9 Jahre allein und alleinerziehend – was das mit einer Frau macht

Meine Kinder sind 9, 12 und 18. Und ich mache seit 9 Jahren alles alleine. Immer.

„Wie alt sind denn Ihre Kinder?“, wurde ich gestern gefragt, und weil das eine wohlwollende Fragestellerin war, habe ich etwas ausgeholt und auch vom besonderen Kind erzählt, das gerade Autismus-Diagnostik macht, und den Herausforderungen meiner Familiensituation. Die Sitzung, an der ich als Stadträtin teilnahm, hatte das Thema „Sorgende Gemeinschaften“ und war vom Forum Altenhilfe organisiert worden. Aber es blieb nicht beim Fokus auf die Alten, weil ich den Aspekt, dass auch Alleinerziehende und Familien der Sorge bedürften, einbrachte, und sich so eine lebhafte Diskussion entwickelte.

Meine Kinder sind 9, 12 und 18. Und ich mache seit 9 Jahren alles alleine. Immer. Meine Eltern sind alt, und in einem Alter, in dem ich mir eher Sorgen um sie mache, als dass sie für mich sorgen könnten, und meine Schwiegereltern und die angeheiratete Verwandtschaft, mit der wir einen guten Kontakt haben, wohnen sehr weit weg. Ich habe nette Nachbarn, die ich in 6 Jahren des Lebens im sozialen Wohnungsbau sehr zu schätzen gelernt habe, und wir helfen uns gegenseitig mit Mehl aus, bringen uns Milch aus dem Supermarkt mit, wenn jemand krank ist, und gehen für einander in die Apotheke. Das ist nett, aber es ist nicht dasselbe, wie jemanden zu haben, der sich wie Familie oder ein Partner um einen sorgt.

lange alleinerziehend
TBIT auf Pixabay.com

Ich habe nie frei, weil meine Kinder ihren Vater kaum sehen, was vielen unglücklichen Umständen zu verdanken ist, und meine Kinder sehr traurig macht. Mein Exmann ist vor einigen Jahren, nach der Scheidung, 1000 km weggezogen, weil das für ihn der beste Weg war, oder vielleicht auch der einzig gangbare, denn dass ich mich getrennt hatte, tat ihm sehr weh.

9 Jahre also, im Dezember, die ich alleine bin. Das ist eine lange Zeit.

Kurz, zwischendrin, vor 3 Jahren, da gab es jemanden, der mir gefiel, und mit dem ich eine intensive Liaison hatte, aber das hielt nicht lange – ich habe daraus gelernt, dass es besser ist, sich von verheirateten Männern fernzuhalten, denn als es relativ überraschend aus war, weil er kalte Füße bekam, hat es mich damals komplett umgehauen. Das war schlimm. Ich konnte nicht einmal richtig heulen, schreien und wüten, weil ich für die Kinder da sein musste.

Seitdem bin ich allein. Wieder allein, und weiterhin allein, und es macht nicht unbedingt einsam, aber auch nicht stark, wie man meinen könnte. Es macht dankbar für schöne Momente, für die Natur und Freundschaften generell, und mir redet niemand in mein Leben rein.

Aber mich nimmt auch niemand in den Arm, bis auf meine Kinder und meine Eltern. Niemand tröstet mich, niemand bringt mir einen Kaffee morgens, niemand fühlt sich für die Kinder verantwortlich außer mir. Ich weiß nicht, ob ich noch küssen könnte, wenn ich es denn wollte, und ob mir die Nähe eines Menschen nicht viel zu nah wäre.

Damit bin ich nicht alleine: 50% der Alleinerziehenden bleiben 8 Jahre lang Single. Je jünger sie sind (und je männlicher!), desto schneller finden sie wieder einen Partner. Der Monitor Familienforschung 28 des BMfSJ „Alleinerziehende in Deutschland. Lebenssituationen und Lebenswirklichkeiten von Müttern und Kindern“ verrät uns, dass 25% der alleinerziehenden Mütter sogar mindestens 13 Jahre alleinerziehend ist. Da werde ich dann wohl dazugehören, und es ist okay, denn ich liebe das Leben, und ich brauche keinen Partner. Aber ich merke, dass mich eine so lange Zeit ohne Menschen an meiner Seite verändert.

