Katharina Schulze, wie machen Sie das!? Interview zur Landtagswahl Bayern

Katharina Schulze ist 33 Jahre jung und hat ziemlich gute Chancen, als Spitzenkandidatin der Grüne Fraktion Bayern einen grandiosen Erfolg zu landen: Die Grünen könnten in Bayern die zweitstärkste politische Kraft nach der CSU zu werden. In wenigen Tagen ist es soweit, dann sind Landtagswahlen im größten Bundesland.

Zusammen mit Ludwig Hartmann (40) möchte sie nach der Macht greifen, und wer Schulzes Auftritte im TV gesehen hat und verfolgt, wie souverän und sympathisch sie im Wahlkampf agiert, kann sich wahrscheinlich gut vorstellen, dass Katharina Schulze als Politikerin richtig viel erreichen kann.

Ich traf Katharina Schulze zwei Mal persönlich, als mich die Grüne Fraktion Bayern eingeladen hatte, um auf Veranstaltungen über Alleinerziehende zu sprechen, und ich war sehr beeindruckt von der Art, wie sie mit Menschen umgeht. Damit meine ich insbesondere, wie sie es hinkriegt, Kräfte zu bündeln und aus Menschen, die sich politisch engagieren wollen, das Beste herauszuholen – sie holt die Leute ab und kanalisiert. Sprich: Katharina Schulze ist eine Frau mit Führungsqualitäten.

Und irgendwie hat Schulze es geschafft, dass die Journalisten ihr nicht die klassischen, doofen Frauenfragen stellen, obwohl sie nur Spezi trinkt, kinderlos ist und blond. Ich versuche mal, sie zumindest ein bisschen privat aus der Reserve zu locken. Mal schauen, ob’s klapppt!

Katharina Schulze
Katharina Schulze, Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl 2018 in Bayern. Foto: Dennis Williamson

Katharina Schulze, warum lassen die Medien und die Öffentlichkeit bei Ihnen die klassischen Frauenfragen aus, können Sie sich und uns das erklären?

Die kamen schon immer und kommen auch jetzt noch. Ich bin da aber konsequent und stelle oft eine Gegenfrage: „Hätten Sie das einen männlichen Kollegen ebenfalls gefragt?“ Das hilft meistens ganz gut.

Wenn Sie nicht Politikerin geworden wären, welchen Beruf hätten Sie dann ergriffen?

Als Kind wollte ich Astronautin werden, aber meine Augen sind dafür zu schlecht. Wenn ich 2013 nicht in den Landtag gewählt worden wäre, hätte ich jetzt meinen Doktor fertig und würde entweder im Bereich Öffentlichkeitsarbeit oder Projektmanagement arbeiten.

Auf twitter posten Sie ab und zu etwas mit dem Hashtag #Stilllovingfeminism – warum „still“?

Weil ich den Feminismus immer noch liebe! Gerade jetzt und heute und hier. Denn es gibt Leute, die sagen man braucht keinen Feminismus mehr, weil doch „Frauen und Männer gleichberechtigt sind“. Tja, auf dem Papier. Aber schauen wir uns doch mal die Realität an: Frauen verdienen immer noch weniger als Männer für die gleichwerte Arbeit. Sogenannte Frauenberufe wie Hebammen, Krankenpflegerin, Erzieherin sind unglaublich schlecht bezahlt, obwohl deren Job so wichtig ist! Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt zum großen Teil immer noch auf den Schultern der Frauen alleine.

Die Macht ist nicht gleichmäßig verteilt und Rollenklischees und Stereotype sind weit verbreitet. Das muss sich endlich ändern! Deswegen braucht es weiterhin Feminismus und andere politische Rahmenbedingungen! Denn Feministin oder Feminist zu sein bedeutet doch einfach nur, dass man sich für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung der Frau und gegen Sexismus stark macht. Mir ist das wichtig und deswegen bezeichne ich mich auch offensiv als Feministin. Und ich finde, das sollten möglichst viele Menschen machen. Man weiß ja: Sprache ist Denken und Denken ist Sprache.

Meine älteste Tochter, die gerade Abi gemacht hat, überlegt, auch in die Politik zu gehen. Was würden Sie Ihr mit auf den Weg geben?

Wow, das fände ich wunderbar! Wir brauchen junge Menschen in der Politik und wir brauchen mehr Frauen in der Politik! Mein Tipp an sie: Machen. Einfach machen. Denn das kalte Wasser wird nicht wärmer, wenn man länger wartet. Und sie soll bitte immer dran denken: Sie bringt alles mit was sie braucht und den Rest wird sie lernen.

Ich frage mich immer, wenn ich Spitzenpolitiker Wahlkampf machen sehe, und all die Termine und den Stress, woher sie hinterher noch die Kraft zum Regieren nehmen. Haben Sie einen Tipp für uns gestresste Normalos, wie man sein Energielevel so gut stabil halten kann? Sie werden doch sicher auch irgendwann mal erschöpft sein?

Klar, bin ich auch mal müde und erschöpft. Dagegen hilft bei mir Spezi. Viel Spezi. Und wenn das nicht mehr reicht probiere ich viel zu schlafen. Schlaf ist eh was ganz wunderbares und ich finde es wird viel zu wenig gefeiert. Warum bekommt man ein anerkennendes Nicken, wenn man sagt, dass man heute Nacht nur drei Stunden Schlaf hatte? Ich finde das sollte man bekommen, wenn man sagt, dass man endlich mal wieder 7 Stunden geschlafen hat! Und ansonsten nehme ich mir bewusst Zeit für schöne Dinge außerhalb der Politik, um meine Akkus für die stressigen Zeiten wieder aufzuladen.

Welche Themen treiben Sie besonders um?

Gleiche Rechte und Chancen für Frauen! So haben wir uns ja auch kennengelernt, was mich sehr freut. Es macht mich zum Beispiel so wütend, dass Alleinerziehende, die zum Großteil Frauen sind und wirkliche High Performer, so wenig Unterstützung bekommen. Also für mich ist klar: das Ehegattensplitting muss weg, Kindergrundsicherung her, mehr und qualitativ bessere Betreuungsplätze, bezahlbarer Wohnraum schaffen, Recht auf Homeoffice und, und, und.

Darüber hinaus beunruhigt mich die Spaltung in unserer Gesellschaft. Ich habe keine Lust auf den ständigen Hass und Hetze. Die Wut und Eskalationsspiralen. Die Angriffe auf unsere Demokratie und unser Europa. Deswegen ist für mich klar: Unsere Demokratie gehört verteidigt, jeden Tag. Und unser Europa gehört gestärkt. Denn wer im Jahr 2018 denkt man könne mit „Germany First“ auch nur irgendeinen Blumentopf gewinne, der irrt. Wir brauchen „Europe United“, um die großen Herausforderungen – angefangen von der Klimakrise, über internationalen Terrorismus bis hin zum Thema Migration – gut zu meistern. Und dafür braucht es Politikerinnen und Politiker, die Mut geben, anstatt Angst zu machen. Und Bürgerinnen und Bürger, die die Demokratie wieder zu ihrem Projekt machen!

Vielen Dank, Katharina Schulze. Ich wünsche mir ganz viele Stimmen von Wählerinnen und Wählern für die Grünen am 14. Oktober und werde am Wahltag mächtig mitfiebern!

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