Es gibt keinen Weg zurück – vom Träume Loslassen

Eine harmlose Nachricht im WhatsApp Familienchat macht, dass ich weine.

Ich weine selten, dazu habe ich keine Zeit, nein noch viel schlimmer, dass ich weine geht nicht, weil meine Kinder damit nicht klar kommen. Ihr Leben war lange von Erschütterungen und Unwägbarkeiten geprägt, sie haben diverse Ängste, wir haben viel durchgemacht als Familie nach der Trennung vom Vater, die jetzt 10 Jahre her ist. Vieles davon war traumatisch, leider auch meine diversen Versuche, Hilfe für die bereits durch den Exmann traumatisierten Kinder zu bekommen, sei es durch eine kinderpsychiatrische Tagesklinik, das Jugendamt oder andere Fachleute oder vom System vorgeschlagene Hilfen. Ich weine also nicht, außer vor Rührung auf Hochzeiten oder bei anderen freudigen, rührseligen Gelegenheiten, und dann ausgesprochen gerne und immer als erste. Irgendwohin müssen die ganzen Tränen ja.

Vorhin aber habe ich kurz geweint, weil mir klar wurde, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr zurück, etwas ist unwiederbringlich vorbei: Ich werde nie wieder gesund sein, daran habe ich mich schon gewöhnt. Ich werde vielleicht nie wieder völlig schmerzfrei sein, das ist relativ neu und erst seit ein paar Monaten so. Auch damit kann ich irgendwie leben. Aber am schlimmsten ist, dass ich nie wieder zu meinen Eltern gehen kann, um dort aufzutanken. Denn meine Eltern sind alt, krank, und ich bin froh, dass sie überhaupt noch da sind. Aber wenn hier irgendjemand etwas für den anderen tun kann, dann bin das jetzt ich für meine Eltern und nicht mehr meine Eltern für mich.

Generation Sandwich
Bild von Dimitri Houtteman auf Pixabay

Mein Vater, ein Quell ewigen Optimismus‘, kommt an seine Grenzen, was den Optimismus betrifft, und auch wenn ich ihn immer etwas belächelt habe, weil er stets etwas Gutes in allem fand, auch wenn die Lage fast aussichtslos war, so habe ich doch davon gezehrt, dass er unfassbar resilient war. Meine Mutter ist fast nicht mehr da, jedenfalls körperlich – geistig aber voll fit, und von bestechender Klarheit in ihren Gedanken und der Einschätzung ihrer Lage. Meine Eltern leben noch, und ich bin sehr froh darüber. Aber ich bin jetzt auf mich alleine gestellt, mehr noch als schon all die Jahre davor.

Ich vermisse meine Eltern.

Irgendwann werde ich sie beerdigen müssen, ihr Haus ausräumen müssen, nur noch Erinnerungen haben. Ich kann nicht mehr zurück, niemand hält mich. Ich bin dran mit Halten, oder mit Verantwortung tragen, dabei trage ich schon so schwer.

Was für eine Nachricht auf WhatsApp das war? Das spielt keine Rolle, es ist egal. Im Nachhinein, beim Lesen des Chats, weiß ich nicht mehr, was mich zum Weinen brachte. Aber das Gefühl von Verlassenheit und Unwiederbringlichkeit ist noch da. Ein Gefühl, das mich die letzten Wochen und Monate begleitete, ohne dass ich es hätte in Worte fassen können. Das geht nun. Und das ist gut. Auch wenn vielleicht nie wieder irgendetwas gut sein wird.

Es ist das Lebensalter des Träumeloslassens. Das tut weh. Schau sie dir an, die Träume, die du beerdigst: Den von den Kindern, die ihren Weg gehen und die nicht erfolgreich, sondern einfach nur glücklich sein sollten. Den vom neuen Liebesglück, das du finden wirst, und den vom Job, den du verdient hättest. Den Traum davon, irgendwann nochmal neu anzufangen, wenn alle Kinder erwachsen sind, der auch nicht mehr wahr wird, weil du entweder vorher stirbst oder die Kinder ewig auf dich angewiesen sein werden.

Der Traum vom Haus am Meer, oder in Italien, wo du einen Roman schreibst. Der stirbt zuletzt. Den behältst du noch, als einzigen. Vorerst.

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Almut
Almut
18. Juli 2020 21:08

Ach, Christine (((<3)))

Annika
Annika
18. Juli 2020 21:29

Mir haben Deine Worte gerade geholfen! Ich fühle mich gerade etwas weniger allein mit der Last meinem Vater vier Jahre nach seinem Schlaganfall lebensmüde zu erleben und einen Vater der in schwierigen Zeiten für mich da ist zu vermissen!
Danke.

