Warten, dass der Knoten platzt

Es ist falsch, das eigene Leben abzusitzen. Es widerspricht allem, woran ich glaube, und gleichzeitig komme ich aus der Nummer nicht raus.

Ich bin gefangen im eigenen Leben und ich sehe nicht, wie ich etwas daran ändern kann. Ich muss warten. Warten, bis die Umstände sich ändern, bis die Kinder größer sind, bis sie Entwicklungsschübe machen, bis Therapien Wirkung zeigen, bis auch das jüngste meiner Kinder 18 Jahre alt ist und ich nicht mehr durch das gemeinsame Sorgerecht an die Unterschriften des Exmanns gebunden bin.

Fremdbestimmtheit, die nicht nach der Babyzeit aufhört

Ich kann deswegen nicht umziehen oder auch nur für ein Jahr ins Ausland gehen. Dabei würde ich das so gerne tun, einfach mal raus, dem Schulstress entkommen, den Kindern neue Horizonte und andere Kulturen zeigen. Ich habe keine Kraft mehr, für so etwas gerichtlich zu streiten, ich sehe keinen Sinn darin, Anwälte dafür zu bezahlen, dass ich mich ärgern muss, und ich will keine Mails mehr von meinem Exmann lesen müssen.

10 Jahre habe ich mich wacker gehalten als Alleinerziehende, und immer gedacht, es müsste doch irgendwann mal besser werden, die Kinder werden groß und selbstständig, mein Tun zeigt Früchte, es würde ihnen gut gehen. Nicht, dass sie bei Jugend musiziert Preise gewinnen sollten, es sollte ihnen einfach nur gut gehen. Das tut es aber nicht, aus unterschiedlichen Gründen, die ich allesamt nicht verantworte, und das ist zum Verzweifeln.

Ich warte darauf, nicht mehr bei Runden Tischen und Elterngesprächen ständig Probleme besprechen zu müssen, für Inklusion kämpfen zu müssen, erklären zu müssen, warum die Dinge so sind wie sie sind, und mich auch noch von manchen schief dafür angucken lassen zu müssen. Dreieinhalb Jahre geht das schon so, und es ist kein Ende in Sicht.

Burn out Gefahr
Bild von Silvio Zimmermann auf Pixabay

Bin ich ein Vorbild, wenn ich Dinge aushalte?

Ich kann es nicht ändern, ich kann nur warten. Wie lange hält man es aus, zu warten? Ich kann mir die Zeit vertreiben, und das tue ich auch. Aber das tue ich in dem Bewusstsein, dass es genau das ist: ein Zeitvertreib, der Zeit vertreibt. Zeit ist viel zu kostbar, um sie zu vertreiben. Und was lebe ich meinen Kindern da vor!? Ausdauer und Durchhaltevermögen, schön und gut. Aber sehenden Auges in einer Situation bleiben, die einem nicht gut tut? Wie lange macht das Sinn, und wann ist es zu lang?

Bevor ich mich von meinem Mann trennte, hatte ich sehr lange gewartet. Im Nachhinein muss ich sagen, zu lange. Werde ich das später auch denken, wenn ich mich an diese Phase meines Lebens erinnere? Es wird jeden Tag schwieriger, das auszuhalten. Warten. Warten, bis es mit der Beschulung von Jüngster klappt, und ob das überhaupt klappt. Warten, bis die Traumatisierung der Kinder durch den Vater verarbeitet ist und ihnen ein normales Leben möglich macht. Warten, bis sie mich weniger brauchen. Und damit leben, dass ich vielleicht aus dieser Verantwortung nie entlassen werde, weil es nicht absehbar ist, wie selbstständig Jüngste später leben wird als erwachsene Autistin.

Ich kann nicht mehr angestellt arbeiten, was mir gut täte, weil ich immer abrufbar sein muss. Früher, weil die Kinder klein waren und außer mir niemand abrufbar war, und heute aufgrund der Umstände. Am Ende warte ich auf den Tod, und der Gedanke, dass das dann mein Leben war, kotzt mich an.

Mein Dorf sind die anderen ohne Dorf

Ich warte darauf, dass ich mich damit abfinde, dass es ist wie es ist. Aber ich kann das nicht, ich hab schon so viel geschluckt in den letzten Jahren. Nicht das auch noch. Was bleibt denn dann vom Leben? Wer platzt zuerst, der Knoten oder ich? Wie lange geht das noch gut?

