Deine Rede sei „Ja, ja, nein, nein.“

Anfangs sagt man „Ja, ich will!“ zueinander. Dann öfter mal „Na gut“, und am Ende oft „Nein!“ Und nach der Trennung überlegt so mancher, ob er/sie öfter hätte „Ja!“ sagen sollen in der Partnerschaft, oder ganz klar „Nein – das will ich nicht.“ Es ist und bleibt eine ewige Gratwanderung.

Was ist noch ein Kompromiss und Entgegenkommen, wo fängt die Selbstverleugnung an? Wie bleibe ich mir treu? Das  habe ich mich in der Ehe oft gefragt, aber meine Grenzen verschoben sich ständig unmerklich.

Ich werde mir jetzt vergeben, dass ich so oft Kompromisse geschlossen habe, die ich eigentlich nicht wollte. Dass ich viel zu oft gegen meine Überzeugung handelte. Und dazu will ich mir in Erinnerung rufen, zu welchem Anlass ich „Nein!“ gesagt habe und dabei blieb, trotz tagelanger Daueranfeindung und langem Gesicht plus Gebrüll seitens des Partners, trotz Zuckerbrot und Peitsche Behandlung, trotz Angst vor den Konsequenzen.

Wald und Bäume
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  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er sagte, es tue mir nicht gut, Kontakt zu meiner Familie zu haben. Es sei besser, sie nicht zu sehen, meinte er.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er fand, unsere Wohnung müsste unbedingt vollklimatisiert sein, damit die Wärme im Sommer draußen bleibe.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er mir erklären wollte, es verletze ihn, wenn ich mit meiner Freundin auch Dinge aus unserer Beziehung bespreche, die ihn betreffen. Speziell, wenn wir Streit hatten.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er unsere Kinder als „Bastarde“ bezeichnete, weil sie missraten und schlecht erzogen seien.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er darauf bestand, die Tür zum Kinderzimmer zu schließen, obwohl das Kind, das darin schlafen sollte, Angst hatte ohne den Lichtschacht und ohne die Stimmen der Eltern zu hören. Ihm habe das auch nicht geschadet. Kinder bräuchten ihre Ruhe.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er mich überzeugen wollte, dass es eine super Idee ist, seine Ehefrau aus dem Schlaf zu reißen, mitten in der Nacht, nur weil er von einer Erektion geweckt wird. Auch wenn die Frauen vor mir sich alle sehr darüber gefreut haben.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als ihm vorschwebte, dass ich ohne Höschen unterm Rock/Kleid herumlaufen sollte, weil das so geil ist.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er mir vor den Augen des Kinds, damals 4, zwischen die Beine griff und mich spießig fand, als ich ihm sagte, er solle das nie wieder tun.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er meinte, unsere Ehe sei in Ordnung, wir sollten so weitermachen. Ich müsste mir nur ein bisschen mehr Mühe geben und netter sein.
  • Ich habe „Nein!“ gesagt, als er sich „von einem Abend nicht das Leben kaputtmachen lassen“ wollte, denn er hatte es selbst zerstört, es war kaputt, es reicht, wenn es in den Augen eines Ehepartners kaputt ist.

Es wurde leichter, „Nein!“ zu sagen. Je öfter ich es tat, desto besser fühlte es sich an, in allen Lebensbereichen. Ich habe „Ja“ zu mir gesagt. Aber wieso konnte ich das vorher nicht, zumindest nicht in der Beziehung?

Neben dem prallvollen, anstrengenden Alltag als Eltern noch die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Wünsche wahrzunehmen und sie konsequent einzufordern, zumindest nicht aus den Augen zu verlieren, ist schwierig, speziell wenn kleine Kinder oder ein Baby im Haushalt leben. Es kommt zu Machtkämpfen in der Beziehung, die derjenige mit den besseren Nerven gewinnt – und das war zumindest in meiner Beziehung nicht mein unter Dauerschlafentzug und langen beruflichen Durststrecken leidendes damaliges Ich. Es war nicht gut für mich, so oft nachzugeben. Aber es war mir damals nicht anders möglich. Ich beschließe, mir zu verzeihen, 5 Jahre und 6 Monate nach der Trennung. Nachtragend zu sein, mir gegenüber, wird mir nicht helfen.

