I’m every woman

Die eine sagt „Was wollt Ihr eigentlich mit eurer Vereinbarkeit?“, die andere schüttelt den Kopf, weil sie nicht versteht, dass Alleinerziehende es schwer haben. Eine wünscht sich Kinder, die andere hatte eine Fehlgeburt, eine hat gerade abgetrieben, eine wollte nie Kinder – wir könnten verschiedener nicht sein, wir Frauen.

Vielleicht ist es Altersweisheit (setzt die schon mit Ende 40 ein?), aber wenn ich eins weiß, dann dass in jeder Frau auch eine andere Frau steckt, die sie genauso gut sein könnte, zumindest in einer anderen Phase ihres Lebens. Als ich 20 war, sah ich das natürlich anders. Heute kann ich sagen, ich war all diese Frauen:

Matrjoschka © reinhard sester - Fotolia
Matrjoschka © reinhard sester – Fotolia
  • Die Frau, die keine Kinder will und Kinder nervig findet
  • Die Frau, der ein Freund nie genügt
  • Die Frau, die sich ein Kind wünscht
  • Die glücklich verheiratete Frau
  • Die glücklich verheiratete Frau und Mutter
  • Die Frau, die eine Fehlgeburt hat
  • Die Frau, die eine Kinderwunschbehandlung macht, mit Spritzen und Hormonen
  • Die Frau, die überraschend mit 42 noch einmal schwanger wird
  • Die unglücklich verheiratete Frau
  • Die in Trennung lebende Frau
  • Die glücklich geschiedene Frau
  • Die Frau, deren Kinder flügge werden
  • Die Frau mit dem gutaussehenden, charismatischen Mann
  • Die alleinstehende Frau
  • Die Frau mit Karriere, Geld und Personal
  • Die arme Frau mit Sozialpass und chronischer Geldnot

Warum ich das hier aufzähle? Weil ich mir wünschte, mir hätte das jemand so gesagt, als ich 20 war. Oder 30. Ich war verdammt selbstgerecht, ich dachte, es sei alles so einfach, ich hätte es in der Hand, das Leben zu steuern, in die richtigen Bahnen zu lenken, zu kontrollieren. So ist es nicht. Du verliebst dich oder du verliebst dich nicht. Du wirst schwanger oder nicht, deine biologische Uhr tut Dinge, von denen dein Bewusstsein keinen blassen Schimmer hat, und mehr als uns allen lieb ist liegt völlig außerhalb unserer Kontrolle.

Ich wünschte, ich hätte mich weniger darauf konzentriert, den Lauf der Dinge kontrollieren zu wollen und mehr darauf, anzunehmen, was kommt. Dann hätte ich weniger an dem festgehalten, was ich für den richtigen Weg hielt.

Das wollte ich euch sagen. Liebe junge Frau, die du das liest, denke einen Moment darüber nach. Es könnte dir ein paar Umwege ersparen. Vielleicht.

Cartoon für mich. Mit freundlicher Genehmigung von Míka Eríksdóttir
Cartoon für mich. Mit freundlicher Genehmigung von Míka Eríksdóttir

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Mama notes
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Mama notes

Wunderbar! Danke! So ist es, so erlebe ich das (mit Anfang 40) auch. Ich war auch einige der oben beschriebenen Frauen und ggf. noch ein paar andere. Und genau das ist für mich der Grund, warum der Feminismus keine Frau, keine Lebensform, keine Hobbys, keine Berufung ausschließen darf. Denn was wir auch noch sind: das was passieren könnte, wenn nicht gerade das passiert, was passiert. I’m every woman is real feminism. <3

Vorstadtpoetin
Gast
Vorstadtpoetin

Wie klug von Dir, gedacht und geschrieben. Vor allem diese Zeilen „Ich wünschte, ich hätte mich weniger darauf konzentriert, den Lauf der Dinge kontrollieren zu wollen und mehr darauf, anzunehmen, was kommt. Dann hätte ich weniger an dem festgehalten, was ich für den richtigen Weg hielt.“ habe ich inhaliert. Etwas anzunehmen, wie es kommt (oder ist), ist eines der schwierigsten Dinge, die ich je lerne musste.

Und Mama_Notes setzt für mich mit ihrem Kommentare das i-Tüpfelchen. I’m every woman! Kommt, lasst uns T-Shirts drucken und das in die Welt hinaustragen…

Frische Brise
Gast
Frische Brise

Oh ja! Genau so ist es!

