Mama, wann ist man eigentlich erwachsen?

Der Sohn fragte. Neulich wollte er wissen, was ein Wichser ist, vor ein paar Tagen erkundigte er sich nach dem Zeitpunkt, an dem man erwachsen ist. Der Sohn ist 9 Jahre alt und verdient ordentliche Antworten. Also atmete ich tief durch und versuchte, ihm eine gute Antwort zu geben.

„Vor dem Gesetzgeber, also der Polizei und Deutschland, bist du das mit 18 Jahren. Da kannst du alleine entscheiden, wie du leben willst und was du tust. Vorher sind deine Eltern für dich und dein Wohlergehen verantwortlich.“ Ob er dann auch Autofahren dürfe, wollte der Sohn wissen. „Ja, das darfst du dann, wenn du den Führerschein gemacht hast. Aber man kann auch 18 Jahre alt sein, den Führerschein haben, und nicht erwachsen sein.“

Großes Fragezeichen im Gesicht des Sohns. Ich versuchte, zu erklären, wie sich das in der Rückschau anfühlt: „Mit 18 denkt man, man sei erwachsen, und das fühlt sich auch so an. Du fühlst dich wahrscheinlich groß und frei. Aber das Leben verläuft in Wellen. Mit 20 fühlte ich mich wieder ziemlich klein. Und mit 21 wuchs ich wieder ins Erwachsenenleben hinein, das war als ich auszog aus dem Haus von Oma Sigi und Opa Klaus.“

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Der Sohn nickte und dachte nach. Ja, das konnte er sich vorstellen. Und dann stellte er die nächste, logische Frage: „Und wann hast du gedacht, dass du jetzt wirklich erwachsen bist?“ Ich musste nicht nachdenken, das war eindeutig: „Als ich das erste Kind bekommen hatte, deine große Schwester. Da war ich schon 34 Jahre alt. Ziemlich alt, um erwachsen zu werden. Aber das war für mich der Zeitpunkt, als ich erwachsen war. Weil ich auf einmal die Verantwortung für ein Baby hatte.“

Das klang wohl auch ziemlich logisch, denn der Sohn fragte nicht weiter. Aber in mir purzelten die Gedanken noch eine ganze Weile herum. Fühle ich mich jetzt erwachsen? Ich fühle mich meist höchstens alt, aber nur, wenn ich mich im Spiegel sehe. Manchmal habe ich solche Lust auf Schabernack, dass ich mich richtig zusammenreißen muss, und auch das mache ich nur, weil ich Kinder habe. Vielleicht ist das mein Glück. Wäre ich ohne meine drei Kinder ein verantwortungsloser, nach dem Lustprinzip lebender Mensch geworden? Ich hoffe nicht. Aber ganz ausschließen kann ich es nicht.

Ist es das, was Erwachsensein ausmacht? Verantwortlich zu sein für sich und andere? Klingt eigentlich ziemlich doof. Aber unvermeidbar. Wenn man selbst klein ist, übernehmen andere Erwachsene die Verantwortung für einen, und später ist man selbst dran. Erwachsensein und alt sein sind nicht dasselbe. Wer das nicht gelernt hat, ist nicht erwachsen. Das ist alles, was ich sicher weiß. Mir fällt mein Ex-Mann ein, der wesentlich jünger ist als ich, aber deutlich über 18 war, als ich ihn traf. Vielleicht gehörte er genau aus diesem Grund zu den Lektionen, die mich das Leben lehrte, oder die ich mir im Leben ausgesucht habe. Wer weiß das schon so genau?

Bei meinen eigenen Eltern hatte ich das Gefühl, dass sie erst dann wirklich erwachsen wurden, als ihre Eltern starben. Bei beiden war mein Eindruck, dass es eher der Tod der eigenen Mutter war, der sie altern bzw. reifen ließ. Aber vielleicht lag das auch daran, dass die jeweiligen Omas ihre Ehemänner deutlich überlebten, und somit der Tod des letzten verbliebenen Elternteil das Erwachsenswerden endgültig machte. Ich bin froh, dass ich noch beide Eltern habe, und dass es ihnen relativ gut geht. In meinem Bekanntenkreis müssen die ersten um ihre Eltern trauern, und ich weiß, das kommt irgendwann, irgendwann zwischen übermorgen und in 20 Jahren. Ob ich mich dann nochmals erwachsener fühlen werde? Ich könnte gut darauf verzichten. Aber ich fürchte, es wird so sein.

Als ich 9 Jahre alt war, las ich mit Vorliebe Bücher von Pippi Langstrumpf. Und die war bekanntlich 9 Jahre alt, würde das immer bleiben, und wollte auch nicht älter werden. Ein bisschen davon trage ich auch heute noch im Herzen. Und ich hoffe, der Sohn wird nicht zu früh erwachsen.

Linktipp innerhalb des Blogs: „Mama, habe ich die Wut vom Papa?“

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Nathalie
Nathalie
13. August 2015 19:45

Liebe Christine! Ja, das Thema kenne ich! Ich habe darüber mal einen Zeitungsartikel geschrieben, der in mehreren Tageszeitungen erschienen ist und recht gute Resonanz hatte. Ich habe ihn auch mal eins zu eins bei mir im Blog gepostet, Jahre später, denn der Text erschien in den Zeitungen eigentlich schon vor fünf Jahren… Meine Frage in dem Text war: Werden wir immer später erwachsen? Und was ist eigentlich erwachsen? Dazu habe ich auch einige Wissenschaftler befragt und das Ganze soziologisch betrachtet. Wenn Du magst, auf meinem Blog steht der Text unter diesem Link: https://ganznormalemama.wordpress.com/2013/11/18/werden-wir-immer-spater-erwachsen/ (ich mag das Linkposten nicht so gerne… Weiterlesen »

