Musik – Thank you for the silence

„Was hörst du für Musik?“, fragte mein Freund Juri, der mir kürzlich den Laptop einrichtete, und mir ein HD Video zeigen wollte, das die volle Strahlkraft des Bildschirms zur Geltung bringt. Ich zögerte. Musik?

Hätte er gefragt „Was hast du früher gerne für Musik gehört?“, dann hätte ich eine Antwort darauf gehabt: Funk, Soul, die Motown-Ecke. Aber gibt’s das in HD? Und sollte ich diese Frage mit einer Gegenfrage beantworten? Lieber gleich raus mit der Wahrheit: „Keine.“

Juri guckte mich zweifelnd an, aber nur kurz, dann sah er, dass ich nicht scherzte. „Ich höre keine Musik mehr. Ich bin froh, wenn es ruhig ist“, schob ich nach. Er versuchte, mich nicht bedauernd anzuschauen, und spielte ein Video mit Natur und instrumentaler Untermalung für mich ab. Von mir aus hätten wir auch gerne die „Mute“-Taste drücken können.

© Siarhei Pleshakou - Fotolia.com
© Siarhei Pleshakou – Fotolia.com

Es sind so viele Geräusche in der Welt. Wir haben ständig aus irgendeiner Ecke Baulärm in unserem Boomtown-Viertel, draußen spielen Kinder, ich höre vorbeifahrende Autos, die nahe gelegene Eisenbahnstrecke, gelegentlich sogar Vogelgezwitscher oder das Rauschen der Bäume. Ich bin nicht lärmempfindlich, der Lärm der Welt ist ein freundliches Grundrauschen für mich, selbst wenn es Baulärm ist. Wo gelebt wird, sind Geräusche. Aber Musik muss ich mir deswegen trotzdem nicht in die Wohnung holen. Ich höre so gut wie nie Radio, auch nicht im Auto, ich besitze keine Musikanlage, keinen I-Pod, habe noch nie Musik auf dem Handy gehört. Sehr, sehr selten schaue ich mal einen (alten!) Clip auf youtube an, nicht öfter als 10 Mal im Jahr. Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte. Und ich weiß, das ist sonderbar.

Wie kam das? Als Kind liebte ich Musik, mein erstes Album war das „White Album“ von den Beatles, das ich mir mit 14 kaufte. Es war die Zeit, in der man mit dem Kassettenrekorder und einem Band Radio hörte und live mitschnitt, was einem gefiel. So entstanden dann „Mixtapes“, die wir rauf und runter hörten. Ich hatte einige Jahre Klavierunterrricht, ich sang im Chor. Zwar wusste ich, dass meine Begabung nur mittelmäßig war, aber es machte mir Spaß – und darum ging es.

Später, viel später, schlug ich mir dann etliche Nächte zuerst in Freiburg und dann in Berlin tanzend um die Ohren. Am Ende stand ich sogar selbst regelmäßig am Plattenteller, in einem kleinen, aber szenigen Kellerclub in Berlin-Mitte, dem „Ackerkeller“. Kaum zu glauben, dass ich für 300 Leute Musik auflegte auf dem Höhepunkt dieses Tuns. Oder kaum zu glauben, dass ich mit Musik nun so rein gar nichts mehr zu tun habe?

Was ist das – mag ich keine Musik mehr oder hat sie einfach keinen Platz in meinem Leben? Ich bin so froh, wenn es mal ruhig ist. Auch beim Schreiben und Arbeiten bevorzuge ich Stille (Großraumbüro mit Radio geht, das ist wieder ein Hintergrundrauschen). Die Kinder reden viel und gerne, wenn sie um mich sind, besonders die Jüngste. Und Kinder habe ich seit 14 Jahren.

Hier laufen die üblichen Kinder CDs mit ihren höchst einprägsamen Ohrwürmern, ich finde das sogar niedlich; es ist zum Dahinschmelzen, wenn die Jüngste mitsingt. Seit ein paar Tagen bin ich alleine mit ihr, weil die beiden älteren Geschwister eine Woche Ferien beim Vater machen. Und da flammte kurz in mir die Idee auf, Musik zu hören. Aber es war kein dringender Wunsch. Es war nur eine kurz aufflackernde Idee, bei der es blieb.

