Zu viele Bälle in der Luft (Mental Load)

Wie lange habe ich eigentlich nicht mehr gebloggt? Ich muss nachgucken, ich weiß es nicht. Fast zwei Monate ist das her. Die Zeit rast, ich habe das Gefühl, nichts erledigt zu bekommen, aber ich weiß, woran das liegt, mein Kopf ist zu voll, tausend Dinge, an die ich denken muss, Sorgen, die ich mir mache, und praktische Erledigungen, die da noch am ehesten tatsächlich erledigt werden, einfach weil ich sehe, dass da etwas gemacht werden muss.

Das Leben scheint ein ewiger Kreislauf aus Sorgen, Nöten, langweiligen oder unangenehmen Terminen, wo bleibt da die Freude, der Spaß? Aber hat man überhaupt Anspruch auf Spaß, wenn doch so viel zu tun ist?

Ich schlafe tief und viel, das ist gut, aber so bleibt weniger vom Tag übrig. Der Tag ist voll, so voll, dass meine Physiotherapeutin, zu der ich wegen der Schmerzen im Knie gehe, die ich habe, seitdem ich mit Jüngster im Herbst 2019 verreiste und vor lauter nach Jüngster gucken mitten im Basler Bahnhof sehr schmerzhaft auf die Knie stürzte, auf harten Steinboden, sodass die Umstehenden erschrocken fragten, ob alles okay sei, was ich wegen des Schocks bejahte, dass also die Physiotherapeutin ungläubig fragt, ob ich es wirklich nicht schaffe, 5-10 Minuten täglich aufzubringen, um meine Übungen zu machen.

Warum ich das nicht hinbekomme, kriege ich nicht gut erklärt, aber ich denke an meine Kinder, während ich in der Physiotherapie sitze, und wie das alles weitergehen soll mit der Schule, das ist schon so lange ein Problem bei sowohl dem Sohn als auch der autistischen Tochter, und nix wird besser, egal, was ich versuche, trotz aller Runder Tische, Psychiatertermine und meiner Engelsgeduld, nur die mehr oder weniger deutlich geäußerten Vorhaltungen derjenigen, die finden, meine Kinder müssten besser funktionieren, die bleiben gleich. Ich kenne das schon, und doch macht es mürbe.

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Und meine Mutter, die stirbt. Ach, meine Mutter, die immer so gesund, so stark und so bestimmt war, jetzt bestimmt sie ihren Tod, das Palliativteam ist vor Ort, ich denke über meinen Vater nach, wie das werden soll, wenn sie nicht mehr da ist, und ob ich dabeisein soll, wenn sie stirbt, und wie lange es wohl noch dauert, bis sie stirbt, die Beerdigung, und wie kalt ihre Hände waren, als ich sie kürzlich besucht habe. Meine Mutter hat immer warme Hände gehabt, sie war der Inbegriff von Gesundheit, alle Frauen in ihrer Familie wurden sehr alt, wieso stirbt sie denn jetzt vor meinem Vater, und vielleicht sterbe ich dann noch früher, als ich dachte, ich habe ja jetzt schon die Autoimmunerkrankung, in meinem Alter war meine Mutter noch kerngesund, und was soll dann aus den Kindern werden, wie soll das mit Jüngster weitergehen?

Wird sie jemals ohne mich leben können, macht sie einen Schulabschluss, wie soll sie klarkommen, das Kind hängt so dermaßen an mir, dass sogar der Schubesuch ein großes Problem ist, Schulbegleiter hin oder her, und sie will doch so gerne lernen und unter Kinder, ich muss beim Autismusbeauftragten nachfragen, ob das klappt mit dem Schulwechsel, aber selbst wenn das klappt, sehe ich nicht, wie das alles gehen soll, und morgen ist der Termin für ihren Intelligenztest in der Fachpraxis, das darf ich nicht vergessen, und ich muss sie rechtzeitig wecken, hoffentlich macht sie dann dort auch mit. Aber es war ja ihr ausdrücklicher Wunsch, den Test zu machen, also machen wir das jetzt.

