Die große Müdigkeit: Politik, Baukindergeld, GroKo

Meine Eltern sagen: „Meine Güte Christine, was du alles tragen musst“, und ich muss schlucken, denn meine Eltern gehören eher zur „Stell dich nicht so an!“ und „Andere Leute haben es auch nicht leicht“-Sorte.

Aber sie haben Recht, es ist viel, manchmal denke ich, es ist zu viel. Ich trage die finanzielle und emotionale Verantwortung für drei Kinder ganz alleine, seit vielen Jahren. Ich begleite die Kinder durch ihre Krisen und Krankheiten, ich fange mehr oder weniger gut den fehlenden Vater auf, was im Prinzip nicht möglich ist, und ich sorge für ein Zuhause, in dem sie sich wohlfühlen.

Christine Finke

Wenn dann, wie in den letzten beiden Wochen, noch Grippe dazukommt, die zuerst mich und dann die Kinder dahinrafft, dann bleibt von meiner Kraft nicht mehr viel übrig. Es reicht gerade mal zum Duschen und Staubsaugen, aber für Zuversicht und Lebensfreude ist kein Platz mehr, und das ist schlimm. Niederschwellige Hilfen, die im Krankheitsfall zu Alleinerziehenden kommen, gibt es nicht – das läuft nur über ein Attest vom Hausarzt, wo man sich mit Grippe eigentlich gar nicht mehr hinschleppen kann, und müsste dann mit der Krankenkasse besprochen werden, die einen freien Träger beauftragt, der vielleicht in 3 Tagen jemanden schicken kann. Wer das noch schafft, braucht keine Hilfe.

Jetzt, 2 knapp Wochen, nachdem ich meine Bronchien spürte und merkte, dass da etwas aufzieht, geht es wieder. Aber die vergangenen beiden Wochen waren schrecklich. Ich wünsche niemandem, dass er so alleine sein muss mit Krankheit und allem, und falls ich jemals bundespolitisch etwas zu sagen habe, dann kümmere ich mich um ein Notfalltelefon für Alleinerziehende, die Hilfe brauchen.

Denn viele Mütter sind wegen eigener beruflicher Mobilität von ihren Eltern und Geschwistern weggezogen, oder sie haben der Karriere des Mannes wegen den Wohnort gewechselt, und stecken da nun fest (Umziehen darf eine Alleinerziehende ja auch nicht mehr ohne Einverständnis des anderen Sorgeberechtigten). Und so können sie weder auf ein Hilfenetzwerk zurückgreifen noch sich eins aufbauen, weil auch die anderen Familien total überlastet sind und niemand seine Hilfe anbietet – auch auf Nachfrage hin nicht.

Es ist kein Versagen der einzelnen Alleinerziehenden. Es ist ein Gesellschaftssystem, das versucht, die Schuld beim Einzelnen zu suchen, anstatt alle in die Verantwortung zu nehmen. Das mit dem Solidaritätsprinzip haben wir uns wohl schon lange abgeschminkt – anstatt die Kinderarmut zu bekämpfen, beschließen die Sondierer der GroKo, dass Baukindergeld gezahlt werden soll – absurd in einem Land, in dem Kinder ein Armutsrisiko sind, und die Familienform alleinerziehend das größte Armutsrisiko ist. Bezahlbarer Wohnraum, das ist, was die meisten Familien umtreibt – ein Eigenheim ist sowieso in weiter Ferne!

Ich wünsche mir nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution. Weiter so geht nicht, auch nicht für unsere Regierung. Eine GroKo, die meint, sie könne sich einfach so durchlavieren, wird irgendwann sehr, sehr müde werden. So wie ich gerade.

(Titelbild: Mein 5. Geburtstag. Meine Mutter hat ihr Archiv aufgeräumt. Und sie sagt, ich sei so ein fröhliches Kind gewesen. Ich antwortete, vielleicht seien die anderen vom dem Bild ja schon tot. Tja.)

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Susi
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Susi

Was für ein niedliches Foto. Deine Jüngste sieht Dir sehr ähnlich! *virtuelleVitamineundEnergieschickend“

Julia Rother
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Julia Rother

Liebe Frau Finke! Ich verstehe Ihre Müdigkeit so sehr! Wobei ich mir vorgenommen habe, nicht eine Lebenssituation zu bewerten, in der ich (allein erziehend mit einem Kind) selbst nicht bin. Einige Kommentare bezüglich Ihrer Situation und Ihres Handelns finde ich einfach nur unverschämt. Besser ausgedrückt: Ich kann Ihre Müdigkeit und Verdrossenheit in Ansätzen nach vollziehen, da ich mit nur einem Kind und vollzeitberufstätig, auch am Limit bin, wenn eine zusätzliche Belastung dazu kommt. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre politische Arbeit, Ihr Engagement in der Öffentlichkeitsarbeit und Ihre Energie, die Sie in das Schreiben dieses Blogs investieren. Da ich… Weiterlesen »

Kleinstadtlöwenmama
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Kleinstadtlöwenmama

Ich kann Deine Müdigkeit sehr gut verstehen – gerade nach Krankheitsphasen! Ein Notfalltelefon wäre toll! Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft – und Zeit zum Durchatmen!

