Sex nach der Ehe: Das zweite 1. Mal

Sex nach der Ehe: Das zweite 1. Mal

Die Ehe war für immer. Und nach 17 Jahren fängt man wieder von vorne an.

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Bettwäsche
hxdbzxy/shutterstock.com

Dieser mehr oder weniger fremde Mann, mit dem ich mich in einem Hotel verabredet hatte, um mit ihm ins Bett zu gehen, wie würde der sich anfühlen? Mir war mulmig zumute. Ich hatte über 5 Jahre lang niemanden mehr angefasst.

Und dann war mir dieser attraktive, fast gleich altrige Mann über den Weg gelaufen, der eindeutig an mir interessiert war, und mit dem ich plötzlich alleine auf einer Bank unterm Vollmond saß, in einer lauen Sommernacht. Ich wusste, dass es nun soweit war, da war einer, den ich anfassen wollte, und ich gab mir einen Ruck. „Darf ich?“, fragte ich und legte mir seinen Arm um die Schulter, um mich anzulehnen.

Das war der Moment, ab dem es kein Halten mehr gab. Viele Spaziergänger waren nicht mehr unterwegs um diese Zeit, und die wenigen, die nachts noch am See entlang gingen, wunderten sich nicht über das Paar, das sich auf der Bank ineinanderkniete. Es war Sommer, und man verliebte sich, für andere Menschen nichts besonderes, aber für mich und ihn kam das völlig unvorbereitet. Er war hungrig, und ich wusste, dass es nicht bei diesem einen Treffen bleiben würde.

Vom Fahrradfahren und Nahbarkeit

Wir sahen und liebten uns ein paar Mal, zu wenige in meinen Augen, ich hätte unsere Liebschaft gerne fortgeführt, aber das ging nicht, und das tat furchtbar weh. Ich weiß nicht, ob mich diese Liebe nahbarer oder unnahbarer gemacht hat. Zuerst fühlte es sich an wie heil werden, dann wie zerbrechen, und zwar viel schlimmer als das Scheitern meiner Ehe. (Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass meine Ehe furios endete. Sie aufzulösen, war alles andere als ein Spaziergang.)

Als ich meinen Mann kennenlernte, war ich 32 Jahre alt und als ich mich trennte, 43. Wir waren 11 Jahre lang ein Paar, 13 Jahre verheiratet, und wir kannten unsere Körper fast so gut wie jeder seinen eigenen. Niemandem zuvor hatte ich versprochen, dass er für den Rest des Lebens der einzige sein würde, mit dem ich schlafen würde. Mit keinem Mann habe ich öfter Sex gehabt, auch wenn es andere gab, mit denen ich viele Dinge ausprobiert hatte vor der Ehe, und auch wenn es andere lange Beziehungen gegeben hatte.

Sex nach der Ehe: Der „für immer“-Faktor

Sex in der Ehe, oder in einer langen Beziehung, ist Arbeit, war mir oft lästige Pflicht, ich hätte nach ein paar Jahren Ehe gut darauf verzichten können, zumindest für ein paar Wochen, nach den Geburten auch gerne für Monate. Anders als in einer langjährigen Beziehung war aber der Sex auch tatsächlich Teil der Abmachung, eheliche Pflicht eben, und für immer ist verdammt lang, wenn es noch vor einem liegt. Und so fehlte mir lange Jahre nach der Trennung vom Vater meiner Kinder gar nichts im Bett, nicht einmal eine Umarmung oder einen Kuss konnte ich mir vorstellen.

„Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht!“, könnte man denken. Und so schlecht ist der Vergleich mit dem Fahrrad gar nicht, denn Fahrräder können sehr unterschiedlich sein, eher hart und sportlich, weich und gemütlich, sie können viele Gänge haben oder nur einen, und es gibt welche, die man nie wieder hergeben möchte, auch wenn sie einen schon ziemlich lange begleiten und andere Leute denken, man könnte sich ruhig mal ein neues zulegen.

Nach 17 Jahren – das zweite erste Mal Sex

Ich öffnete ihm also die Tür zum Hotelzimmer, dem ersten anderen Mann seit 17 Jahren, mit dem ich vorhatte, zu schlafen. Er roch gut, genauso wie beim ersten Ineinanderknien, viel besser noch als mein Mann, er roch wie der einzig wahre Mann, auch wenn das natürlich ein Eau de Irgendwas war, aber auch als das ein paar Stunden später schon längst verflogen war und sich in Schweiß verwandelt hatte, hätte ich ihn einatmen wollen, da noch mehr als vorher schon, und ganz lange festhalten, mit in mein Leben schleppen, obwohl ich wusste, dass das nicht möglich war.