Ich rechne gar nicht mehr damit, dass jemand ernsthaftes Interesse an mir haben könnte. Das wird ja eh nix. Und wie sollte er auch sein, der Mensch, für den ich mich interessiere, und der mit meiner familiären Belastungssituation umgehen kann? Das müsste schon ein sehr spezieller, ausgeglichener Mann sein. Einer, der uns als Familie sein lässt, aber trotzdem für mich da ist. Und der sein eigenes Ding macht, der nicht erwartet, dass ich ihn bemuttere, also umsorge.

Den Mann gibt es nicht, dachte ich. Bis ich kürzlich jemanden traf, der mich denken ließ, dass es so einen Mann doch geben könnte. Da ging irgendwie ein Fenster auf, ein Fenster zur Zukunft. Der Raum vibrierte, und es gab einen kurzen Wortwechsel, bei dem ich dachte, hier wäre etwas, das sich zu verfolgen lohnt. So etwas wie eine Verabredung.

Ob es dazu kommen wird, weiß ich nicht. Ich stehe auch nicht lichterloh verliebt in Flammen. Aber ich bin neugierig und kann mir etwas vorstellen. Und das ist, für eine Frau, die so lange alleine war wie ich, schon ziemlich viel.

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Hip_mama
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Hip_mama

Ich drücke alle verfügbaren Daumen! Ich würde es dir so sehr gönnen. Und ma echt jetzt hier: Danke für alles, was du als stäträtin und Bloggerin leistest. Wollt ich lang schon sagen. Alles Liebe und gute auch für die Kinder!

Manu
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Manu

Und? Hast Du Ihn angesprochen und seht Ihr Euch wieder?
Lg,
Manu

weiler
Gast
weiler

Du bist ein Mensch, ein einzigartiger Mensch. Du bist offen, reflektiert, intelligent.
Partnerschaft finden heisst auch, offen sein zu können – aufgrund der Umstände. Dein Leben dreht sich in vielen Facetten immer um das Eine: Existenz. Das spannt an, innerlich und äusserlich und das spüren andere, es zieht Kraft aus Dir.
Es wäre schön, Leben, gemeinsam; es ist traurig, dass es im Moment unmöglich erscheint. Aber es gibt keinen geheimen Plan, dass es so bleiben muss. Offen bleiben, trotz alledem.

Christoph
Gast
Christoph

Wie sagt man da? Viel Erfolg? Wird schon? Alles Gute? Daumen drücken?
Naja, im Zweifel alles!

Christoph

Barbara
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Barbara

Wie immer stets: ein berührender Text. So oder so: alles Liebe für dein ganz persönliches Glück, wie auch immer das aussehen mag/wird.
Barbara

Jessica
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Jessica

Hallo,

Ich drücke dir auch die Daumen und schließe mich meinen Vorschreiberinnen an – ich gönne es dir sehr!
Und ich kann dir nur Mut machen, ich habe auch gedacht, dass ich ewig allein bleibe und das eh nichts wird und so weiter. Und dann stand er da, wir haben drei Stunden lang nur geredet und er kann uns auch so akzeptieren wie wir sind und uns lieben. Gibt es auch.

Nini
Gast
Nini

Liebe Christine, vielen Dank für diesen Beitrag. Ich las ihn an meinem Geburtstag und fand mich in den Zeilen wieder. Ich lese seit einem halben Jahr deinen Blog, dein Buch habe ich auch schon verschlungen. Heute möchte ich hier einfach mal Danke sagen für all deine tollen Beiträge! Sie haben mir sehr geholfen, mich aus einer ungesunden Beziehung zu lösen und gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, die mir das Leben so erschweren… Seit anderthalb Jahren bin ich alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern, drei und fünf Jahren alt. Ich bin berufstätig, zum Kindsvater besteht aus ähnlichen Gründen wie bei dir kaum Kontakt.… Weiterlesen »

insomnia
Gast
insomnia

Liebe Christine,
ich schaue seit einer längeren Zeit in deinen Blog. Sehr interessante Statistik! Ja, die Männer bleiben nicht lange alleine… Bei Frauen scheint die Anzahl der Kinder auch eine Rolle zu spielen. Ein Kind ist meistens kein Kind, aber ab zwei Kindern wird nicht mehr gezählt. Das ist dann einfach „ein Haufen Kinder“. Durchhalten ist meine Parole. Dir und allen alleinerziehenden Müttern wünsche ich alles Glück dieser Erde!