Ich hangele mich von Fachkonferenz zu Konferenz, weil ich da auftanke. Von Sommer zu Sommer, weil da das Warten leichter zu ertragen ist. Und am Ende von Jahr zu Jahr.

Erzählt mir nix von Reha oder Kur, denn mit den Kindern ist das nicht erholsam, und ohne sie geht es nicht. Das Dorf, das sie mitbetreut und mit auffängt, das fehlt schmerzlich. Heute mehr denn je. Ich muss meinen Kindern ein ganzes Dorf sein – und natürlich klappt das nicht. Und diejenigen, die mein Dorf sein könnten, bräuchten selbst eins: Es sind andere Alleinerziehende und Eltern autistischer oder traumatisierter Kinder mit ähnlichen Schwierigkeiten, selbst immer am Rande des Burn-Outs oder Nervenzusammenbruchs. Nur bekommen wir keinen. Wir können uns das nämlich nicht erlauben.

„I have to always be ‘on.’ Always alert. Always ready.“

„The most worrisome part? It probably isn’t going to end anytime soon. That’s the part that the study seemed to leave out. The stress will last forever. Unlike the war.“

(Aus: „Stress Levels of Parents of Autistic Children comparable to Combat Soldiers“, geteilt in einer lokalen Selbsthilfegruppe von Eltern autistischer Kinder)

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Floralies
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Floralies

Es tut mir so leid, dies zu lesen, liebe Christine. Du gibst mir so viel und es bedeutet für mich echte Lebensqualität, dich zu lesen. (Mutter von 3 Kindern, verheiratet.) Gibt es irgendwas, was man als Leserin von fern tun könnte? Und manchmal werden die Dinge ja plötzlich auch ohne eigenes Zutun besser, was man sich vorher nie hätte träumen lassen. Ich wünsche mir sehr, dass es so kommt. Dir fehlt bestimmt ein Dorf, aber ich glaube, es gibt ein ganz großes virtuelles Dorf, das hinter dir steht. Ich weiß, das nützt jetzt gerade nichts, aber vielleicht ist es ein… Weiterlesen »

Juliane
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Juliane

Liebe Christine, dein Leben ist so wertvoll – du bist so stark und unglaublich außergewöhnlich. Lass es nicht zu, dass du dich selbst so runter ziehst. Es nie nur warten, sondern auch das Warten ist Leben. Ich wünschte, ich könnte dir etwas Gutes tun.

Mia
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Mia

Wäre es eine Möglichkeit, das deine älteste Tochter mal für 2 Wochen bei Euch einzieht und Dich vertritt, während Du wegfahren könntest? Ich weiß, Du willst Deine Kinder nicht in die Elternrolle und Elternverantwortung nehmen, was ich total verstehe und ich weiß natürlich, das das nicht gut ist.
Aber evtl. könnte sie/man es als Job sehen, losgelöst von den familiären Bindungen, sondern es mit Bezahlung regeln, eben wie einen Job. Ich hatte nur die Idee, weil alles andere ja komplett aussichtslos zu sein scheint und irgendeine Lösung muss es vielleicht (für Dich!) geben, auch wenn die nicht für alle optimal ist…?!

Sabine
Gast
Sabine

Liebe Christine, seit Oktober lese ich deinen Blog- und er hat mich immer gestärkt in meinem Alleinerziehenden – Dasein. Ich fühle mich seither nicht mehr so allein. Doch dieses Mal bin ich echt betroffen und in Sorge um Dich. Du wirkst sehr ausgelaugt, am Boden, hoffnungslos. Falls es so ist: bitte weite deinen Blick und ziehe auch Unterstützungsmöglichkeiten in Betracht, für die du dich bisher noch „ zuwenig bedürftig“ hieltest. Ausdauer gilt als Tugend- aber wem nützt dein Heldentod?

