Wie gut es tut, nicht mehr arm zu sein!

Geld macht frei, es ist leider so. Und keins zu haben, engt ein. Das merken auch meine Kinder, jetzt allerdings mit den positiven Nebeneffekten dieser Wahrheit. Dass Armut einengt, das ist ihnen nämlich nur allzu sehr bewusst.

Wir waren lange arm nach der Scheidung, und es war hart. Ab der Mitte des Monats habe ich jeden Cent umgedreht, und bei allem, was passierte, hatte ich die finanziellen Konsequenzen im Hinterkopf. Eine kaputte Waschmaschine war eine Katastrophe. Heute ist ein Auto, das vielleicht demnächst den Geist aufgibt, zwar lästig, aber nicht so schlimm. Und ob bei der Nebenkostenabrechung ein Plus oder Minus herauskommt, interessiert mich eher aus sportlichen Gründen.

Ich muss nämlich keine Angst mehr haben. Angst, dass mein Konto so sehr ins Minus rutscht, dass wir in existenzielle Nöte geraten. Es ist eine Sache, wenig Geld zu haben und arm zu sein, wenn man alleinstehend ist. Aber wenn du für Kinder verantwortlich bist, ist es unerträglich. Wir haben 3-4 Jahre in Armut gelebt, Wohngeld bezogen, damit es nicht Hartz IV wird, ich habe nahezu jeden Auftrag angenommen, den ich als Texterin und Autorin bekommen konnte, und sogar an Weihnachten gearbeitet.

Das muss ich nicht mehr. Ich kann jetzt wieder selbst entscheiden, ob ich in eine Sendung gehe, die mir 260 € anbietet (aktuelles Beispiel, könnte auch ein miserabler Texter-Auftrag sein). Und wenn ich das Gefühl habe, ich soll dort vorgeführt werden oder es ist doof, dann sage ich einfach ab. Und zwar komplett ohne Bauchschmerzen, ob ich die Sache nicht vielleicht doch noch hätte herumreißen können. Ich hab keine Lust.

Kinderarmut
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Überhaupt, Lust – wenn ich nicht im Regen zu einem Hotel laufen will, oder vom Bahnhof nach Hause kommen zu später Stunde nach einer Lesung, dann nehme ich ein Taxi. Früher undenkbar, kürzlich hab ich’s getan, als ich im strömenden Regen einen Termin für den Kulturförderfonds des Stadtrats hatte. Es waren zwar nur 10 €, die ich bezahlen musste für die Fahrt, aber sie taten mir nicht weh. 10 €, das waren früher 2 Tage Essen, oder ein Geschenk für einen Kindergeburtstag, und die vielen Geschenke zu bezahlen, war ein Problem.

Ich muss nicht mehr jede Entscheidung, die mit Geld Ausgeben verbunden ist, sorgfältig abwägen, ich kann einfach machen. Wie unglaublich gut das tut, kann wahrscheinlich nur jemand verstehen, der selbst in Armut gelebt hat. Das Essen schmeckt meiner jüngsten, autistischen Tochter nicht? Kein Problem, kaufe ich ihr eben 2 Cheeseburger bei Mc Donalds, auch wenn die jetzt stolze 1,80 € pro Stück kosten. Keine Lust, zu kochen? Bestellen wir halt beim Lieferservice. Tierarztrechnung? Macht nix, es ist genug Geld da.

Und wenn irgendwas nicht klappt, während ich beim Equal Care Day in Bonn bin, dann fahre ich einfach mit einem teuren Ticket zum Normalpreis zurück, anstatt sklavisch an mein Superspar-Zugticket gebunden zu sein. Ich könnte mir sogar einen Mietwagen nehmen und jederzeit wieder nach Hause fahren.

Geld macht frei, es ist leider so. Und keins zu haben, engt ein. Das merken auch meine Kinder, jetzt allerdings mit den positiven Nebeneffekten dieser Wahrheit. Dass Armut einengt, das ist ihnen nämlich nur allzusehr bewusst.

