Warum ich kein Vegetarier mehr bin

Einmal Vegetarier, immer Vegetarier? Für mich stimmt das nicht. Nun bin ich sowieso für scheinbar abrupten Lebenswandel bekannt, vom kinderlosen Szenegänger in der Hauptstadt zur dreifachen Mutter in der Provinz.

Die Haare mal blond, mal naturgrau, mal brünett, mal beckenlang, mal kinnkurz – all dies wundert die Menschen, denen ich begegne, nur mäßig. Dass ich etwa 10 Jahre lang kein Fleisch gegessen habe und nun ein ausgesprochener Fleischesser bin, scheint vielen aber nicht in den Kopf zu wollen.

Vielleicht liegt es daran, dass sich die wenigsten Menschen bei etwas so fundamentalem wie Nahrung nicht einfach neu orientieren, wenn es nicht aus gesundheitlichen Gründen sein muss? Während etliche Menschen in meinem Bekanntenkreis mal ihr Aussehen, mal ihren Lebenswandel komplett verändern, kenne ich niemanden, der so wie ich seinen Essensstil gewandelt hat. Wobei – den Trend zum Vegetarismus als neue Lebensform, den beobachte ich in Deutschland seit den frühen 90ern verstärkt. Das hat meist moralische oder umweltpolitische Gründe (CO2-Ausstoß, der nötig ist, um Fleisch zu erzeugen). Bei mir war der Wandel allerdings ein anderer.

Als junge Erwachsene, so mit 20 Jahren, habe ich mich vor Fleisch geekelt. Einmal war ich bei Bekannten in Los Angeles zum Abendessen eingeladen, und die hatten, ohne nach den Essensvorlieben der Gäste zu fragen, einfach für alle riesige Steaks mit Knochen, innen rosa, zubereitet. Nie werde ich vergessen, wie ich völlig paralysiert vor diesem Teller saß, bereits am gedeckten Tisch, und dachte „Das kann ich nicht essen. Hilfe!“

Damals war ich noch recht schüchtern (noch so eine Inkonstante – für schüchtern hält mich heute keiner mehr), und hatte allergrößte Mühe, in der fremden Sprache herauszustammeln, dass ich bitte nur Salat möchte und kein Fleisch esse. Den Gastgebern, lieben Menschen, war das total peinlich, sie fielen aus allen Wolken, und mir wurden Berge von Salat und Brot gereicht.

So extrem wie an dieser Dinner Party wurde ich danach nie wieder mit meinem Ekel vor Fleisch konfrontiert, weil es unter Studenten sowieso nicht üblich war und ist, sich gegenseitig teuere blutige Steaks zu servieren – und in Deutschland gibt es mehr und mehr Vegetarier, Veganer (essen gar nichts Tierisches), und Ovo-Lakto-Vegetarier (essen Käse und Eier). Einer meiner besten Freunde ist Veganer, ebenso seine Frau und beiden Kinder – ich respektiere jeden, der für sich entschieden hat, sich aus diesen oder jenen Gründen auf genau die Weise zu ernähren, wie er es tut.

Für mich kam allerdings nach vielen Jahren des Grauens vor dem Verzehr von toten Tieren der Punkt, an dem ich für mich erkannte, dass ich als Mensch zu einem Kreislauf des Lebens gehöre und Menschen von der Natur als Fleischesser angelegt sind. (Ja, hier wird sich Widerspruch regen). Ein Coach sagte damals, in Berlin, zu mir: „Vielleicht versuchen Sie mal, sich nicht so wichtig zu nehmen.“ Und wisst Ihr was? Das hat mein Leben verändert, in vielerlei Hinsicht, und auch in Bezug auf das Essen.

Seitdem ich mich als kleines Pünktchen in der Geschichte sehe, das im Prinzip ein gehobener Affe ist, und das irgendwann wieder zu Staub zerfällt, ist mein Appetit auf Fleisch wiedergekehrt. Ich sehe das als Akzeptanz meines Menschseins, im Gegensatz zu meinem davor gelebten Versuch, ein besserer Mensch zu sein, eine Art perfektes Überwesen.

