Mama hat Liebeskummer. Und nun?

„Mama, ich habe geträumt, dass du tot warst“, sagte die Jüngste. Ich stutzte und fragte nach: „Woran bin ich denn gestorben? Und wie war das für dich, hattest du Angst?“ „Nein“, sagte die Jüngste. „Ich war gar nicht dabei. Ich habe nur zugesehen. Du bist gestorben, weil du dich selbst verletzt hast.“

Ich habe der Jüngsten nicht gesagt, dass ich Liebeskummer habe, aber sie spürt es. Niemand in meiner Familie weiß, was in den letzten Monaten in mir vorging, auch nicht mein Vater, der auf Twitter mitliest und genau merkt, dass da etwas ist, aber der auch weiß, dass er kein Recht auf Auskunft hat. Manchmal, wenn ich sehr deutlich twittere, ruft er an und fragt, wie’s mir geht, und dann sage ich: „Gut!“, weil ich nicht darüber reden kann.

Immerhin habe ich Freundinnen, mit denen ich mich austauschen kann, und ich bin nicht alleine mit meinem Kummer, denn auch meine Freundinnen haben ihn. Der Mann, dem mein Kummer gilt, sagt, er redet mit niemandem über mich, und das stelle ich mir schlimm vor. Ich will meine Kinder nicht mit meinen Gefühlen überfordern, aber ich will auch nicht, dass sie davon gar nichts mitbekommen. Und da die Balance zu halten finde ich sehr schwierig. Eine Mutter ohne Gefühle ist schlecht. Gute Gefühle kann ich gut teilen mit den Kindern, da tue ich mich leicht. Aber wieviel Trauer oder Zerrissenheit darf ich ihnen zumuten? Und wieviel Ehrlichkeit? Andersherum gefragt: Ist es gut, wenn ich so tue, als sei nix?

Friedhof

Als ich noch verheiratet war, war mein Mann mein bester Freund, auch wenn es oft schwierig mit ihm war. Ich habe alles mit ihm geteilt, vielleicht war das auch zu symbiotisch, wie ich heute oft denke. Wir waren fast eins. Trotzdem habe ich, als ich mich nach 8 Jahren Beziehung in einen Arbeitskollegen verguckte, nichts gesagt, weil ich ihn nicht belasten wollte. Ich ging davon aus, dass das vorbeigehen würde, und es war auch nichts passiert, außer, dass ich entflammt war. Aber mein Mann hat das gespürt und nachgefragt. Und wenn man mich fragt, bekommt man eine ehrliche Antwort. Er war schockiert.

Die Quittung dafür war eine Ohrfeige, die ich mir kurz darauf einfing, ausgerechnet im Bett. Ich sah Sterne, ich hatte bis zu diesem Tag gedacht, das mit dem Sternesehen sei reine Fiktion, aber obwohl das 10 Jahre her ist, sehe ich sowohl die Sterne als auch die Szene genau vor mir. Er hatte niemals zuvor die Hand gegen mich erhoben. Ich konnte nicht glauben, was da passierte, aber die Gehirnerschütterung, die ich zwei Tage lang hatte, machte mir klar, dass das alles echt war. Ich hatte ihn verletzt, er mich. Es schien mir fair.

Damals hatten wir nur ein Kind, die Große. Sie war 5 Jahre alt und hat nichts davon mitbekommen. Aber sie muss gemerkt haben, dass sich etwas verändert hat. Alles war anders nach diesem Tag. Ein Damm war gebrochen. Und das war nicht gut.

Ich weiß, dass ich als Kind auch spürte, wenn meine Eltern Krisen hatten. Aber ich wollte davon nichts wissen. Meine Eltern sollten einfach funktionieren, Alltag bieten, bitteschön nicht auch noch Höhen und Tiefen zuhause rauslassen. Ich hatte genug mit mir zu tun, von ihrem Liebesleben wollte ich nichts wissen. Darüber haben wir erst später geredet, als ich weit über 20 Jahre alt war, und ich habe sehr gestaunt, was mir da alles zu Ohren kam. Die Gefühle meiner Eltern waren mir lästig, sogar wenn es positive Gefühle waren. Ist das komisch? Oder ist das ganz normal für ein Kind? Ich habe keinen blassen Schimmer.