Ich kenne die Studien, die die Langzeitfolgen von Kinderarmut beschreiben, und ich weiß, dass die vergangenen Jahre auch bei meinen Kindern ganz sicher etwas kaputt gemacht haben. So etwas wie den „Das lässt sich schon alles regeln“-Optimismus, denn der ist mit Geld auf dem Konto viel einfacher zu haben. Und sie haben ihr die entspannte Mutter geklaut, denn was sie stattdessen hatten, war eine gestresste Frau, die sich Sorgen machte und dies vor den Kindern auch nicht immer verbergen konnte.

Und genau deswegen setze ich mich für eine Kindergrundsicherung ein. Es kann nicht sein, dass Kinder Erwachsenensorgen ums Geld indirekt ausbaden. Und dass sie der Grund für Armut sind. Das ist einfach nicht fair.

Nicht jeder hat das Glück, eine richtig fette Auszahlung der VG Wort auf dem Konto zu haben, so wie ich letzten Herbst. Dieses Geld hat mir Luft verschafft und lässt mich ruhig schlafen. Und obwohl der Exmann seit dem 18. Geburtstag der Großen keinen (Mindest-)Unterhalt mehr zahlt und wir den deutlich niedrigeren Unterhaltsvorschuss beziehen, fühle ich mich gerade safe. Das hat auch mit dem Pflegegrad der autistischen Jüngsten zu tun, der jeden Monat eine fixe Summe auf mein Konto spült.

All dies ist aber nicht für ewig – spätestens, wenn der Sohn 16 wird, muss ich nachweisen, ob er noch in die Schule geht, und wenn er 18 ist, hört der Unterhaltsvorschuss auf. Anders als bei anderen Kindern, die so lange Unterhalt bekommen, bis die erste Ausbildung abgeschlossen ist, bekommen nämlich Kinder von Alleinerziehenden, deren Vater* keinen Unterhalt zahlt, ab dem 18. Geburtstag keinen Unterhaltsvorschuss mehr.

Aber das ist noch lange hin, oder zumindest nicht übermorgen, und nichts, was ich heute beeinflussen kann. Also freue ich mich jetzt darüber, im Supermarkt nicht nur kaufen zu können, was im Angebot ist. Und ein Taxi nehmen zu können, auch wenn das nicht mit einem Veranstalter abgesprochen ist. Wie so jemand, der sich darüber keine Gedanken machen muss. Wie jemand, der ich gerne gewesen wäre.

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Catharina
Catharina
25. Februar 2020 20:55

Hallo liebe Christine,

Du sprichst mir aus dem Herzen!
Ich war drei Jahre alleine mit meinen vier Kindern – habe die erste Zeit nach der Trennung bei meiner Mutter gewohnt. Das Arbeitsamt erklärte „Sie sind nicht vermittelbar“… ich hatte vorher 11 Jahre im Ausland gelebt und keine Papiere…..
Heute geht es mir und meinen Kindern gut!
Drei studieren bereits und ich arbeite.

Das Gefühl, nicht mehr jeden Cent umfrehen zu müssen ist großartig und ich bin sehr sehr dankbar dafür, dass mein Leben jetzt so ist – wie es ist!

Henriette
Henriette
25. Februar 2020 23:41

Liebe Christine, ich gönne es dir von Herzen und hoffe auch mal wieder so denken zu können. Im Moment bin ich die geklaute Mutter mit zwei Jobs. Schön, dass Du zumindest in diesem Punkt ein wenig sorgenfrei bist. Herzliche Grüße H.

Juliane
Juliane
26. Februar 2020 12:00

Das hast du dir selbst erkämpft und verdient. Bravo!

Barbara
Barbara
28. Februar 2020 10:00

Ich verfolge Deinen Blog schon seit Längerem und gönne es Dir von Herzen, dass Dein Leben jetzt etwas entspannter ist. Ich wünsche Dir und Deinen Kindern alles Gute!

