Drei Kinder und alleinerziehend – Brief an meine Große

Liebe Große,

manchmal, wenn ich mit mir und meiner Rolle als Mutter hadere, denke ich an einen handgeschriebenen Zettel, den mir meine Mutter in eine Handtasche steckte, die sie mir vor etwa 25 Jahren schenkte. Der Zettel steckte im inneren Reißverschlussfach. Da, wo man die besonders wertvollen Sachen aufbewahrt, und ich habe ihn immer noch und werde ihn immer behalten.

Auf dem Zettel, den meine Mutter mir geschrieben hat, stand, dass die Liebe niemals aufhöre und mich immer umschließen möge, und selbst jetzt, wo ich das viele Jahre später aufschreibe, treibt mir das die Tränen in die Augen, weil es so sehr meine Mutter ist, und auch mich so sehr beschreibt. Die Liebe hört nicht auf. Aber manchmal hat man als Mutter das Gefühl, dass sie nicht ausreicht. Zum Beispiel, wenn die eigenen Kinder in sogenannte Schwierigkeiten geraten, und davon gibt es viele. Auch ich bin natürlich auch da reingeraten, und erst jetzt wo ich selbst Mutter bin, weiß ich, wie sehr meine Mutter gelitten hat. Bei mir waren es nicht die herkömmlichen Schwierigkeiten wie falsche Freunde, Drogen und Klauen. Eher seelische Nöte, Weltschmerz und Schwierigkeiten, einen Platz in der Welt zu finden.

Brief an meine Große
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So weit so – relativ- allgemeingültig. Aber warum ich heute zum allerersten Mal einen Brief an eins meiner Kinder schreibe, ist dieses leise an mir nagende Gefühl, dass ich dir nicht gerecht geworden bin. Du bist so ein tolles Kind. Schon als du klein warst, mit etwas über 2 Jahren, hast du eindrückliche Bilder gemalt, unglaubliche 16-Wörter-Sätze gesprochen (“Mama, ich möchte bitte das Telefon, das etwas anders klingt, als das, was wir zuhause haben”), und wunderschöne blaue Kulleraugen gehabt, du warst so aufgeschlossen und fröhlich, ein wirklich zauberhaftes Kind! Geschlafen hast du zwar erst mit 3,5 Jahren, nach der Polypen-OP, aber dafür konntest du nichts, es war für dich sicher genauso anstrengend wie für deinen Vater und mich, jede Nacht 4 Mal aufzuwachen und morgens um 5 den Tag zu beginnen.

Fast 6 Jahre lang warst du ein Einzelkind. Dein Vater hat sich um dich gekümmert, als ich 3 Monate nach der Geburt in Vollzeit arbeiten ging, weil ich das bessere Gehalt hatte, und weil er das wollte. Das war im Jahr 2001 nicht selbstverständlich, genausowenig wie heute. Du bist geliebt worden, von deinem Vater wie von mir, und du bist das einzige meiner Kinder, das bewusst eine Art “heile Familie” erlebt hat.

Dass ich dir diese Familie nehmen musste, als du gerade mal 9 Jahre alt warst, tut mir leid. Ich weiß noch, wie ich dir erklärt habe, dass ich mit dem Papa nicht mehr zusammenleben kann, und warum, und wie du verständnisvoll genickt hast, anstatt zu schreien oder zu weinen. Und wie du in den Jahren danach sehr schnell sehr erwachsen wurdest, und immer vernünftig warst. Das ist nicht gut gewesen, aber auch nicht zu verhindern. Und ich bin sicher, dass dein, nein unser aller Leben nicht besser verlaufen wäre, wenn ich diese Trennung nicht herbeigeführt hätte. Wer weiß, was dann noch alles passiert wäre… Aber trotzdem, es war so vieles doof.

Du hattest eine Babyschwester und einen 2-Jährigen Bruder, als ich mich von deinem Vater trennte, und alleine das war sicher schon nicht leicht. Und dann hat dein geliebter Vater sich auch noch nach dem Auszug aus dem gemeinsam bewohnten Haus über Monate nicht gemeldet, zu Weihnachten kein Geschenk geschickt, weder angerufen noch eine Karte geschrieben. Mal hatte er Lust auf dich, mal nicht. Ich konnte nichts tun, und je mehr ich versuchte, etwas zu regeln, desto weniger wollte dein Vater kooperieren. Ich wusste es nicht besser. Verzeih mir.

Ich musste mich viel um deine unter der Trennung sehr offensichtlich leidenden Geschwister kümmern, und ums Geld, und ich war oft gestresst. Wir hatten wenig Zeit für uns, für schöne Dinge. Du warst ja schon groß, und wie das so ist als Große, hast du oft zurückgesteckt.