Heute, wo ich selbst Mutter bin, frage ich mich, wie frei ich mein Zuhause von meinen Gefühlen halten will. Ob ich meine Kinder übervorteile, wenn ich ihnen wesentliche Teile meines Seelenlebens verschweige, oder ob das gut so ist. Die Kleinen verstehen nichts von der Liebe, die Große ist glücklich verliebt. Ich schweige. Aber ich sehe, dass sie mich manchmal zweifelnd angucken. Die Mutter, die sie kennen, ist anders als sonst. Vielleicht sollte ich doch etwas sagen, kindgerecht. Oder lieber warten, ob sie mich fragen? Ich finde das wirklich schwierig. In meinem Zuhause möchte ich mich nicht verstellen müssen. Das tue ich aber oft in den letzten Wochen und Monaten. Den Kindern zuliebe, wie ich dachte. Vielleicht ist das aber der falsche Ansatz?

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Novemberregen
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Novemberregen

Ich habe das Gefühl, für Kinder ist oft das Unkonkrete schwierig. Sie nehmen die Gefühle und Stimmungen ja wahr, wenn sie die nicht einordnen können erzeugt das Unsicherheit und Sorge. Deshalb finde ich es meist besser, grob zu umreißen, worum es geht. Oft reicht das schon aus, um die Unsicherheit zu nehmen, ansonsten ist das auch ein Signal an das Kind, dass es nachfragen kann.

Sue
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Sue

Hmm. Ich glaube, es ist sinnvoll, das vorsichtig und kindgerecht zu formulieren.
Vor allem, wenn sie fragen. Damit sie wissen, dass das nichts mit ihnen zu tun hat.
Vielleicht reicht ein Satz wie „Mama ist traurig, weil sie jemanden mag, der sie nicht so zurück mag..“ auch wenn das nur die Kurzversion ist.
Aber das kennen ja auch kleine Kinder ab dem Kindergarten.
Wie du sagst: sie spüren ja, dass da was ist.
Alles Gute für dich!

Ela Euringer (@Flugwombat)
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Ela Euringer (@Flugwombat)

Ach je. Ich kann nur von mir sprechen: Erfahrung a, als Kind: Wenn „irgendwas“ ist, und man das als Kind merkt, und es sagt einem keiner was, macht einen das sehr unruhig. Meine Eltern haben immer so getan, als sei alles okay, beziehungstechnisch war es das auch, aber es lagen andere Dinge in der Luft (berufliche Sorgen usw.), und ich erinnere mich noch an dieses bedrückende Gefühl, dass „irgendwas ist“, aber es nicht einschätzbar war und sonstwas sein konnte. Find ich persönlich schlimm. Erfahrung b, als Mutter: Meine Tochter ist ein Scheidungskind und hat sich leider von einigen Leuten ziemlichen… Weiterlesen »

Micha
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Micha

Klar, das ist schwierig, aber ich würde auch versuchen, den Kindern grob zu umschreiben, worum es geht, damit sie es besser einschätzen können und du auch mal deinen Gefühlen ansatzweise freuen Lauf lassen kannst.
Alles Liebe!

Sonja
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Sonja

Schwierig. Und gute Frage. Wie meine Vorrednerinnen würde ich den Kindern vielleicht sagen, dass Du traurig darüber bist, weil Du Dich verliebt hast und der andere sich eben nicht zurück verliebt hat. Ich denke, das können sie verstehen.
Ich drück Dich! Und wünsche baldige besserung vom Liebeskummer. Schlimm, immer. <3

Locutus
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Locutus

Man sollte Kinder nicht unterschätzen, auch nicht im Kindergartenalter. Und schon gar nicht sollte man Ihnen das Verständnis der Liebe aberkennen. Sie kennen Liebe und sie leben Liebe, gegenüber Eltern, Geschwistern, der Familie. Jeden Tag. Viel reiner und intensiver als die meisten Erwachsenen es noch können, die die Kenntnis der Liebe für sich beanspruchen. Sie wissen genau was es heißt, wenn da nichts zurück kommt, wenn sie was tolles gebastelt haben und es voller Stolz präsentieren, aber Mama/Papa grade keine Zeit haben zu schauen und zu loben. Denn für sie zeigt sich Liebe auch in Form von Anerkennung und Respekt.… Weiterlesen »

Rona
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Rona

Liebe Christine, vielen Dank für Deinen offenen Text. Ich habe bei meinen eigenen Eltern die versteckten Gefühle sehr, sehr deutlich gespürt. Für mich war das eine konstante Bedrohung. Ich hätte lieber genauer gewusst, was los ist. Ehrlichkeit wäre mir wichtig gewesen. Stattdessen wurde ein Deckmantel des Schweigens oder – noch schlimmer – ein „wir haben kein Problem und sind gut drauf“ drübergelegt. Dieses Spiel sollten wir mitspielen, obwohl wir genau spürten, dass das eine Lüge ist. Durch das Verdrängen und Überdecken der schlechten und schwierigen Gefühle hatte und habe ich Schwierigkeiten zu meinen eigenen unangenehmen und „schlechten“ Gefühlen zu stehen.… Weiterlesen »

