
Omas Armbanduhr mit Gravur

Kindheitsbotschaften und Geschichtenpoole

Ich glaube, mit Kindheitsbotschaften muss man sehr aufpassen. Und gleichzeitig ist es gut, wenn die Kinder wissen, aus was für einem „Genpool“ und auch „Geschichtenpool“ sie stammen. Denn es ist hilfreich, zu wissen, dass man in gewissen Bereichen hochbegabt ist und oder hochsensibel, dass familiär bedingte Depressionen auftreten können, dass alte Geschichten und das Erleben der Vorfahren neben der Biologie immer mitschwingen.

Apropos Geschichten – noch ein kurzer Schwenker zur anderen Seite der Geschichte: Die Familie väterlicherseits verstand das Leben als Fest, das es zu feiern galt, so oft sich die Gelegenheit bot. Der Vater meines Vaters war Kapitän zur See und Lotse, auch schlau, charismatisch und privilegiert. Der Seemann habe in jedem Hafen eine Braut, so sagt man, und so geht das von Generation zu Generation, die Geschichten und die Gene mischen sich, aber man ist ihnen nicht ausgeliefert. So lange man darüber nachdenkt.

Ob meine Großeltern Zeit hatten, über ihr Leben und ihre Glaubenssätze nachzudenken? Wohl eher nicht. Es war Krieg, man hatte einen Haufen Kinder großzuziehen, und über die Seele des Menschen machte man sich kaum Gedanken. Sie hatten Mäuler zu stopfen, ganz unromantisch. Und irgendwie ist das bei mir auch so. Die Küchenuhr tickt, die Pflicht ist zwar keine Freude, aber es ist in Ordnung, und ich glaube, genau das hatte Tagore eigentlich auch sagen wollen. Oma, was meinst du dazu?

Linktipp: Wir Kinder der Kriegskinder von Anne-Ev Ustorf, Buchtipp hier im Blog

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ehrlichgesagt
Gast
ehrlichgesagt

Liebe Christine,

so einen Text wollte ich schon lange schreiben, jetzt hast du es getan und es ist dir wunderbar gelungen, Chapeau!

Ich finde mich und meine Familiengeschichte darin ein Stück weit wieder und kann noch einen Buchtipp hinzufügen: http://www.amazon.de/Seelische-Tr%C3%BCmmer-60er-Jahren-Nachkriegsgeneration-Kriegstraumas/dp/3466308666

Lieben Gruss,
Nora

Thomas Arbs
Gast
Thomas Arbs

Jau, dat Plattdütsche un uns Grootöllern, dat is so’n Saak. Mein Großvater kam aus Rendsburg und war auch leidenschaftlicher Radfahrer (wie sogar schon mein Urgroßvater vor ihm). Sie hätten sich begegnen können mit Krawatte auf dem Rad (wobei das mit der Krawatte was anderes war – er war Installateur und zog sich immer nach der Arbeit elegant an, bis an sein Lebensende sah ich ihn kaum je ohne Schlips, auch nicht beim Wandern in den Bergen). Er kam dann nur bis Hamburg, nicht ins Alemannische. Und natürlich spielt er in deinen Geschichten als Mann immer den Gegenpart. Aber als alternder… Weiterlesen »

Kati
Gast
Kati

Liebe Christine,

ich lese mit großer Freude Deinen Blog und immer wieder sticht mir das Wort „hochsensibel“ ins Auge. Kennst Du vielleicht ein Buch zu dem Thema, das Du ganz besonders empfehlen kannst?

Liebe Grüße
Kati

Sonja von Mama notes
Gast
Sonja von Mama notes

Spannendes Thema, die Narrative in der Familie. Das Spannendste darain für mich sind vorallem die unausgesprochenen und unaufgestickten. Die Schwierigkeit ist ja, Narrative aufzudecken und sich davon (wenn erwünscht) zu befreien. Hab ich noch nicht geschafft. Ich glaube, ich könnte noch nicht einmal darüber bloggen. (Es wächst aber gerade der Wunsch. Wer weiß, ob sich da noch was tut?)
Danke jedenfalls für die Einsichten in Deine Narrative – und den Gedankenanstoß.

Sarah
Gast
Sarah

Meine Oma hatte den selben Spruch an den Fliesen über dem Spülbecken kleben.

Seit ich Mutter bin, denke ich da immer wieder dran. Als Kind habe ich überhaupt nicht verstanden, warum sie das gemacht hat.