Den Stecker gezogen (Erschöpfung)

Den Stecker gezogen (Erschöpfung)

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Erschöpfung
Jochen Schoenfeld Shutterstock.com

 

„… und denken Sie bitte an das Nasenspray morgen früh.“

„Nasenspray? Wieso das denn!?“ [Mein Kopf rattert. Nie und nimmer bekomme ich Nasenspray in die Jüngste. Das klappt ja nicht einmal, wenn sie Ohrenschmerzen hat und äußerst motiviert ist, Linderung zu erfahren!]

„Na, dann blutet es weniger in der Nase. Die Kinder werden ja durch die Nase intubiert.“

„Ah“, sagte ich, mir wird flau, Bilder steigen auf. Ich möchte das alles nicht.

Es ist ja nicht die erste Operation, die ich mit meinen Kindern durchmache. Der Sohn hatte eine mit Vollnarkose, als er 3 war. Mit der Großen habe ich bereits 3 Vollnarkosen und OPs erlebt, und auch die Jüngste musste mit 2 Jahren schon einmal operiert werden, damals war es sogar etwas Ernstes.

Und nun also ein weiteres Mal. Ich bin so müde, obwohl ich ausgeschlafen bin, ich habe die ganzen Ferien geschlafen wie ein Stein, jede Nacht 9-11 Stunden. Aber ich bin müde von der Verantwortung.

„Sie sind dann morgen um 14:15 Uhr dran“, flötet eine andere Arzthelferin wenig später ins Telefon. „Denken Sie daran, dass das Kind 6 Stunden vorher nichts essen darf?“ An nichts anderes denke ich, weil das eine verdammt lange Zeit ist für ein 7-Jähriges Kind. Sie wird quengeln, heulen, wütend sein. Es wird anstrengend werden.

Und dann dieser „Saft“, den sie den Kindern verabreichen, der glücklich machen soll, mit dem das Kind wirkt wie schwer betrunken, ich werde sie auffangen müssen, denn sie wird taumeln, und später die Atemmaske mit den Narkosegas, die endlich Erlösung bringen wird, wenn sie auf der Liege Platz gefunden hat, und die mir unendliche Angst macht, immer wieder steigt in mir der Gedanke auf, dass es Menschen gibt, die aus der Narkose nicht wieder aufwachen, dass es schwere Folgeschäden geben kann, auch wenn das nur ganz selten passiert, und es bei gesunden Menschen bei Einhaltung der Regeln fast ausgeschlossen ist. Meine Angst hält sich nicht an Regeln, sie überschwemmt mich.

Ich aber muss Zuversicht verbreiten, stark sein, den Unmut des Kindes abfedern, für sie da sein. Wie mir das morgen gelingen soll, weiß ich heute nicht. Ich weiß nur, dass ich keine andere Wahl habe. Denn wenn ich es nicht mache, macht es keiner. Alleinerziehend zu sein ist oft Scheiße. Aber an manchen Tagen ist es noch scheißer als an anderen.

Mein Kopf wird wattig. Mir ist schwindelig. Jegliche Bewegung fällt mir schwer, ich habe nur noch einen Gedanken: Ich muss mich hinlegen. Ins Bett, die Decke über den Kopf ziehen, vielleicht wirklich schlafen. Als ich im Bett liege, fallen mir sofort die Augen zu. Die Geräusche meiner spielenden Kinder, die mich sonst beim Mittagsschlaf stören würden, höre ich überhaupt nicht.

2 Stunden später wache ich wieder auf. Der Schwindel ist weg. Ich stehe auf. Das Gefühl, dass mir der Stecker gezogen wurde, ist verschwunden. Ich funktioniere wieder. Muss ich ja.

24 Kommentare

  1. Ich drücke Dich aus der Ferne und ich werde an Euch denken und die Daumen drücken, so fest ich kann! Ich wünsche Euch alles Liebe und daß alles ohne Komplikationen abläuft und gut geht.
    Herzliche Grüße,
    Steffi

  2. Das, was so keiner außer uns Betroffenen weiß, wenn alles immer beschwerlicher wird, die dauernde Verantwortung für alles einen so unendlich müde und mürbe macht….

    Wow, mit Dreien alleine, ich kann nicht glauben, dass man das schafft. Ich bin mit einer Tochter schon so oft am Rande des Vorstellbaren gewesen…

    Ich lege Dir meine Hand auf die Schulter. Du bist nicht allein.
    Alles Gute für morgen!

  3. Zum Glück wird es gut.
    Mein alter Trick, wenn etwas besonders scheißiges vorausgeht: mir vorstellen, wie erleichtert ich danach bin, dass alles gut gegangen ist, dass wir abends zu Hause sein werden, dass das Kind danach gesünder ist, und dass ich froh bin, dass alles so harmlos war. Und wie schnell im Übrigen der Tag dann doch vergangen ist. Denn so wird es sein.

    Hilft ja nichts. ((( )))
    Auch viele liebe Gedanken von den Brillanten! <3

  4. Hi,
    auch wenn ich mich sicher nicht annähernd in deine Situation herein versetzen kann, will ich dir hiermit nur ganz schnell mein Mitgefühl und meinen tiefsten Respekt, für das was du leistest, aussprechen.

    Lg
    Felix

  5. Ihr werdet das alles gut meistern!! Da bin ich mir sicher – das „davor“ ist immer doof!! Ich drücke Euch feste alle Daumen!!!

