Vom Glück, weinen zu können #notjustsad

Wie anstrengend die Schulferien waren, in denen erstmalig alle drei Kinder die ganzen 7 Wochen bei mir waren, das habe ich gestern Nachmittag mit voller Wucht zu spüren bekommen. Dass die Sommerferien für die Jüngste nicht mehr 3 Wochen betrugen, wie es in der Kita normal war, sondern extra lang waren, ist für uns beide hart gewesen. Sie konnte es kaum abwarten, endlich in die Schule zu kommen und war voller Energie, Unruhe und Ungeduld, das kannte ich schon von ihren beiden älteren Geschwistern. Und auch Erschöpfung kenne ich, immerhin bin ich schon fast 6 Jahre extrem alleinerziehend, ohne Unterstützung vom Exmann, ohne Familie vor Ort, oft mit Geldsorgen, stets mit mehr auf der to do Liste, als ich schaffen kann.

akku

Da heißt es Prioritäten setzen. Und die lauten: Kinder, Berufstätigkeit, politisches Ehrenamt, Blog, Selbstfürsorge. Letzteres kam offenbar, und auch nicht überraschend, in den langen Sommerferien zu kurz. Wir konnten nicht wegfahren in den Ferien, und eigentlich war geplant, dass die beiden großen Kinder zum Vater reisen, um eine Woche bei ihm zu verbringen, wie das Familiengericht es angeordnet hatte. Und dann kam alles ganz anders, dem Vater ist kein Vorwurf zu machen, die Kinder blieben jedenfalls hier, weil sie es so wollten. Damit fiel meine „Erholungswoche“ weg, in der ich nur die Jüngste zu betreuen und nebenbei zu arbeiten gehabt hätte, was wesentlich einfacher ist, als noch von 9-22 Uhr Geschwisterstreit zu schlichten, und es fiel auch die Perspektive weg, dass bald/irgendwann alle drei Kinder zum Vater reisen, und ich dann eine unfassbare Woche lang frei hätte, richtig kinderfrei, wie ich es noch nie hatte. Ob das nun jemals passiert, steht in den Sternen. Ich baue einfach nicht darauf.

Ich habe tadellos funktioniert, wie ich das fast immer tue. Und genau das ist so gefährlich – eigentlich war es nur folgerichtig, dass nach erfolgter Einschulung der Jüngsten am Mittwoch und den gut überstandenen ersten beiden Schultagen dann gestern gegen 14 Uhr bei mir der Akku komplett leer war. Ich machte noch Mittagessen für die Kinder, dann wurde mir sehr flau, ich legte mich kurz hin und wachte 3 Stunden später wieder auf. Mit dem Wunsch, bis zum nächsten Morgen durchzuschlafen, was aber nicht durchführbar war. Aber ich schlief in der Nacht gut und lange.

Einschulung
Einschulung Jüngste, 16. September 2015

 

Heute früh wachte ich dann auf und wusste, dass ich die schlimmste Erschöpfung überstanden habe. Im Nachklang, und das ist neu, stellte sich große Traurigkeit ein. Mir war zum Heulen. Mir ist immer noch zum Heulen. Niemand nimmt mich in den Arm, wenn alles zu anstrengend wird, niemand hilft mir, wenn ich nicht laut „Hilfe!“ rufe und aufs Kindeswohl verweise, die großen und kleinen Niederlagen des Alltags kann ich mit keinem besprechen und wenn ich mich freue, dann freue ich mich alleine. Auf twitter sagt man dazu „Ich will auf den Arm“, und der Gedanke daran macht mich noch trauriger, denn mein Lieblingsmensch ist sehr weit weg, und ich bin zwar nicht unglücklich, aber realistisch betrachtet sehr aussichtslos verliebt.

Dass dann noch die Nebenkostenabrechnung reinkam und ich trotz geringeren Verbrauchs als im Vorjahr 223 € nachzahlen muss, dass es Herbst wird (nein ist!), und dass ich den Winter, Kälte und Dunkelheit hasse, hebt meine Stimmung auch nicht. Die Steuer 2014 ist noch nicht gemacht, am 30.09. muss sie eigentlich fertig sein. Und ich hätte die Kommentare unter einem Text, in dem es um mich ging, nicht lesen dürfen – normalerweise ist mir sowas egal, aber wenn ich wackelig bin, natürlich nicht.