Vorhin der Blick in den Küchenkalender um kurz nach 18 Uhr, da stand ein Gynäkologentermin für sie drin, den ich total vergessen habe, dabei war der wichtig. Gestern hab ich der Nachbarnin noch erzählt, dass ich da heute mit dem Kind hingehe, ich wusste das doch, wieso ist mir der Termin ausgerechnet jetzt entfallen, verdammte Axt!? Aufs Band bei der Praxis sprechen und sich entschuldigen, es tut mir furchtbar leid, das ist sonst nicht meine Art, Termine zu verschludern, aber ich habe zu viel um die Ohren. Hoffen, dass ich einen neuen Termin fürs Kind bekomme, und zwar bald, denn das ist eilig und wichtig, und zum Kinderarzt müsste sie auch, wegen der Warzen, Kleinkrams, aber auch da muss ich dran denken. Und wann ist eigentlich die Brille fertig, die wir vor einer Woche ausgesucht haben? Die müsste doch eigentlich längst fertig sein, da muss ich morgen auch anrufen und nachfragen.

Der Exmann, der jetzt arbeitslos ist, laut Brief der Beistandschaft, und warum tut er das, was soll das, er konnte doch die letzten beiden Jahre eh keinen Unterhalt zahlen, weil er ja leider, leider unter dem Selbstbehalt verdiente und die Firma seiner Frau überschrieben hat, aber darüber will ich mich ja nicht mehr ärgern, aber was soll das jetzt!?

Winterschuhe, die schneefesten, habe ich bestellt, die kommen übermorgen. Und eine dicke Jacke für den Sohn auch, in der Wunschfarbe, hoffentlich passt und gefällt sie ihm. Ich brauche noch ein Folgerezept für die Physiotherapie, da muss ich auch anrufen und hinfahren, wenn ich das Rezept bekomme, wovon ich schon ausgehe, denn die Knie tun weiterhin weh und die Ärztin hatte gesagt, ein Folgerezept sei kein Problem. Da kann ich dann gleich noch Nachschub für mein Schilddrüsenmedikament holen, die sind im selben Ärztehaus, und ohmann, zum Gastroenterologen muss ich ja auch bald wieder, der ist auch da im Haus, und meine Blutwerte überprüfen lassen und an das Rezept für meine Medikation der Autoimmunerkrankung denken. 500 Meter daneben ist die Zahnarztpraxis, in der ich seit 5 Jahren nicht mehr war, da hab ich Mitte November einen Vorsorgetermin, aber auch nur, weil mir der Zahn neben meinem Implantat wehtut, und zwar am Nerv, und das ist nicht gut, gar nicht gut, bloß keine Wurzelspitzenentzündung jetzt, das ist das letzte, was ich jetzt brauche, würde aber sehr gut zu meiner Verfassung passen.

Die Freundin gestern, die fragte, ob sie mich umarmen dürfe, sie habe so lange niemanden mehr umarmt, der es geht wie mir, alleine mit Kindern, wer umarmt uns denn, wie sollen wir das alles durchstehen, nochmal noch mehr ohne Menschen sein und nun auch noch ohne das Licht des Sommers, ohne die Wärme, das wird hart werden, dabei ist es jetzt schon so hart. Wir darben.

Was wollte ich nochmal? Achja, Abendessen kochen. Jüngste hat Hunger. Die Fraktionssitzung läuft noch, ich hab mich ausgeklinkt, ich musste schreiben. Das war jetzt wichtiger. Die Nachbarn klingeln, sie brauchen Hilfe bei einem Brief, den sie der Wohnbaugesellschaft schreiben wollen, und ich helfe auch gern, nur nicht jetzt sofort. Jetzt muss ich schreiben, weil ich sonst durchdrehe. Und atmen. Ganz langsam atmen. Nee, kochen. Ich muss jetzt kochen. Und dann schlafen. Morgen wartet ein neuer Tag voller freudloser Dinge, die getan werden müssen. Aber essen muss man trotzdem.

Immerhin weiß ich jetzt, das heißt Mental Load, also alles zusammen, aber davon dass ich das weiß ist es ja noch nicht weg, speziell als Alleinerziehende ganz ohne Hilfe. Es bleibt am Ende halt doch alles an mir hängen. Sehen Sie es mir nach, es ist einfach zuviel. Ich gebe mir Mühe, und es reicht nie. Deswegen bin ich jetzt müde. Sehr müde. 9 Stunden Schlaf, dann funktioniere ich morgen wieder. Muss ja.