Was Städte mit einem machen: 3 Lieben

Es war eine Mutter, die hatte drei Kinder, eins aus dem Frühling, dem Herbst und dem Winter: Drei Kinder in drei Städten geboren, doch nicht jede von ihnen war eine Liebe. Trotzdem liebte sie drei Städte, alle gleich stark, so wie sie jedes ihrer Kinder gleich stark liebte.

Jede Stadt machte etwas mit ihr, es fühlte sich an, als sei sie eine Topfpflanze, die nur unter bestimmten Bedingungen gut gedeihe, und die waren in Freiburg, in Berlin und in Konstanz zu finden. In Hamburg leider nicht, obwohl sie dort geboren war und eins ihrer Kinder dort zur Welt gekommen war. Genau andersherum war es mit Berlin, was sie daran so liebte, konnte sie nicht in Worte fassen, obwohl die Liebe groß war. Vielleicht genau deswegen.

Rathaus Freiburg im Breisgau
Das neue Rathaus in Freiburg. Foto: joergens.mi, Wikimedia Commons http://wikimediafoundation.org/wiki/File:Neues_Rathaus_(Freiburg)_4029.jpg

 

Neulich war ich in Freiburg. Die großen Kinder zum Zug bringen, und eine Woche später wieder abholen. Als ich sie abholte, fuhr ich alleine, ohne die Jüngste, und hatte noch eine gute Stunde Zeit, durch Freiburg zu bummeln. Das war so schön, dass es mir weh tat. Ich bin dort aufgewachsen und mit 27 fortgezogen, um einer unseligen Liebe zu entkommen, und als ich fortzog, dachte ich, es würde nur für 1 Jahr sein. Nun sind 21 Jahre vergangen. Und ich wohne gerne in Konstanz, das ist seit 13 Jahren mein Zuhause, in Freiburg kenne ich fast niemanden mehr außer meiner Familie, die selbst nur zugereist ist, aber trotzdem war dieses Dortsein wie ein warmes Bad.

Ich lief durch die Stadt und hörte den einst vertrauten Singsang, der sich mit meinen nun Konstanzer Ohren komisch anhörte. Aber die Menschen waren mir vertraut, die Art und Weise, wie sie sich kleiden und miteinander umgehen. Es war mir in Hamburg nie gelungen, mit Hamburgern so umzugehen, dass ich mich wohlfühlte, in Berlin klappte das auf Anhieb, obwohl ich dort fremd war. Eigenartig. Woran liegt es, dass manche Städte zu einem passen und andere nicht? Warum kann ich mich in Italien mit fast allen Leuten freundlich unterhalten und habe in Frankreich das unangenehme Gefühl, zu stören, obwohl ich sprachlich in beiden Ländern bestens zurecht komme? Wieso ist mir Amerika fremd und England so nahe?

Es sind die Menschen in den Städten. Was genau es ist, verstehe ich nicht. People are people, aber mit manchen kann man besser als mit anderen. Und zwar ortsabhängig. Einige Menschen sind Zugvögel, die erkennen sich untereinander. Vielleicht haben sich besonders viele davon in Berlin zusammengerottet und deswegen fühlte ich mich dort sofort zuhause, als ich dort ankam? Im Nachtzug angereist, um eine Wohnung zu suchen in der gänzlich fremden Stadt, schaute ich im Januar 1994 aus dem Zugfenster auf Gleise, Gestrüpp und Morgenröte, und sah nicht nur die Sonne aufgehen, sondern einen Bestimmungsort. Wie kann das sein!? Es blieb Liebe, 5 Jahre lang.

Auch Freiburg war Liebe, liebesunabhängig. In Freiburg ist alles leichter, wärmer, schöner, bunter, und das ist nicht übertrieben. Freiburg schwingt. Berlin stampft. Und Konstanz trudelt vor sich hin wie ein Nasenflügler vom Ahorn, ich mag das, es gibt keinen Takt, nur Wendungen, das Tempo ist stets überschaubar. Wo Berlin schroff ist und Freiburg süß, macht Konstanz angenehm satt. Etwas, das manche Städte oder Leben nie hinbekommen, weil an der nächsten Ecke das noch schroffere Erlebnis ist oder die noch süßere Frucht sein könnte. Konstanz passt gut zu mir, jetzt.