Ilsa
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Ilsa

Auf jeden Fall darüber reden. Dass keine Frage seitens der Kinder kommt, heißt nicht, dass sie nichts wahrnehmen, im Gegenteil, sie spüren vermutlich, dass sie besser keine stellen sollten, und schweigen deshalb. Andererseits ist es aber auch gar nicht nötig, alles im Detail zu erklären. Es reicht zu sagen, dass man traurig ist, weil es da jemanden gibt, den man lieb hat, diese Liebe aber unmöglich ist. Warum genau, muss man gar nicht erklären bzw. da kann man sagen: Es ist alles furchtbar kompliziert und ich will da nicht so genau drüber reden, weil mir das dann zu weh tut.… Weiterlesen »

Isa
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Isa

Ich hab den großen Vorteil, dass meine Große 18 ist, und mir sehr klar erklären und sagen kann, wie sie immer empfunden hat, was mir sehr hilft gegenüber ihren kleinen Brüdern im Altern von 2,8 und 12. Auch bei mir läuft nicht immer alles rund, aber die beiden Großen verstehen sehr wohl wenn mit ihnen redet wieso und warum man traurig ist. Bei meinem 8jährigen reicht aber auch eine kurze Erklärung, nur dass man traurig ist und vllt ein wenig Ruhe brauch, aber auch immer mit dem Hinweis dass es nicht an ihnen liegt, das ist sehr wichtig. Und wenn… Weiterlesen »

Sarah
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Sarah

Ich würde es auch erwähnen. Meine Version, wenn ich Traurigkeit, Wut, Verzweiflung o. ä. nicht unter Kontrolle habe, ist: Mir geht es gerade nicht so gut, aber es hat nichts mit Dir zu tun. Und das geht auch wieder vorbei, aber ich möchte nicht, dass Du Dich wunderst, wenn ich manchmal abgelenkt bin. Du darfst mich dann auch gerne dran erinnern, dass ich besser zuhören soll. Ok? Kind ist 8, ich hab glaube vor ca. einem Jahr angefangen, ihm auf die Art „Statusupdates“ zu geben, damit er weiß, woran er ist. Woran es liegt, muss er mMn nicht wissen, aber… Weiterlesen »

ehrlichgesagt
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ehrlichgesagt

Liebe Christine, das kommt mir alles sehr bekannt vor… Als ich mich vor ein paar Jahren heillos verliebt hatte, habe ich mit niemandem darüber gesprochen, schon gar nicht mit meinen Kindern. Ich fand es unpassend und peinlich, dass mir das passiert ist und dadurch ist alles nur noch schlimmer geworden. Inzwischen versuche ich, anders mit meinen Gefühlen umzugehen aber in Bezug auf meine Kinder fällt mir das immer noch schwer. Ich versuche, so eine Art „Mama-Fassade“ aufrecht zu erhalten. Aber wenn ich meine Gefühle nicht vor den Kinder zeigen will, kann ich sie eigentlich gar nicht zeigen, denn die Kinder… Weiterlesen »

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

Vielleicht würde ja eine halbe Erklärung ausreichen? „Ich bin traurig, aber mit euch hat das nichts zu tun und ich muss das mit mir selber ausmachen“.

Katja
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Katja

Hallo Christine, da hast du ja ein sehr passendes Bild eingestellt. Ist das in Konstanz auf dem Friedhof? Und wer weiß schon wirklich wie es weitergeht im Leben….vielleicht kommst du mit deinem `Liebling `ja doch noch zusammen auch wenn es gerade nicht so aussieht als ob eure Beziehung eine Zukunft haben könnte. Freundliche Grüsse, Katja

Frau Meike
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Frau Meike

Liebe Christine, mit 18 sagte ich einer Schulfreundin, die sich darüber beklagte, dass ihre Eltern so viel stritten: „Ich wünschte, meine Eltern würden sich mal streiten“. Bei uns zuhause haben immer alle funktioniert. Meine Mutter war ein Chamäleon, sie passte sich an alles an, ohne Murren und Knurren, ich spürte ihre Verunsicherung, ihre Angst, ihr Unwohlsein, aber sie schluckte einfach immer alles herunter. Ich weiß nicht, ob ich ihr wirklich hätte helfen können, aber dass ich so viel spürte und sie so wenig sprach, empfand ich als unerträglich. Wenn Deine Kinder nur einen Bruchteil von Deinem feinen Gespür geerbt haben,… Weiterlesen »

Jessika
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Jessika

Sie spüren es. Zumindest Emma tut es. Und ich meinen dunkelsten Momenten kommt sie und fragt, warum ich traurig bin. Oder ob es so ist. Genau wie Sie mich einst in Gegenwart einer Person fragte, warum ich so fröhlich bin. Sie haben so feine Antennen. Und sie haben ein Recht darauf zu wissen, wie es uns geht!