Birgit Jaklitsch
Gast
Birgit Jaklitsch

Ich lese diesen Text bin berührt und sehr besorgt. Wir kennen uns nicht und ich lese auch erst seit kurzer Zeit auf Deinem Blog mit. Deshalb weiß ich sicher noch nicht alles, was wichtig wäre. Selber bin ich nicht alleinerziehend, aber dass Deine Situation extrem belastend sein muss, ist mir schnell klar geworden. Ich fühle ein tiefes Bedürfnis, etwas Aufbauendes zu schreiben aber es fällt mir schwer. Was würde helfen, von einer Fremden? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es manchmal nur den Druck erhöht, wenn man gesagt bekommt, dass man stark ist und seine Sache gut macht. Ich denke,… Weiterlesen »

Ricky
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Ricky

Liebe Christine, Was ich gleich sagen werde, wird dir vermutlich wenig gefallen. Deine Worte machen mich traurig, aber auch ziemlich ärgerlich. Warum? Ich in erwachsene Autistin. Ich bin beruflich selbstständig, lebe seit vielen Jahren in stabiler Partnerschaft, bin Eigentümer meines Wohnhauses, habe Auto, Pferd und Zweitwohnsitz im Ausland; ich reise und habe meine Hobbies. Warum erzähle ich dir das? Nicht, um damit anzugeben, sondern um dir kurz darzustellen, wie ein autistisches Erwachsenenleben eben auch aussehen kann. Nun wird der eine oder andere sagen: „Du bist halt nicht tief im Spektrum“ – stimmt nicht. Wer mich als Kind/Jugendliche gekannt hat, käme… Weiterlesen »

Simone
Gast
Simone

Liebe Ricky, ich habe Christine’s Blogbeitrag ganz anders interpretiert. Das Problem hier ist nicht der Autismus sondern das fehlende Dorf. Wenn man alleine ist mit den Sorgen, die nicht weniger werden, egal wie sehr man alles richtig macht. Wenn man eine Pause braucht und die nicht bekommt und keine in Aussicht ist. Wenn man die eigenen Grenzen täglich spürt aber einer Welt gegenüber steht die meint, man ist seines eigenen Glückes Schmied. Ist man eben oft nicht. Shit happens. Und Christine ist müde und schreibt sich’s von der Seele. So, dass es hier alle lesen können. Damit alle anderen, die… Weiterlesen »

Jessica
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Jessica

Ja, so habe ich das auch gelesen.

Heidi E.
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Heidi E.

Hallo Christine, schon wieder ich ;-) Bitte werte es nicht als Besserwisserei sondern mehr als kreativen Input: Wenn Du denkst, ein “Dorf“ wäre hilfreich, (wobei ich das heutzutage nicht mehr SO anders erlebe, als das Leben in der Stadt) – dann such Dir doch eines? Oder wie wäre es mit einem Projekt zur Hilfe und Selbsthilfe für Dich und andere Leute in ähnlichen Situationen? Ein Wohnprojekt z.B. nach dem Vorbild der Mehr-Generationen-Wohnprojekte? Du bist Stadträtin, Du kennst ’ne Menge Leute, Du kannst schreiben und Dich artikulieren – finde Leute, die gewillt und in der Lage sind, ein solches Projekt mitzutragen… Weiterlesen »

Britta
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Britta

Ich lese hier auch schon seit einigen Jahren mit und du bist echt hardcore! Ich kann mir niemanden vorstellen, der bei dem Programm nicht dauerhaft über seine Belastbarkeit geht. Und du jammerst noch nicht mal groß rum!
Ich halte dir die Daumen, dass das Licht am Ende des Tunnels schnell in Sicht kommt (und es kein Zug im Gegenverkehr ist…)
Viele Grüße aus Norddeutschland,
Britta

Katja
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Katja

Liebe Christine, danke für deine ehrlichen Worte!! Vielleicht liest sich das jetzt etwas seltsam, doch deine schwierige Situation und die Ehrlichkeit mit der du bereit bist darüber zu schreiben und nichts zu beschönigen oder verharmlosen, macht mir Mut und zeigen mir das ich nicht allein bin. Ich bin Mutter von 5 Kindern im Alter zwischen 19 und 11 Jahren. Vom Vater der Kinder habe ich mich 2012, nach 12 Jahren Ehe entgültig getrennt. Aus dieser toxischen Beziehung konnte ich mich nur mit psychologischer Hilfe befreien. Ich habe eine ganze Weile gebraucht um mein Selbstwertgefühl wieder ein Stück weit aufzubauen und… Weiterlesen »

Heidi E.
Gast
Heidi E.

