Jüngste fragt: Mama, habe ich „Die Wut“ von Papa?

Nein, mein Kind. Ich war auch oft wütend, als ich jung war. Sogar sehr wütend. Ich habe mich mit meinen Freunden und Freundinnen gehauen, und zwar gar nicht selten. Die Jungs hatten Respekt vor mir, ich konnte gut fluchen und hatte keine Angst. Aber meine Wut machte mir Angst. Ich habe mich von ihr verabschiedet, als ich etwa 16 Jahre alt war. Ziemlich spät eigentlich.

Damals stand ich mit meinem Bruder, der 12 war, in der Küche. Und er sollte mir beim Abtrocknen helfen, aber stattdessen hat er mich geärgert. Da habe ich mit einer scharfen Schere, die ich gerade abgetrocknet habe, nach ihm geworfen. Ich habe ihn so sehr gehasst in dem Moment, ich hätte ihn töten können. Ich weiß es noch wie heute. Mein Bruder stand im Hausflur, vor dem Foto des Freiburger Münsters aus den 60er Jahren in schwarzweiß, das bei meinen Eltern im Flur hing und immer noch hängt. Und ich dachte erst hinterher darüber nach, was hätte passieren können, wenn ich mit der spitzen Seite der Schere getroffen hätte. Zum Glück traf die stumpfe Seite des Messers auf seinen Brustkorb, die Schere plumpste ohne Blutvergießen zu Boden. Für meinen Bruder kein bemerkenswerter Vorfall, er erinnert sich nicht einmal mehr daran. Aber in mir ist etwas passiert. Ich zog mich zurück. Meine Wut war gefährlich, ich wollte sie nicht mehr.

Schere
Foto: Silberfuchs Pixabay.com

Später, viel später, lernte ich deinen Vater kennen. Der war oft wütend. Ich hatte viel Verständnis dafür, hatte ich doch meine eigene Wut vor vielen Jahren abgegeben und für eine Zeitlang gegen „lieber gar nichts mehr fühlen als wütend sein“ eingetauscht, zu jener Zeit schien mir alles grau und das Leben mühsam. Es war ein schlechter Tausch, wie ich merkte, und ich sorgte dafür, dass das das Leben wieder bunt wurde und leichter. Aber ich hatte viel Verständnis für den Mann, der dein Vater ist. Ich verstand, dass er Dinge durch die Gegend schmiss, dass er „alles anzünden“ wollte, dass er brannte. Was ich nicht verstand, war, dass sich unser beider Wut gar nicht in so vielem unterschied, außer, dass ich ein schlechtes Gewissen hatte. Aber genau das macht einen riesigen Unterschied. Es hat etwas mit Verantwortung zu tun. Und damit, ob man anderen die Schuld gibt oder sich selbst.

Du, mein liebes Kind, siehst zwar aus wie dein Vater, aber du bist nicht er. Du denkst darüber nach, warum du so bist wie du bist. Und du hast seine Augen seine Haare, du bist so schlau und so witzig wie er. In dir sehe ich, genauso wie in deinen beiden Geschwistern, nur die guten Seiten deines Vaters, es ist die Wahrheit. Es ist Liebe. Und du bist auch mein Kind. Ich begleite dich. Bitte behalte deine Wut. Sie ist wichtig, das weiß ich inzwischen. Lass dir niemals einreden, „die Wut“ müsse weg. Wenn du wütend bist, dann gibt es einen Grund. Und natürlich ist Scheren werfen keine Lösung. Aber die Wut ganz wegzudrücken auch nicht. Umarme deine Wut.

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Lilian
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Lilian

*HEUL*.

Aus Gründen.

Katharina - Mama hat jetzt keine Zeit
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Katharina - Mama hat jetzt keine Zeit

Ja, die Wut. Wohin damit? Ich wünsche Jüngster gute Vorbilder, die ihr helfen zu lernen, wohin sie die Wut leiten kann, dass etwas Gutes daraus entsteht.

Uschi aus Aachen
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Uschi aus Aachen

<3

Dirk (@Dgerkrath)
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Dirk (@Dgerkrath)

Hallo Christine,
oh ja, meine Tochter ist auch so. Keinem Streit aus dem Weg gehen und auch vor größeren Jungs nie klein bei geben.

Nein – die Wut muss überhaupt nicht weg !

Wir alle brauchen Aggression – es ist die Kraft, die uns dazu bringt, ganz gemäß der lateinischen Wortbedeutung, etwas „zu ergreifen“. Ohne etwas zu wollen, ohne sich etwas zu holen, können wir nicht überleben.
Es kommt eben darauf an, die Aggression kreativ und produktiv umzusetzen. Gibt viele Möglichkeiten dazu, z.B. als Unternehmer, Politiker, Wissenschaftler, etc. .

In diesem Sinne: alles Gute für die Jüngste !
LG
D.

Eine treue Leserin aus der Schweiz
Gast
Eine treue Leserin aus der Schweiz

Liebe Christine, Einmal mehr hat mich einer deiner Beiträge sehr berührt. Ich finde es richtig und wichtig, Themen so offen anzusprechen – aber es braucht (so denke ich mir) viel Mut. Dafür bewundere ich dich – und auch dafür, dass du, wie ich finde, so gute Entscheidungen triffst. Wenngleich es bedeutet, unbequeme Wege zu gehen. Ich weiss, du arbeitest sehr viel – aber vielleicht könntest du einmal ein Buch veröffentlichen zum Thema Erziehung / Kinderalltag? Ich könnte mir vorstellen, das hülfe vielen (nur so eine Idee, nicht heute oder morgen umzusetzen, aber eigentlich müsste man nur die Beiträge sammeln –… Weiterlesen »

Tini
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Tini

Danke!

Bi
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Bi

Danke, danke, danke!

Michaela aus Wien
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Michaela aus Wien

Christine, danke! Deine Texte machen Mut und regen an.

Susi
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Susi

Liebe Christine,
sehr gut durchdacht und formuliert , Eiertanz par excellence, Hut ab.
Meine Lieblingssätze in diesem Beitrag: „Es hat etwas mit Verantwortung zu tun. Und damit, ob man anderen die Schuld gibt oder sich selbst.“ Das bedingt eine grosse Portion Selbsterkenntnis. Es wäre jedem zu wünschen. Trifft man oft im täglichen Leben, in allen erdenklichen Situationen (z.B. Schule). Hässlich, dass das nicht jeder kann.
LG (auch aus der Schweiz) Susi

fujolan
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fujolan

Ein fulminanter Text zu zwei Themen – „ungewolltes Erbe“ und Wut.

Sarah
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Sarah

Liebe Christine, ich habe viel mit Kindern zusammen gearbeitet, die erlebt haben, wie Zuhause nicht nur Geschirr durch die Luft flog. Du hast hier einen ganz wichtigen Punkt angesprochen, der viele solche Kinder in ihrer Identitätsfindungsphase begleiten: Werde ich auch so? Und: Gefühle zulassen kann negative Auswirkungen haben. Ich denke hier spielt die Resilienz eine große Rolle. Viele Handlungsweisen und Problemlösungsstrategien sind abgeguckt von den Eltern, da aber du scheinbar ein starkes Vorbild für deine Kinder bist, haben sie die Chance sich kritisch mit sich selbst, ihrem Weg und ihrer Gefühlswelt auseinandersetzen. Weil ich dieses Thema wichtig finde, hab ich… Weiterlesen »

Tim
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Tim

Wut und Scham.

Macht doch depressiv. Dann lieber nur Wut.
Und dahinter manchmal Verzweiflung und Kampf um Identität und dann vielleicht Trauer um den Verlust.

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