Ein Loblied auf meinen verhassten Exmann

Feige war er nie. Er kannte keine Angst, was nicht gut für ihn war. Aber da sie ihm nicht fehlte, war das aus seiner Sicht kein Manko. Mein Mann war jemand, der auffiel.

Er kam in den Raum, auch an dem Abend, an dem ich ihn kennenlernte, und zog die Aufmerksamkeit an sich. Meine Aufmerksamkeit äußerte sich in der vollen sehr hippen Berliner Bar am Hackeschen Markt in dem Gedanken „Was hat DER denn?“, ich weiß es wie heute, obwohl es 1998 war, und kurz vor Mitternacht. Eigentlich wollte ich gerade gehen. Ich blieb, er stellte sich neben mich, und die Geschichte nahm ihren Lauf.

Mein Exmann, der damals ein viel zu junger Mann für mich war mit seinen gerade mal 24 Jahren (ich war schon 32), fiel auf. Er war unübersehbar. Nicht, weil er besonders groß oder blond oder irgendwas gewesen wäre. Es war sein Habitus. Sein Auftreten. Er war raumeinnnehmend. Jemand, nach dem sich alle umdrehen.

Narzisse
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Er wusste, was er wollte, und er tat immer alles dafür, das zu erreichen. Nachsicht sich selbst gegenüber kannte er ebenso wenig wie den Gedanken, zu versagen. Er hatte eine Idee, nein viele Ideen, ständig neue Ideen, und er setzte sie um. „Das geht nicht“ gab es nicht für meinen Mann (kein Zufall, dass ich hier nicht „Ex-Mann schreibe), er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um zu seinem Ziel zu gelangen.

Niemand konnte charmanter und gewinnender sein als er, keiner war schneller im Denken, und ich kenne bis heute niemanden, der die Dinge konsequenter und vielfältiger zuende dachte als er – leider konnte er das nicht für unsere Ehe, weil da ein Knoten war aus der Vergangenheit, der das verhinderte.

Sein Humor war beißend, immer treffend, sein Wortwitz scharf und sein Blick auf die Menschen entlarvte sie alle. Gleichzeitig schaffte er es, jedem das Gefühl zu geben, er sei besonders. Und für ihn war auch jeder Mensch besonders, weil ihn jeder auf seine Art spiegelte. Es konnte gar nicht genug Spiegel geben.

Mit meinem Mann konnte man Feste feiern, Pferde stehlen, sich fühlen wie Bonnie und Clyde. Er war nicht zu zähmen, nicht zu bremsen, ein Unruhestifter, aber das auf sehr sympathische Art. Und es war nie langweilig mit ihm.

Er war ehrlich. Das mochte ich am meisten an ihm. Es gab nichts, was zwischen uns stand, niemals. Ich bekam meinen Mann immer ungefiltert zu sehen. Er hat sich nie verstellt. Und er erwartete von mir, dass ich das aushalte. Vielleicht war das ein Fehler meinerseits. Aber sein Fehler war es nicht.

Ich habe nie jemanden kennengelernt, der mehr wusste. Sämtliche Fragen bei „Wer wird Millionär?“ konnte er beantworten, während er nebenbei am Computer Mails las und seine Statistiken beobachtete. Dabei war er fast nie in der Schule gewesen, man hatte ihn dort nicht haben wollen, er hatte gestört. Und nach der 10. Klasse war er nicht mehr hingegangen.

Wenn er Geld hatte, dann gab er es freimütig aus. Geld war dafür da, Spaß zu haben und schöne Dinge zu tun, so sah er das. Und das Leben zu kurz, um vernünftig zu sein.

Aber ein guter Vater, das wollte er sein, um jeden Preis. Er gab sich Mühe, aber aus vielen Gründen, die ich erst Jahre später verstand, konnte das nicht klappen. Je mehr Mühe er sich gab, desto weniger funktionierte es. Am mangelnden Willen seinerseits hat es nicht gelegen. Er kämpfte, wie es seinem Wesen entsprach, aufgeben, das war keine Option für ihn. Nie.

Irgendwann musste er dann doch aufgeben. Zuerst die Firma, die nicht so lief, wie er das sich vorgestellt hatte, dann die Frau, die ihn verließ, und dann die Träume, die er gehabt hatte. Das muss sehr weh getan haben. Also ging er weg, so weit weg, wie er konnte. Auch das am Ende nur folgerichtig und konsequent zuende gedacht.

Fast könnte man ihn dafür mögen.

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Silke
Gast
Silke

Schön geschrieben und unvoreingenommen…

Soraya
Gast
Soraya

Das klingt ja fast genau so wie mein Expartner! Ihm wurde eine narzisstische Persönlichkeitsstörung im Borderlinspektrum diagnostiziert. Als Kind galt er als hyperaktiv. Trotz Diagnose ließ er sich bis heute nicht professionell helfen und zog ans andere Ende von Deutschland mit ständig wechselndem Wohnort.

Noga
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Noga

Eine unglaubliche Kälte, die durch diesen Artikel rüberkommt.

Mi
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Mi

Hat er zufällig so eine Art Hochbegabung oder Asperger? Diese Leute haben ja aufgrund ihrer besonderen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung häufig Probleme in Beziehungen.

Susann
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Susann

Warum der Text über den Expartner? Weil er als Vater nicht da ist? Weil Du ihn ja doch irgendwann geliebt hast? Weil er so ist, wie er ist? Was bewegt dich so?

Katja
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Katja

Ein Text, der überrascht!

Susanne
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Susanne

Ich kann euch beide irgendwie verstehen. Ich habe auch gerade frisch die Trennung hinter mir, die von mir ausging. Aber diese Beziehung war für mich und meine Kinder so nicht mehr tragbar. Er hat noch versucht etwas zu retten, aber auf eine Art und Weise die so keinesfalls in Ordnung war. Aber ihn dafür jetzt verurteilen geht irgendwie nicht. Es war für mich Zeit zu gehen. Die Wut und der Ärger über sein Verhalten sind inzwischen einer anderen Sicht auf die Dinge gewichen. Er darf weiterhin Vater sein. Und ich glaube damit fahren wir ganz gut. Alles schlechte was gewesen… Weiterlesen »

Monalisa
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Monalisa

Ein großmütiger, großherziger Artikel.

Und hier gilt wohl das Klischee: wo viel Licht, da viel Schatten.

Urmelinchen
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Urmelinchen

Das erste Wort, das mir nach Lesen des Artikels durch den Kopf schoss, war „Blender“.

Carmen
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Carmen

Nach einer Weile, die sehr lang sein kann, gelingen solche Betrachtungen. Vermutlich ein Schritt auf dem Weg der Verarbeitung.
Finde den Text weder kalt noch komisch noch unerwartbar, nur klingt es fast wie ein Nachruf im Sinn von verstorben. Es ist aber natürlich ein Nachruf auf den Gatten, der er nicht mehr ist.
Geh weiter so schön deinen Weg!

Susi Sorglos
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Susi Sorglos

uiuiui, da erkenne ich aber zwei Menschen aus meiner Familie in deiner Beschreibung deines Mannes (meinen Vater und mich), könnte er möglicherweise ein Asperger Autist sein?

Mamamaj
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Mamamaj

Ich finde den Artikel auch gut, seltsam bewegend. Ich dachte beim lesen einerseits, ich weiß genau wieso du dich in ihn verliebt hat und gleichzeitig fühlte ich Bedauern über das Scheitern der Ehe aber andererseits begründet sich das Scheitern irgendwie genau durch die beschriebenen Vorzüge. Ich finde den letzten Satz sehr treffend.