Karfreitag hat der Bäcker zu!

Morgen ist Karfreitag. Und bei uns, im katholischen Süden, nimmt man das sehr ernst.

„Darf’s noch etwas sein?“, erkundigte sich die kleine Verkäuferin der Bäckerei bei der Kundin, die neben mir stand und dran war.

Es gelang der Angestellten gerade mal so, über die monströs hohe Glastheke zu gucken, die uns Kunden von ihrem Auslagenbereich trennte. Mit den eigenen 1,64 Metern Größe fühle ich mich in vielen Läden mittlerweile wie ein Kind, überall scheinen die Einkaufswagen und Verkaufstheken für Basketballer gemacht worden zu sein, ich finde das fürchterlich. Eventuell muss ich bald mit einem Schemel oder Stelzen einkaufen gehen.

„Das ist alles, vielen Dank“, schüttelte die Frau neben mir den Kopf und griff nach ihrem Portemonnaie. Dann blickte sie kurz auf, weil ihr doch noch etwas eingefallen war: „Haben Sie am Freitag geöffnet?“

Karfreitag Läden geschlossen
Gellinger auf Pixabay.com

Das Lächeln stets sehr freundlichen Verkäuferin, die für jeden Kunden einen netten Spruch parat hat, den Kindern kleine klebrige Bonbons zusteckt, und immer strahlt, fror für eine Sekunde ein. Dann fing sie sich wieder und belehrte die Kundin, so höflich sie konnte: „Karfreitag ist der höchste Feiertag in Deutschland!“, als wäre die Frau neben mir vom Mars, und hätte etwas höchst unanständiges gefragt.

„Aber es hätte ja sein können, dass…“, setzte die Kundin an, doch sie wurde unterbrochen von der Verkäuferin, die entrüstet „Das ist hier schließlich ein christliches Land!“ rief, woraufhin im Laden Stille herrschte. Widerspruch zwecklos.

„Äh, ja. Schönen Tag noch“, meinte die Kundin vor mir, zahlte und suchte das Weite. Blieb also ich stehen, die Atheistin. Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen. Aber was? Warum war die Verkäuferin so sauer geworden? Sie schüttelte immer noch empört den Kopf, obwohl die Kundin längst den Laden verlassen hatte.

„Eine Salzseele bitte, und ein Baguettebrötchen“, fing ich an. Und sagte dann: „Es sind ja nicht alle Menschen gläubig in Deutschland, oder Christen. Und man könnte ja auch muslimische Feiertage feiern.“

„Hm, ja“, knurrte die Verkäuferin. Und dann platzte es aus ihr heraus: „Was glauben die Leute eigentlich, wer hier steht!? Das sind Frauen, die Zuhause auch was zu tun hätten. An Weihnachten wird darüber geredet, ob der Einzelhandel am 24. aufhaben soll, obwohl Sonntag ist. Und in der Filiale XY, im großen Einkaufszentrum, da war mal jeden Adventssonntag bis 24 Uhr geöffnet, und wir Verkäuferinnen mussten dann da auch bis Mitternacht stehen. Irgendwann muss doch mal Schluss sein!“

Vielleicht geht es gar nicht so sehr um Christentum und Nicht-Christentum, um Muslime oder Atheisten. Sondern einfach darum, dass von den Menschen so viel verlangt wird, dass es ihnen einfach zu viel wird?

„Und wer entscheidet das?“, setzte die kleine Verkäuferin nach. „Das sind doch alles Männer. Die haben von nix eine Ahnung. Die müssen hier nicht stehen und gucken, wie sie alles geregelt kriegen!“

Da konnte ich dann nicken und ihr beipflichten. Die Bäckereiverkäuferin weiß zwar nicht, dass nur noch gut die Hälfte der Deutschen Christen sind. Und sie weiß auch nicht, dass das, was sie stört, Patriarchat und Neoliberalismus heißt. Ihre Welt ist irgendwie aus den Fugen – und nun wollen die Leute auch noch am Karfreitag frische Brötchen.

Ich zahlte und verabschiedete mich, der immer noch empört dreinschauenden Verkäuferin einen erholsamen Karfreitag wünschend. Da war ihr Lächeln wieder da, der Ärger vergessen. Alles zurück auf normal.

Naja fast, denn mir war irgendwie mulmig. Ich hoffe, sie wählt bei den nächsten Wahlen nicht die AfD.

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Sonnenfräulein
Gast
Sonnenfräulein

War die Kirche nicht die letzte Männerdomäne und der heilige Gral der Väterherrschaft ?

Bestimmt sind wir Frauen an diesem Untergang des Abendlandes (auch) Schuld. ^^

Ich gehe morgen zum Dienst.
Der Karfreitag ist in der Regel ein störungsfreier Tag.