Stephanie
Stephanie
18. Juli 2020 21:31

Ich liebe Dich und sende Dir ein hoffnungsvolles Foto

Anja
Anja
18. Juli 2020 21:32

Ach Mensch ❤️

B.G.
B.G.
19. Juli 2020 08:50

Ach, das hört sich so traurig an. Vielleicht muntert dich das etwas auf: ich hab einen bericht gesehen über eine deutsche Schriftstellerin, die in der Toskana gelebt und geschrieben hat und sich damit ihren grossen Traum erfüllt hat. Sie ist mittlerweile wieder in Deutschland, weil sie mit der Bürokratie/Behördenchaos etc. nicht zurecht gekommen ist und es irgendwann eher ein Alptraum wurde…. vielleicht bleiben manche Träume besser Träume… Ich als grossstadtbewohnerin im hamsterrad mit kleiner überbelegter wohnung träume immer von Haus mit Garten auf dem land mit apfelbäumen und Hühnern, wenn meine kinder gross sind. Aber wer weiß, vielleicht wäre es… Weiterlesen »

Micha
Micha
19. Juli 2020 10:07

Danke für den letzten Satz! (Tränchen verdrück)

Bianca
Bianca
19. Juli 2020 11:12

Liebe Christine, deine Worte berühren mich gerade tief und haben die gleiche Wirkung wie deine erwähnte WhatsApp. Gut geschützte Gefühle und Ängste hast du bei mir getroffen und die Tränen fließen spontan. Mein Trost ist es zu spüren, dass ich nicht alleine bin und ewiges Starksein Kräfte zehrt. Ja, ich bin in so vielem alleine. Das war nicht mein Plan und nicht so erwartet. Und das tut weh. Ich danke dir für deine Worte und Posts, die mich immer erreichen, die ich verstehen kann und ich wünsche dir weiterhin viel Mut, Kraft, Zuversicht und den Optimismus, den dein Vater dir… Weiterlesen »

Claudia
Claudia
19. Juli 2020 14:40

Ja, irgendwann verkehren sich die Rollen und man kümmert sich um die Eltern. Das ist ohne Frage ungewohnt und für mich war es klar ungewollt. Ich habe nichts mit Medizin und Pflege am Hut, aber irgenwie schafft man es dann doch, das richtige zu tun. Mein Vater hat übrigens auch immer „hier ist Dein alter Vater“ am Telefon gesagt. Von wem die beiden das wohl abgeguckt haben? Fühl Dich gedrückt!

Elke
Elke
19. Juli 2020 15:26

Ich kann dich so verstehen. Bin auch getrennt und habe am Anfang viel geweint. Meine Kinder , ich habe zwei Mädchen , können mich nicht weinen sehen. Ich habe mich leider schon von meinen Eltern verabschieden müssen. Sie fehlen mir sehr. Und so richtig habe ich sie noch immer nicht los gelassen. Ich hatte glaube ich keine Zeit dazu. Erst starb meine Mama . Ein Jahr später ist meine Mann ausgezogen. Und das nächste Jahr musste ich eine neue Wohnung suchen und mein Papa ist gestorben. Heute bin ich Oma was mich unheimlich Glücklich macht. Meine ,,Kleine ,, 20 wohnt… Weiterlesen »

Susi
Susi
19. Juli 2020 20:19

Liebe Christine, ist es vermessen, wenn ich sage: Gib deine Träume nicht auf! Wir haben noch Zeit, wir sind vielleicht älter geworden, aber noch nicht alt. Ich zumindest glaube fest daran, noch viele Träume leben zu können!

Alles Liebe!!

Susi
Susi
19. Juli 2020 20:32

Sehr gerne! :-*

Jana Schreiber
Jana Schreiber
20. Juli 2020 04:56

Für die zukünftigen Generationen. Als Frau nicht heiraten, Kinder alleine grossziehen…..die einzig logische Schlussfolgerung aus den deutschen Ehegesetzen. Frau kann frei leben und frei sterben…..aber eben nicht alsEgefrauchen und ewiger Besitz des Ehemannes.

