Endlich alt – endlich sexuell nicht mehr verfügbar

Die Überschrift ist natürlich bewusst eine Anspielung an Caroline Rosales, die „Sexuell verfügbar“ geschrieben hat. Ich bin es nicht mehr. Ich bin jetzt endlich frei.

Gestern ist es mir aufgefallen: Ich fuhr mit dem Rad zum Bäcker, in einem relativ kurzen Ringelkleid. Das Kleid rutschte hoch, wie das Kleider beim Radfahren so tun. Ich blickte nach unten, Richtung Sattel und Schritt, und dachte: „Nö. Ich ziehe das Kleid nicht runter, auch wenn es jetzt so weit oben sitzt, dass ich auch in der Bikinihose radfahren könnte.“

Ich radelte weiter. Niemand guckte mich tadelnd oder gierig oder auch nur neugierig an, obwohl ich an mehreren Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts vorbeikam. Ich war einfach eine mittelalte Frau auf dem Rad, kein Thema, nicht unsichtbar, aber kein Aufreger.

Bild von Angie Sage auf Pixabay

Früher, noch vor ein paar Jahren, hätte ich am Kleid gezuppelt. Mittlerweile ist es mir egal. Meine Beine sehen gut aus, mein Körper ist für eine 53-Jährige schön – an guten Tagen, wenn ich ausgeschlafen bin, ich die Haare gefärbt habe und wenn Sommer ist, sehe ich aus wie 40 – aber ich bin jetzt raus aus dem Markt. Das ist so unfassbar angenehm.

Im Freibad ziehe ich nicht mehr den Bauch ein, und wenn ich am Bahnhof auf pöbelnde junge Männer treffe, dann laufe ich da einfach durch, ohne dass mich jemand angrabschen will, im Café kann ich alleine sitzen und einen Kaffee trinken, ohne ständig angebaggert zu werden. Ich kann in Ruhe bummeln, alleine ins Kino gehen, ich kann Zug fahren und einkaufen, ohne belästigt zu werden. Klingt selbstverständlich? Wahrscheinlich nur für Männer.

Denn es gab keinen Tag, bevor ich 30 wurde, an dem mir nicht irgendein Typ hinterher gepfiffen hat, mich in irgendeiner Form bedrängte, anmachte, beäugte oder taxierte. Auch als ich 35 war und frisch verheiratet, hörte das noch nicht auf, nur trug ich dann einen Ehering und war weniger häufig „in der freien Wildbahn“ anzutreffen, weil ich frisch verliebt war und mein Exmann und ich viel Zeit miteinander verbrachten.

Nach der Trennung mit 42 fühlte ich mich anfangs unsichtbar, weil zwischen „Geile Frau, die muss ich anbaggern“ und „Dreifache Mutter, Gebrauchtartikel“ Welten lagen. Ich war es einfach nicht gewohnt, nicht überall und ständig angebaggert zu werden. Ich fühlte mich ignoriert.

Heute weiß ich das als Privileg zu sehen. Mich lassen alle in Ruhe. Ich bin sexuell nicht mehr verfügbar, ich menstruiere nicht mehr, ich habe Kinder bekommen. Die trophäenjagende Männerwelt kann nix mehr mit mir anfangen.

Es ist die absolute Befreiung. Und ich bin ein bisschen neidisch auf Männer. Weil Männer ihr Leben lang einfach so durch die Gegend laufen können. Ohne Anbaggern, ohne Zudringlichkeiten, ohne Eier Taxieren. Ohne zu überlegen, ob sie den Weg durch diesen Park jetzt nehmen können oder nicht, und ob sie jemand hört, wenn sie schreien.

Wenn mir heute jemand auf die Brüste starrt, dann sind das andere Frauen. Und die sagen dann, während wir beide im Schwimmbad in der Gemeinschaftsdusche stehen, sowas wie „Entschuldigen Sie, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber Sie haben tolle Brüste!“, und es ist keine Anmache, sondern ein Kompliment unter Frauen. Ich freue mich darüber. Und ich fühle mich sicher.

Insgeheim denke ich dann daran, wie ich früher selbst als junge Frau in der Gemeinschaftsdusche stand, und gelegentlich auf die Körper der alten Frauen schielte. Die sahen nämlich durch die Bank noch ziemlich schön aus, auch wenn ihre Gesichter faltig waren und die Frauen schon weit über 50.

Heute bin ich eine von diesen alten Frauen. Ich werde gerne alt. Und ich fühle ich heute viel schöner, als ich es mit 20 oder 25 war. Ob das anderen Frauen wohl auch so geht?

11
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
9 Kommentar Themen
2 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
10 Kommentatoren
Sarah SaleckerBabettSarihiopMama arbeitet Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
geschichtenundmeer
Gast
geschichtenundmeer

Wir sind gleichaltrig. Dieses Gefühl der Erleichterung, dass ich unbehelligt durch die Straßen gehen kann, empfinde ich auch. Andererseits bin ich unglaublich wütend, weil ich erst so alt werden musste, um so frei zu sein, wie Männer es anscheinend immer sind.

