Alles bleibt anders #Vereinbarkeit

Vorbei ist es mit dem ruhigen Trott, in dem mein Leben verlief (konkret: nicht einvernehmliche Trennung, Jobverlust, Eigenbedarfskündigung mit sich anschließendem Umzug, gesundheitliche Probleme bei den Kindern, Scheidung und Umgangsprozess vor dem Familiengericht). Jetzt geht es rund.

Ich habe selbst Schuld, denn als ich den Sohn (8) fragte, in welchen Schülerhort er gehen möchte, wenn sein bisheriger Hort nach der 2. Klasse endet, bekniete er mich, dass er nach der Schule nach Hause kommen dürfe. „Na gut“, habe ich gesagt, und ergänzt, dass wir es probieren. Probieren, weil ich freiberuflich im Home Office arbeite und auch kein Fan davon bin, geduldig mit meinen Kindern Hausaufgaben zu machen (Euphemismus. Ich bekomme Bluthochdruck, Schweißausbrüche und habe den Wunsch, schreiend davonzulaufen).

Die große Tochter, die erschütternderweise schon in der 9. Klasse ist, kommt schon seit einigen Jahren lieber mittags nach Hause als in der Schule zu essen, was neben dem, wie sie sagt, ungenießbaren und überteuerten Schulessen darin begründet ist, dass wir einen Katzensprung von der Schule wohnen. Und so kochte ich bis dato 2-3 Mal pro Woche ein Mittagessen für sie und konnte ansonsten ungestört tun, was Selbstständige so tun, während die beiden jüngeren Kinder von 9-17 Uhr versorgt waren.

schulranzen

Seit diesem Schuljahr sorge ich 5 Mal pro Arbeitswoche für Mittagessen und bin an zwei Werktagen extensiv als Taxi unterwegs. Es macht keinen Spaß. Aber dummerweise, und ich sage das überhaupt nicht gerne, merke ich, wie gut es dem Sohn tut, mehr Zeit zuhause zu haben. Auch mehr Zeit mit mir, ohne nervige kleine Schwester, mit der er das Zimmer teilt. Das Kind blüht auf. Ich möchte das nicht! Und ich möchte das doch. Es ist eine neue Runde in dem Versuch, drei Kinder und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Und es geht wieder einmal darum, auszutarieren, wie die Bedürfnisse aller Familienmitglieder am ehesten miteinander vereinbar sind. Es ist eine Krux, dass das wirklich jedes Schuljahr neu zu sortieren ist. Kaum hat man sich an einen Rhythmus gewöhnt, ändern sich die Umstände. Vielleicht gewöhnt man sich besser daran, dass Vereinbarkeit immer provisorisch ist?

Dienstags habe ich den Stundenplan des Wahnsinns, weil der Sohn eine 1,5 km entfernte Schule besucht (die von vor dem Umzug), und er den Weg noch nicht alleine bewältigen kann wegen einer gefährlichen Kreuzung, die auf halbem Weg liegt.

Ich verlasse um 7:30 mit ihm das Haus für die 1. Stunde. Dann wecke ich die Langschläferjüngste (5), die ich um 8:45 in die Kita fahre. Um 12:10 hat der Sohn Schule aus, ich hole ihn ab und koche Mittagessen. Zu 14 Uhr muss er wieder an der Schule sein, weil er als Nachmittagsunterricht Sport hat. Um 15:35 ist der zuende, ich hole den Sohn ab. Um 17 Uhr schließt die Kita, in der die Jüngste an diesem Tag die Musikschule besucht, sodass ich sie auch nicht vorher einfach mitnehmen kann. Und zwischendurch komme ich zu nix. Die Lücke von 9:15 bis 11:50 nutze ich für Haushalt und das nötigste im Internet. Sie vergeht wie im Fluge. Frustrierend.

Und der Donnerstag ist auch nicht wirklich nach meinem Geschmack, da hat der Sohn schon um 10:10 Schule aus, weil er nicht in Reli geht. Da habe ich die Jüngste quasi gerade in der Kita abgeliefert und mir einen Kaffee gemacht. Nachmittags hat der Sohn Ergotherapie und natürlich muss ein Mittagessen gekocht werden und die Jüngste auch hin und her gefahren werden.

Als Erste Hilfe Maßnahme haben wir einen Roller gekauft, mit dem der Sohn gerade lernt, zumindest den halben Weg bis zur gefährlichen Kreuzung alleine zu fahren. Und eine Fahrgemeinschaft gegründet mit einer Nachbarsfamilie, die auch ein Kind auf der Grundschule des Sohns hat. Aber die ganzen Termine im Blick zu behalten ist eine Herausforderung, weil der Stundenplan der Kinder nicht an allen Tagen synchron ist. Ich habe es in den vergangenen beiden Wochen schon 3 Mal geschafft, zu früh, zu spät oder gar nicht an meine Schicht beim Chauffieren zu denken. Mich hinterher als Mama-Fail zu fühlen macht unfroh.

