Mama, was ist eigentlich ein Wichser? Ein Erklärungsversuch.

Kürzlich im Hause Mama arbeitet.

„Mama, der P aus dem Nachbarhaus hat wieder voll rumgeschimpft“, berichtet der Sohn (9) nicht wirklich betrübt, aber doch irgendwie nachdenklich.

„Hm“, horche ich nach. „Was hat er denn gesagt?“

„Irgendwas mit Wichser.“

P. ist 12, nicht unbedingt der hellste, kennt aber eine Menge interessanter Schimpfwörter, wie ich schon feststellen durfte, als seine Tante aus Sachsen zu Besuch war, die eine spielende Kinderhorde als „Ihr Fotzen!“ beschimpfte. Ich seufze. Tja nun, kann man nix machen. Ich wende mich wieder meiner Arbeit zu. Aber wir sind noch nicht fertig.

„Mama, was bedeutet Wichser eigentlich?“, hakt der Sohn nach. Oh.

„Willst du das wirklich wissen?“, versuche ich Zeit zu schinden. Aber da ich bereits „Hurensohn und „schwul“ erklärt habe, erwartet mein Kind von mir eine Auskunft, das ist mir klar.

„Ja, erklär mal! Ich will das wissen“, bestärkt der Sohn seinen Wunsch, aufgeklärt zu werden.

Kinderfragen
© Marco2811

„Na gut, ich versuch’s. Aber vielleicht wird das peinlich“, warne ich ihn vor.

Der Sohn guckt interessiert. Ich hole tief Luft. So ungefähr wie vor einem wichtigen Vortrag mit 150 führenden Mediävisten in Stanford, denn den ersten Eindruck macht man nie wieder wett.

„Die meisten Kinder, die dieses Wort benutzen, wissen gar nicht, was es bedeutet. Denn wenn sie es wüssten, wäre es ihnen so peinlich, dass sie es gar nicht sagen würden. Es hat nämlich mit Sex zu tun.“

Der Sohn schaut mich neutral an.

„Du weißt doch, dass wenn zwei Leute ein Kind haben wollen, sie die Eizelle der Frau brauchen, die in ihrem Bauch ist. Und dazu muss vom Mann das Sperma kommen, sonst wird das kein Kind.“

Der Sohn nickt. Ja, das weiß er.

„Und das Sperma kommt aus dem Penis vom Mann, aber nur, wenn der Penis gerieben wird und das fühlt sich gut an. Daran ist eigentlich gar nichts peinliches.“

Jetzt guckt der Sohn woanders hin, hört aber weiterhin genau zu,

„Wie gesagt, bei großen Jungs oder erwachsenen Männern kommt dann Sperma raus aus dem Penis, wenn man dran reibt. Das ist schon alles. Das nennt man wichsen, wenn man das alleine tut, und das ist ein Schimpfwort, weil die katholische Kirche eigentlich findet, dass man nur Sperma aus dem Penis lassen sollte, um Kinder zu bekommen, und nicht, um sich gut zu fühlen. Früher haben die Leute sogar geglaubt, man wird verrückt oder kommt in die Hölle, wenn man das macht. Das ist natürlich Quatsch.“

Das findet der Sohn sonderbar, aber die katholische Kirche steht bei uns sowieso nicht so hoch im Kurs.

„Achso“, meint er dann. „Mama, das hast du gut erklärt. War nicht peinlich.“ Und spielt wieder mit Lego.

Puh, denke ich. Gut gemacht, Mama. Dann fragt er mich beim nächsten Mal wohl wieder, wenn er etwas wissen will. Denn das wäre mein Wunsch.

Bloggerin, Autorin, Texterin und alleinerziehende Mutter von 3en. Print und Online. Spezialisiert auf Kinderbücher, Vereinbarkeit von Familie & Beruf, Familienthemen.

20 KOMMENTARE

  1. Liebe Christine,
    auch wenn das jetzt albern klingt: ganz ehrlich: Das ist so schon richtig, aber doch nicht die ganze Erklärung.
    Die Beleidigung bei „Wichser“ besteht darin, dass man jemandem gar nicht zutraut, Sex mit einer Frau zu haben, sondern höchstens nur, dass er sich selbst befriedigt, weil er so dumm, unattraktiv, hässlich, erfolglos oder sonst was ist.
    Da ist Deine Erklärung nicht ganz vollständig.
    Viele Grüße
    Dirk