Für Musik braucht es Verlangen, Sehnsucht, Leidenschaft. Wie für die Liebe. Und für beides ist kein Platz in meinem Leben. Das liest sich nur so traurig, es ist für mich aber einfach eine sachliche Feststellung. Ich bin froh, dass die Liebe einen großen Bogen um mich macht. Und ich genieße die Ruhe.

Vielleicht werde ich eines Tages wieder Musik hören wollen. Und bis dahin bin ich froh und dankbar über jede ruhige Minute.

P.S.: So geht Social Media: Meine Freundin Tina kam, las dies, und twitterte. Chapeau!

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Das Leben. Pflicht oder Freude?andiclzKirstenPeter MeyerChristine Finke Letzte Kommentartoren
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Katharina
Gast
Katharina

Es gibt für alles eine richtige Zeit und einen richtigen Ort.
Früher lief hier Tag und Nacht DRS3, jetzt ab und zu mal noch Nachrichten. Zum Putzen wird aber noch abgerockt, das gehört sich so und wenigstens einmal die Woche muss der Staub von den Boxen geblasen werden.

Tina (WerdenundSein)
Gast
Tina (WerdenundSein)

Ich verstehe das total gut. Ich höre gerne Musik, aber erst, seitdem ich nach der Elternzeit wieder arbeite, allein im Auto, laut. Sonst nie, auf gar keinen Fall zuhause. Interessanterweise stelle ich fest, dass mich zunehmend verschiedene Geräuschquellen regelrecht stressen. Angefangen bei zwei gleichzeitig redenden Kindern, aber auch bei großen Menschen, wenn dann noch ein Radio dazu kommt, könnte ich regelrecht aus der Haut fahren. Und es wird immer schlimmer. Von daher kann ich das Genießen der Stille voll verstehen. Außer morgens auf dem Weg zur Arbeit :-)

cloudette
Gast
cloudette

Hier ganz genauso!
Ich mag nach wie vor gerne Musik, gehe gerne auf Konzerte, tanze gerne, aber alles sehrrrrr selten (leider). Zuhause liebe ich die Stille!

Silke
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Silke

Ich höre nur im Auto (Lokal-)Radio. Oft schlafen die Kinder im Auto ein oder träumen, dann kann ich endlich mal wieder Erwachsenen beim Reden zuhören ;) Die Musik ist dabei zweitrangig…

Wiebke (Verflixter Alltag)
Gast
Wiebke (Verflixter Alltag)

Ich höre zu Hause auch kein Radio. Früher habe ich IMMER zum Frühstück Radio gehört. Inzwischen nervt mich das Geplärre auch. Im Auto habe ich es manchmal an, häufig aber mache ich es aus. Auch ich genieße die Stille, wenn das Kind im Bett ist. Dennoch ist Musik ein wichtiger Teil in meinem Leben. Aber hier sind es eher die leisen Töne, die mich begeistern.

Nessa
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Nessa

Das mit der Musik ist so eine Sache. Sind die Kinder weg genieße ich die Ruhe sehr. Sehr sehr sehr. Aber dann, nach spätestens zwei oder drei Stunden ist es mir zu leise. Und dann muss Musik her. Den Fernseher als Beschallung mag ich nämlich überhaupt nicht.
Was mir aber aufgefallen ist: ich höre nur noch das, was mir gefällt. Früher konnte ich alle Top 10 Hits der Woche auswendig mitsingen, die Melodie summen oder sonst was. Heute kenne ich quasi kein einziges Lied aus den Charts. Mein geistige Musiksammlung ist quasi mit Geburt des ersten Kindes stehen geblieben.
Gruselig!

