Konstanten im Leben eines Chamäleons

„Wenn du ein Tier wärst, welches Tier wärst du?“ Ich wusste immer, welches Tier das sein würde: das Chamäleon. Ich war schon so vieles, und immer wenn ich dachte, ich hätte meinen Platz jetzt gefunden, änderte sich die Großwetterlage, und ich stellte fest, dass ich ganz anders war. Oder anders sein konnte.

Ich war 10 Jahre lang Vegetarierin, bevor ich mit der ersten Schwangerschaft auf radikale Fleischliebhaberei umschwenkte. Ich hatte lange Phasen im Leben, in denen ich dachte, ich würde mich nie wieder verlieben und für immer alleine bleiben, auch schon mit Mitte 20. Ich wollte auf gar keinen Fall Kinder, das war für mich ein absurder Gedanke – bis ich 30 war und verzückt Babys in Berliner Trams zuzwinkerte. Jetzt habe ich drei Kinder. Ich war monogam, ich war polygam, ich war untreu, ich war in offenen Beziehungen, ich war hetera, ich war bi. Ich war DJane in Berlin und Hausfrau in Konstanz (aber nur kurz), ich war unglaublich schüchtern als Teenager und wurde später für mein vorlautes Mundwerk getadelt und auch gefürchtet.

chamäleon
wikilmages pixabay

„Wo, bitteschön, sind denn da die Konstanten!?“, frage ich mich gerade. Ich bin dünnhäutig, ich ahne Zusammenhänge, ich spüre Sachen, von denen die Menschen, mit denen ich mich umgebe, oft gar nichts wissen, obwohl das, was ich wahrnehme, sie betrifft. Nicht spooky, wohl eher das, was man heute hypersensibel nennen würde, und diese Eigenschaft zieht sich durch die Familie mütterlicherseits wie ein roter Faden. „Im Mittelalter“, sagte eine Freundin mal, „hätte man Frauen wie uns verbrannt.“

Und das ist eine Konstante, die erste wichtige, die ich festmachen kann: manche Talente machen einen verwundbar. Meine Mutter, meine Oma mütterlicherseits, die Uroma auch – begabte Frauen mit einem Hang zum Aufbegehren, aber auch mit sehr viel Durchhaltevermögen und enormer Härte gegenüber sich selbst. Und ich bin anpassungsfähig, teils mehr als mir lieb ist. Meine Sprache passt sich an, das musste so sein, weil ich in zwei Kulturen aufwuchs, der Kieler und der Freiburger Welt, und je nachdem, wo ich bin, berlinere ich, spreche ich britisches oder amerikanisches Englisch, Hochdeutsch oder Badisch.

Es scheint, dass meine Konstante meine Wandlungsfähigkeit ist. Darf ich das gut finden? Eigentlich müsste doch jeder Mensch so etwas wie „Grundfeste“ haben? Aber nicht einmal die habe ich. In meinen Mitt-20ern log ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Heute, und seit einigen Jahren, ist die Wahrheit zu sagen meine oberste Maxime. Das einzige, was immer gleich war in meinem Leben, ist dass ich gerne gelesen habe. Dass ich ohne Lesen nicht sein konnte, um es genauer zu sagen. Ich fand Kino – bis auf Autorenfilme – immer anstrengend, speziell seitdem es Dolby Surround gibt, und ich mochte schon als Kind keine „animated Cartoons“. Ich kann mir mehr vorstellen, als mir lieb ist, ich wünschte mir oft Ohropax für mein Herz. Ich bin gerne alleine. Aber es gibt Menschen, die mir fehlen.

Bleibt denn mal irgendwas? Ich mag nicht immer treiben, ich hätte so gerne das Gefühl, mein Leben selbst zu lenken. Gut – in gewisser Weise tue ich das, indem ich mich hinterfrage und immer wieder neuen Situationen aussetze. Und die Idee, als Mensch „fertig zu sein“, ist wahrscheinlich albern. Hm.

Aber zurück zum Chamäleon. Das sieht ja nur für die Umgebung anders aus, fühlt sich aber nicht anders (wissen wir darüber etwas!?). Vielleicht passt das Bild doch nicht für mich. Denn ich fühle mich grundlegend anders, je nach Umgebung und Situation. Oder suche ich mir die Umgebung, die zu mir passt?

Ach, es ist nicht einfach. Eins jedenfalls weiß ich: alles bleibt anders.

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Rona
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Rona

Wie lustig, Christine. Gerade habe ich auf meiner Seite auf einen Kommentar geantwortet. Ein Mann schrieb dort, er wäre zurückgekehrt zu alten, traditionellen Familienmustern, weil er mit der Freiheit nicht klar kam und mit dem Feminismus schon gar nicht. Ich glaube, wir alle müssen lernen, mit diesem unerträglich schönen und schrecklichen Gefühl der Freiheit und Unsicherheit zu leben. Und ich glaube, wir sind heute ehrlicher. Wir schauen uns selbst mehr ins Gesicht. Dadurch können wir auch nicht immer die bleiben, die wir waren. Aber das war schon immer so. Es ist nur sichtbarer heute, weil wir es leben dürfen.

AP
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AP

Das klingt für mich grundvernünftig. Bisher läuft es bei mir ähnlich. Wir ändern uns mit dem Leben und es fühlt sich in der Situation richtig an. Andere tragen ihre Persönlichkeit oft wie einen alten zu klein oder groß gewordenen Mantel, am dem sie nur festhalten, weil sie ihn schon immer haben. Und der Spaß am Spiel mit den Möglichkeiten ist nicht zu unterschätzen.

jennifer-heart
Gast
jennifer-heart

„… Ohropax für mein Herz …“ <3