Stimmen im Ohr

„Phonetik? Das können Sie hier in Freiburg nicht studieren“, sagte der Mitarbeiter im Studentensekretariat zu mir und schüttelte irritiert den Kopf. Ich hatte mich umschreiben lassen wollen, vom zweiten Nebenfach, das Skandinavistik war, zur Phonetik, einem Exotenfach, dem ich mehr oder weniger zufällig im Rahmen der Anglistik begegnet war.

„Doch, ich studiere das schon. Ich kenne die Dozenten und ich habe Scheine gemacht“, klärte ich den überraschten Mann auf. „Sehen Sie, hier. Und im Vorlesungsverzeichnis finden Sie das Fach auch.“ (Ich war vorbereitet gekommen). Um es kurz zu machen: ich konnte den Mitarbeiter der Verwaltung überzeugen und wurde zu einer der maximal 5 (?) Studierenden der Phonetik, die es Anfang der 90er Jahre in Freiburg gab. Wir kannten uns alle, es war ein Zirkel von extrem sprachverliebten Menschen, die ein klein wenig sonderbar waren.

Mikro
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Als ich die Phonetik kennenlernte, war das wie Liebe auf den zweiten Blick. Ein Studienfach, von dessen Existenz ich nicht einmal etwas geahnt hatte, und das zu 100% meinen Interessen entsprach. Es war mehr als Sprachen lernen, es war das universelle Grundverständnis dahinter, wissenschaftliche Exaktheit, eine gute Prise Linguistik, Neurowissenschaften, Medizin und Physik, alles messbar, und trotzdem ging es nicht ohne Gefühl. Und Empathie – denn ein erklärtes Ziel des Phonetikstudiums war es, jeden beliebigen Laut einer beliebigen Sprache auf der Welt reproduzieren zu können. Das geht nur, wenn man genau hinhören kann und das Gehörte auch exakt wiedergeben. Es ist viel Training nötig, damit das klappt.

Augen als Spiegel der Seele? Nein, die Stimme!

Ob ich jemanden mag oder nicht, entscheidet mein Gehör. Wenn ich mich verliebe, dann reden meine Ohren – neben meinem Geruchssinn – ein gehöriges Wörtchen mit. Die Stimme eines Menschen ist für mich wie ein Fingerabdruck, nur dass ich sie besser lesen kann als Linien auf der Haut. Nicht nur, dass die jeweilige Stimmung des Menschen spürbar wird in dem, was und wie er/sie es sagt, auch der grundsätzliche Eindruck, nennen wir das ganz unwissenschaftlich „die Basisstimme“, sagt unheimlich viel aus.

Leute, die kehlig sprechen, kann ich zum Beispiel überhaupt nicht ausstehen. Die klingen komplett verkampft und verknotet. Frauen, die in hohen Tönen fiepen und gurrren, machen mich aggressiv. Und Männer, die gedrückt und heiser reden, lösen bei mir einen Fluchtreflex aus.

Andersherum betrachtet gibt es Stimmen, die einen süchtig machen, die so gut klingen, dass man anfangen möchte, zu schnurren. Mit solchen Leuten umgebe ich mich gern. Es gibt je nach Kultur, so erinnere ich das aus dem Studium, einen Konsens, was als angenehm empfunden wird – in den USA ist es so, dass Frauenstimmen wesentlich tiefer klingen sollten als sie das hier in Europa tun, was mir immer wieder als sehr befremdlich auffällt.

Es gab keinen wichtigen Mann in meinem Leben, dem ich nicht hätte dabei zuhören können, wie er das Telefonbuch vorgelesen hätte (um hier sinnbildlich den Inbegriff von Langeweile einzubringen). Und ich kann mich an keinen erinnern, dessen Stimme mir nicht gefallen hätte. Da hätte die Optik schon sehr überwältigend sein müssen, um das mal salopp zu sagen. Nein, das Ohr liebt mit. Es ist, als würde die Stimme, und nicht nur das Gesagte, in einem selbst etwas zum Schwingen bringen. Ich kenne weniges, das schöner ist. Abgesehen von direktem Körperkontakt. Aber Stimmen können auch streicheln, mich jedenfalls.

