Stalking oder unerwiderte Liebe?

Er stellte mir Essen vor die Tür, er schickte imposante Blumensträuße, er sandte über Monate SMS mit schwülstigem Inhalt, er fuhr täglich an meinem Haus vorbei, um nach dem Rechten zu sehen (ohne dass ich damals davon wusste, zum Glück). Das alles tat er, obwohl er längst eine neue Freundin hatte.

Es war mir ein Rätsel, warum er glaubte, mir noch nachstellen zu müssen. Lag es daran, dass er nicht verlieren konnte? Dass er das Gefühl hatte, hier sei etwas im Ungleichgewicht? Er brachte mir wertvolle Unterwäsche von einer Auslandsreise mit (die ich nie auspackte), er rief an, obwohl ich gesagt hatte, ich wolle keinen Kontakt mehr, wir hätten nichts miteinander zu besprechen. Oft war das abends, und dann klang es, als habe er getrunken, was mein Unbehagen noch steigerte. Ich beendete diese Telefonate rasch und sachlich.

Eines Tages fand ich sogar einen kleinen Peilsender unter meinem auf der Straße geparkten Kleinwagen, den ich vor lauter Schreck in hohem Bogen von mir warf, anstatt damit zur Polizei zu gehen. Aber was hätte die auch tun sollen? Es war ja nichts passiert. Und ich hatte ihn abserviert, war dieses Verhalten vielleicht nur besonders hartnäckige, enttäuschte Liebe? Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich viele andere Baustellen in meinem Leben und dachte nicht lange darüber nach, was dieser Ex tat. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht über ihn nachdenken.

Blumenstrauß Rosen
cattu Pixabay.com

Und so habe ich nicht verstanden oder vielleicht auch einfach verdrängt, dass das Stalking war. Im Vergleich zu dem, was viele andere Frauen erleben, eine leichte Form, eine, die mich im Alltag nur wenig beeinträchtigte. Aber es war schon so, dass ich Angst hatte, wenn das Telefon klingelte, ob er das wieder sein würde. Ich hatte auch Angst, dass er vor der Tür stehen würde und mich entweder beknien würde, zu ihm zurückzukommen, oder bedrohen. Die Telefonnummer konnte ich aus mehreren Gründen nicht einfach wechseln, und da nicht nur ich an dieses Telefon ging, hatte ich es auch nicht in der Hand, es einfach durchklingeln zu lassen. Aber nachts stellte ich das Telefon aus, das ging in der damaligen Wohnkonstellation.

Das Ganze dauerte über ein Jahr, erst nach 2 Jahren war die Sache wirklich ausgestanden. Auf die SMS habe ich nicht geantwortet, das Telefon gemieden, wo es ging, und die Blumen verschenkt oder in den Biomüll geworfen, ich wollte sie nicht. Es war eine sehr bedrückende Zeit, und während ich das aufschreibe, weil ich heute Mittag die Stalking-Expertin und ehemalige Betroffene Christine Doering als Expertin im TV gesehen habe, spüre ich einen Druck auf dem Brustkorb und habe das Gefühl, schlechter Luft zu bekommen als sonst. Wahrscheinlich, weil ich flacher atme.

Es ist nicht zu unterschätzen, was Stalking mit den Gestalkten macht, und sei es auch nur eine leichte Form. Unerwiderte Liebe jedenfalls fühlt sich nicht so an, das hätte ich eigentlich wissen müssen. Der Begriff Stalking aber war für mich mit wilden Autoverfolgungsjagden und direktem Auflauern vor dem Arbeitsplatz besetzt, ich kam nicht auf die Idee, dass dieser Ex weiterhin meine Grenzen überschritt. Schräg eigentlich. Aber genauso ist es ja auch bei häuslicher Gewalt: es müssen keine Prügel und Messer am Hals sein, auch fliegende Teller, Geschrei, sexuelle Gewalt, finanzielles Kleinhalten, Isolierung und Abwertung gehören zu den Formen, in denen Gewalt sich äußert.

Little did I know. Und weil die meisten Menschen so wenig darüber wissen, will ich hier gerne drei Seiten empfehlen, die hervorragend und umfassend informieren. Ich hoffe, Ihr habt keinen Bedarf dafür. Falls aber doch, seid Ihr dort gut aufgehoben.

 

Stalking und Justiz von Christine Doering

Stalking Webseite

 

BIG e.V. Berlin gegen Gewalt an Frauen

BIG e.V. gegen Gewalt

 

re-empowerment.de

re-empowerment

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4 Kommentare auf "Stalking oder unerwiderte Liebe?"

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anna
Gast

Vielen Dank für diesen Blogeintrag, kommt er doch beinahe wie beim Universum bestellt. Zu meinem Glück bin ich nicht die Betroffene. Es ist vielmehr so, dass ich seit einem Gespräch am Wochenende Worte für das Gefühl suche, dass die mir beschriebene häuslichen Situation eines Freundes nicht in Ordnung ist. Seine Partnerin übt Gewalt aus, das war bis eben nur ein Gefühl, jetzt sehe ich es bestätigt.
Manchmal wundere ich mich über die eigene Blindheit. Danke nochmals für den entscheidenden Hinweis zur rechten Zeit.

Rona
Gast
Liebe Christine, ich finde es sehr gut und wichtig, dass Du selbst als Betroffene über dieses Thema schreibst. Wie oft werden solche Dinge verharmlost und unter den Teppich gekehrt – auch von Angehörigen des Opfers. „Er ist halt noch nicht drüber weg.“ „Das gibt sich schon.“ „Da siehst Du, wie sehr er Dich geliebt hat“ etc. Wichtig finde ich, was Christine Doering sagt: eine Anzeige ist so wichtig und man muss dann auch dabei bleiben und die Anzeige nicht zurückziehen. Das ist nicht nur wichtig, um hoffentlich auf Dauer von diesen Belästigungen befreit zu sein, sondern auch um für sich… Read more »
Ulrike
Gast

Kennst du Mary Scherpe und ihr Buch? Sehr zu empfehlen, veranschaulicht es doch, wie sich heutzutage das Stalking aufs Internet ausgeweitet hat und wie machtlos man ist, auch, weil die Polizei nicht wirklich helfen kann/will …