Liebe Katja,
das ist mutig, dass Du hier schreibst. Wenn Deine Jungs gerade so ihre Krisen schieben und gerne sich mit dem Vater treffen wollen oder sogar bei ihm leben wollen, kannst Du das kaum verhindern und es.ist vermutlich auch der falsche Weg. Ein guter Weg wäre, wenn Ihr einen guten Mann in Eurem Leben haben könntet, der Ihnen vorlebt, wie es auch anders (besser) gehen kann. Hast Du so jemanden? Das MUSS kein neuer Partner sein, kann auch ein Verwandter, Patenonkel, Großvater, usw. sein…
Bleib trotzdem zuversichtlich, denn erfahrungsgemäß kommen Kinder, nach ihren “Ausbrüchen“ , zurück…

LG, Heidi

Katja
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Katja

Liebe Heidi E., Danke für deine Anteilnahme und herzlichen Worte!! Ja, meine Eltern, und somit ein liebevoller Großvater, sind nicht nur für meinen Ältesten, sondern auch für die übrigen Kinder und mich da und somit ein wunderbares Vorbild! Meine Eltern leben nicht am Ort, aber in der Nähe. Dennoch bringen sie sich viel ein und versuchen zu helfen. Ohne sie wäre ich schon längst verzweifelt! Den Versuch einer neuen Partnerschaft habe ich vor knapp einem Jahr, nach vier Jahren aufgegeben. Ich hatte gehofft, dass sein positives, zielstrebiges Wesen einen guten Einfluss auf die Kinder nimmt. Ich möchte ihm auch keine… Weiterlesen »

Marta
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Marta

Liebe Katja,

Du hast gar nicht die großen Fehler gemacht, Du auch nicht Christine. Ich auch nicht. Wir haben uns einmal verliebt. Derjenige, in den wir einmal verliebt waren, der hat wirklich große Fehler gemacht und macht sie noch, wenn ich Ihren beiden Geschichten glauben darf.
Reden Sie sich bitte keine großen Fehler ein. Nein! Sie haben es geschafft, sich abzulösen und die Fehler nicht mitzumachen.
Diese Situation versteht kaum jemand, der so etwas nicht selbst kennt.

Liebe Grüße
Marta

Liebe Christine, Du gibst unheimlich Kraft mit Deinem Blog!

Katja
Gast
Katja

Liebe Marta! Danke auch dir für deine mitfühlenden Worte!! Du hast absolut Recht: Es gibt nur wenige Menschen die überhaupt verstehen wieso man über viele Jahre in einer kranken , kaputtmachenden Beziehung bleibt. Und es gibt viele unterschiedliche Geschichten, doch die Hintergründe ähneln sich im Kern meist sehr. Ich weiß nicht ob ich genug Empathie und Verständnis aufbringen würde, wäre ich nicht selbst betroffen. Um so wichtiger ist es, immer wieder, zu erfahren das man nicht allein ist mit seiner Geschichte. Du hast auch Recht, wenn du sagst die großen Fehler haben nicht wir begangen!! Und dennoch kommen immer wieder… Weiterlesen »

Mamamaj
Gast
Mamamaj

Liebe Christine,
Das ist bedrückend. Mir fällt kein Trost ein. Nur Mitgefühl. Und der Wunsch, dass das Leben doch noch eine unerwartete Wendung nimmt, die Anlass zum genießen gibt.
Viele liebe Grüße von Ann Katrin

Barbara
Gast
Barbara

Liebe Christine, ich lese deine Frustration in diesen Zeilen und das tut mir sehr leid. Ich würde viel lieber Hoffnung zwischen den Zeilen erkennen. Leider fühle ich mich ähnlich. Seit nun fast fünf Jahren kämpfe auch ich mich allein durch den Alltag. Du gibst uns Alleinerziehenden oft viel Mut und Kraft mit Deinen Texten. Zu lesen, dass du mit deinem Leben gerade sehr haderst weckt sehr viel Mitleid in mir und natürlich auch die Befürchtung, dass auch ich noch sehr lange warten muss. Als Lehrerin warte ich vor allem immer auf die nächsten Ferien, in denen dann oft ein Kind… Weiterlesen »