Sein Körper wuchtiger als der meines Exmannes, der Bauchnabel viel größer, der Brustkorb ganz anders, die Haut etwas rauer, die fremden Geräusche, die anderen Worte, die er in mein Ohr flüsterte, hörte ich wie eine neue Sprache, und wie sich seine Küsse veränderten, als uns wärmer wurde, wir staunten darüber, dass wir das wirklich taten und auch, dass wir bald nicht mehr sprachen, sondern nur noch ineinander atmeten. Er war 10 Jahre älter als der Exmann es zu dem Zeitpunkt war, an dem ich ihn verlassen hatte. Ich tat einen Zeitsprung von der jungen Frau mit einem deutlich jüngeren Ehemann hin zur reifen Frau mit etwas jüngerem Liebhaber. Ich mochte seine Falten, ich mochte seine zerzauselten Haare, ich mochte das nicht mehr junge an dem Mann, mit dem ich da im Bett lag. Ich mochte einfach alles an ihm.

Und – wie waren wir?

Und obwohl ich gewissermaßen ständig verglich, war mein Exmann nicht mehr präsent. Das war gut, denn ich konnte mich auf den Mann, der gerade bei mir im Bett lag, einlassen. Aber nicht soweit, dass ich ganz losgelassen hätte. Es blieb bei 90% Ekstase. Da war ein Funken Reserviertheit, der mich daran hinderte, mich ganz fallenzulassen, und über den ich mittlerweile sehr froh bin.

Es wird ein drittes erstes Mal geben, mit wem auch immer, wann auch immer ich soweit bin. Später, ich habe es nicht eilig damit. Ich weiß ja jetzt, dass ich es noch kann, das Lieben und Begehren. Aber möglicherweise wird niemals wieder ein Kopf so perfekt in meinen Arm passen wie der des Mannes, der mit mir in den zerwühlten Laken des Hotelbettes lag. Ja, das glaube ich.

23 Kommentare

  1. Du schreibst so unglaublich mitfühlbar und irgendwie „dicht“. Ich mag das sehr. Ich denke an Dich und schick Dir eine Umarmung. <3
    Alles Liebe,
    Steffi

    • Vielen Dank. Der Text lag noch eine Woche fast fertig in WordPress, bevor ich mich entschließen konnte, auf Publizieren zu klicken. Irgendwie war es noch nicht soweit. Es war wie einen Berg zu besteigen, das zu schreiben.

      • Das glaube ich! <3
        Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du jemanden findest, der perfekt in Deinen Arm paßt UND in dessen Arm auch Du perfekt paßt – so daß "für immer" vielleicht einfach nur schön klingt/ist. Ehrlich, das wünsche ich Dir sehr. <3
        Ganz herzliche Grüße! (( ))

  2. Und vielleicht, ganz vielleicht, überrascht dich das Leben und es wird einen geben, dessen Kopf vielleicht so perfekt in deinen Arm passt wie Hotelman, aber in dessen Arm dein Kopf nie so perfekt gepasst hat.

    Okay, das war kitschig. Aber. Das Leben hat eine Tendenz, einen zu überraschen. Und ich persönlich glaube ja, dass viele Menschen „perfekt“ passen können – auf die unterschiedlichste Art und Weise.

    *onlinehugs*

  3. Sehr mutig, dass Du darüber so offen schreibst. Beim Lesen hat es mich gekribbelt. Es ist wirklich sehr nachfühlbar. Ich verstehe noch mehr, warum Du so gelitten hast. <3

  4. je älter man wird umso mehr kommt der gedanke „das könnte das letzte mal gewesen sein, dass dir das passiert.“ kopf->arm und so….deshalb tut auch das ende so weh.

    alles gute!

    (es würde mich sehr interessieren – liest dieser mann hier mit?)

