Ja, ich brauche einen Ganztagsplatz!

Die Kindergartenleitung rief an, ob ich für die Jüngste einen Vormittags- oder einen Ganztagsplatz beantragen wolle – da ich mich ja „beruflich verändere“. Das ist nett ausgedrückt, eher ist es ja so, dass mein berufliches Umfeld sich verändert und ich mir nun ein neues suchen muss. In Deutschland werden Alleinerziehende zwar auf den Wartelisten der Kindergärten priorisiert, aber oft genug bedeutet der Verlust des Arbeitsplatzes gleichzeitig, dass der Ganztagsplatz entweder flöten geht oder gar nicht erst bewilligt wird. Ein Teufelskreis, denn ohne Ganztagsbetreuung ist schwer Arbeit zu finden.

Zum Glück ist „mein“ Kindergarten, bei dem die Jüngste die Krippe besucht und der Sohn die Kita (beide können von 7:30-17 Uhr dort hin), sehr alleinerziehendenfreundlich und weltoffen. Es ist der AWO-Kindergarten, direkt gegenüber von unserem Haus (ich kann den Kindern über die Straße zuwinken) und er ist eine echte Bereicherung für uns als Familie, weil dort die Welt zuhause ist.

Die Freunde meines Sohnes stammen aus aller Herren Länder: F. aus der Türkei, die Zwillinge P. und P aus Thailand, N. aus Vietnam, und etliche aus weiteren Staaten in Europa. Das ist deswegen so prima, weil die Jungs auch gerne bei uns zu Besuch sind, und ich dann die Mütter kennenlerne. Dann radebrechen wir auf Deutsch mit Händen und Füßen, und erfahren so mehr über das Leben der anderen. Mir macht das Freude, weil ich früher so gerne verreist bin, als Teen und Twen – ich bin monatelang mit Interrail und dem Tramper Monats Ticket mit der Bahn unterwegs gewesen. Reisen bildet. Aber sich fremde Kulturen ins Haus einzuladen auch. Letzte Nacht habe ich übrigens geträumt, dass mein nächstes Au-Pair aus der Mongolei kommt. Das wäre auch mal interessant….

NB: Für die Kindergartenplätze der beiden jüngeren Kinder gebe ich jeden Monat 475 € aus. Das tue ich zwar gerne, aber ich träume von kostenlosen Kindergartenplätzen in Deutschland per Gesetz. Dann könnte ich mit dem Kindergeld Schuhe oder Essen kaufen. So ist das ein offensichtliches Minusgeschäft – aber das wissen alle Eltern.

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Katja
Gast
Katja

Normalerweise bin ich ja eher eine stille Leserin, aber zu diesem Post muss ich doch was sagen: Was ich gar nicht verstehe ist die Sache mit dem „Anspruch“ auf einen Ganztagsplatz. Sowas wurde ich bei der Kiga Anmeldung meiner großen Tochter gar nicht gefragt. Ich konnte frei definieren, wie lange ich sie an welchen Tage im Kiga lassen möchte. Hier in Augsburg sind ein Großteil der Kigas Ganztagskigas (eigentlich alle, die ich angeschaut habe) und je mehr Kinder ganztags kommen (und zahlen), desto besser. Es gibt keine Begrenzung oder Beschränkung. Bei den Ganztagsschulen sieht es dann wieder anders aus, da… Weiterlesen »

Mama arbeitet
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Christine

Huhu Katja,

danke für den Kommentar! Es freut mich sehr, dass andere Städte bei der Vergabe der Ganztagsplätze nicht so darauf gucken, ob und wieviel die Mutter arbeitet. In manchen Orten sind ja sogar die Kindergartenplätze kostenlos – es sind aber wenige.

Hier in Konstanz wurde ich, als ich noch mit dem Vater der Kinder zusammen lebte, von einem christlichen Träger nicht mal gefragt, ob der Vater überhaupt beruftstätig ist, musste aber für mich selbst ellenlange Formulare ausfüllen, über Arbeitszeit, Art der Tätigkeit, Dauer der Anreise zum Arbeitsplatz, usw. :( (Das war nicht der jetzige AWO-Kindergarten).

Lydia
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Lydia

So traurig schlecht die Familien in Deutschland generell unterstützt werden, so muss man doch sagen, dass innerhalb der letzten 5-8 Jahre viel passiert ist. Als meine noch in den Kindergarten gingen, gab es noch gar keine Ganztages Betreuung. Gott sei dank aber ne Oma in der Nähe. An weitere Kinder ist derzeit trotzdem nicht zu denken, denn kleinkinderbetreungsplätze sind so selten und zu teuer. … Wie mir meine Freundinnen berichten. Die Wahl zu Hause zu bleiben oder zu arbeiten hat die Frau also immer noch nicht… Wo auch immer eine Alleinerziehende arbeitet, so scheint dies kein gewinn bringen zu dürfen.… Weiterlesen »

Mama arbeitet
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Christine

Liebe Lydie,

ich stimme dir uneingeschränkt zu – und mehr Frauen in der Politik sind sicher ein guter Ansatz. Ich fürchte nur, viele Frauen haben weder Zeit noch Lust dazu, sich in diesen Moloch zu begeben. So geht’s mir nämlich… Oder wir gründen irgendwann die „Moderne unverlogene Frauenpartei“! :)

Karen
Gast
Karen

Mein Sohn ist 1984 geboren worden. Zu dieser Zeit war es für eine alleinerziehende Mutter einfacher in Hamburg. Zu dieser Zeit gab es auch noch nicht die Unterscheidung zwischen halb oder Ganztagsplätze. Der Öffentliche Kindergarten hatte einen Frühdienst, der um 6 Uhr morgens begann. Ich bin sehr erschüttert, wie sehr diese sozial wichtigen Dienste, in den letzten 30 Jahren, abgebaut wurden.

Mama arbeitet
Gast
Christine

Moin Karen,

das finde ich sehr bemerkenswert, und hätte ich nicht gedacht. Vielen Dank für den Kommentar!