Anna
Anna
20. Juli 2020 05:53

Ich kenne das Gefühl, leider, sehr gut. Meine Mama (alleinstehend und seit meinem 2. Lebensjahr alleinerziehend) verstarb leider 2011 mit knapp 51 an Krebs. 2014 folgte mein Opa, 2017 meine Oma. Beide vorher schwer krank mit Schlaganfällen und Demenz, und keiner da ausser mir der sich kümmern konnte bzw wollte. Ich habe keine Geschwister, mein einziger Onkel mit Familie weigerte sich auch nur einen Finger krumm zu machen. Lange Geschichte. Endete mit Streit um die Beerdigungskosten. Das geschenkte Haus etc hat er aber trotzdem gern genommen als Oma und Opa noch fit waren…… Ich kann bis heute nicht fassen das… Weiterlesen »

tilla
tilla
20. Juli 2020 09:14

Bei uns schon lange keinen Kontakt mehr zur Familie. Von Anfang an auf eigenen Füssen gestanden. Klar werde ich mich um die Eltern kümmern. Aber frei nach dem MOtto: Face your fears live your dreams geben wir nie auf. Der Trauer und der Verzweiflung keinen Platz lassen. Nun waren wir aber von Anfang an auf mich gestellt.
Seit 15 Jahren alleinerziehend. Alleiniges Sorgerecht für die 2 Kids. Nicht angreifbar von Gerichten und Jugendämtern. Alleinerziehend als Chance, als Lebensglück….. erschöpft ist man mit oder ohne Ehepartner… what defines you is how you deal with the situation…. thats all

Karen
Karen
20. Juli 2020 21:33

Dein Text hat mich sehr berührt. Ich danke dir dafür. Ich glaube, wenn die eltern alt und schwach werden oder gar sterben, ist man auf eine neue, untröstliche weise allein. Weil man dann kein kind mehr ist. Für niemanden. Nur noch erwachsen. Weil dann niemand mehr da ist, in dessen armen, Küche oder garten man sich so wohlig klein und geborgen fühlen kann wie früher. Ich wünsche dir, dass der traum vom roman am meer oder in italien noch wahr wird. Und dass du deine eltern noch ganz oft in den arm nehmen kannst. Dass ihr einander haltet. Der schwäche… Weiterlesen »

Anne
Anne
21. Juli 2020 07:45

Ach, du.. Vielleicht gehst du das nächste Mal allein in den Wald/aufs Feld zum Weinen. Mach ich auch manchmal. Oder weine auf dem Fahrrad beim fahren. :D Das Gefühl, aus seiner Kindheit/Vergangenheit geschubst zu werden, dieser unverhoffte Generationenwechsel, den man gar nicht will, das kenne ich jedenfalls auch gut. Ist ein scheiß Gefühl, nur im eigenen Kopf/Denkarium zu bestimmten Orten und Menschen zu können. Und ich bin auch ein extremes Papakind, Papa war (und ist, noch) der rettende Anker, egal wie stürmisch die See ist. Wenn er irgendwann stirbt und vorher zB pflegebedürftig wird, wird mir das extrem die Schuhe… Weiterlesen »

Frederike Naumann
Frederike Naumann
21. Juli 2020 14:55

Du hast schon einiges an Träumen wahr werden lassen, denn du bist besonders und auf eine bestechend ehrliche und überzeugende Art erfolgreich. Ich verstehe deine Tränen, denn ich begleite grad meine Schwester in den Abschied, sie wird mich verlassen und ich fühle mich jetzt schon alleine. Aber wir werden noch weitere Träume realisieren, liebe Christine! Die haben nur andere Farben als wir gedacht haben.
Deine Frederike

Nina
Nina
23. Juli 2020 11:52

Geht mir genauso liebe Christine. Auch ich sehe mit jedem Besuch bei meinen Eltern deren Kraft schwinden, ich gebe gute Ratschläge, fordere sie zu mehr Aktivität oder zu Arztbesuchen auf, sehe, wie Ihnen alles schwer fällt, was vor einigen Jahren gar nicht der Rede wert war. Ich leide, wenn ich das sehe und weiß auch, dass ich die Zeit nicht zurückholen kann und auch eines Tages das Haus ausräumen muss und mich von allem verabschieden muss. Jetzt schon habe ich unfassbare Angst davor. Mein Vater leidet zudem an Demenz und kann sich, wenn meine Mutter ausfällt, nicht selbst versorgen. Auch… Weiterlesen »

Xyz
Xyz
24. Juli 2020 21:21

Ich kann da mitfühlen. Ich hatte als Kind schon „schwache“ Eltern, die von mir umsorgt und gehalten werden mussten. Zumindest emotional. Und immer wenn ich schwanger bin, dann wünsche ich mir zusätzlich zu meinen echten, geliebten Eltern nochmal Eltern, die mich umsorgen und bei denen ich schwach und bedürftig sein könnte. Die meine Kinder betreuen und mich bekochen und meine Tränen aushalten.