Kochen – Blockade gelöst

„Christine, du kannst ja kochen!“ rief meine Schwiegermutter erstaunt aus, als sie mich erstmalig nach der Trennung von meinem Mann, ihrem Sohn, besuchte.

Ich hatte Osso Buco im Römertopf gemacht, ein leicht zuzubereitendes Mahl, bei dem nichts schiefgehen kann. Die Schwiegereltern waren mit Käsebroten angereist, ziemlich vielen, und ich glaube, sie hatten etwas Sorge, bei mir zu verhungern. Nicht ganz unbegründet, muss ich sagen, denn ich war bis zur Trennung von meinem Mann (da war ich 43 Jahre alt!) dafür bekannt, kategorisch zu behaupten, dass ich weder kochen könne noch wolle.

Als Studentin war ich Pudding-Vegetarierin, ich lebte neben von Luft und Liebe hauptsächlich von Milchkaffee, Zigaretten, Käsebrötchen, Gummibärchen und Sekt. Dann trat der Mann, der der Vater meiner Kinder sein würde, in mein Leben, und er tat dies, indem er kochte. Er ging mit mir ins KaDeWe und kaufte Scholle ein, was mir sehr imponierte, weil die 35 DM kostete (davon lebte ich eine Woche!), und bereitete diese Scholle in seiner 1-Raum-Wohnung, wie man in Berlin die 1-Zimmer-Wohnungen nennt, für mich zu. Damit hatte er mich. Er kochte Gulasch, Schmorgurken, später Tafelspitz und schmorte Tauben, zarte Lammkeule, und leckere Rouladen, er grillte Austern, bereitete Kobe-Rind zu und allerlei Köstlichkeiten.

Wer nun denkt, ich sei durch dies köstliche Essen gemästet worden, liegt falsch – seit 15 Jahren habe ich, ausgenommen die jeweils 3 x 9 Monate Schwangerschaft und ein paar Monate danach, dasselbe Gewicht. Manche Leute sagen, ich sei zierlich, andere finden mich dürre, ich finde mich in Ordnung ;). Es ist kurz unter Normalgewicht, 50 Kilo bei 164 cm. Und ich glaube, dass ich dieses Gewicht habe, weil es „mein“ Gewicht ist, ich wiege mich so gut wie nie, und esse einfach das, was ich möchte.

Also gab es ein Problem, als ich mich trennte, im Dezember 2009. Ich sah mich bereits wieder zu Käsebrötchen und Gummibärchen als Hauptnahrungsquelle zurückkehren, und das wollte ich nicht, weil ich zu den Pudding-Vegetarier-Zeiten nie wirklich satt war und auch weniger ausgeglichen. Aber kochen, das kam irgendwie auch nicht in Frage. Das war doch niedere Frauenarbeit oder ein Hobby für erfolgreiche Männer!? Dass ich jahrelang dem Mann die Küche hinterher-aufgeräumt hatte, ohne Applaus, und dafür aber sehr dankbar für die zubereiteten Mahlzeiten hatte sein müssen, stachelte mich dazu an, es nach der Trennung nun doch selbst mit dem Zubereiten von toten Tieren zu versuchen. Ein absolutes Novum für mich, denn ich war über 10 Jahre lang, bevor ich meinen Mann kennenlernte, Vegetarierin gewesen. Ich war nicht sicher, ob ich mir das zutraute. Aber ich hatte Hunger.

Das Gesicht unseres damaligen Au-Pairs, Caroline aus Kenia, werde ich nie vergessen, als ich ihr im April 2010 sagte, dass nun offiziell das Trennungsjahr beginne und ich nicht mehr mit dem Mann zusammen essen würde, was der Mann zubereitet hat (das will der Gesetzgeber so). Die junge Frau guckte entsetzt und wollte wissen, ob sie auch nicht mehr essen dürfe, was er koche – doch, antwortete ich, das sei okay. In ihrem Gesicht war unglaubliche Erleichterung zu erkennen. Denn sie aß gern, und er kochte sehr gut.

Was mich betraf, so habe ich die paar Monate, die der Mann noch bei uns wohnte, bevor er im Juni 2010 auszog, sowieso nicht so viel Appetit gehabt. Aber als er ausgezogen war, begann ich, einzukaufen, als wäre ich ein Koch. Ich kaufte alles, was ich gerne essen wollte, als ginge ich allabendlich in ein Restaurant. Und ich suchte den Buchladen auf, um ein Kochbuch zu erstehen, das mir beiseite stehen würde: Das „Dr. Oetker Kochbuch der 1000 besten Rezepte“. Später kam noch ein Römertopf dazu. Mehr als das und eine gute Portion Hunger brauchte es nicht. Seit gut 2 Jahren koche ich alles. Und viel Fleisch und Fisch. Mittlerweile koche ich immer ohne Rezept, und es schmeckt mir besser als das, was mein Mann kochte.