Heike
Gast
Heike

Ja – genau so ist es!
Und wer weiß, wie viele Versionen meiner selbst da noch kommen in den nächsten 40 oder 50 Jahren!
Ich freue mich jedenfalls drauf :-)

cloudette
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cloudette

<3
Ja! (*verdrückt ein Tränchen*)

Eljajael
Gast
Eljajael

Danke für diesen treffenden und wundervollen Text. Auch mich hat der oben bereits zitierte Satz sehr bewegt. Ich lese deinem Blog mit großer Freude und könnte so vieles unterschreiben.

ehrlichgesagt
Gast
ehrlichgesagt

JA, JA, JA!
Ich bin Mitte 40 und auch schon vieles von dem gewesen, was du aufzählst und noch einiges andere und es wird sicher/ hoffentlich auch noch was dazukommen. „Richtig oder falsch gibt es nicht. Klarheit und Intuition ist, was uns trägt.“ schrieb mir eine Freundin heute. Aber ich bin sicher, wenn mir das vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich wissend genickt und doch nicht wirklich verstanden, was es bedeutet. Die Wahrheit ist: Leben ist Veränderung. Und je mehr man sich gegen sie wehrt, desto mehr tut sie weh.
Danke für deine tollen Texte! <3

Katarina
Gast
Katarina

Die (verhältnismäßig) junge Frau mit Ende zwanzig und zahnendem Kleinkind auf dem Schoß liest und küsst und kuschelt das Kind.

Mal sehen was das Leben mir noch bringt.

Dunja Voos
Gast
Dunja Voos

Wunderschön.

Rike
Gast
Rike

Ein sehr schöner Text. Danke!

Marion vV
Gast
Marion vV

Wie wahr – und heute mit fast Mitte 50 gibt es noch so viele Frauen in mir, die noch darauf warten ihren Stellenwert in meinem Leben einzunehmen. Es bleibt spannend!

WibkeS
Gast
WibkeS

Gut gesagt – wie so oft, auf den Punkt gebracht.
Danke für den Text und Denkanstoß. Es entspricht meiner Grundhaltung, aber ich selber ertappe mich auch immer mal wieder dabei andere Lebensentwürfe zu bewerten, einfach nur, weil sie anders sind. Mit den Jahren und Erfahrungen wird es aber doch seltener :-)
Und ich habe jetzt einen Ohrwurm.

Dani
Gast
Dani

Sehr gelungene Worte. Treffend. Wahr. Und das ganz ohne ellenlanges Geschreibe ;).
Vielen Dank dafür! <3

Rahel
Gast
Rahel

Tolle Schreibe! Danke.

Sam
Gast
Sam

Deinem wundervollen Text und den Kommentaren kann ich nichts mehr hinzufügen – nur von ganzem Herzen zustimmen. Bleibt abzuwarten, was noch alles in uns steckt.

Joanna
Gast
Joanna

Hallo Christine (ich hoffe, Du sagen zu dürfen), mein Kommentar richtet sich weniger an nur diesen Artikel als an viele, die ich heute von dir gelesen habe. Ich bin ca halb so alt wie du (momentan 24) und ticke was z.B. Deadlines oder gelegentliches Nichtstun angeht wohl deutlich anders als du, aber auch ich studiere Anglistik und kann deine Vorliebe für Worte verstehen, egal ob sie sich in deinem Wunsch nach verbalen Gebrauchsanleitungen äußert oder in deinem Schreibstil. Den finde ich sehr angenehm, aus zwei Gründen: erstens schreibst du korrektes, schönes, nicht etwa gewollt plattes Deutsch und zweitens scheinst du… Weiterlesen »

Frau Kreis
Gast
Frau Kreis

Ich kann das nur unterschreiben, weil ich ebenfalls einen sehr bunten und wenig stromlinienförmigen Lebenslauf hinter mir habe. Vorteil: Große Empathie gegenüber anderen und die Fähigkeit, aus unl(i)ebsamen Situationen aufbrechen zu können, ohne sich selbst zu verlieren. Nachteil: manchmal wird einem vom Rückblick auf den eigenen Lebensweg schwindlig. Und: Stromlinienförmigkeit wird in finanzieller Hinsicht belohnt. :-(

Jana
Gast
Jana

Danke für den tollen Blogbeitrag, in einen Aufzählungen konnte ich mich schon wiederspiegeln.
Liebe Grüße

Isa
Gast
Isa

Vielen Dank für den Blogpost. I am every woman – mit Ende 30 habe ich auch schon viele Stationen durchgemacht bzw durchmachen dürfen. Momentan bin ich an einem Punkt, an dem das Leben gar nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Wo geht es hin? Wann? Wie geht es weiter. Weiter geht es immer – ob es der richtige Weg ist, wird man leider erst im Nachhinein feststellen. Ich versuche diesmal aber nicht der Norm gerecht zu werden, sondern „meinen“ Weg zu gehen. Vielleicht klappt dann vieles besser.
Liebe Grüße
Isa

Sophie
Gast
Sophie

Ich bin gerade: bald geschiedene Ende-20 Wochenend-Mama mit neuem Freund aus dem Ausland. Hätte ich „früher“ auch nie gedacht. Und zumindest der Teil mit der „Wochenendmama“ passt mir überhaupt nicht und wird hoffentlich auch mal wieder anders. Aber der Rest ist besser als das, was ich vorher hatte (unglücklich verheiratete, depressive Mutter, die fast ihr Studium schmeißt). Und zum Teil sogar viel besser, als ich es mir jemals erträumt hätte. Na, mal sehen, wer ich noch so alles sein werde. ;)