Long Train Running – Fernweh

Auf dem Weg zum Arbeitsamt ging die Schranke nieder. Ich saß im Auto, seufzte genervt, und stellte den Motor ab. Fünf Minuten Warten war angesagt (ernsthaft – das ist so in Konstanz, habe ich sonst so nur in Bonn erlebt!). Mein Wagen stand direkt vor dem Bahnübergang, und ich starrte resigniert auf die rot-weißen Schranken, während ich überlegte, ob ich meinen Termin noch pünktlich würde wahrnehmen können.

Dann dachte ich eine Weile lang nichts, weil ich mir einen Gedankenstopp verordnet hatte – nützt ja nichts, darüber nachzudenken, ob man noch pünktlich kommt, während man aufgehalten wird – und aus diesem fast meditativen Zustand heraus wuchs in mir während der Zug, ein ICE, von links nach rechts durchs Bild fuhr, eine ganz tiefe Sehnsucht, direkt aus dem Bauch.

„Ich will da rein, mit einem Zug irgendwohin fahren, wo ich noch nie war, und einfach mal gucken, wie es da ist, wie die Leute leben, ungeplant und ohne Verantwortung neugierig die Welt bereisen“ – wusch, der Zug war fort, und ich startete den Motor, kam pünktlich zum Termin, aber die Sehnsucht habe ich mit nach Hause genommen. Nicht, um mein Leben zu verlassen und frei wie ein Vogel irgendwohin zu reisen, sondern eher als Wunsch, etwas mehr zu erleben als das tägliche Einerlei mit den Kindern.

Früher bin ich viel gereist, als Gymnasiastin zuerst kreuz und quer durch Deutschland mit dem Tramper-Monats-Ticket, später mit Interrail von Portugal bis England, es folgten unzählige Reisen nach Italien zu meiner Austauschfamilie (per Eisenbahn nach Florenz), Flüge nach England während des Auslandsstudiums, viele Reisen nach Kalifornien, und regelmäßige Aufenthalte in Norwegen in meinem letzten Job. Ich liebe das Reisen, aber am meisten liebe ich das Reisen im Zug.

Die letzte lange Zugfahrt habe ich unternommen, als ich vor 10 Jahren von Hamburg nach Konstanz zog; mit meiner magendarm-kranken Tochter, damals eineinhalb Jahre jung, reisten wir den Möbelwagen hinterher. Und sogar das habe ich genossen, obwohl ich in ständiger Angst lebte, dass das Kind im Abteil in allerlei Richtungen unpässlich werden würde.

In Zügen hatte ich die wunderbarsten Begegnungen mit wildfremden Menschen. An einige erinnere ich mich auch noch Jahrzehnte später (ja, so alt bin ich schon!), zum Beispiel an die kluge und schöne Mittvierzigerin, neben der ich im Großraumabteil im ICE auf einer meiner vielen Fahrten von Freiburg nach Berlin saß, die mit mir über die Liebe sprach. „Sie müssen Geduld haben. Der Richtige kommt noch, und manchmal erst ganz spät, wenn man gar nicht mehr damit rechnet.“ Sie erzählte von den vielen unglücklich endenden Liebesgeschichten mit Verflossenen, und dass sie bald heiraten würde, und nie gedacht hätte, dass ein so perfekt zu ihr passender Mensch in ihr Leben treten würde.

Jetzt bin ich so alt wie diese Frau, von der ich damals dachte „Wenn ich jemals so alt werde, dann möchte ich so klasse aussehen und so von innen leuchten wie sie“, denn sie hatte Lachfalten, eine warme Ausstrahlung, und war ganz mit sich im Reinen.

Es ist schon sonderbar mit den Erinnerungen, wie man jahrelang nicht mehr an etwas denken kann, und durch einen winzigen Anstoß, wie einen ersten Platz vor der Bahnschranke, eine Situation wieder vor dem inneren Auge aufsteigt.