Ich glaube, ich hatte so eine Art feministische Sperre im Kopf, die sagte, Frauen, die klug und schön sind (wenn ich das mal so postulieren darf), sollten auf keine Fall kochen können. Das sei spießig. Ist es nicht. Sich autark ein gutes Essen zuzubereiten zu können bedeutet, gut für sich selbst sorgen zu können. Um das zu lernen, musste ich heiraten, mich trennen, und 44 Jahre alt werden. Erstaunlich, oder?

Linktipps innerhalb des Blogs:

Am Zeitschriftenregal vorbeigehen? Unmöglich! (Referenz zu Zeitschrift Beef)

Feste Essenszeiten? Haben wir nicht.

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tina
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tina

Als ich Teenager war, musste ich meiner Mama jeden Sonntag beim kochen helfen und ich habe es gehasst. Als ich ausgezogen war, trafen wir uns jeden Sonntag zum gemeinsamen kochen und quatschen und es machte Spaß. Als ich Student war, bekochte mich manchmal meine Oma und meistens ich mich selbst mit Fertigfraß. Als die Kinder kamen, kochte ich wieder selbst – Sachen, die ich als Kind teilweise gar nicht mochte, nach denen meine Kinder verrückt sind und die mir jetzt selbstgekochter Weise auch schmecken. Und seit ca 2-3 Jahren habe ich festgestellt, dass mir Kochen Spaß macht. Wenn die Kids… Weiterlesen »

hostmami
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hostmami

Ich finde das sieht richtig gut aus! Mir ging es wie dir. Vor den Kinden ernährte ich mich recht ähnlich. Auch mein Mann konnte kochen und brachte mir das Kochen bei. Mittlerweile unterscheidet sich unser Stil und manchmal lernt er auch was von mir. Zu meinem Leidwesen sind unsere Kinder koch-, aber nicht putzbegeistert. Heißt sie kochen, ich putze. Was ich nicht mag: unter Zeitdruck kochen, für mich allein koche ich auch gern. Jedenfalls ließ deine Geschichte alte Zeiten vor meinem Auge Revue passieren. Ich habe mich übrigens gefragt, wie Du das Leben mit einem Aupair fandest. So jetzt muss… Weiterlesen »

Frau Kreis
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Frau Kreis

Oh, ich liebe Kochen und räume dem Selbermachen trotz Zeitnot ziemlich viel Raum ein am Tag. Aber auch nicht so als Muttiding, sondern vorrangig als Akt der Emanzipation gegenüber allen Anbietern von Fertiggerichten und ekligen Mensa- und Kantinen-Menüs. (war aber auch nicht immer so, sondern entwickelte sich irgendwann im Lauf des Studiums)

Nancy
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Nancy

Oh je, wenn man die Bilder von dem leckeren Essen sieht, kriegt man ja so einen Hunger :o) Ich glaube ich muss mal gleich schauen, was der Kühlschrank so her gibt :) Tolle Inspiration!

Ilona
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Ilona

Tolle Entwicklung die Du gemacht hast. Aber wenn einer aus der Familie das Kochen richtig beherrscht kann der andere sich um andere Dinge intensiver kümmern. Aber dass Du jetzt schon ohne Kochbücher nach Gefühl kochst ist schon beachtlich, bei mir hat es ein wenig länger gedauert. Falls Du aber mal keine Idee für ein Gericht haben solltest, koche einfach was aus meinem Rezepte Blog nach. Ich freue mich immer wenn jemand meine Rezepte ausprobiert und kommentiert.
LG
Ilona

Maike
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Maike

Ich muss gerade lachen, denn bei mir war es ähnlich. Auch wen ich immer schon kochen konnte und es auch für mich tat, tat ich es nie für andere. Ich würde das auch feministische Sperre nennen. Um alles in der Welt wollte ich nicht ‚versorgend‘ auftreten, wollte mich nicht in eine Rolle begeben, wo ich für das leibliche Wohl eines Mannes sorgte und tat einfach so, als sei das nicht mein Ding, das mit dem Kochen, sobald ich einen kennenlernte. Wenn wir richtig lange zusammen waren, dann fing ich langsam damit an, aber nur, solange der Mann auch weiterhin Essen… Weiterlesen »

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In eigener Sache. Featuring: Schreibblockade

[…] Und so werde ich mir meine Seite, meinen Blog, wieder aneignen, wie einen Körper nach der Geburt. Ihr braucht nicht denken, der Vergleich sei übertrieben, es fühlt sich für mich so an. Der Inhalt bleibt, die Hülle wandelt sich. Form follows function. Und Schreibblockaden überwindet man durch Schreiben. :) Linktipp innerhalb des Blogs: Kochen – Blockade gelöst […]

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Warum ich kein Vegetarier mehr bin

[…] Linktipps innerhalb des Blogs: Kochen – Blockade gelöst […]

Floralies
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Floralies

Hallo Christine,
Sprichst du vom Schulkochbuch oder vom Grundkochbuch von Dr. Oetker?
Danke und viele Grüße!