Swuuj
Gast
Swuuj

Schöner definitiv nicht, weder subjektiv noch objektiv. Aber diese Freiheit, die schätze ich auch sehr (nahezu gleiches Alter hier): Habe deshalb beschlossen, ab jetzt die schrullige Alte zu geben, die auf die öffentlich kundgetane Meinung nichts mehr gibt.

Wilma
Gast
Wilma

Ich finde deinen Artikel großartig.. Ich stell mir das sehr befreiend vor, keine Zielscheibe von Anmachsprüchen und ja der ganzen Palette von männlichen Einfallsreichtum zu sein. Mir sagte mal eine Kollegin, das sie ab 50 unsichtbar für die Männerwelt geworden ist und ich dachte damals schon, ich kann es kaum erwarten, aber oft kommt auch, sei froh, daß du noch beachtet wirst.. NEIN ich finde es so lästig, immer wieder ungewollte Belästigungen abzuwehren. Und ja einfach frei und selbstverständlich auf diesem Planeten leben zu dürfen.. Danke dafür

Syvi25
Gast
Syvi25

Ich finde Artikel doch recht befremdlich. Als wäre sexuelle Belästigung tatsächlich davon abhängig, wie fest die Brüste, wie kurz der Rock ist?! Ehrlich jetzt? Außerdem frage ich mich in welchem Umfeld Sie sich bewegt haben wo sich ein Schwarm sabbernder Männer um Sie geschart hat. Ich werde selbst nächstes Jahr 50 und habe glücklicherweise keine solchen Erfahrungen machen müssen. Und ich war sicher nicht zu hässlich (um Ihre Theorie aufzugreifen). Und ich bin auch jetzt durchaus sexuell noch verfügbar (frisch verheiratet). Merkwürdige Idee vom Altwerden als Frau und auch ein ganz furchtbares Männerbild, das sich nicht nimmt meiner Lebensrealität deckt.

Alexandra Schröder
Gast
Alexandra Schröder

Ich finde beides nicht besonders erstrebenswert: weder sexuell belästigt zu werden noch in die totale Unsichtbarkeit für das andere Geschlecht zu fallen.Irgendwie klingt dein Artikel für mich so als gäbe es sonst nichts dazwischen.Und auch irgendwie ein bischen traurig wenn man feiert nicht mehr angeschaut zu werden…

hiop
Gast
hiop

Wunderbar! Ich befinde mich seit einiger Zeit auch in genau diesem Stadium und genieße die neue unbeschwerte Freiheit in vollen Zügen.

Sari
Gast
Sari

Ich habe auf den Artikel hin ein Experiment gewagt und bin dieses Wochenende im extra kurzen Kleid Rad gefahren, durch die Stadt gelaufen und habe im Bikini im Freibad am Beckenrand gesessen. Ich bin 37, finde mich selbst heute hübscher als je zuvor, aber kein Mann hat mich auch nur angeschaut. Gerade im Schwimmbad: Vor 25 bis 30 Jahren hätten die Jungs mich reingeschubst, vor 10 bis 20 Jahren angesprochen, vor 5 zumindest mal noch angeschaut. Ich war zu all diesen Zeitpunkten unsicher, was mich und meinen Körper angeht, und jetzt, mit 37, nachdem ich ein Kind geboren und fast… Weiterlesen »

Babett
Gast
Babett

Danke für den Artikel, er hat mich zum Nachdenken angeregt. Meine Bedenken: Der Artikel macht Männer doch zu Tätern und Frauen zu Opfern? Oder habe ich dich falsch verstanden? Ich schaue mir als Frau (36) sehr gerne andere schöne Frauen an und das hat nichts mit ihrem Alter, ihren Brüsten oder der Länge des Rocks zu tun – eher mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Sportlichkeit oder ihrer Selbstsicherheit. Ich kenne das Buch nicht auf das du dich beziehst, vielleicht kommen daher die Verwirrungen. Ich gucke als Frau ganz sicher mehr als manche Männer, die ich kenne. Ich habe selbst so selten… Weiterlesen »

Sarah Salecker
Gast
Sarah Salecker

Liebe Christine Finke, zunächst mal ein großes Kompliment für alles was Sie leisten, auf die Beine gestellt haben und wie Sie sich engagieren! Wirklich toll! Ich selbst bin 45, seit einem Jahr verheiratet (das 1. Mal), habe aber keine Kinder. Meine Zwillingsschwester dagegen lebt (unverheiratet) getrennt und ist mit 2 Jungs (auch Zwillinge!) alleinerziehend. Daher beschäftige ich mit dem Thema und lese gerade Ihren Blog. Das Gefühl von Freiheit kenne ich gut, allerdings auf ganz andere Weise. Mit 42 habe ich mich endlich frei gefühlt vom (gesellschaftlichen, eigenen, genetisch-hormonellen oder was auch immer für einen) Druck Kinder zu bekommen und… Weiterlesen »