  6. ich verstehe das sehr gut. Wir haben eine ähnliche Situation vor uns und ich muss selbst diese OP erst noch vom Gericht durchsetzen lassen, weil mein Exgatte sich dagegen wehrt ohne eine konkrete Begründung anzugeben. Da habe ich also ein verängstigtes Kind auf der einen Seite, das aber unbedingt auch diese OP haben muss und das auch einsieht – und auf der anderen Seite einen Vater, der seine Zustimmungen und Ablehnungen zu relevanten Themen nach Tagessympathie verteilt. Nicht nur die Angst des Kindes, dem ich beistehen muss, nicht nur meine eigenen Ängste, die mich halb umbringen, wenn ich an den Eingriff denke, nein: Hier kommt dann auch noch der Druck des Vaters hinzu, der mich garantiert danach aufs Messer bekämpfen wird – egal, ob es nun gut ausgeht oder ob Komplikationen auftreten. Seit gut acht Jahren kämpfe ich nun schon um ein „normales Verhältnis“, auch um solche Operationen ein wenig stärker angehen zu können. Schließlich wollen wir unseren Kindern ja auch beistehen können.

    • Ohjeohje, liebe Jana. Wie ätzend. Da habe ich Glück, mein Ex hat sich nie quergestellt bei medizinischen Dingen und sonstigen Unterschriften. Tut mir sehr leid, das muss ganz, ganz furchtbar sein. Ich weiß sehr wohl, wie es ist, wenn der Ex einem das Leben schwermacht, aber zumindest in diesem Bereich sind wir immer frei von Pein gewesen. Ich hoffe, dass er zur Besinnung kommt, irgendwann. Und dass du die Kraft hast, die du brauchst.

      Alles Liebe und Gute!
      Christine

  7. Als ich noch verheiratet war ,kam ich mir mit unseren gemeinsamen 3 Kindern ( heute erwachsen) oft alleinerziehend vor, was ich auch war. Arztbesuche ein Trauma. Allein diese U1, U2…. usw. machten mir Bauchschmerzen. Vorm Impfen ging es mir nie gut. Haben meine Kinder das bemerkt? Bestimmt haben sie es. Heute ist es so, dass zwei meiner Kinder nicht wegen jedem Pipifax zum Arzt rennen, die Jüngste hingegen ist ein richtiger Hypochonder geworden.
    Liebe Christine, gemeinsam steht ihr das durch. Ich drücke euch die Daumen. Ich habe mich und die Kinder nach solchen durchstandenen Aktionen immer belohnt. Muss gerade lachen, meine Jüngste schaute in dieser Zeit rauf und runter „Verliebt in Berlin “ mit Lisa Plenske.

    • Bei mir war es auch so, dass der Mann Krankenhäuser und Ärzte hasste, und ich die Polypen-OP bei der Großen alleine gemanaged habe. Aber er war da und hat mich in den Arm genommen, mit mir darüber gesprochen, wir waren zu zweit. Das hat für mich schon einen großen Unterschied gemacht.

      Und als der Sohn mit 3 eine Vollnarkose brauchte, war er noch dabei, obwohl ich mich schon getrennt hatte – auch das war sehr wohltuend, auch für den Sohn. Aber was seufze ich, es ist nunmal wie es jetzt ist. Und vielen Dank für deine guten Wünsche!

      Alles Liebe, Christine

  8. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die besonders müde machen. Wenn das Schuljahr wieder losgeht und noch nichts eingependelt ist und alle wissen wollen, wie es denn nun in diesem Jahr organisiert ist. Und dann noch Leute dazu kommen, die Ein Recht darauf geltend machen wollen, bei der Kinderzimmereinrichtung mitzureden. Und dass selbst 10 Euro Geschenke abgesprochen werden sollten. Weil es ja nicht sein kann, dass es sowas zwischendurch gibt. Egal, ob das wirklich für zwischendurch war.

    Und wenn dann die Kinder selbst die Hausaufgaben lieber abends halb 9 mit Mama machen („Mit dir kann ich das“), weil sie dem Papa die schlechte Zensur nicht zeigen wollten („Der schimpft immer nur.“)

    Und wenn du dann selbst (noch) in einem Job feststeckst, bei dem jedes Telefonklingeln Angstschweiß fabriziert, weil es ja der Chef sein könnte, den man nur sieht und hört, wenn er einen rundlaufen lassen kann. Inklusive Kündigungsdrohung.

    Und wenn dann der Blick aufs Konto sagt, dass die nächsten zwei Wochen mager werden, aber ein Zettel nach dem anderen mit Bitte um Geld für Zusatzhefte, Ausflüge, Gemeinschaftsprojekte reinflattert.

    DAS reicht schon zum mürbe machen.
    Wenn dann auch noch ein Kind krank wird, ist der Hochofen aus und der Schornstein bröckelt. Und trotzdem feuerst du ihn wieder an, Und ich auch. Weil es ja sonst keiner macht. Oder höchstens theoretisch und dann natürlich besser.

    Ich wünsch dir viel Kraft und viele schöne Momente mit deinen Kids.
    LG Tina

    • Liebe Tina, danke dir. Ja. Ich kenne diese Kombination von mürbemachenden Dingen natürlich auch. Diesmal ist es so, dass die Ferien ruhig und erholsam waren, zum ersten Mal. Und nun fängt alles wieder an, und gleich auch noch auf diese Art. Superdoof. Irgendwie überschattet das alles.

      Viele Grüße und für dich auch alles Gute!
      Christine

  9. Es wurde schon alles gesagt, was man als Aussenstehende sagen kann, aber auch ich wünsche Dir viel Kraft und die Zuversicht, dass alles glatt geht. Nur Mut, wir drücken Dir alle die Daumen!

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