Ja, ich denke, ich sollte mir lieber vor Augen halten, wie oft ich es trotz der widrigen Umstände schaffte, beherzt und standfest „Nein!“ zu sagen. Denn ich war kein sich duckendes Mäuschen. Er war nur stärker. Nicht am Anfang, da war ich die Starke, aber sobald das erste Kind da war, änderte sich alles, trotz meines Vollzeitjobs. Oder vielleicht auch deswegen, denn tagsüber voll zu arbeiten und am Feierabend, in der Nacht und am Morgen für ein Schreibaby zuständig zu sein, das war eigentlich viel zu viel. Außerdem brauchte ich viel Kraft für seine Tiefs, wenn er in ein Loch fiel, alles zu viel wurde, er sich „mit dem Auto um den nächsten Baum wickeln“ wollte.

„Stell dich nicht so an, andere haben das auch schon geschafft“, sagte ich mir, viel zu oft in all den Jahren. Mittlerweile bezweifle ich das, denn ich sehe viele Beziehungen mit Kindern auseinandergehen, und sie kranken fast alle an der Frage, wieviel Raum der einzelne in einer Familie noch einnehmen darf. Und ob der eine versucht, den anderen zu dominieren bzw. in eine Rolle zu zwängen, die ihm gar nicht liegt. Wie soll man auch auf Augenhöhe als Paar miteinander umgehen, wenn sich nach der Geburt eines Kindes alles ändert, wir in alte Rollenmuster zurückfallen, und Frauen versuchen, eine harmonische Familie aufrecht zu erhalten? Ich habe keine Antwort darauf. Außer, dass ich nicht mehr Teil eines Paares sein will. Und nein, das ist nicht traurig. Es ist gut so.

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Cora
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Cora

Ja.

Miriam
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Miriam

Danke für diesen Beitrag! Nein sagen wollen ist so viel schwieriger als tatsächlich Nein sagen – und standhaft dabei bleiben. Ich habe bei Weitem nicht so drastische Erfahrungen in meiner nun getrennten Beziehung gemacht wie du in den beschriebenen Situationen. Aber der Analyse, dass Beziehungen oft scheitern an mangelndem Raum für die Einzelnen, kann ich voll zustimmen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich Rollenverhalten ganz schnell durchsetzen, sobald Kinder da sind. Und oft genügt es nicht, jahrelang dagegen anzureden, mit vielen kleinen und großen Neins, und immer deutlicher um eine faire Partnerschaft mit ausreichend Freiheit und Raum für… Weiterlesen »

Rosa
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Rosa

Die Balance zu halten ist, glaube ich, das Schwierigste in der Beziehung, wenn Kinder da sind. Jeder muss zurückstecken können. Und die Frauen dürfen sich nicht hinter allen Aufgaben zurückziehen. Ohne Ich kein Wir.
Gut, dass du deinen Weg gefunden hast und ihn konsequent gehst.
Wie so oft, ein aufwühlender Text. ?
LG, Rosa

Tine
Gast
Tine

Doch… ich kommentiere gern… ;-) Das ist ein sehr ehrlicher Bericht. Ich spüre Deine Wut, aber auch Dein Stolz und Deine Erleichterung in Deinen Worten. Viel zu oft sagen wir „Ja“ und meinen „Nein“. Die Balance zu finden ist sehr schwer, weil man – gerade mit kleinen Kindern – versucht, alles „richtig“ zu machen, festzuhalten. Es scheint eine gute Entscheidung gewesen zu sein, endlich „Nein“ zu sagen. Glückwunsch! Schade finde ich dennoch das „Nein“ zum erneut ein Teil eines Paares sein zu wollen. Ich kann es verstehen, aber ich könnte mir vorstellen, dass – irgendwann – aus einem „Nein“ auch… Weiterlesen »

Jongleurin
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Jongleurin

Oh, das klingt so ungeheuer bekannt. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Allerdings war es in meiner Beziehung so, dass der Mann von Anfang an der Stärkere war. Ich habe das durch sehr viel Raum und Zeit für mich ausgeglichen, habe also keine Kompromisse gemacht, weil die eh immer zu seinen Gunsten ausgingen, sondern „Nein“ gesagt und mein Ding gemacht. Als wir Eltern wurden, ging das natürlich nicht mehr. Gar nicht. Meine Theorie, wegen der ich wieder ja zu einer Beziehung und zu einem erneuten Kinderwunsch sage: ein Partner, der kompromisslos so tickt wie man selber, der in sich ruht, Beziehungen… Weiterlesen »

Desiree Tietz
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Desiree Tietz

Oh das trifft den Nagel auf den Kopf. Habe eine ähnlich nette Ehe hinter mir. Bis ich irgendwann laut und deutlich ja zu mir und nein zu ihm gesagt habe. Ihn von den blauen Engeln abholen lassen und dann am Montag nach besagten Wochenende gleich die Scheidung eingereicht.
Doch habe ich jemand neuen gefunden, auch wenn er auch einige Probleme hat gesundheitlich kann ich doch auch meine Interessen und träume leben und bekomme nichts aufgezwungen.