Rheinstrandbad Konstanz
Rheinstrandbad Konstanz

 

Und doch stand ich am Freitag vor 10 Tagen auf dem Freiburger Hauptbahnhof und verspürte ein starkes Ziehen im Bauch, wie Liebeskummer. Es war der Wunsch, in einen der Regionalzüge einzusteigen, die von den hinteren Gleisen abfahren und in meinem Heimatdorf halten. Wenn ich einsteigen würde, dann käme ich zurück in ein Leben, in dem ich 110 Klassenkameraden in der Oberstufe habe und jeden Stein und jeden Nachbarn kenne. Ich hätte mein Leben noch vor mir, und man würde mich kennen. So wäre das gewesen, wäre es nicht ganz anders gekommen, weil ich es so entschieden habe, ohne die Tragweite meiner Entscheidung zu überblicken.

Und dann hielt der ICE mit meinen beiden großen Kindern auf Gleis 2, die vom Umgang mit dem Vater zurückkehrten, und wir fuhren mit dem Auto nach Hause nach Konstanz, das ihr Zuhause ist. Damit hatte sich alles vorher Gefühlte erledigt, denn das Zuhause meiner Kinder ist nun meins. So einfach ist das.

 

Linktipp innerhalb des Blogs: Heimat = Dichte + Wichte

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Umziehen mit Kind: Gut oder schlecht?Mama arbeitetRonald HaselhorstJohannaIna Letzte Kommentartoren
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Bea
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Bea

Ach meine Liebe, das kenne ich. Vor mehr als 25 Jahren habe ich in einem – unnötigen – Anfall von Freiheitsdrang meine Stadt verlassen – meine Stadt Leipzig. Hier bin ich – so heimatmäßig – nie angekommen. Es sind die Menschen, genau. Berlin ist ebenso gut. Für mich. Hier war jetzt Heidelberg und Schwaben. Ne Verkäuferin sagte zu mir – Sie sind nicht von hier. Nein – Sie aber auch nicht. Woher? Sie – Berlin. Sehnsüchtiger Augenaufschlag, Seufzen. Ich – Leipzig. Im Gegensatz zu mir noch eine junge Frau. Sage ich zu ihr – was zum Geier machen wir hier… Weiterlesen »

klaudia
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klaudia

Was Du geschrieben hast, berührt mich sehr und es ist so wahr und es trifft einen sensiblen Punkt – meinem Umbruch, unseren Umzug, der sein muss! Nach 2 Jahren in dieser fremden Stadt muss ich wieder gehen, weil sie passt nicht zu mir, der Takt, der bringt mich nicht ins Schwingen, war mir zu schnell, zu hart; dieses Frankfurt am Main ließ sich nicht erobern. Das gleiche erlebte ich 1998 in Innsbruck! Auch dort konnte ich mich nicht einschwingen auf die Menschen, ihren Umgang miteinander, zu rauh, wieder Dur statt Moll. 2003 kam ich nach Graz, das schwingt heute noch… Weiterlesen »

Maike
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Maike

Würde man jemals (bewusst) eine Entscheidung treffen, wenn man vorher wüsste, welche Tragweite diese Entscheidung würde haben können? :-)

Berlin habe ich übrigens ganz anders kennen gelernt. Ich bin vor 1,5 Jahren ganz unvorbereitet hierher gespült worden und nach voran gegangenen Turbulenzen (krankheitsbedingt) tatsächlich wie von einer Welle hier ausgespuckt worden. Ich konnte dann gar nicht anders, als erst einmal ganz langsam zu mir zu kommen. Dabei hat Berlin mich aufgefangen und mit einer herzlichen Umarmung angenommen, und mir gezeigt, wie ich in ihrem Auf und Ab mit schwimmen kann. Schroff war das gar nicht. :-)