Trotzdem: ich bin so unglaublich froh, dass ich diese Trauer spüre. Dass mir zum Weinen ist, dass es mir gelingt, aus tiefstem Herzen traurig zu sein. Es gab Zeiten, da spürte ich fast gar nichts mehr, ich hatte die Traurigkeit weggesperrt und mit Aktionismus und „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ zu vertreiben versucht. Das war keine gute Idee. Ich war Mitte 20, ich war alleine in Berlin, und obwohl niemand etwas merkte, weil ich sehr gut im Zusammenreißen war, war ich innerlich wie versteinert. Ich wollte tot sein, jeden verdammten Tag, monatelang. Aber umgebracht hätte ich mich nicht, das war ja auch keine Lösung. Also suchte ich mir Hilfe und lernte sehr mühevoll, wie ich meine Gefühle wieder spüre. Und wie ich weniger von den Gefühlen anderer Leute in mir aufnehme. Denn das war mein Problem gewesen: ich hatte so feine Antennen und so ein gutes Gespür für das, was in anderen Leuten vorging, dass mich die Wucht all dieser Eindrücke überwältigte. Ich spürte alles und jeden, aber mich nicht mehr.

KaterUnd deswegen bin ich heute, wo ich so traurig bin, gleichzeitig glücklich, dass ich traurig sein kann. Ich weine ein bisschen auf die Tastatur, ich kuschele mit dem kleinen Kater, der jetzt bei uns wohnt, und ich nehme die Trauer an.

Es gibt gute Gründe für mich, traurig zu sein. Ich darf das. Und ich werde keine Energie aufwenden, um die Traurigkeit zu verstecken, denn das ist es, was einen am Ende so versteinern lässt.

Eingefrorene Traurigkeit macht krank. Ich nehme lieber warme, salzige Tränen. Und dann irgendwann wieder das Glück. Später.

P.S.: Der Hashtag #notjustsad wird auf twitter benutzt, um über Depressionen zu schreiben.

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Mama arbeitetAnneThomas ArbsFrau MeikeHannah Letzte Kommentartoren
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ap
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ap

Ich fühle mit dir, wortwörtlich. Bei mir sind die Gründe andere, aber das Gefühl, endlich so wenig gestresst zu sein, dass Tränen fließen können, das kenne ich und hatte ich gestern. Es ist ein gutes Zeichen und es geht vorbei. So wie alles vorbei geht und vorübergehend ist.
Wir wissen nicht was kommt und unmöglich ist die Aussicht auf eine freie Woche nicht, die Tendenz in deinem Leben ist doch klar aufwärts.

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

<3

Frau Meike
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Frau Meike

Liebe Christine, heute, im Laufe des Vormittags, überkam mich tiefschwarze Traurigkeit, ohne konkreten Anlass. Ich fühlte mich bleischwer, das Lächeln wollte nicht klappen, obwohl ich eigentlich ganz fröhlich aufgewacht war. Unter der Dusche habe ich dann einfach losgeheult, geweint, bis ich alle war. Der Mann ist immer sehr liebe- und verständnisvoll und weiß, dass ich das manchmal brauche. Dass die Wolken, die sich manchmal in meinem Kopf bilden, einfach abregnen müssen, damit die Sonne wieder scheinen kann. Nachdem ich mich allegeweint hatte, war mir leichter. Ich stehe nicht annähernd so unter Strom wie Du, ich brauche einfach viel weniger, um… Weiterlesen »

Eris
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Eris

Danke, dass Du diesen Text geschrieben hast! Mir geht es sehr sehr ähnlich. Ich habe zwar nur einen 2-Jährigen „an der Backe“, aber weil ich oft mit allem alleine dastehe, könnte ich auch manchmal einfach nur liegen bleiben. Ich denke da macht es nicht viel Unterschied, ob man nur ein Kind, drei oder noch mehr hat. (Natürlich ist es mit mehr Kindern auch schwieriger, aber ein Kind reicht schon aus dafür…) Von anderen fühle ich mich oft missverstanden – vor allem, wenn ich offen schreibe, dass es mir nicht gut geht. Habe schon oft zu spüren bekommen, dass andere meinen… Weiterlesen »

Taugewas
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Taugewas

Ach, beim Lesen spürt man richtig Deine Erschöpfung, Deine Traurigkeit. Ich weiß nicht, was ich Dir sagen soll… Ein bisschen Gratulation, dass Deine Kleine nun ein Schulkind ist, ein bisschen Anerkennung für die Wochen mit drei Kindern alleine, ein bisschen ein Kompliment, dass Du trotz Erschöpfung ziemlich gut aussiehst auf dem Einschulungsfoto… Und dann noch das, was mir spontan einfiel beim Lesen Deines Beitrags: Du machst das super, Christine!! Ich bin mit meinem Bruder nur von unserer Mutter aufgezogen wurden, ganz ohne Vater, Oma oder Opa in der Nähe. Es ist so schwierig gewesen für unsere Mutter. Ich glaube, am… Weiterlesen »