Nun, ich bin ja ein hochgewachsener Evangele und in einer Gegend mit kleinwüchsigen Schluchtenjodlern
und vielen Atheisten gross geworden.
Bei uns gibt es eher niedrige Glastresen beim Bäcker und leere Kirchen mit vielen freien Plätzen.
Hat alles so seine Vor- und Nachteile.

Wünsche Dir und den Mitlesern auch ein schönes Osterfest. :)

Sabine G.
Gast
Sabine G.

Sehr geehrte Frau Finke,
woher wissen Sie denn, dass die Verkäuferin in der Bäckerei nicht weiss, dass nur noch die Hälfte der Deutschen Christen sind? Und woher wissen Sie, dass die Verkäuferin nicht weiss, dass das, was sie stört Patriarchat und Neoliberalismus heißt? Ihre Art, über eine Frau zu berichten, die ihren Lebensunterhalt im Einzelhandel verdient, empfindeich als sehr herablassend. Schade, wo doch gerade wir Frauen uns untereinader nicht gegenseitig bewerten sollten -egal ob Akademikerin oder ungelernte Arbeiterin.

Sonnenfräulein
Gast
Sonnenfräulein

Da hast Du absolut recht Sabine. Wir Frauen halten zusammen. Finde jetzt den Blog von Christine bezüglich der Bäckerin nicht so schlimm. Gibt ja genug andere leicht verkrampfte Seiten im Netz mit durchaus klugen Menschen, die sich über kleine Leute insbesondere über Bäckereifachverkäuferinnen selbstgefällig und besonders herablassend äussern. Inwieweit die tägliche Dosis Schadenfreude für diese Menschen hilfreich ist, mag ich nicht beurteilen. Anscheinend fühlen sie ich von uns Mädels derart in ihrer Existenz bedroht, dass das Feindbild Frau jeden Tag engagiert hochgehalten werden muss. Es werden täglich Berichte geschrieben. Auch wenn es eine deutsche Tradition ist, Berichte zu schreiben, es… Read more »

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
Gast
Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

Es sind wohl wirklich nicht die Verkäuferinnen und Kassierinnen, die Öffnungszeiten 24/24 und 7/7 wünschen. Wie hat man nur damals überlebt, als Läden Samstags um 16 Uhr schlossen und unter der Woche um 18:30? Und Sonntags zu? Kein Advents- oder sonstigen Verkauf? Aber halt, das Tea Room gegenüber hatte an Sonn- und Feiertagen ebenfalls geöffnet, dafür dann Montags geschlossen, wenn die andere Läden wieder offen waren. Die Frage der alten Dame war also irgendwie berechtigt… Aber man weiss natürlich nicht, welche Laus der Verkäuferin über die Leber gekrochen war. Vielleicht hatte sie ihr Chef in der Kaffeepause erst gerade gefragt,… Read more »

Ulrike
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Ulrike

Das ist genau die Art von oben herab die viele Menschen erst zu Protestwaehlern gemacht hat. „Du verstehst das halt nicht.“ Dann muss man es halt mal vernünftig erklären statt zu unterstellen dass jemand AFD wählt nur weil er oder sie vielleicht(!) das Wort Neoliberalismus nicht kennt.

Ivan Müller
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Ivan Müller

Ich betreue in meiner Arbeit Auszubildende aus Südeuropa im Einzelhandel. Die haben bei den jetzigen Öffnungszeiten zwischen 6 und 20 Uhr gar keine Chance sich, ein Privatleben aufzubauen. Denn die eine Woche arbeiten sie dienstags von 6 bis 12 und dann von 10 bis 18 Uhr oder von 12 bis 20 Uhr. Und wenn sie mal fertig sind mit der Ausbildung gehen sie bei einem Vollzeitjob mit 1400 € netto heim. Und jetzt sollen sie dann noch feiertags arbeiten? Weil wir unfähig sind, unsere Einkäufe zwischen 6 und 20 Uhr zu erledigen?

Monalisa
Gast
Monalisa

Ich finde den Beitrag auch etwas dünkelhaft, die Toleranzpredigt an die Verkäuferin daneben. Falls die Bäckerin echt traditionsgebunden aufgewachsen ist, kann ich ihre Empörung auch verstehen. Die fortschreitende Enttraditionalisierung empfinde auch ich als Verlust/schmerzlich, sie bietet dem „Neoliberalismus“ im übrigen auch schöne Einfallstore. (Ja, Tradition ist nicht per se gut, weiß schon, usw…) Ich schätze ohne den Einfluss der Kirchen in Deutschland wären wir schon längst bei Öffnungszeiten 24/7. Dem geballten Egoismus der Einzelnen und den Geschäftsinteressen großer Ketten hätten die Linkspartei und ein paar Feministinnen aus der SPD nicht genug entgegensetzen können. Es gibt immer mal wieder auch Schnittmengen… Read more »