marco
Gast
marco

Ich mag irgendwie beides sehr gerne. Musik und die Abwesenheit aller Geräusche. Musik höre ich weitgehend nur zuhause. Unterwegs ist mir die Welt irgendwie zu spannend, um sie durch Musik abzuschalten. Sonst würde ein bedeutsames Stück fehlen. Zuhause höre ich hauptsächlich nur im Herbst und Winter. Ich habe eine riesige Sammlung in der Cloud und weiß vor lauter toller Musik oft gar nicht, was ich hören soll, was eigentlich sehr traurig ist. Vorrangig höre ich auch eher abends. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber tagsüber genieße ich lieber die Stille. Meine Wohnung ist recht schalldicht und zu betriebsamen… Weiterlesen »

Suse RevoluzZza
Gast
Suse RevoluzZza

Ich kann Dich absolut verstehen! Wenn die Kinder in der Schule sind, herrscht hier auch in den allermeisten Fällen geschäftige Stille – und die tut gut!

Claudia
Gast
Claudia

Interessant, ich dachte immer, ich bin die einzige, die keine permanente Geräuschkonserve erträgt. Musik hat sich vor ca 15 Jahren aus unserer Wohnung verabschiedet. Das war ein schleichender und eine ganze Zeit unbemerkter Prozeß und hatte damit zu tun, dass die Wohnung in China lag und die alltägliche Geräuschkulisse dort vor allem wegen der Lautstärke extrem anstrengend war, . Radio höre ich regelmäßig, aber nur im Auto auf der einstündigen Fahrt zur Arbeit und dann nur Text aus dem Info Radio. Ab und zu bei der Fahrt auch Musik vom iPod, und dann immer laut;-) Unsere Tochter wünscht sich gern… Weiterlesen »

Peter Meyer
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Peter Meyer

Meistens ist Musik doch gut für die Seele, wenn Musik aus dem Leben sukzessive verschwindet, sollten eigentlich die persönlichen Alarmglocken sehr laut läuten. Mit Musik werden Gedanken, Einfälle, Erfahrungen und ja Teile des Lebens assoziiert und reflektiert. Der Wunsch nach Stille ist auch ein Wunsch nach Entschleunigung, Informationsreduktion, der Sehnsucht auch mal allein sein zu dürfen. Radio, TV und andere Krankheitserreger sind hingegen tatsächlich obsolet geworden. Es ist schon sehr traurig, wenn Musik zur Bedeutungslosigkeit in der heutigen Gesellschaft verkommt. Schade, dass dieses kranke System auch die Menschen psychisch deformiert.

Kirsten
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Kirsten

Hier: lange Zeit Stille und ebenfalls ein Stehenbleiben des Musikgeschmacks. Was heißt Geschmack, der mag ähnlich geblieben sein, aber es kamen keine neuen Interpreten/Bands dazu. Seit der Geburt des ersten Kindes. Für mich war es dann aber tatsächlich ein Punkt des „Was für mich tuns“, als ich mir endlich wieder einen EIGENEN CD-Spieler anschaffte (und nicht mehr einen aus dem Kinderzimmer leihen musste), mit dem ich gern Musik höre beim Essen machen. Und neue Musik kam dazu, als ich entdeckte, dass es in der Bücherei Musik-CDs zum Ausleihen gibt, da kann man erst mal intensiv reinhören, bevor man sich vielleicht… Weiterlesen »

andiclz
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andiclz

Ich mag die Ruhe im Haus auch. Und bei Kindergequassel den ganzen Tag liebe ich die Ruhe, wenn beide mal weg sind. Radio läuft hier darum nur so lange bis mein Mann das Haus verlässt.
Aber dennoch ist Musik immer noch da. Ich liebe es im Chor zu singen oder im Auto laute Musik zu hören :-) Dabei kann ich dann einfach für den Moment mal sein. Ich brauche das. Aber nicht als Hintergrundgedudel.

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Das Leben. Pflicht oder Freude?

[…] ein paar Tagen ist die Musik wieder aus meinem Leben verschwunden, und das ist in Ordnung. Sie bringt sowieso nur Unruhe hinein, so wie die Liebe. Das klingt wirr? Ich bin sicher, meine Oma hätte mich verstanden. Bei meiner Oma lief nie Musik. Es […]