Und meinem Körper bekommt das sehr gut. Ich vertrage Fleisch bestens, es macht mich lange satt, schmeckt lecker, und die toten Tiere tun mir nicht Leid. Ich tue mir auch nicht mehr Leid, seitdem ich so denke. Dabei habe ich nicht aufgehört, zu versuchen, ein guter Mensch zu sein, nicht dass Ihr mich falsch versteht. Insofern ist es wohl konsequent, dass ich selten Fleisch aus Massentierhaltung kaufe (das schmeckt auch nicht), sondern solches, das von artgerecht gehaltenen Tieren stammt, und zwar beim Metzger mit Qualitätsgarantie, das es auch bei Edeka gibt. Fisch esse ich übrigens auch gerne, und Käse, Milchprodukte, Gemüse und Brot ebenso.

Ja, ich weiß, dass die Tiere leiden, wenn sie sterben, damit ich sie essen kann. Ich weiß, dass das Blut ist, was da aus der Fleischtüte tropft, und ich verstehe, dass Vegetarier das eklig finden. Für mich ist es aber seit über 15 Jahren wieder ein leckeres Abendessen. Weil ich einfach nur ein Mensch im Lauf der Geschichte bin.

 

Linktipps innerhalb des Blogs:

Kochen – Blockade gelöst

Mama war einst cool

Die Seele reist noch hinterher

 

Guter, langer Artikel über die Psyche von Vegetariern in der FAZ: Vegetarier – und wie sieht es drinnen aus?

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Mama arbeitetMarieKochen - Blockade gelöst#12von12 im Juni 2015Polly Letzte Kommentartoren
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Silvia von Herder
Gast
Silvia von Herder

Hi Christine – netter Artikel – was meint denn Steffie dazu?
Hoffe dir gehts gut.
Liebe Grüße
Silvi

Andrea
Gast
Andrea

Jedem das seine auf dem Teller. Fand in meiner vegetarischen Zeit den Aufriss um mein Nicht-Fleisch-Essen sehr nervig… Als hätte ich jemals jemanden um eine haha Extra – Wurst gebeten…
LG Confu

mara
Gast
mara

na, das ist ja mal eine interessante entwicklung!
bei mir war es ein bisschen ähnlich.

Iren
Gast
Iren

Über MOM BLOGS auf dich gestossen und finde dich und deinen Blog spannend! Mal kein nähen, filzen, backen…Blog. Kann man Dich abonnieren, ja? Ich bin übrigens Flexitarierin, wie ich das gelernt habe. Ich esse wenig Fleisch, aber ich esse es. Ich mag vegetarisches Essen wie auch veganes, aber ich möchte Fleisch nicht aus dem Menüplan streichen, es gäbe einige tolle Rezepte, die ich dann nicht mehr machen könnte. Mir ist artgerechte Tierhaltung auch wichtig und ich habe mal mehr über das koschere Fleisch gelesen. Abgesehen vom grossen Diskussionspunkt des Blut-auslaufen-lassens finde ich es sehr respektvoll, dass der Rabbi das Tier… Weiterlesen »

Silke
Gast
Silke

Liebe Christine, eine ähnliche Geschichte habe ich auch in den USA erlebt. Meine Gastmutter hatte Roast Beef zubereitet. Und das war wirklich noch sehr, sehr blutig (fand ich). Aber ich war damals 16 Jahre alt und wusste nicht, wie mich wehren. Ich habe es dann gegessen und mich dabei wahnsinnig geekelt. Ich esse seitdem wenig Fleisch und prinzipiell nur rohes Gemüse, kein rohes Fleisch oder rohen Fisch. Vor Sushi gruselt es mich auch. Notfalls erkläre ich mich zur Vegetarierin bei gesellschaftlichen Anlässen, einfacher als zu sagen, dass ich eben nur bestimmtes Fleisch esse. Steak bis heute nur „almost burned“, Roastbeef… Weiterlesen »

Lisa
Gast
Lisa

Danke für diesen Post. Ich respektiere Vegetarier, finde diese bewusste Entscheidung kein Fleisch zu essen vollkommen okay – solange man mir nicht mit der „Massentierhaltung in Deutschland“ kommt. EU-Richtlinien verbieten „Massentierhaltung“ (Anführungszeichen, weil keine genaue Definition vorhanden) in Deutschland und ich danke dir vielmals, dass du nicht Bio empfiehlst, sondern den (ausdrücklich!) heimischen Metzger oder die regionalen Produkte im Edeka-Markt.

Vielen, vielen Dank!

Jens der Andere
Gast
Jens der Andere

Wenn wirklich Blut aus der Fleischtüte tropft, dringend woanders einkaufen! Zwar gibt es öfter mal, grad‘ bei Stücken mit Knochen, kleinere Blutreste – aber Schlachtfleisch ist so blutleer wie möglich.