Paula
Paula
29. Februar 2020 08:55

Ach ist das toll, das kann ich gut nachvollziehen, besonders das mit dem Taxi-Luxus, denn solche Zeiten haben wir auch erlebt, allerdings zu dritt, Kind, Mann und ich. Brötchen kaufen morgens vom Flaschengeld, Kredit aufnehmen, um die Steuer bezahlen zu können…. Es kam sogar einmal vor, dass die Oma ausgerechnet dann zu Besuch kam, als der Strom wegen nicht bezahlter Rechnung abgestellt war. Meinem Sohn (heute 32) hat es sogar sehr gut getan, harte Zeiten erlebt zu haben. Er weiß heute schon, dass Geld zwar sehr wichtig ist für ein einfacheres Leben, aber nicht der Schlüssel zum Glücklichsein!

Anna
Anna
1. März 2020 10:07

Hallo Christine, Leider ist es so. Ich bin seit 18 Jahren alleinerziehend, mit allen Tiefen und sehr schweren Zeiten. Wir hatten Jahre in denen wir von 100 € monatlich leben mussten. Eine kaputte Waschmaschine wäre damals der Supergau gewesen. Ich arbeitete ganztags als mein Sohn 6 Jahre alt war, damit mein Sohn nicht als Spielball für seinen Vater herhalten musste, der sauer war, wenn er mir Unterhalt zahlen musste. Trotz Ganztagsjob hatte ich Nebenjobs und angagierte mich ehrenamtlich beim VAMV. Keine Ahnung wie ich das damals geschafft habe. Dadurch hatte ich mir aber die Freiheit erarbeitet, mich nebenbei weiterzubilden. Heute… Weiterlesen »

Andrea Bachmann
Andrea Bachmann
2. März 2020 14:46

„Süße, ich kann dir erst neue Winterstiefel kaufen, wenn das Honorar für Auftrag xy auf meinem Konto ist.“ Vier Kinder, sieben magere Jahre. Ich unterschreibe jeden einzelnen Satz. Vor allem den mit der Kindergrundsicherung. Ich hätte meinen Kindern sehr gern eine entspanntere Kindheit gegönnt. Die Belohnung ist sicherlich: sie sind zu vier großartigen, selbstständigen, verantwortungsbewussten Menschen herangewachsen, die Materielles durchaus genießen können, es aber nicht für ihren Selbstwert brauchen. Aber das hätten sie nicht auf diese harte Tour zu lernen brauchen.

Franzi
Franzi
25. April 2020 12:32

Liebe Christine und alle mitlesenden alleinerziehenden Mütter, ich schreibe als ehemaliges Kind einer ebenfalls alleinerziehenden Mutter, das in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Heute bin ich 30 Jahre alt. Ich habe meine Mama gesehen, wie sie Tag für Tag arbeiten ging. Und sie hat wirklich alles gemacht, was möglich war (Spargel stechen, auf dem Bau arbeiten, im Büro arbeiten, im Callcenter, eigener Kiosk). Sie hat ihre eigenen Bedürfnisse für mich und meine ältere Schwester immer (!) hinten angestellt und dennoch hat es oft nicht gereicht. Ich habe als einzige meiner sonst sehr großen Familie studiert und habe einen Job, den ich liebe.… Weiterlesen »

Siegrun
Siegrun
1. August 2020 07:27

Liebe Christine, wie viele Mitlesende kann ich deine Aussagen nur bestätigen. Auch ich habe nach der Scheidung ein Zimmer mit meinem Jüngsten geteilt. Finanziell war trotz Vollzeitjob für mich bitter, wenn sich die Kinder einen Tag vor der Klassenfahrt krank meldeten, da wir das Geld nicht hatten. Gemeinsamer Urlaub für Jahre gestrichen. Und besonders bitter, die Zeit als beide studierten ohne Bafög. Auch hier könnte Politik neue Wege gehen., z. B. leitungsbezogenes Stipendium. Väter können sich leicht arm rechnen, um keinen oder geringen Umterhalt zu zahlen, um den man immer wieder auch vor Gericht streiten musste. Aber Beide sind im… Weiterlesen »