Sara
Gast
Sara

Schade dass Ihr zu weit weg wohnt, hätte Dir gerne mal die Kinder abgenommen und meine zwei wären wahrscheinlich auch damit glücklich gewesen, die waren nämlich in den Schulferien so was von unterfordert.
Wünsche Dir weiter viel Kraft und bewundere Dich, wie Du das alles unter einen Hut bekommst.
Liebe Grüße
Sara

ehrlichgesagt
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ehrlichgesagt

(( ))

Sophie
Gast
Sophie

Liebe Christine, danke für diesen Text! Es tut so gut zu wissen, dass man mit manchen Problemen nicht alleine ist… also, meine Lebenssituation ist eine andere als deine… aber die Gefühle kenne ich. Ich habe leider sehr lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass „zusammenreißen“ die falsche Herangehensweise war. Dementsprechend schlimm wurde dann auch die Depression, gegen die ich gerade noch kämpfe. Es kann so schwer sein alle Aufgaben zu erfüllen, die man vom Leben gestellt bekommt…

Susanne
Gast
Susanne

Liebe Christine, deine Zeilen gehen mir nahe, ich spüre deine Erschöpfung … Ich frage mich, wie wuppt man drei Kinder, Job und Ehrenamt, ohne temporäre Auszeit, ohne nicht komplett zusammenzubrechen? Ich habe größte Hochachtung vor deiner Leistung, vor der Leistung aller Alleinerziehenden! Es ist dennoch schön, dass du die Traurigkeit noch spürst, zeigt es doch zum Glück, dass du dich noch spürst <3 Gibt es denn eigentlich keine Möglichkeiten von der Stadt, die man in Anspruch nehmen kann? Ganz liebe Grüße und fühl dick gedrückt <3

Hannah
Gast
Hannah

Wie allein man sich oft fühlt, und einsam. Mutterseelenallein eben. Dabei ist unsere Situation alles andere als einmalig oder Ausnahme. Wir sind kein Einzelfall, wenn eine mir fremde Mutter ein Leben erzählt das meins ist. Lediglich die Summe der Nachzahlung unterscheidet sich und die Anzahl der Kinder. Diesen Blog zu lesen hilft. Ich bin weniger allein. Aber ich frage mich wie es sein kann, dass wir so viele sind die dieses Leben leben und doch so wenig Unterstützung bekommen von Öffentlichkeit und Politik. Wahrscheinlich sind wir einfach zu müde um nach unserem Alltag noch um unser Recht zu kämpfen. Dein… Weiterlesen »

Thomas Arbs
Gast
Thomas Arbs

Es ist gut, etwas zu fühlen, und es ist auch legitim, wenn das Traurigkeit ist. Es ist schlecht, wenn sich Erschöpfung wie Traurigkeit anfühlt. Wenn schon jede Mutter 110% gibt, was gibst dann du? Vielleicht wollen wir das gar nicht zu genau wissen, vielleicht du selbst auch nicht. Virtuell können wir dich in den Arm nehmen, viel mehr können wir nicht tun. Was mich etwas besorgt, ist dieser Grat zwischen Erschöpfung, Traurigkeit und klinischer Depression. Denn das wäre ein Punkt, wo In-den-Arm-Nehmen allein nicht reicht, wo du Hilfe suchen müsstest. Ein Punkt, wo „aber das darf doch gar nicht sein,… Weiterlesen »

Anne
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Anne

Liebe Christine, die Traurigkeit steht Dir zu. Was mich wütend macht, ist, dass es Regionen in Deutschland gibt, in denen Mütter so wahnsinnig alleine gelassen werden – strukturell bedingt. Und dass es ärmere Bundesländer wie Sachsen schaffen, zumindest diese Art von Erschöpfung nicht zuzulassen – und dafür Freistaatlich/städtisch aufgebaute und geförderte Strukturen haben. Kita-Ferien von sieben Wochen gibt es hier nicht. Mein Kind war bis zum Donnerstag vor seiner Schuleinführung am Sonnabend in seiner Kita. Alternativ hatte seine Schule, in der es nun ist, im Vorfeld angeboten, es schon vorab in der Ferienbetreuung aufzunehmen. Bis zur vierten Klasse ist eine… Weiterlesen »