Tja nun. Ich zähle die Wochen rückwärts. Das Jahr hat 52 Dienstage und Donnerstage, davon 14 Wochen Ferien und ein paar Mal ist der Sohn sicher dienstags oder donnerstags krank. Und im kommenden Jahr wird er alleine zur Schule gehen können. Dann kommt die Jüngste in die Schule, aber hier um die Ecke. Mit Kerni, keine Diskussion. Bis dahin muss ich durchhalten. Alles eine Phase. Ommm.

Roller

11 KOMMENTARE

  1. Ahh! Hilfehilfe! Ich lass jetzt den ganzen Sermon über diese grauenvoll organisierte Kinderbetreuung im Westen mal lieber stecken. Aber vielleicht könnt ihr an dem Sport-Tag eine andere Lösung finden? Mittagessen gebe ich meiner Tochter manchmal mit, wenn der Essensanbieter der Schule partout nichts essbares (laut meiner Tochter) im Angebot hat. Meist Couscous oder Grießbrei, was eben auch kalt schmeckt. Und falls die Schule keinen Aufenthaltsraum hat, in dem die Kinder Freistunden verbringen können, dann unbedingt beim nächsten Elternbeirat einfordern. Denn eigentlich kann ein 8-jähriger 1 1/2 Stunden auch ohne Betreuung überbrücken, mit Hausaufgaben, einem Buch, irgendeinem Gebastel. Er muss halt nur einen Raum dafür haben. Übrigens, zu Ihrer Elterabend-Problematik, die Sie auch mal angesprochen haben: ich habe mich daran erinnert, als neulich bei uns einer war: mit vielen mitgebrachten Kindern, die im Schulhaus gespielt haben so lange. Was auch nicht ideal, aber dieses Elternabend-Betreuungsproblem haben offensichtlich viele Eltern. Unser Kindergarten bietet gleichzeitige Kinderbetreuung bei Elternabenden mit an. Ja, und wie immer: Toll, dass Sie das alles mal laut schreiben! Diese ganze Detailarbeit im Alltag, die alles so wahnsinnig schwer macht.

    • Liebe Anne,

      stimmt, ein Aufenthaltsraum wäre gut. Danke für die Idee! Es ist nur leider so, dass alle anderen Kinder entweder in der Kerni sind oder über Mittag nach Hause gehen, weil sie im direkten Umkreis der Schule wohnen. Insofern wäre der Sohn in diesem Aufenthaltsraum wahrscheinlich allein, was nicht so prickelnd ist.
      Ideal wäre es, wenn er mal hier mal da zu Mittag essen würde bei seinen Freunden, aber das hat sich bisher noch nicht ergeben. Ich lasse sowas am liebsten die Kinder selbst ausmachen, alles andere hat sich als Krampf herausgestellt. Dann lieber Taxi spielen…

      Eine Nachfrage zu den Elternabenden: Wann fangen die denn an? Bei uns meist um 20 Uhr, das ist einfach zu spät, um noch ein Kind (oder gar jüngere Geschwister) mitzuschleppen. :(

  2. Ich würde sagen, die nächste Tat als Stadträtin ist das Sichermachen der Kreuzung, das wird dich ja nicht als einzige betreffen, oder? :) Für die Freistunde hätte ich noch einen first generation Gameboy anzubieten ^^

    • Das ist die Kernzeitbetreuung inklusive Mittagessen, Berit. In den hiesigen Grundschulen meist von 7:30 bis 16 Uhr, aber nicht in den Schulferien (zahlen darf man aber rund ums Jahr, und billig ist es nicht).