Tina (vomwerdenzumsein)
Tina (vomwerdenzumsein)
13. August 2015 19:57

Die Frage habe ich mir als Kind auch oft gestellt, dachte ich nämlich, wenn man erwachsen ist, hat man keine Probleme mehr. Seit ich offiziell erwachsen bin, habe ich immer wieder diesen einen Moment, wo ich denke: „Jetzt! Jetzt ist es soweit.“ Es sind immer Momente von Erkenntnissen, die mich in meiner eigenen Entwicklung weiterbringen oder von Entscheidungen, die nicht leicht, aber wertvoll waren. Ich denke, dass macht es auch aus: Entscheidungen treffen zu können, die für einen gut sind. Die sind manchmal unbequem und dennoch tut man es, außerhalb der viel zitierten Komfortzone. Das ist zumindest meine Definition, aber… Weiterlesen »

Rona
Rona
13. August 2015 20:25

Ein schöner Text! Danke! I ch finde es für mich besonders stimmig, wie Du das mit den Wellenbewegungen beschreibst. So habe ich das noch nie gesehen, aber genauso erlebe ich es. Ich fühle mich erwachsen, wenn ich mich als „Herrin“ meines Lebens fühle. Wenn ich zu stark fremdbestimmt bin, verliere ich das Gefühl der Autonomie und dann fühle ich mich auch weniger erwachsen. Das kommt und geht. Dass ich Mutter bin definiert für mich nicht „Erwachsensein“. Mir wird als Mutter eher immer wieder deutlich, wie fehlbar ich bin, wie wenig ich noch weiß, wie wenig ich erwachsen bin. Dennoch übernehme… Weiterlesen »

Suse
Suse
13. August 2015 20:26

Was ist denn erwachsen sein überhaupt?
Mit 18 bin ich hierzulande volljährig und darf laut Gesetz alle Dinge tun, die man unter 18 eben noch nicht darf.
Wirklich erwachsen sein bedeutet doch Verantwortung zu übernehmen. Für sein eigenes Tun und für Andere (Partner, Kinder, Mitmenschen).
Aber auch nicht zu vergessen, wie es als Kind war. Sich ein bißchen das innere Kind bewahren.

berit
berit
13. August 2015 20:38

„Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut.
Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.
Früher waren sie Kinder,
dann wurden sie Erwachsene,
aber was sind sie nun?
Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“

Erich Kästner

Barb (Barb1808 auf Twitter)
Barb (Barb1808 auf Twitter)
13. August 2015 20:43

Ich finde es sehr interessant, dass du gerade diese Woche einen Eintrag zum Thema Erwachsensein geschrieben hast. Erst letzte Woche hatte ich (31, kinderlos) mit meinem Vater (61) ein Gespräch zu den Thema. Er war ziemlich überrascht, dass ich gesagt habe, ich fühle mich noch als Kind. Für mich/uns war der Aspekt der Selbstständigkeit ähnlich wichtig wie die Verantwortung um erwachsen zu sein. Manchmal geht es mir auch so, dass mich meine Neffen was fragen und ich denke „Warum fragen sie das nicht einen Erwachsenen?“ und im nächsten Moment kommt mir, dass ICH in dem Fall die Erwachsene bin. Zum… Weiterlesen »

Jenny
Jenny
14. August 2015 07:15

Lustig, ich denke ich bin erwachsen, seitdem ich mein Abi hab. Also seitdem ich 19 bin. Allerdings haben seit der Oberstufe, also quasi seitdem ich 16 bin, sowohl meine Eltern, als auch meine Lehrer, immer wieder klar gesagt, dass wir selber verantwortlich sind für unsere Ausbildung. Wir freiwillig da sind und die Chance nutzen können oder es sein lassen. Mit 19 bin ich dann ausgezogen, mit meinem damaligen Freund zusammen, finanziell völlig auf mich gestellt, für mein Tun und Handeln verantwortlich. Das hieß schonmal 5 Tage studieren/arbeiten, zwei Tage arbeiten usw. Ich war für mich, mein Handeln, mein Leben verantwortlich,… Weiterlesen »

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Grenzen im Kopf | WerdenundSein
19. August 2015 15:05

[…] Mama arbeitet schrieb vor kurzem einen Post darüber, wann man erwachsen ist. Ich glaube, ich bin in den letzten Monaten ein Stückchen erwachsen geworden. Aus einer Vielzahl von Gründen. Ich bin für mich selbst eingestanden und habe eine erwachsene Entscheidung für mein inneres Kind getroffen. Ich habe viele Dinge für mich verstanden und sortiert. Ich habe mir selbst vergeben und tue es noch. Ich versuche reflektiert zu sein. Ich bin nicht perfekt, ich mache Fehler, ich gebe manchmal nicht mein Bestes, aber ich versuche, dafür keine Ausreden mehr zu finden. Manchmal ist es einfach scheiße gelaufen. Das kann ich… Weiterlesen »

Sandra Götz
Sandra Götz
25. August 2015 20:27

Danke für diesen schönen und ehrlichen Beitrag! Ich denke, diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Ich finde allerdings auch nichts schlecht daran, sich nicht als wirklich erwachsen zu fühlen. Ein bisschen ausgelassen sein zu dürfen, das muss auch mit deutlich über 18 noch in Ordnung sein ;)

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Bin ich schon erwachsen? - LexasLeben
21. Juli 2016 10:49

[…] zu bedenken. Bei manchen beginnt dieser Prozess früh, bei anderen braucht es gefühlt einen Auslöser wie das erste eigene Kind. Ob man nun 5, 20 oder allen 30 Punkten solcher Listen zustimmen kann ist da wirklich […]