Mel
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Mel

Hallo, ich bin auch gerade krank und mein Kind auch, es tut gut zu wissen, dass ich nicht allein so unfähig bin den Haushalt und alles auf die Reihe zu bekommen, wenn ich krank bin oder aus sonstigen Gründen nicht alles nach Plan läuft! Danke! Baukindergeld wird uns auch wenig nützen, denn bauen können wir uns wohl niemals leisten! Die Hälfte der Miete wäre toll! Wie soll man Rücklagen für den Notfall bilden, wenn das Einkommen gerade so ausreicht? Und was passiert, wenn die Waschmaschine kaputtgehen, oder gar das Auto? Ich habe keine Ahnung! Eigentlich müsste ich mehr arbeiten, um… Weiterlesen »

Andrea Wiedel
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Andrea Wiedel

Nee, also Baukindergeld ist echt ein Witz, wenn es denn einer wäre, aber es ist keiner und fügt sich zur Kindergelderhöhung, die bei ALG II beziehern nicht ankommt, hinzu

hip_mama
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hip_mama

So, so wahr. Bzw. noch schlimmer: Haushaltshilfe lässt gern mal zwei Wochen auf sich warten. Oder auch drei, weil andere gerade schlimmer krank sind und mehr Kinder haben. Alles klar. Aber irgendwie dachte ich doch, dass die Hilfsorgas bezahlt werden, genug Personal zu beschäftigen? Und wenn ich dann noch (von den Mitarbeiterinnen eben dieser Orga!!) höre, dass keine von ihnen mehr als geringfügig beschäftigt wird,w eil Flexibilität und so… Also nach wie vor: Sorgearbeit ist weiblich und maximal schlecht bezahlt, wenn überhaupt. Wir sind Exportweltmeister und können uns Baukindergeld leisten (in einem Land mit Wohnungsleerstand und ökologisch schädlichem Flächenfraß). Aber… Weiterlesen »

Lydia
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Lydia

Die Grippewelle rollt durchs Land! Ich, alleinerziehend mit drei Kindern zwischen 3 und 6, wurde auch erwischt. Ich musste in meiner Not den Kindsvater anrufen und um Hilfe bitten. Zu meinem Glück ist unser Verhältnis gut genug, dass er kam und die Kinder holte. Doch allein die Erfahrung macht mir Angst. Ich lag fiebernd und halluzinierend im Bett und wollte sterben vor Schmerzen. Es war nur ein Infekt. Was, wenn etwas wirklich Ernstes aufkommt? Eine schwere Krankheit? Wenn ich irgendwie außer Gefecht bin? So ganz praktisch und finanziell? Ja, das macht mir Angst. Das Notfalltelefon finde ich eine gute Idee!… Weiterlesen »

Alexander
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Alexander

Liebe Frau Dr. Finke, Sie haben das Thema noch immer nicht verstanden. Es werden Familien bestehend aus Mutter, Vater und Kindern gefördert und nicht Frauen, die ihre Männer verlassen. Besorgen Sie sich einen Mann und die Welt ist auch für Sie in Ordnung. Mit dem Einkommen des Mannes ist auch ein Baukindergeld sinnvoll. Viele liebe Grüße

Katja
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Katja

So ein Schwachsinn, ich bin alleinerziehend, habe von meinem Ex nie Unterhalt bekommen- im Gegenteil eher musste ich ihn durchziehen. Und trotzdem kam ich schon in den Genuss der Eigenheimzulage- Baukindergeld gab es damals gerade nicht. Muss dazu sagen, dass ich im Norden wohne, dort sind Immobilien wesentlich günstiger. In Konstanz, Stuttgart oder Berlin- wer kann sich dort schon ein Eigenheim leisten…auch die meisten Familien nicht. Selbst wenn beide arbeiten! 40 Prozent der Deutschen ohne Rücklagen, wie ich gestern erst erfahren habe….dem arbeitenden Menschen bleibt oft unterm Strich zu wenig übrig.

Anja K.
Gast
Anja K.

Alexander,
DU hast das Thema nicht verstanden! Um die Förderung zu erhalten braucht es keinen Mann. Vor 12 Jahren hieß das noch Eigenheimzulage und ich bekam es auch als alleinerziehende Mutter.
Das Eigenkapital war MEIN Geld, mit dem ich das Haus gebaut habe und es ist MEIN Einkommen, mit dem ich das Bankdarlehen bezahle!
Hätte ich mich auf das Einkommen des Vaters meiner 2 Kinder verlassen, würden wir heute nicht im eigenen Haus leben.
Der zog es vor zu trinken und bei seiner Mutter zu wohnen und lebt 90% der Zeit von Hartz IV. Gott sei Dank waren wir nie verheiratet.