  5. Ach, schon wieder sowas mega interessantes…darüber habe ich auch schon ganz schön viel nachgedacht!
    Und ziemlich ausprobiert! Was einfach göttlich ist und war.
    Wie sehr wir uns doch entwickeln in einem ganzen Frauenleben…und wie anders und neu es sich in deinem ollen Körper wieder anfühlen kann!
    Dafür habe ich im Geiste echt schon niedergekniet vor Dankbarkeit. Auch wenns nur eine paarmalige Bettgeschichte war. Ich bin auch völlig stolz auf mich, dass ich das inzwischen sehr gut unterscheiden kann. Und sehr gelassen bin, wenns nicht passt. Es ist auch manchmal einfach wie Essen und Trinken!
    Drum nehme ich die Gelegenheiten wahr, wenns passt.
    Ein Grund, das Leben zu lieben.
    Und Deinen Kummer konnte ich unglaublich gut nachvollziehen.
    Ich hatte direkt nach der Trennung eine rein platonische Liebe, ich war total verknallt und wir waren auch zusammen auf langer Reise, aber es lief nix. 1,5 Jahre. Und das war auch gut so….erst nachdem ich geschnallt hatte, dass es platonisch bleiben wird, hab ich ca 2 Jahre nach der Trennung wieder mit jemandem geschlafen. Und das war ein 24jähriger Kerl, der MICH ü40 wollte! Unfassbar ;)
    Tat gut. Völlig unrealistisch, dass jemals mehr draus werden hätte können. Und seitdem bin ich da richtig befreit.
    In diesem Jahr hatte ich ca 7 Männer im Bett und das hätte ich mir niemals träumen lassen als 3fach AE Mutter!
    Gute Ausbeute!
    Also ….ich möchte nie wieder so lange sexlose Phasen haben.
    Hach, das ist einfach ein super Thema!
    Verzeih meinen Erguss, äh ja *gnahahaaaa
    Gute Nacht, Eva

  6. Wow, ich bin erstmal sprachlos gewesen nach dem Lesen.
    Obwohl ich in einer bereits 15jährigen monogamen und sehr glücklichen Beziehung lebe und jeden Tag genieße, kann ich deine Gefühle sehr gut nachvollziehen bzw miterleben. Sehr schön finde ich, daß es für dich so intensiv war, ohne vollkommen zu versinken.
    Ich freue mich sehr für dich und hoffe, daß es beim „3. Mal“ ähnlich sein wird.
    Alles Gute!
    T

  7. sehr mutige und ehrliche gedanken und zeilen.
    meine eigenen befürchtungen nach der letzten trennung und alleinerziehend mit zwei kindern, DAS war es jetzt mit anfang vierzig, haben sich überraschender und auch glücklicherweise nicht bestätigt. plötzlich befinde ich mich in einer sexuell sehr erfüllenden, nicht fordernden, sehr emotionalen beziehung mit einem mann, dem ich lustigerweise schon vor über zwölf jahren das erste mal begegnet bin. damals gab es eine anziehung, allerdings bin ich dieser zarten verwirrung nicht nachgegangen. und jetzt treffen wir uns seit über einem jahr, und ich habe vor allem gelernt, es zu nehmen, wie es kommt, den dingen zeit zu geben, zu fühlen und bekomme gestern eine erste zarte vorsichtige liebeserklärung. ich weiß mittlerweile, alles ist möglich – ob mit diesem mann oder nicht, spielt gar nicht die entscheidende rolle – aber ich bin und bleibe doch FRAU – auch mit kindern. das strahle ich aus und gibt mir zusätzlich stärke.

  8. Ich war sehr zwiespältig als ich den Blogpost zum ersten Mal gelesen habe und bin es beim wiederholten Lesen immer noch. Ich finde jede/r hat die Freiheit zu schreiben, was sie / er will so lange es niemand schadet, gegen die Menschenwürde geht oder in irgendeiner Weise diskriminierend ist.

    Bei allem bewegt sein geht mir noch durch den Kopf, daß Sie unter Klarnamen posten, politisch aktiv sind und Kinder haben. Wenn Sie damit leben können, daß Ihre Kolleginnen und Kollegen in den politischen Gremien hier mitlesen, dann ist das für Sie ok.

    Ich frage mich aber ähnlich – wie beim Posten vom Kinderfotos – wie es für Ihre Kinder sein mag, daß deren Schulkameraden samt Eltern, Lehrerinnen, Studienkollegen, Freunde etc. das lesen können. Diese Vorstellung finde ich hochgradig unangenehm. Daher teile ich die Begeisterung der bisher Kommentierenden was den Schreibstil betrifft durchaus, aber ansonsten bin ich noch am Überlegen, ob ich das nicht übergriffig finde oder nicht.

