Du könntest das nicht? Oh doch! (Starke Frauen)

Du könntest das nicht, sagst du, und du meinst das nett.

Du willst sagen, du hast Respekt davor, dass ich das schaffe, und du gruselst sich bei dem Gedanken, dein Leben hätte dieselbe Wendung genommen wie meins. Das sagst du nicht, dabei wäre es mir viel lieber, du würdest genau das sagen, dann kämen wir vielleicht ins Gespräch. Aber davor hast du Angst, berechtigte Angst, ein Gespräch ist ja schon eine Annhäherung an meine Lebenswelt. Mit dem Abstandshalter „Ich könnte das nicht“ bleibst du auf der sicheren Seite, denn weil du das nicht könntest, musst du dich auch nicht näher damit beschäftigen, wie das für mich ist.

Denn natürlich könntest du das auch. Oder vielleicht kann ich es auch nicht. Du kannst viel mehr, als du denkst, jeder kann das. Irgendwann kannst du dann nicht mehr. Du wirst vorher nicht wissen, wann das ist, weil du schon so lange über deine Grenzen gegangen bist. Weil du immer wieder in Grenzbereiche kamst, und natürlich hast du das gemerkt, aber was hättest du tun sollen, einfach alles hinschmeißen?

Das ist der Grund, weswegen auch du das könntest. Weil es einfach nötig ist. Weil es sonst niemand tut. Es ist nicht so, dass ich etwas kann, was du nicht kannst. Ich muss es nur tun. Und du nicht. Das ist alles.

Was ich kann, das ist 12 Sprachen sprechen. Das könntest du nicht, aber ich hab’s gelernt. Ich kann 10 Finger-Tippen, ich kann sauberes Kraulschwimmen im 5er-Armzug, aber keine Rollwende. Ich kann mitreißend vor 400 Leuten reden oder auch vor 4 Millionen im Fernsehen, das kann auch nicht jeder. Aber das ist gar nicht, was du meinst.

Du meinst eigentlich, dass du es nicht ertragen könntest, mein Leben zu leben. Und schreibst mir deswegen besondere Fähigkeiten zu. Die habe ich aber nicht. Es hat nix mit Können zu tun, wie ich mein Leben lebe. Ich will dafür weder auf einen Sockel gestellt noch bedauert werden. Und bitte frag mich auch nicht, wie ich das alles schaffe. Denn damit muss ich dir auch noch Mut machen, dass es schon irgenwie geht, wenn dir doch dieselbe Lebenssituation zustößt wie mir. Ich schaffe nicht alles, ich bräuchte jede Menge praktischer Hilfe, oft eine Umarmung, und manchmal einfach meine Ruhe. Und manchmal will ich mich auch nur auskotzen.

Das ist vielleicht etwas, was du wirklich nicht könntest. Ins Internet schreiben, wie du dich fühlst, und dann auf Veröffentlichen klicken. Mit allen Konsequenzen.

Warum ich das tue? Weil ich es kann.

starke Frauen
Bild von mohamed Hassan auf Pixabay

Chronologisch rückwärts: schwer erkrankte eigene Eltern – über 10 Monate unbeschultes autistisches Kind, das immer Zuhause ist – traumatisierte Kinder durch im Rahmen der Trennung erfolgte schwere Gewalt – Schulabsentismus – Betreuung eines schwerbehinderten Kinds – autistische Overloads begleiten inklusive Gewaltausbrüchen – Betreuung eines Kinds mit Depressionen – kraftzehrende Autismusdiagnostik in Klinik einer Großstadt – familientraumatisierendes Clearingverfahren vom Jugendamt – Fehldiagnose durch inkompetente kinderpsychiatrische Tagesklinik mit fatalen Folgen – jahrelange Existenzsorgen und Armut – prekäre Freiberuflichkeit – finanzielle Gewalt durch Exmann über Jahre – Rosenkrieg bei Scheidung – betriebsbedingter Jobverlust und Arbeitslosigkeit – Eigenbedarfskündigung durch Vermieter und drohende Obdachlosigkeit – 6 Monate mit gewalttätigem Exmann noch unter einem Dach leben – alles immer alleine, ohne Hilfe. Alleinerziehend seit 10 Jahren in ständiger Rufbereitschaft. Frau, 53, drei Kinder. Jetzt autoimmunerkrankt.