Der Schneeball-Effekt: Elternhumor

Fangen Sie bloß nicht damit an. Ich kann Sie nur warnen. Oder ist dieser neue Brauch bei Ihnen etwa schon angekommen? Haben Sie bereits Eltern gesehen, die vor dem Kindergarten sonderbare Verrrenkungen machen oder gehören Sie gar selbst zu denen, die sich grundlos lächerlich machen, weil´s die Kinder vehement verlangen?

Die Rede ist hier nicht von Kinderhaarspangen in ergrauendem Erwachsenenhaar oder von Müttern auf Filly-Pferde-Badetüchern. Nein, es geht um einen schleichenden, bedenklichen Trend: das pantomimische Schneeballwerfen als Abschiedritual vor der Kita oder Krippe. Klingt absurd? Ist es auch.

© nestonik - Fotolia.com
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So erkennen Sie das Schneeball-Ritual

Typische Handbewegung ist dabei das scheinbare Zusammenkratzen von Schnee vom Boden aus der Hocke, gefolgt von einem kurzen Anlauf und der abschließenden Wurfbewegung. Geworfen wird natürlich nix, sonst wäre es keine Pantomime. Profis krempeln vor dem Zusammenkratzen des Schnees noch ihre Ärmel hoch, selbst wenn sie ärmellose Sommerkleider oder Hemden tragen. Auch leichte Sprünge, die Schwung symbolisieren sollen, werden vollführt. Manche werfen den Schneeball rückwärts, es wird auch imaginärer Schnee von Autodächern gekratzt – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Ausgeführt wird das Schneeballwerfen vor Kitafenstern, an denen winkende und Beifall klatschende Kinder sitzen, in Konstanz mittlerweile vollkommen Jahreszeiten-unabhängig. Zumindest an der Kita, die meine Kinder besuchen.

Angefangen hat das Ganze vor etwa 1,5 Jahren, und sich seitdem epedemisch ausgebreitet. Besuche ich den Kindergarten, um morgens die Jüngste dort abzuliefern, steht eigentlich immer eine Mutter oder ein Vater vor dem Fenster zum Parkplatz, um imaginäre Schneebälle gen Fenster zu werfen.

Die Erzieher haben das Ritual mittlerweile als normales Element des Kindergarten-Alltags integriert. Der Satz „Deine Mama geht jetzt, sie macht dir unten noch einen Schneeball“, ist vollkommen normal. Ganzjährig.

© Sandor Kacso - Fotolia.com
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Ursprung des Schneeball-Rituals

„Wer hat mit dem Quatsch eigentlich angefangen?“, erkundigte sich kürzlich eine befreundete Mutter, mit der ich gemeinsam pantomimische Schneebälle auf das Kitafenster warf. Ich überlegte kurz, welche sozialen Konsequenzen die unausweichliche Verbreitung der wahren Quelle dieses Abschiedrituals haben würde.

Die Eltern liefern sich nämlich mittlerweile kleine Wettbewerbe, wer die schönsten und meisten, höchsten oder weitesten Schneebälle imaginär ans Fenster wirft. In Ermangelung von Schneefall im vergangenen Winter war das auch wirklich nötig, denn 2012/2013 hatten wir noch aus dem Vollen schöpfen können, was das Schneevorkommen am Boden betraf.

Tja, und was soll ich sagen – Sie ahnen es vielleicht längst. „Ich war das“, gab ich zu. „Weil die Jüngste immer so einen Zirkus beim Verabschieden machte. Und dann hat sich das verselbstständigt.“ Die andere Mutter schaute mich kurz fassungslos an und dann prusteten wir los.

Ohne Schneeballwerfen zum Abschied geht bei uns in der Kita gar nix mehr. Falls Sie also nicht auch werktäglich wie so ein Affe vor dem Zirkusdirektor stehen und alberne Gesten machen wollen, dann fangen Sie solche Dinge lieber gar nicht erst an. Oder ist der Trend schon zu Ihnen übergeschwappt? Als Schneeball-Effekt, sozusagen?