    • Jaaaaa – gut, das wäre dann Stufe 3 der Erklärung. Stimmt natürlich, Dirk. Aber das einem 9-Jährigen zu erklären, hebe ich mir noch für nächstes oder übernächstes Jahr auf. Einverstanden? ;)

  2. Großartig erklärt! Das könnte man sich ja direkt ausdrucken und in einen Hefter packen um es dann beizeiten rauszuholen, falls meine Kinder mich das mal fragen (wobei ich nicht abschätzen kann, ob sie damit zu mir kommen würden) :)

  3. *gacker* Sehr gut erklärt und reagiert. Mal sehen, wann er mit dem sächsischen F-Wort kommt, au weia. Sollte er besagter „Dame“ dann mal über den Weg laufen, traue ich ihm durchaus zu, dass er ihr – falls sie es mal wieder überkommt und sie sich unflätig äussern muss – auf den Weg gibt, sie bräuchte Kinder nicht als weibliche, angeblich schmutzige Geschlechtsteile zu bezeichnen. LOL.

    • Sorry, aber das ist KEIN sächsisches F-Wort. Da muss ich doch mal eben für meine Wahlheimat in die Bresche springen.
      Mein großes Kind (und seine Schulhof-Gang) spricht das W-Wort übrigens bisher wie „Fixer“ aus, das macht die Erklärung des Begriffs etwas einfacher ;-) Danke für den Beitrag – den werde ich mit Sicherheit als Vorlage nutzen, wenn die Erklärung MIR peinlich werden sollte.

  4. Oooooh diese Kinderfragen. Tief Luft holen ist da stets auch meine Devise. Und Du hast Recht: Am Gelungensten ist die Antwort dann, wenn das Kind mit der nächsten Frage auch wieder zu Dir kommt. Gut gemacht!

    Witzigerweise gab es neulich in der WELT einen Artikel zu ausgestorbenen Worten, darunter auch „wichsen“ = reiben, manchem noch bekannt von der Schuhwichse. Da hätte ich vermutlich angefangen zu erklären…nur wäre ich vermutlich nicht sehr weit gekommen.

    Ich habe noch nicht fertig gedacht, wie ich das nun erklärt hätte und warum es ein Schimpfwort ist.
    Aber warum Du die katholische Kirche da ins Boot holen musstest, habe ich nicht ganz verstanden bzw. wenn, dann verweise doch auch auf die Muslime, da ist Handanlegen ja genau so verpönt. Fiel mir ein, weil es letztens durch die Presse ging, irgendetwas von schwangeren Händen im Jenseits als Konsequenz oder so. Äh….ja.

    • Einverstanden, Katharina – mir fielen nur die Katholiken zuerst ein. Ich habe einfach weniger Berührungspunkte mit Muslimen.
      Schwangere Hände? Das klingt echt schräg. ;)

  5. Sollte es das F-Wort ausschließlich in Sachsen geben?? Idee wofür war die Info mit der Herkunft der Tante wichtig? Oder gibt es mehrere Ytanten, die immermal wieder auftauchen und die Angabe war nur dazu da um zu wissen, welche Tante gemeint ist? Bin etwas verwundert. Abgesehen davon: gut erklärt :-)

    • Sagen wir mal so, Anne: P. wohnt nicht im Nachbarhaus und die Tante könnte auch ein Onkel sein. Oder aber es war noch anders. :)

  6. Ich finde deine Erklärung super… ich hätte weder die eine „Vollständige“ Aufklärung gewusst, noch die Andere… Bei manchen angeblichen „Schimpfworten“ würde mir dazu auch nicht wirklich was einfallen… also was daran verpönt oder so sein soll…
    Ich find’s toll dass du das doch sehr sachlich erklärt hast… und das mit dem „es könnte aber peinlich werden“ find ich klasse… Danke dir

  7. Das hast du nett gesagt und schön geschrieben ;) Allerdings muss ich nur kurz klugscheißen ;) „Wichsen“ wurde früher einfach für „polieren“ oder „reiben“ gesagt… Schuhwichse, ich kenne sogar Bartwichse… also ist es so übersetzt ein „Reiber“ oder so, jedenfalls kommt es daher, was Deine Erklärung aber natürlich kein bisschen falsch macht, ich wollt das nur mal noch einwerfen =)

    • Danke, Michelle, da hast du natürlich Recht – ich wusste das sogar, habe nämlich mal historische Sprachwissenschaft studiert. Aber das fand ich für den Sohn in dem Moment etwas weit ausgeholt. Für die Leser hier aber ist es ein Sahnehäubchen, die sind nun noch schlauer. :)

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