Frau Finke sucht das Glück

„Kein Wunder, dass Sie nix mehr spüren, Sie haben all die Jahre immer auf andere achten müssen und so viele schreckliche Dinge erlebt, das war einfach zuviel“, sagt die kluge Frau, zu der ich ab und zu gehe, um über meine Gefühle zu sprechen bzw. darüber, dass mir meine Gefühle fehlen.

Ich vermisse sie dunkel, ich hatte mal welche, daran kann ich mich gut erinnern, teils auch zu viele davon, das war unpraktisch im Alltag, aber gar keine Gefühle mehr zu haben ist auch nicht schön. Ich rede nicht von Angst, Hunger, Müdigkeit, Erleichterung oder Freude, das geht schon noch alles, aber alles was mit Gefühlen zu tun hat, spielt sich bei mir eher im Kopf ab, und das ist nicht richtig so. Gefühle sollen den Körper durchströmen, aber diese Funktion ist bei mir offenbar abgeschaltet, weil der Schwerpunkt in den vergangenen 10 Jahren auf dem Funktionieren lag (Oh Ironie!).

Was macht man, wenn man etwas nicht wiederfindet, das man vermisst? Dort suchen, wo man es zuletzt gesehen hat. Auf der Fahrradbrücke habe ich geküsst, vor 5 Jahren, und etwas gespürt. Daran habe ich mich erinnert, als ich vor ein paar Tagen dort vobeifuhr und auf einmal die roten Schlösser dort sah, die sonst von der Stadt entfernt werden, weil das die Brückenstabilität verringert. Ich mache oft ein Bild vom Rhein an dieser Stelle, und ich denke auch oft an den Mann, den ich dort küsste. Aber ich gehe nie auf die Knie, um an damals zu denken, weil ich das auch nicht möchte. Diesmal habe ich es getan, ohne Nachzudenken.

Für diesen Text habe ich das Bild zuerst hochgeladen, das mache ich sonst nie so. Normalerweise kommt zuerst der Text, ich schreibe und suche dann nach einem Bild, das dazu passt. Text first, sozusagen. Aber dieser Text ist anders.

Das Bild, das ich machte, wollte mir etwas sagen. Ich habe es ein paar Tage auf dem Desktop liegen gelassen, weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen soll. Nun weiß ich es: Ich soll genauer hingucken. Warum habe ich aufgehört, mir Gefühle zuzumuten? Und wann?

Ich suche Antworten. Eine Antwort ist: Als meine Gefühle anfingen, meine Kinder zu belasten. Sie spüren alles mit, auch wenn man nicht viel sagt. Leider waren es tatsächlich viele Dinge, die hier reinspielen, vom Exmann über das Jugendamt und auch die Liebe, und es kam am Ende so, dass es meiner Seele offenbar nur möglich schien, all das zu überstehen, indem sie die Notbremse zog und möglichst wenig fühlte.

Ein Leben mit möglichst wenig Gefühlen ist nicht, was ich möchte. Also werde ich das Glück suchen. Und meinetwegen auch das Unglück, denn natürlich gehört das zusammen. Wo fange ich an? Wahrscheinlich damit, etwas anders zu machen als vorher. Das ist immer der erste Schritt. Ich fang dann mal an.