  3. Das Leben war schön. Ein halbes Jahr ich in Karenz, ein halbes Jahr der Vater. Mein Arbeitsplatz immer schon eine Stunde entfernt. Kita-Platz in der Nähe bekommen mit den gewünschten Öffnungszeiten, alles geplant – ich bringe, Vater holt das Kind ab, alles flexibel happy peppi – ich arbeite dann einfach mal 2 Tage ewig und den Rest der Woche entspannt. Denkste.
    Kindsvater beginnt eine Ausbildung und – Überraschung – die Privatschule schafft es doch tatsächlich nicht einen Stundenplan zu machen, der jede Woche ca. gleich ist. Jede Woche/jeder Tag ist anders. Der Plan steht bis Semesterende. Das heißt eigentlich kommt alle paar Tage eine Mail mit den Änderungen. WTF? Und die Anzahl der Schulstunden ist auch nicht so, wie wir das kommuniziert bekommen hatten.
    Fazit: Ich bringe das Kind in die Kita, fahre eine Stunde zur Arbeit, arbeite 5,5 h, stresse wieder eine Stunde nach Hause um das Kind rechtzeitig von der Kita abzuholen, kochen, Haushalt, schlafengehen. Mein eigentliches Stundensoll geht sich so natürlich nicht aus. Finanziell ist das ….. Ich verliere 10 Stunden jede Woche mit unnützem Autofahren bei dem ich total gestresst bin, weil kein Unfall und kein Stau dazwischen kommen darf, weil sonst ja die Kita zusperrt. (Früher war ich mit dem Zug unterwegs und konnte die Zeit effektiv nutzen. Zug ist aber nicht flexibel genug mit Kind.). Und nun: alles zu wenig. Zu wenig Zeit mit Kind, zu wenig Zeit zum Arbeiten, zu wenig Zeit für irgendwas anderes abseits von Haushalt und Arbeit, zu wenig Geld weil keine Zeit zum Arbeiten wegen dem Stundenplan des Grauens vom Partner. Das soll die nächsten 2 Jahre so gehen. Das Wochenende ist vollgestopft mit allem was sich sonst nicht ausgeht (einkaufen hallo?) und einem Tag, an dem der Partner arbeiten geht.

    Von halbe halbe in 1,2 Sekunden auf alleinerziehend mit Partner. So hatten wir uns das nicht gedacht :(

  4. Nein, du brauchst garantiert keine Ratschläge, wie du euer anstrengedes Leben wuppen kannst. Und doch fiel mir grad was ein: Könntest du nicht im Umkreis von 100m rund um die gefährliche Kreuzung Handzettel aushängen? Kurz die Situation beschreiben und klar sagen, dass du jemanden suchst, der dir pro Woche 30 Minuten schenkt. Also 3×10 Minuten.
    Wo dann dein Sohn auf der Schulseite der Kreuzung auf dem Nachhauseweg klingelt, über die Strasse gebracht wird und gut ist?

  5. Ich arbeite auch größtenteils zu Hause, als Autorin und als Verlegerin in einem winzigen Verlag. Meine Kinder sind 8 und 11 Jahre alt. Vormittags komme ich, wenn es gut läuft (HAHAHA) auf etwa 3-4 Stunden Arbeitszeit. Da aber mein Job als Vollzeitstelle ausgelegt ist, muss ich abends noch mal ran. Aber auch dann klappt es oft nicht, weil… einfach immer irgendwas ist.
    Und ständig sage ich zu meinen Kindern Sätze wie: „Ja, natürlich kannst du früher nach Hause kommen.“ Oder: „Heute musst du nicht in die Betreuung.“ Einfach weil ich weiß, wie wichtig diese Ausnahmen für meine Kinder sind. Denn in all der Zeit der Kämpfe, der Kriege und der Neufindung und der Abweisung durch ihren Vater bin ich der Leuchtturm, der ihnen das Gefühl geben muss: „Hier bist du immer willkommen und zu Hause“.
    Die Quittung: Der innere Druck meinem Job nicht gerecht zu werden, nächtliches Arbeiten und Grübeln, Existenzsorgen. Und der stetig grinsende Mr. Burnout, der auf der Türschwelle lungert und darauf wartet, dass ich ihn hereinbitte.

  6. Okay der Beitrag ist schon länger her. Aber das Bedürfnis darauf zu reagieren ist enorm. Mir stellt sich eine Frage: Warum? Einfach nur : warum. Da gibt es einen faktischen Vollzeit-Beruf und dennoch werden die Kinder zu Hause bekocht und zum Nachmittag erneut in die Schule gefahren. Exakt dafür ist Hort da. Weil sich Schulzeiten die nur bis zum Mittag gehen niemals mit Berufstätigkeit vertragen. Ich bewunderte Ihre Bereitschaft, frage mich jedoch ob es nicht falsche Rücksichtnahme ist. Alles Gute

    • Ganz einfach, Maria – weil der Sohn es sich so sehr gewünscht hat. Er war schon mit 1 in der Krippe, mit 3 in der Ganztagskita und bis Ende zweite Klasse im Hort bis 17 Uhr. Und nun wollte er mittags nach Hause. Aaaaber: er sagt nun, dass er in der 4. Klasse gerne in die Mensa und die Schulkernzeit gehen will. Alles wird gut.

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