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Mama notes
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Mama notes

Du Trendsetterin! *pruuuust* Horror. Das wäre echt was für mich… ;)

Stefanie
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Stefanie

Ein Glück wohnen wir ssssssssssssssseeeeeeeeeeeeeeeeehr ländlich, da gehen diese „Trends“ Gott sei Dank an uns vorbei ;-) Liebe Grüße, Stefanie

momatka
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momatka

*prust* Herrlich. Herrlich. Und die überraschende Wende am Ende. Sowas habe ich hier noch nicht gesehen. Aber ich kann das ja mal anstoßen *lacht finster*.

Katharina
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Katharina

*giggel*
zu köstlich!

Maxie
Gast
Maxie

Haha, mein Kleiner kommt ab dem 1.8. in den Kindergarten und ich habe eigentlich nicht vor Schneebälle zu werfen. :-) Interessanter Trend und wer weiß, was da noch so alles kommt! Fakt ist, man wird auf jeden Fall immer wieder überrascht und ist gleichzeitig erstaunt, was man offensichtlich alles so mitmacht!!!
Schönes Wochenende dir! LG Maxie

cloudette
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cloudette

hahaha, wie geil, das fange ich doch gleich am Montag an :-D (wobei … weiß Kind2, was ein Schneeball ist? *grübel* Hier gab’s ja im letzten Winter nicht eine Schneeflocke!)

Alexandra
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Alexandra

Liebe Christine, die Überraschung ist dir gelungen. „Wer hat sich denn diesen Schwachsinn ausgedacht?!“, fragte ich mich beim Lesen. Schmunzelnd. Und dann die Auflösung: du warst es. Das betrachte ich keineswegs als negativ, denn es ist zweifellos eine Leistung. Nachgemacht hätte ich es vermutlich nicht, aber interessant und amüsant finde ich dieses Schneeball-Ritual und seine Entwicklung auf jeden Fall. Mindestens einer meiner ehemaligen Soziologie-Professoren wäre davon begeistert gewesen. Wir Studierenden wurden stets dazu motiviert, in unserem Alltag unerwartete (teils amüsante) Verhaltensweisen an den Tag zu legen und die Reaktionen unserer Mitmenschen zu beobachten. Beim Lesen deines Textes dachte ich zugleich… Weiterlesen »

JM
Gast
JM

Ich werfe zwar „nur“ Küsschen in Richtung Fenster, aber die so inbrünstig, dass es möglicherweise ähnlich aussieht… ;-)

Paula
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Paula

In der Kita meiner Tochter gibt es ein ähnliches Ritual zum verabschieden. Die Kinder „schubsen“ die Eltern aus der Eingangstür raus und die Eltern geben sich möglichst viel mühe, pantomimisch „hinzufallen“ oder zu „stolpern“, damit es möglichst echt aussteigt und die Kinder ihren Spaß haben.

Sonja
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Sonja

Hihi… Fühle mich ertappt :-) bei uns wird von außen an die Scheibe gehaucht und was rangemalt… Die Keimbesiedelung der Scheibe macht mir manchmal Sorgen… Beste Grüße von Sonja

Anne
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Anne

Verrückt! Ich mache das auch seit geraumer Zeit, und zwar ganzjährig und ganz weit weg von Konstanz. Auf Forderung meines Kindergarten-Sohnes hin. Ich habe mich schon gewundert, warum er das unbedingt möchte (im Winter habe ich ihm ab und an einen Mini-Schneemann vors Fenster gebaut, aber nie einen Schneeball geworfen). Also hat er es vielleicht bei anderen Eltern gesehen – und die haben es irgendwie aus Konstanz hierher geholt. Das ist ein lustiger Gruß von Dir!

MissMoneypenny
Gast
MissMoneypenny

Bei uns ist es das „Winkefenster“-Ritual. Die Gruppenräume haben jeweils ein kleines Fenster zum Flur. Die Winkefenster eben.
Daher der Satz: „Mami gibt dir noch ein Küsschen durchs Winkefenster“