Die große Konferenz-Vermissung. Ihr fehlt mir!

Mir fehlen die Konferenzen so sehr. Die letzte habe ich Ende Februar besucht, vor 6 Monaten, es war der Equal Care Day in Bonn, den Almut Schnerring und Sascha Verlan auf die Beine gestellt haben.

Eigentlich wollte ich nicht hinfahren, weil es mal wieder kompliziert war, was die Kinder betrifft, aber ich bin so froh, dass ich es gemacht habe – nicht nur weil ich schon gleich auf der Tagung begeistert war, sondern weil nun wegen Corona solche Events erstmal gestrichen sind.

Und ich wusste schon vor Corona, ich brauche sie zum Auftanken: Während andere ihre Verhinderungspflege für ein Wellness-Wochenende oder eine Auszeit bei einer Freundin benutzen, habe ich meine von der Pflegekasse „geschenkte“ Zeit, die ich mir als pflegende Angehörige selbst frei einteilen kann, seitdem sie mir zusteht, gerne für Bloggerkonferenzen oder Tagungen genommen. (Das gehört zum Pflegegrad, den meine autistische Tochter hat.)

Ohgott, ich schreibe in der Vergangenheit. Ist das wirklich vorbei? Das kommt doch wieder, oder!?

Mit Charlotte Echterhoff und Heiner Fischer im Februar auf dem Equal Care Day in Bonn

Konferenzvermissung: Die Entzugserscheinungen. Und was hilft dagegen?

Mein Hirn fühlt sich so ähnlich wie unterzuckert, mir fehlen die Schwingungen von solchen Konferenzen, mir fehlt der geistige Input, die sprühenden Gedanken, die Energie im Raum. Und all die Menschen, mit denen teils über Jahre noch gute Verbindungen bestehen, auch wenn man sich nur kurz unterhielt oder sah!

Nix ist mit Schwingungen, ich hab ein Hirn wie Brei, fühle mich uninspiriert und nahezu griesgrämig, weil Corona mir den Spaß geklaut hat. Den einzigen, den ich wirklich hatte neben den kleinen Inseln im Alltag, ich kann’s meinem Stadtratskollegen, der im Sommer immer auf Festivals ging und im Matsch zeltete, dahingehend sehr gut nachvollziehen. Wenn du etwas gefunden hast, das dich über weite Strecken trägt, dann kann man das eine gewisse Zeit aushalten, aber irgendwann wird’s doof.

Dann muss etwas Neues her, aber was? Online Konferenzen sind ganz nett, aber mit dem echten Gewusel, gemeinsamen Mittagessen, Gesprächen zwischen Tür und Angel und dem großen Gemeinschaftsgefühl, das auf einer Tagung entstehen kann, nicht zu vergleichen. Ich mag mir das auch nicht mit Masken und 1,50 Abstand vorstellen, dafür gehe ich nicht auf eine Konferenz, ich will ja Nähe, ich will Menschen, und ich will die auch anfassen!

Dass ich im Juni im Familienministerium war für ein Expertengespräch mit Frau Giffey und 10 Verbänden, hat die Sache etwas rausgerissen, trotz der natürlich eingehaltenen Sicherheitsabstände und Distanz in den Begegnungen. Ganz ehrlich, ich darbe. Zumal auch die Stadtratssitzungen unter ganz anderen Voraussetzungen ablaufen als sonst, und zuerst Coronapause war, und dann Sommerpause – ich hab quasi ein doppeltes Sommerloch.

Auch die bevorstehende feierliche Verleihung des Helene Weber Preises, zu dessen Preisträgerinnen ich dieses Jahr gehöre, wird im September coronabedingt in wesentlich kleinerem Rahmen stattfinden als das ursprünglich geplant war. Schade, aber immerhin ein Event, und darauf freue mich mich jetzt.

Es hilft aber alles nix: Ich hab schlimmen Konferenz-Entzug. Dass ich das mal über mich sagen würde, hätte ich früher ja eher nicht gedacht, wobei es durchaus Anzeichen dafür gab, dass es zu dieser Sucht-Symptomatik kommen könnte.

Die Magie der Konferenzen und ich – es ging schon im Studium los

Konferenzen fand ich nämlich schon länger faszinierend – ich bin als Studentin absolut freiwillig nach Durham zu einer Konferenz der Society of Interational Anglo-Saxonists gereist, dann als Uni-Mitarbeiterin nach Palermo auf Sizilien geflogen, und habe dann 1997 für und mit meiner Chefin eine große Tagung des Mediävistenverbands an der Humboldt-Uni organisiert (nicht freiwillig, weil Teil meines Jobs, aber gern). Seitdem weiß ich die Orga hinter so einer Tagung übrigens besonders zu schätzen.

Nur das eine Mal, in Stanford, USA, als ich von meiner Chefin zum Vortrag vor 200 Koryphäen meines Fachts gedrängt wurde, hatte ich überhaupt keinen Spaß, sondern wackelige Knie. Ich habe daraus gelernt, mir gut zu überlegen, ob ich mich auf eine Bühne stelle, und wenn ja, auf welche. Deswegen mussten die Organisatoren der Bloggerkonferenz denkst 2016 in Nürnberg auch so lange auf meine Zusage, warten – zum Glück haben sie die Geduld gehabt, denn am Ende war es ganz, ganz toll, und ich sage seitdem schneller zu. (Auf der Speakerinnenseite kann man einige Vorträge nachschauen.)

Vortrag Christine Finke denkst
Christine beim Vortrag auf der denkst 2016 in Nürnberg

Und warum es toll war? Weil irgendwas im Raum passiert, wenn du die Leute erreichst. Die Forschung sagt dazu, die Gehirne synchronisieren sich, und wenn das der Fall ist, dann gehst du anders aus dem Raum, als du hereingekommen bist. DAS ist der Zauber von Konferenzen. Und das fehlt mir ganz fürchterlich, sowohl als Vortragende als auch als Teilnehmerin. Ich hab das Gefühl, irgendwie stehenzubleiben. Die ganze Republik steht still. Alle warten darauf, dass das vorbeigeht.

Was also mache ich, wenn es auf absehbare Zeit keine Konferenzen mehr gibt wegen Corona? Dann muss ich wohl in den saueren Apfel beißen und meine Verhinderungspflege für ein Wellness-Wochenende oder Museumsreisen verwenden. Aus beidem kommt man ja irgendwie auch anders heraus, als mein hineingegangen ist. Ich hoffe, ihr erkennt mich dann noch, wenn wir uns endlich alle wiedersehen!