Astrid
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Astrid

Hallo, ich bin gerade auf Gegenbesuch hier und bin gleich auf diesen Blogbeitrag gestoßen. Ich kenne das, was Du hier beschreibst. Ich bin mit 19 Jahren aus meiner Heimatstadt weg gezogen. Erst ging es zum Studium nach Gießen, wo ich eigentlich nur studiert habe und fand, dass diese Stadt keine Atmosphäre hatte (keine Ahnung wie heute dort ist). Danach bin ich nach Darmstadt und mit meinem Mann (damals Verlobter) zusammen gezogen. Hier ist unser Sohn geboren und ich hatte diese Stadt als meine Wahlheimat auserkoren. Nach dreizehn Jahren sind wir nach Cottbus gezogen, wo wir jetzt schon seit 1996 leben… Weiterlesen »

Nicole aus FR
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Nicole aus FR

Liebe Grüße Dir! Wenn Du mal wieder in Freiburg bist und das Gefühl hast, Du würdest keinen kennen, dann ruf doch mal eine alte Konstanzerin an und triff Dich mit ihr auf einen Kaffee… Würde mich riesig freuen! LG auch von R. und L.

Ina
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Ina

Das liest sich bekannt. Ich habe mich nie in Dachau wohl gefuehlt, 5 Jahre haben wir dort gewohnt, die 2 Grossen Kinder sind dort geboren, Bayern an sich ist irgendwie nicht meins, meine Familie wohnt jetzt da u. jedes Mal wenn ich sie besuche, fuehlt es sich nicht wirklich gut an.
Wir sind danach an die Ostsee gezogen, ein klitzekleines Dorf u. Peng, da fuehlten wir uns sofort wohl , danach hat uns unser Fernweh ja nach Norwegen gezogen u. auch hier ist es da das Gefuehl des sich Wohlfuehlens, des Angekommen sein.
LG Ina

Johanna
Gast
Johanna

Wow, ein ganz toller Text! Vor allem wie Du versuchst, die Stimmung einer Stadt zu beschreiben…
Ich bin auf dem Dorf in Bayern aufgewachsen, in einer sich vehement nicht integrierenden norddeutschen Familie und lebe noch mit den Kindern in Augsburg zwischen fast ausschließlich Fremden und Zugezogenen, diesem weichen Puffer (der sehr groß zu sein scheint, denn wir kennen auch nach Jahren fast keine echten Augsburger), durch den man alles Urtümliche dieser Nichtheimat genießen kann ohne einsam zu sein. Bald geht es nach Berlin, mal sehen, ob sich dort etwas wie “hier kann ich wurzeln schlagen“ einstellt…

Ronald Haselhorst
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Ronald Haselhorst

Hallo Christine, wieder ein sehr schöner Text, von dem mir vieles vertraut vorkommt. Bei mir sind es andere Städte, aber gleiche Gefühle… Ich muss zuerst „Abbitte“ leisten: Ich wusste nicht, dass Du diese BJS-Petition initiiert hattest. Will lieber nicht wiederholen, was mir damals durch den Kopf schoss (ohne jede Reflexion). Habe das aber abgetan und ruhen lassen. Gestern sah ich Dich im TV und fand den Blog interessant. Mittlerweile habe ich die durchschnittliche Verweildauer deutlich überschritten und erkenne mich in vielem wieder. Sehr anregende Gedanken. Bin in diesen Blogs noch nicht so zuhause. Muss man hier alles öffentlich posten oder… Weiterlesen »

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Umziehen mit Kind: Gut oder schlecht?

[…] lese ich gerne in anderen Blogs, und neulich las ich bei „Mama arbeitet“ den Text Was Städte mit einem machen. Darin schreibt Christine Finke über ihre Liebe zu den drei Städten Freiburg, Berlin und […]