Ich glaube, ich bin bereit für Neues. Sowohl beruflich wie privat.

Linktipp: Vierzig Jahre Flatrate – Artikel zum 40. Geburtstag des Interrail-Tickets in der Zeit Online

14
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
7 Kommentar Themen
7 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
6 Kommentatoren
Impressionen: Am Tag vor dem UmzugJa, ich brauche einen Ganztagsplatz!Mama arbeitetPatriciaMargit Nowotny Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
Tina
Gast
Tina

Hach Christine, gerade gestern packte mich dieses Fernweh. Aber da helfen gute Freunde. Also hab ich mit meiner Besten vereinbart, dass wir zwischen Weihnachten und Silvester eine Städtereise machen, wenn es bei mir noch in diesem Jahr mit einem Job klappen sollte. Rom oder London soll es werden. Wobei das bisher ja nur Hirngespinste sind. Ziel kann sich auch noch ändern, der Wunsch, mal raus zu kommen sicher nicht. Meine Kids sind dann bei der Oma, die hat zwischen den Feiertagen grundsätzlich frei. Seitdem jemand mitfiebert und sich mit mir auf diese Reise freut, liegt das Fernweh nicht mehr ganz… Weiterlesen »

DesperateWorkingMum
Gast
DesperateWorkingMum

Liebe Christine,
diese Anwandlungen habe ich auch manchmal, wenn ich mich morgens auf der Autobahn kurz vor meiner Ausfahrt der Fantasie hingebe: wie wäre es, wenn ich jetzt nicht abbiege, sondern einfach geradeausfahre, solange, bis ich einen fremden Ort erkunden kann?
Auch wenn ich mich meistens schlecht dabei fühle, aber manchmal zähle ich die Jahre, bis die Kinder aus dem Haus sind und ich von vorne anfangen kann, denn derzeit fühle ich mich zur Sesshaftigkeit verpflichtet. Was ich immer wieder bestätigt bekomme, wenn wir über Auswanderungsversuche von Bekannten reden.
Ich drück‘ dir die Daumen zumindest für den nächsten Urlaub!
LG DWM

hostmami
Gast
hostmami

Für diesen Artikel habe ich morgendlichen Streit und Verspätung in kauf genommen.
Will nur mal schnell an den Computer…. Jedenfalls bin ich abgetaucht und musste den Artikel unbedingt jetzt lesen. Gab es nicht Wochenende erst einen Streit, weil ich sagte: „Milena Moser ist einfach mit ihrer Familie nach San Francisco gegangen und hat dort bei 0 angefangen.“
Ja manchmal überfällt es einen und ich bin so froh zu lesen,das es anderen auch so geht.

Margit Nowotny
Gast
Margit Nowotny

Ein wunderschöner Artikel! Mehr kann ich gar nicht dazu schreiben… jedes weitere Wort erscheint mir zuviel!
Herzlichst
Margit

Patricia
Gast
Patricia

Liebe Christine!
Ich gönne dir sooooo sehr, daß du mit deinen „Altlasten“ abgeschlossen hast und nun positiv in die Zukunft schauen kannst. Ich wünsche dir, daß du deinen Traummann bald findest und sehr, sehr glücklich wirst.
LG Patricia

trackback
Ja, ich brauche einen Ganztagsplatz!

[…] mit Händen und Füßen, und erfahren so mehr über das Leben der anderen. Mir macht das Freude, weil ich früher so gerne verreist bin, als Teen und Twen – ich bin monatelang mit Interrail und dem Tramper Monats Ticket mit der Bahn unterwegs gewesen. Reisen bildet. Aber sich fremde […]

trackback
Impressionen: Am Tag vor dem Umzug

[…] Ich bin bereit. Und merke gerade, wie eine riesige Last von mir abfällt, weil ich endlich dieses Haus verlasse, in dem meine Ehe zuende ging. Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. […]