Bei der rötlichen Flüssigkeit handelt es sich um Gewebewasser (vulgo: Fleischsaft). Allerdings gilt auch hier, wie bei Blut: Wenn’s viel ist, kann das auf schlechte Fleischqualität hinweisen. Fleisch in eigenem Saft im Angebot geht ja nun gaaarnicht…

Sigi
Gast
Sigi

hab gerade erst deinen Blog gefunden – ich war nie Vegetarier, aber hab immer mal damit geliebäugelt – nur habe ich mich bei kurzen Verzichtphasen einfach nicht damit wohl gefühlt, auch wenn es besser zu meinen Überzeugungen gepasst hätte.
Vor kurzem habe ich noch ein neues Argument für Fleischkonsum/ Viehzucht gelesen. Wir können kein Gras essen, und auf Bergwiesen kann man keine Felder anlegen, sondern nur Almen. Völliger Verzicht auf Viehzucht würde unsere Landschaft stark verändern – keine Wiesen mehr nur noch Felder und in Hochlagen Verbuschung.
Nur ein weiteres Argument, dass wir nur ein Teil in einem Kreislauf sind.

Polly
Gast
Polly

Nur als Info, weil das eigentlich kein echtes Argument ist, hier ein Link. Ich kann leider nicht nur auf das Bild verlinken, daher verlinke ich die ganze Seite, der 4. Post bezieht sich auf das Weidehaltungs-Argument.

https://www.facebook.com/graslutscher?fref=ts

Anonym
Gast
Anonym

Hallo,
Eine interessante Geschichte, weil ich das kenne. Ich habe begonnen mich nicht mehr so wichtig zu nehmen (nach 15 Jahren) als meine Mutter an Krebs erkrankte. Sie wollte alles trotz Chemo so normal wie möglich haben und selbst (so weit es überhaupt möglich war) kochen. Deswegen wurde wie immer auf mich Rücksicht genommen, wenn wir zu Besuch waren. Das wollte ich dann nicht mehr. Irgendwie verschieben sich in so einer Situation die Prioritäten.
VG

Michaela Albrecht
Gast
Michaela Albrecht

Menschen sind von Natur aus als Fleischesser angelegt?
Schau dir mal dieses Video an: https://www.youtube.com/watch?v=RB0lLlFxft8

Polly
Gast
Polly

Ich verstehe, warum das für viele schwer nachvollziehbar ist, ich habe auch einige ehemalige Vegetarier im Bekanntenkreis und war darüber erst sehr erstaunt, aber mittlerweile sehe ich das nicht mehr so eng. Mein leben ist ständig im Wandel, ich habe mich knapp anderthalb Jahre vegan ernährt, zur Zeit nur vegetarisch und ganz ganz selten beiße ich aus Versehen in den Cheeseburger meines Freundes ;) Ich treffe keine Entscheidung, an die ich mich dann klammern muss um meine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, ich esse was ich will und das ist in der Regel kein Fleisch, ich würde mir auch nie selbst… Weiterlesen »

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#12von12 im Juni 2015

[…] und noch ein Stück Fleisch für Sonntag. Ich weiß, man soll nicht so viel Fleisch essen, und ich war 10 Jahre Vegetarierin, bis ich mit dem ersten Kind schwanger war. Seitdem kann ich gar nicht genug davon bekommen. Und […]

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Kochen - Blockade gelöst

[…] mit dem Zubereiten von toten Tieren zu versuchen. Ein absolutes Novum für mich, denn ich war über 10 Jahrer lang, bevor ich meinen Mann kennenlernte, Vegetarierin gewesen. Ich war nicht sicher, ob ich mir das zutraute. Aber ich hatte […]

Marie
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Marie

Ein sehr, sehr trauriger Artikel. Auch auf die Gefahr hin, dass ich als „Moralapostel“ beschimpft werde oder ich ja die vegetarische/ vegane Mafia Lobby unterstütze( ja habe ich schon gehört) gebe ich mal meinen Senf dazu: ‚Seitdem ich mich als kleines Pünktchen in der Geschichte sehe, das im Prinzip ein gehobener Affe ist, und das irgendwann wieder zu Staub zerfällt, ist mein Appetit auf Fleisch wiedergekehrt. ‚ Wir sind ein kleines Pünktchen in der Geschichte, jeder von uns. In tausenden und Millionen von Jahren wird sich niemand mehr an niemanden erinnern, einfach weil die Menschheit wohl auch ein Ende hat.… Weiterlesen »