    Bei meinem eigenen Blog mußte ich mir durchaus überlegen, wo die Grenzen des Mitteilbaren sind und habe auch gelegentlich in den Kommentaren oder über Mails mitgeteilt bekommen, daß ich zu weit gegangen sei. Von daher ist mir die Problematik durchaus nicht fremd, wenn auch in einer etwas anderen Konstellation als bei Ihnen.

    • Hallo Noga, ich verstehe die Bedenken, aber ich teile sie nicht. Ich schreibe aus Überzeugung unter Klarnamen, das war eine Entscheidung, die ich ganz bewusst vor 4,5 Jahren getroffen habe, als ich mit dem Bloggen begann. Und immerhin habe ich keine „Feuchtgebiete“ wie Charlotte Roche geschrieben. Tatsächlich überlege ich aber, wie meine Kinder das finden würden bzw. finden (die Große ist ja jetzt fast 16), und ich sehe keinen Grund für sie, sich für mich zu schämen.

  9. Liebe Christine,
    ich lese hier seit langem mit, den Grund kenne ich selbst nicht wirklich, meine Lebenssituation ist komplett anders. Vielleicht einfach Interesse.
    Vielleicht auch weil ich ganz häufig eben NICHT deiner Ansicht bin, die Ausschnitte aus deinem Leben häufig sehr weit entfernt von meinem Leben sind oder weil mir einfach dein „Ton“ manchmal nicht gefällt. Nun muss man damit ja nicht hausieren gehen und das unter jedem Blogbeitrag raushängen lassen, immerhin lese ich ja aus Interesse weiter mit.
    Aber dieser Blogpost hat mich völlig umgehauen!
    So etwas Wahrhaftiges, Mutiges, Leidenschaftliches, Schonungsloses habe ich lange nicht gelesen.

    Danke dafür!

    • Oh, danke, Carina. Das freut mich sehr! Und ich mag’s auch, wenn hier viele Leute mitlesen, die einfach nur erstaunt, dass mein Leben so anders ist als ihr eigenes, und wie ich darüber schreibe. Es ist ja eben kein Tagebuch, sondern bewusst öffentlich.

      Ich danke fürs Kommentieren!
      Christine

  10. Liebe Christine,
    Ich musste kurz schlucken über soviel Mut, so offen über Beziehungen und Sexualität zu schreiben, als öffentliche Person. Aber: ich danke Dir von ganzem Herzen dafür!! Eigentlich ist es das, was ich mir für diese Welt wünsche: ein offenes, freies Klima, in dem wirklich jeder – auch die sogenannten öffentlichen Personen – sich mitteilen und sein darf, ohne einen Teil von sich verstecken zu müssen, WENN sie oder er das will. Ein Klima, in dem es keine Angst gibt, für die eigenen Gefühle oder Erfahrungen verurteilt oder verletzt zu werden. Und damit das Wirklichkeit werden kann, muss es Menschen geben, die vorangehen und den ersten Reibungswiderstand aushalten; für mich bist Du so ein Mensch. Danke dafür! Überdies – es ist so wertvoll, wenn Menschen sich so detailliert und gekonnt ausdrücken können wie Du, so dass ihre Lebenswelt für andere in ganz anderen Situationen nachvollzogen werden kann. Das macht die eigene Welt größer.. :) Alles Liebe!

  11. Liebe Christine, so mutig ! Und voller Leben und Liebe. So aufrichtig!
    Du bist die, die du bist. Es tut gut – neben der Solidarität als Alleinerziehende – eine Frau wahnzunehmen, die so Mensch ist, wie der Mensch eben ist.
    Du bist real :-). Du dadurch erinnerst du uns alle an uns selbst.
    Es war nicht nur deine Sehnsucht, die du beschreibst.
    Ich denke wir alle finden uns darin wieder.
    Vielen Dank .

  12. Vielen Dank für diesen Artikel! Er gibt mir sehr viel Mut. Ich bin 43, habe 2 Kinder und habe nach 22 jähriger Beziehung und 2,5 Jahren „Abstinenz“ total Muffe vor dem zweiten ersten Mal. Ich bin sowas von noch nicht bereit, mir fehlt auch nichts und vor allem, wie gesagt, ich habe auch Angst davor, dass ich vergessen haben könnte, wie „es“ geht. Du sprichst mir mit Deinen Gefühlen aus dem Herzen… Aber es ist sehr schön, dass es anderen Alleinerziehenden ähnlich geht und ich nicht alleine bin und man es offenbar doch nicht verlernt und vor allem wieder genießen und fühlen kann. Vielen Dank!!!

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