Heute, fast 8 Jahre nach der Trennung, sehe ich, welche Spuren diese Zeit bei dir hinterlassen hat: unter anderem, dass du weiter mitdenkst und viel erwachsener bist, als ein Kind deines Alters das sollte. Als ich in deinem Alter war, wusste ich nicht, dass Strom, Krankenversicherung und sonstnochalles viel Geld kostet. Ich kannte keinen, der in einer Sozialwohnung wohnte, niemanden, der kein Geld für Urlaub hatte, vor allem aber hatte meine Mutter Zeit, unfassbar viel Zeit, als Hausfrau. Du hingegen weißt, was ein “Unterhaltstitel” ist, kennst die Begriffe “Wohngeld” und “Prozesskostenhilfe”, und hattest alles andere als eine unbeschwerte Kindheit. Das tut mir so leid.

Aber vielleicht ist genau das eine Art never ending story: meine Eltern konnte ich erst als Menschen sehen, als ich verstand, dass sie fehlbar sind. Und wirklich ihr Bestes gegeben haben. Nimm also diesen Blogtext als meinen Zettel in deiner Handtasche.

Die Liebe höret nimmer auf,

Deine Mama

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16 Kommentare auf "Drei Kinder und alleinerziehend – Brief an meine Große"

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Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
barbara
Gast

Berührend, liebe Christine.

Aura
Gast

Danke für diesen sehr emotionalen Text. 💜

Kleinstadtloewenmama
Gast

Danke!
Viele Grüße von einer ganz frisch Alleinerziehenden

Gast77
Gast

Nein, da würde ich jetzt gerne auch die Gedanken des Papa hören. Alles andere ist unfair.

Eva
Gast

Verdammt….das sitzt :’-(
LG Eva

hip_mama
Gast

Das tut weh – und zeigt einmal mehr, wie gut du es machst. Trotz allem.

klaus´Ehler
Gast

Liebe Christine, in so einem Moment des Lesens würdest Du wahrscheinlich schreiben : ich hab da was im Auge.

Dein Papa

Jenica
Gast

Als erwachsene Frau bewundere ich noch immer, ‬was meine Superhelden-Mama alles so gewuppt hat. Nach diesem Text und dem Kommentar habe ich auch irgendwie was im Auge.

gerd
Gast

Und die Moral von der Geschichte?
Einfach nicht trennen oder die Kinder beim Vater lassen, wo es finanziell besser aussieht.

Senfdazu
Gast

War das jetzt Sarkasmus?!

Warum macht man sich sonst tatsächlich die Mühe ein Kommentar zu verfassen und seinen Müll hier zu verewigen? Wie kommst du auf den Blog? Wieso verschwendest du deine kostbare Zeit (das war übrigens Sarkasmus, falls du Probleme mit der Definition hast) und liest diesen Brief an ihre Tochter. Genau -emotionaler Brief an ihre Tochter der von unendlicher Liebe handelt und du rotzt hier diesen saudummen Satz hin.

Ich fand den Brief sehr schön und rührend. Du hast gar nicht verdient ihn lesen zu dürfen.

Rike
Gast

Und ewig nagt das schlechte Gewissen.
:-/ Natürlich läuft es bei Alleinerziehenden nicht nach Bilderbuch, aber es ist doch so das man alles nur macht um eine Verbesserung herbeizuführen und du hast gekämpft und dein Bestes gegeben. Das sollte uns Alleinerziehenden nicht leid tun!!! Wir geben unseren Kindern keine “Bilderbuch-Familie” aber doch so vieles andere wertvolle mit! Wie z.B. wundervolle Briefe. Und das sollte uns nicht leid tun.
Fällt bestimmt unter der Kategorie ‘leichter gesagt als getan’, aber ich finde es ist ein wichtiger Punkt den man sich öfters vor Augen halten sollte.

Isabel Falconer
Gast

Direkt ins Herz ❤

Du passt gut auf Deine Kinder auf, reflektierst und wirst aktiv – ich glaube, sie können sich glücklich schätzen, Dich als Löwenmama zu haben!

Trotz aller Unwägbarkeiten, die im Leben leider passieren.

Viele liebe Grüße an Euch,
Isabel

Sanie Copii
Gast

Das ist ein sehr schöner Artikel. Herzlichen Glückwunsch zu dem, was du tust

Twisted
Gast

Jetzt habe ich Tränen in den Augen. Meine Große musste auch viel zu schnell erwachsen werden. Sie hat zwar nur eine jüngere Schwester, aber die ist schwer krank und hat immer sehr viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit gebraucht. Und so blieb für sie nur ein kleiner Rest übrig. Ich hoffe, sie wird mir verzeihen können.

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