Und danke für dein Vertrauen! Ich hab immer mindestens ein Ohr und einen Arm für dich frei! (((<3)))

Muck
Gast
Muck

Ehrlichkeit funktioniert immer am Besten, egal, wie alt die Kinder sind. Man muß nur ein wenig bei der Wortwahl achtgeben, damit es halbwegs altersgérecht bleibt. Deine Kinder wissen, was sie an dir haben. Davon bin ich überzeugt.
Ohne die wärst du jetzt nicht hier in deinem Blog und bei Twitter! ;)

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Eigene Gefühle – wie viel davon den Kindern zumuten? | WerdenundSein

[…] las ich im Blog von Mama arbeitet, wie sich Christine die Frage stellt, wie viel Trauer oder Zerrissenheit sie ihren Kindern zumuten […]

SchlimmeHelena
Gast
SchlimmeHelena

Man kann alle Möglichkeiten damit umzugehen pädagogisch begründen und es hört sich dann total gut und durchdacht an.

Nur du kennst aber dich und deine Kinder gut genug, um zu wissen, was für euch der Weg ist.

Und dafür wünsche ich dir viel Kraft.

Drück Dich
Helena

Candy Bukowski
Gast
Candy Bukowski

Liebe Christine, ich finde diese Frage tatsächlich überhaupt nicht (mehr) schwer zu beantworten. Kinder haben mMn das Recht auf authentische Eltern bzw. Elternteile. Wenn ich alleinerziehend bin, bin ich deshalb noch lange nicht nur das gut funktionierende Muttertier. (Ganz nebenbei eine ganz furchtbare Frauenbild-Prägung, oder? ). Nein, wenn ich alleinziehende Mutter bin, bin ich selbstverständlich auch Frau und in vielen Fällen eben auch Single. Singlefrauen haben Sex, dürfen Sex haben, verlieben sich, werden geliebt und manchmal geht das schief. Dann bin ich eine Frau mit Liebeskummer, der man das als Mutter anmerkt. Kinder merken es sowieso, sind großartige Tröster und… Weiterlesen »

mia
Gast
mia

Meine Eltern hatten massive Eheprobleme und mit uns Kindern darüber geredet. Ich fand das schrecklich. Mir wäre es ähnlich wie dir lieber gewesen, sie hätten einfach funktioniert. Aber als ich die anderen Kommentare gelesen habe, dachte ich- vielleicht wäre es auch ohne das drüber reden schrecklich gewesen, ich hätte es sowieso gespürt. Dann doch lieber so, so wusste ich, was los ist.

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Wenn die Wahrheit zu viel ist. | needless to say

[…] Mama-arbeitet hat Liebeskummer und fragt sich, ob sie darüber mit ihren Kindern sprechen soll. […]

Dirk
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Dirk

Hallo Christine,
Ich wünsche Dir hiermit „gute Besserung“:

„Junimond“ von Rio Reiser. Habe ich zufällig heute gehört und
Musste dabei sofort an Dich denken.

LG
D.

https://m.youtube.com/watch?v=1c4IkBpmqUQ

Katja
Gast
Katja

Liebe Christine, ich folge dir eine Weile nun schon auf Twitter, und zwar nicht, weil ich mich in deinen Gedanken zwingend wiederfinde oder weil ich spüre, dass ich mit meinen Sorgen nicht allein bin (meine Lebensumstände sind anders), sondern weil ich durch deine Augen Einblicke erlange in andere Lebenswelten, und dafür bin ich dankbar, es bringt mich zum Nachdenken, bereichtert meine Welt. Ich hoffe, es wird nicht als egoistisch verstanden, denn ich gebe es an anderer Stelle weiter :-) Dass ich dir nun erstmals schreibe, hat zwei Gründe. Ich empfinde klindliches Feingefühl, kindliche Intuition als etwas außerordentlich kostbares. Ein Pflänzchen,… Weiterlesen »

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9 Jahre allein und alleinerziehend - was das mit einer Frau macht

[…] Männern fernzuhalten, denn als es relativ überraschend aus war, weil er kalte Füße bekam, hat es mich damals komplett umgehauen. Das war schlimm. Ich konnte nicht einmal richtig heulen, schreien und wüten, weil ich für die […]