Hungrig sein versus Sattsein – über ein Lebensgefühl

Ich war so satt. Ganze zwei Tage lang hatte ich überhaupt keinen Hunger, nachdem ich nach herkömmlichen Maßstäben überschaubare Mengen an Raclette gegessen hatte am Heiligabend. Das essen wir traditionell jedes Jahr, und meine Kinder lieben es.

Der zehnjährige Sohn aß doppelt so viel wie ich, aber nur theoretisch, denn praktisch packte er sich seine 6 Pfännchen so sehr mit Käse voll, dass es sich faktisch um die vierfache Menge an Käse handelte, die er verspeiste. Weswegen ich ein Auge darauf hatte, dass der obere Rand seines Käsepfännchens nicht mit den Heizstäben des Raclettegerätes in Kontakt kam. Das hätte hässlich gerochen und muss ja nicht sein.

Sattsein
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Als wir fertig waren mit dem Racletteessen, fragte der Sohn, was wir jetzt essen würden. Ich dachte, er macht Witze. Aber dem war nicht so. Vielleicht, das kann ja gut sein, liegt es daran, dass er gerade einen Wachstumsschub durchmacht, aber finden die nicht eher im Sommer statt? Das habe ich doch mal irgendwo gelesen, damals, als ich noch Fachjournalistin für Baby- und Kinderthemen war?

Meine anderen beiden Kinder, 7 und 16 Jahre alt, hatten am Weihnachtsabend auch ordentlich zugeschlagen und waren pappsatt. Als wir am ersten Weihnachtsfeiertag bei Freunden zum Brunch eingeladen waren, hatte keiner von uns richtig Hunger, obwohl es schon auf den Mittag zuging. Ich wunderte mich über all die Menschen, die an der Brunchtafel zu Croissants, Kuchen, Wurst und Käse griffen. Wie konnten die schon wieder hungrig sein!?

Ich trank Kaffee. Meine Kinder bissen höflich von einem Brötchen ab, waren aber eigentlich nicht interessiert an Essen. Dann fuhren wir wieder nach Hause. Der Sohn verlangte gen Abend nach mehr Racletttekäse, gerne mit Mais und Pilzen in der Pfanne gebraten, und ich bereitete ihm das wunschgemäß zu (an dieser Stelle sei gesagt, dass es sich um ein gertenschlankes, langes Kind handelt). Und ich fragte mich derweil, ob ich jemals wieder Hunger haben würde bzw. wann das der Fall sein würde. Bis dahin aß ich ein bisschen Brezel und trank Milchkaffee, aber auch das eher lustlos. Und weil ich ja nicht einfach 2 Tage nix essen kann.

Es dauerte. Am Abend des 26.12. briet ich den Kindern Rumpsteak mit Mais und Kartoffelpüree. Und bekam dabei Appetit. Das war schonmal ganz schön. Aber als ich am Vormittag des 27.12, also heute, endlich wieder Hunger hatte, richtigen Hunger mit Grummeln im Bauch, da wusste ich, wie sehr ich dieses Gefühl vermisst hatte. Essen ohne Hunger macht keinen Spaß. Und ich bin lieber hungrig als satt.

Das war aber nicht alles, was ich dachte. Mir wurde klar, dass ich die hungrigen Menschen mag, und das im übertragenen Sinne. Satte Menschen langweilen mich und ich langweile mich, wenn ich satt bin. Ich möchte nicht satt sein. Ich möchte auch nicht hungern. It’s a thin line. Und nein, das ist kein Luxusproblem. Es ist eine Lebenseinstellung.

Autorin, Texterin und alleinerziehende Mutter von 3en. Spezialisiert auf Kinderbücher, Vereinbarkeit Familie/Beruf, Alleinerziehende. Seit 2014 auch Stadträtin in Konstanz.

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3 Kommentare auf "Hungrig sein versus Sattsein – über ein Lebensgefühl"

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Blogprinzessin
Gast

Sagte auch schon Steve Jobs: „Stay hungry stay foolish“ 😍 http://www.mac-history.de/apple-people/steve-jobs/2008-10-05/ubersetzung-der-rede-von-steve-jobs-vor-den-absolventen-der-stanford-universitat-2005

In dem Sinne,
Bleib hungrig! Bleib tollkühn!
Katarina

Patricia
Gast

Dieses Zitat von Steve Jobs ist eines meiner Lieblingszitate – aber nur auf’s Leben bezogen, nicht auf’s Essen! 😉

LG,
Patricia

Carsten
Gast
Ich habe letztes Jahr zwei mal gefastet und es hat mir sehr gut getan. Ich habe mich 2,5 Tage lang ausschließlich von Tee und Fruchtsäften ernährt und auch wenn es manchmal etwas schwierig war, war es doch insgesamt erstaunlich leicht. Wobei es nur geklappt hat, als ich gearbeitet habe und deshalb genug Ablenkung hatte. Der erste Anlauf (am Wochenende zuhause) ist schief gegangen (abgebrochen). Nicht weil ich da wirklich Essen gebraucht hätte. Aber weil ich dauernd dran erinnert worden bin, das ich ja mal was essen könnte. Seither habe ich mich deutlich bewusster (und genussvoller) ernährt und das sogar Weihnachten… Read more »
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