Little B.
Gast
Little B.

Dieses Nein-Sagen wird mit Kind besonders schwer.
Wie oft wäre ich gerne einfach rausgegangen, weil ich nein zu seinen unsinnigen Diskussionen sagen wollte. Aber mir war klar, dass ich mein Kind nicht allein lassen konnte. Ich muss mir noch verzeihen, dass ich nicht in der ersten Schlüssel-Situation nein gesagt habe und in den vielen Situationen danach. Noch ärgere ich mich über mich. Mal mehr mal weniger stark.
Dennoch bin ich auch stolz auf mich, dann doch das entscheidende NEIN gesagt zu haben. Ich hätte mir und meinem Kind nicht weiter in die Augen schauen können.

Sophie
Gast
Sophie

Der Text spricht mir so aus der Seele… so viele der „Neins“, die du beschreibst, musste ich auch mehrfach aussprechen in meiner Ehe. Respektiert wurden sie nur sehr bedingt.

Mir wird mehr und mehr bewusst, wue viel Selbstaufgabe da von mir verlangt wurde, und wie sehr ich mich gefügt habe.

Langsam finde ich jetzt wieder zu mir. Ich bekomme ein Gefühl dafür, wann ich „Nein“ sagen muss.

Und: Ich habe jemanden gefunden, der mein „Nein“ und mein „Ja“ nicht nur akzeptiert, sondern auch respektiert und mich dazu ermutigt.

hauskindich
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hauskindich

Nein, ein kurzes und großes Wort … ich habe nur einmal Nein gesagt. Relativ am Anfang der Schwangerschaft. Ich wusste und spürte, dass wir kein Paar auf Dauer sind, dass wir uns unendlich streiten würden, wenn wir zusammen zögen. Und so habe ich einmal Nein gesagt und die Beziehung beendet, ohne dass etwas vorgefallen wäre. Inzwischen ist auch er sehr dankbar dafür, da wir uns auf Augenhöhe (ich zwar mit viel mehr Zeitinvestition) um unser Kind kümmern und vertrauensvoll an einem Strang ziehen. Ich hoffte, dass es so kommen würde, als ich das Nein aussprach. Aber ich wusste es nicht… Weiterlesen »

Monalisa
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Monalisa

Liebe Christine, ist es nicht auch an der Zeit Deinem Ex zu vergeben? (Selbst wenn er Dich bis in die Gegewart hinein noch ärgert und enttäuscht, wie Du manchmal durchblicken lässt) Ich lese seit einigen Wochen still auf deinem interessanten Blog mit und habe das Gefühl, dass da noch sehr viel Wut mitschwingt, wenn Du auf Deine Ehe zurückblickst. Vergib doch Euch beiden, Dir und den Kindern zuliebe, nicht ihm zuliebe. Davon abgesehen, sollte man Intimitäten einer vergangenen Beziehung ncht unbedingt im Netz zur Diskussion stellen, schon gar nicht wenn es den Vater der eigenen Kinder betrifft. Wem soll das… Weiterlesen »

Monalisa
Gast
Monalisa

Ja, es ist ein Prozess und lässt sich auch nicht vom Kopf her befehlen. Das stimmt natürlich. Wenn Du heute nachsichtiger mit Dir sebst bist, ist das sich ein guter Start für weitere heilende Entwicklungen, um das mal etwas salbungsvoll auszudrücken. Ihr wart wohl ein klassischer Fall von „Gegensätze ziehen sich an“ und seid leidenschaftlich in Eure Beziehung gestartet. Ist eine schwierige Grundlage für den Alltag und erst recht mit KIndern, wie dann immer wieder viele feststellen… Ich bin mit meinem Mann schon zehn Jahre zusammen und wir haben auch nicht gleich nach der Hochzeit Kinder bekommen, aber bis heute… Weiterlesen »