Träumst du noch?

Vom Traum, wieder Tagträume und Lebensträume zu haben

Es ist grau und kalt draußen. Nieselregen kriecht unter meine Kleidung. Ich möchte gerne woanders sein, irgendwo, wo es warm ist und die Sonne scheint, oder wenigstens eins von beidem.

Eine Millisekunde lang sehe ich die Kinder und mich an einem Küstenort im Süden leben, ich führe dort ein Strandcafé, sie gehen in eine entspanntere Schule, sind sonnengebräunt und haben sandige Füße. Aber das wird nicht passieren, ich will es nicht einmal träumen, weil ein Traum für mich einen Hauch von Durchführbarkeit haben muss.

Meine Kinder wollen nicht im Süden wohnen, sondern in Konstanz. Und bei ihren Freunden bleiben. Abgesehen davon könnte ich ohne Einverständnis des Kindsvaters nicht umziehen, schon gar nicht ins Ausland. Selbst wenn dieser sich nicht um die Kinder kümmert und aus freien Stücken weit, weit weg gezogen ist. So will es das gemeinsame Sorgerecht.

fahrradbruecke

I am stuck. Meistens ist das okay, nur am Samstag nicht, wenn ich Lagerkoller bekomme, und im Winter auch nicht. Naja, der Winter ist ziemlich lang. Und Lagerkoller und Gefühle von Gefangenheit habe ich auch öfter mal. Trotzdem träume ich mich selten weg. Es ist irgendwie kein Raum dafür mehr da.

Wann habe ich die Träume verloren? Als ich anfing, immer nur zu funktionieren? War es, als ich das erste Kind bekam und über Jahre keinen Schlaf mehr fand? War es, als ich aufhörte, an die eine große Liebe zu glauben? Daran, dass Glück etwas ist, das bleibt?

Neulich, Ihr habt es mitbekommen, wenn Ihr hier regelmäßig lest, träumte ich wieder von der Liebe, von einem Mann, den ich wiedersehen wollte, immer wieder, und an dessen Seite ich gerne viel mehr Zeit verbracht hätte. Ich sah ihn wieder, er träumte auch von mir. Dann platzte mein Traum, und seitdem kann ich nicht mehr träumen, nur nachts noch – da träume ich immerhin bunt und interessant, aber meine Tagträume sind wieder vollends verschwunden. Schade, denn es war so schön, zu träumen.

traum graffiti

Ich merke, dass mir Träume fehlen. Ein Leben ohne Träume ist wie Fahren mit angezogener Handbremse. Also überlege ich: was könnte ich träumen? Wo will ich hin? Was soll passieren? Und mir fällt nichts ein. Gut, ich träume seit Jahren davon, mal eine Woche frei zu haben, oder ein Wochenende. Ganz alleine für mich zu sein. Durchführbarkeitseinschätzung gleich Null. Weg mit dem Traum, der tut mir sonst nur weh, wie das Träumen von der Liebe, das ich mir nicht mehr erlaube, weil darin eine Person vorkommt, die nicht Teil des Traumes sein will, dann mag ich ihn auch nicht mehr träumen.

Doch, eine Sache fällt mir ein, die ich träumen will und kann: ich möchte mit meinem Buch auf Lesereise gehen. Und auch das erscheint mir schon als verwegener Plan, habe ich doch zwei Kinder unter 10, die ich nicht über Nacht alleine lassen kann, und die sich nicht gerne fremdbetreuen lassen oder freudig bei Freunden übernachten.

Ich träume davon, möglichst viele Alleinerziehende zu erreichen, die sagen, „Endlich hat’s mal jemand aufgeschrieben! Genauso geht es mir auch!“, und Nicht-Alleinerziehende, die feststellen, dass es ganz schön hart sein kann, als Ein-Eltern-Familie den Alltag zu meistern. An diesem Traum halte ich mich fest, bis ich wieder andere Dinge träumen kann. In der Annahme, dass Träume wieder einen Platz in meinem Leben haben werden, weil ich das gerne so möchte. Denn ganz ohne Träume zu leben, das hält kein Mensch auf Dauer aus. Jedenfalls nicht in Kombination mit Nieselregen, Kälte und Dauergrau.

Ah, ich hab’s: Ich träume davon, wieder träumen zu können, irgendwann! Das ist ein Anfang. Durchführbar, nicht aussichtslos, ein Fernziel. Und wie ist das bei euch mit den Träumen? Sind sie im Alltag untergegangen oder noch da?

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KiraannaG.Mama arbeitet Letzte Kommentartoren
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G.
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G.

Liebe Christine, ich versuche mir grade das Träumen abzugewöhnen. Erst kamen sie mir irgendwie im Alltag mit Mann und Kind und Vollzeitjob und als Alleinverdienerin abhanden. Völlig unbemerkt. Dann stolperte „er“ in mein Leben. Und die Träume waren da. Bunt. Voller Lachen. Aufregend. Die meisten würden es nicht glauben, aber sogar die „Erst“-Beziehung wurde wieder prickelnd. Du, Christine, wirst es nachvollziehen können, vermute ich. Drei Jahre durfte ich träumen… tagtäglich…. und er träumte mit mir. Jetzt ist es vorbei, ganz ähnlich wie bei dir. Mir war nur mehr Zeit mit ihm vergönnt, bis er realisierte, dass es ihn auf Dauer… Weiterlesen »

anna
Gast
anna

Die Träume, die die Liebe mit sich bringt, sind tatsächlich die schönsten und leider auch die grausamsten.
Seit geraumer Zeit träume ich immer mal wieder von mir selbst und male mir aus, wie mein Leben im Idealfall aussehen soll. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ändert sich dadurch tatsächlich etwas, wenn auch ganz langsam und schleichend.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass die Träume wiederkommen.

Kira
Gast
Kira

Meine Träume sind kleiner geworden. Viel kleiner. Ich nenne es Demut.
Ich wollte auch mal auswandern. Mein Traum heute: mal nach Italien mit den Kindern und wenn es Camping ist. Und das ist schon schwer jetzt mit den Schulferien. Immerhin kennen sie das Meer, wir waren in Holland zelten. Mein Traum ist unser Garten, da kann ich kleine Träume verwirklichen, jedes Jahr ein bisschen mehr :)