Synchronsprecher, Werbung und TV-Serien als Quell ewiger Irritationen

Den Fernseher habe ich im vergangenen Sommer abgeschafft, aber ich erinnere mich gut, wie sehr es mich störte, wenn ich eine Stimme im TV hörte, die ich jemandem bestimmten zuordnete, und sie auf einmal zu jemand anderem gehören sollte. Ganz schlimm fand ich es, wenn ich die Stimme von George Clooney oder Julia Roberts (o.ä.) in Kinder-TV-Serien hörte, oder als Sprecher in Werbespots. Andersherum ist es auch komisch, wenn man Komödianten auftreten sieht, und bemerkt, dass sie die deutsche Stimme von Schauspieler XY sind.

Aber das scheint andere Leute nicht so zu stören, sonst hätte der Markt das ja anders reguliert. Wobei – wenn ich meine Kinder so ansehe, und in deren Fernsehserien eine Figur auf einmal eine neue Sprecherin hat, dann hat sich meine „Stimmenklauberei“ zumindest auf meinen Nachwuchs vererbt. Denn dass eine Zeichentrickfigur zwar aussieht wie vorher, aber anders klingt, das geht für meine Kinder GAR nicht. Ich mag meine Kinder, sowieso. Aber besonders mag ich sie, wenn sie empört ins Wohnzimmer laufen und rufen: „Die Dora im Fernsehen hat die falsche Stimme, Mama!“ Dann wird mir ganz warum ums Herz. Das sind gute Kinder. Sie hören zu.

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goldammer
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goldammer

Oh wie wunderbar geschrieben! Ich habe mich zu einem erheblichen Teil in meinen jetzigen Freund verliebt, weil er das R rollt (nicht auf die süd-, sondern auf die osteuropäische Weise, es ist mehr ein Stupsen als ein Rollen.) Und in seine Rastalocken. Aber das ist ein anderes Thema.

Vielen Dank!

Biene
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Biene

Ich kann dich so gut verstehen, was die Stimmen angeht!
Mich stört es auch ungemein, wenn im Fernsehen eine Figur plötzlich eine andere Stimme hat.
Generell kann ich nicht gut die deutsche Synchronisation hören, wenn ich die Originalstimmen von Schauspielern kenne – das irritiert mich dann einfach nur.

Liebe Grüße, Biene

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

Oh ja! Ich könnte mich endlos darüber nerven, dass im deutschsprachigen TV alle schwarzen und alle dicken weissen Frauen dieselbe Synchronstimme bekommen – Whoopi Goldberg und Roseanne Barr haben dieselbe Stimme. WTF?

Maria
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Maria

Dann sind wir ja quasi Kolleginnen- ich hab Sprechwissenschaft in Halle (Saale) studiert, das schlägt ja in dieselbe Richtung. Der Blick aufs Sprechen geht nicht mehr weg, ich freu mich darüber und schmunzle oft, wenn ich nach drei Sätzen die regionale Herkunft von Menschen benennen kann, auch wenn sie sich selber für die sprecherischen Hannoveraner schlechthin halten ;-).

Eine Kommilitonin von mir ist übrigens mittlerweile Stimmanalystin beim LKA und überführt VerbrecherInnen anhand stimmlicher Merkmale. Kann also auch eine echt handfest nützliche Fertigkeit sein…

Irmy Doetsch
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Irmy Doetsch

Moin, Moin Christine!
Das geht mir genauso. Ich finde Stimmen müssen stimmen, für mich! Mir fällt gerade Hannelore Hoger aus Hamburg ein, in deren „Sound“ liegt so viel, nicht zu überhören der „norddeutsche“ Klang. Oder kannst du dir vorstellen, diese Stimme würde alemannisch schwätzen?
Schade, mich wirst du nicht leiden können, da ich – meine ich zumindest – doch kehlig spreche! Frag doch mal die Edda!
Grüssli Irmy