Stadtrat und Verwaltung aus den Augen einer Autorin

Es war Zufall, dass ich überhaupt in die Kommunalpolitik eingestiegen bin, aber ich lasse mich gerne auf Zufälle ein – ich bin somit das Gegenteil von dem, was klassische Verwaltungsmitarbeiter auszeichnet, denn die lieben das Planbare.

Jetzt bin ich fast 3 Jahre dabei, als gewähltes Mitglied des Stadtrats in Konstanz. Ich mache die Lokalpolitik gern, jedenfalls meistens, und ich lerne sehr viel darüber, wie eine Stadt funktioniert, und welche Forderungen (z.B. von Alleinerziehenden) an die Politik überhaupt durchsetzbar sind, und wo die Hemmnisse für Veränderungen liegen.

Aber jedes Mal, wenn ich im Gemeinderat bin, wundere ich mich über diese Welten, die da aufeinanderprallen. Einerseits die Verwaltung, die ich vor meiner Tätigkeit als ehrenamtliche Stadträtin in meiner Lebenswelt überhaupt nicht wahrgenommen habe (außer, wenn ich zum Bürgeramt musste, aber das ist ja nur ein kleiner, funktionaler Ableger der Verwaltung einer Stadt), andererseits die augenscheinlich prima mit den Strukturen klarkommenden Stadträte der anderen Fraktionen.

Verwaltung
Ulleo auf Pixabay.com

Und dann sind da wir, die überparteiliche Wählervereinigung mit 4 von 40 Räten bei uns in Konstanz, und zumindest 3 der 4 Räte meiner Fraktion sind politisch totale Neulinge, die Vierte hat aus einer anderen Fraktion „rübergemacht“ und viel Erfahrung in der Kommunalpolitik, dies aber in Kombination mit einem rebellischen Geist. Wir streiten nicht intern, wir debattieren respektvoll, bei uns gibt es keine Intrigen, sondern Wertschätzung, und wir hätten keine klassische Parteikarriere machen wollen oder überhaupt einer Partei beitreten. Ohne meine Truppe hätte ich mich niemals in die Kommunalpolitik begeben, und ich hätte dass auch nicht ausgehalten.

In diesem Spannungsfeld bewege ich mich und staune. Was sind das für Menschen, diese Verwaltungsmitarbeiter? Wie ticken die? Warum hatte ich, bevor ich Stadträtin wurde, überhaupt keine Berührungspunkte mit Verwaltung?

Ich schaue mir die Leute auf der Verwaltungsbank an, und die Stadträte auch. Was für Kinder und Jugendliche waren sie, warum sind sie so geworden, wie sie sind? In meinem Kopf wachsen Geschichten, ich sehe Handlungsstränge, Dramen, Verwicklungen. Die Verwaltung sieht wahrscheinlich eine dreifache Mutter, die im Gemeinderat nur selten das Wort ergreift, und von der sie nicht weiß, warum sie in den Stadtrat gewählt wurde, und so geht es den meisten Räten auch, schätze ich.

Einige von ihnen (beiden, Verwaltung und Räten) bekommen mit, dass ich manchmal in den großen Medien auftauche und man mich dort, überregional, als Expertin und Bloggerin sehr ernst nimmt. Aber sie verstehen nicht, warum. Ich erkläre es auch nicht mehr, seitdem ich es ein paar Mal versucht habe und in relativ verständnislose Gesichter guckte. Wir haben so wenig gemeinsam.

Wesentlich mehr gemeinsam habe ich mit den Menschen, die ich auf Podiumsdiskussionen und Lesungen treffe, wenn ich als Speakerin eingeladen werde. Dann merke ich, welches Wissen ich mit mir herumtrage, und wie gut ich formulieren kann, wenn ich in meinem Element bin. Der Stadtrat ist es nicht, das merke ich jedes Mal, wenn wir tagen. Da ist alles so starr. Ich tue mich wirklich schwer damit, immer am selben Platz zu sitzen, den immer gleichen Redewendungen zuzuhören, und zu denken, „Meine Güte, musste das denn jetzt unbedingt noch gesagt werden!?“

Aber das könnte man auch über diesen Text sagen. Muss sie das schreiben? Warum? Nun, weil ich schreibe, weil ich ständig Dinge hinterfrage, überall Geschichten sehe, und weil ich gar nicht anders kann. Seht es einfach als Dokument des Zweifelns und lauten Nachdenkens. Was kann ich am besten? Wo will ich hin?

Mal gucken, was die Zukunft bringt. Das Unplanbare ist halt auch verlockend. Aus mir wäre wahrlich keine gute Verwaltungsmitarbeiterin geworden, so viel steht jedenfalls fest.

Bloggerin, Autorin, Texterin und alleinerziehende Mutter von 3en. Print und Online. Spezialisiert auf Kinderbücher, Vereinbarkeit von Familie & Beruf, Familienthemen.

11 KOMMENTARE

  1. Liebe Christine,

    vielen Dank für die interessanten Einblicke. Ich kann mir den Unterschied zwischen Veranstaltungen in Berlin und dem Konstanzer Stadtrat jetzt gut vorstellen und nachvollziehen, warum Dich das eine mehr reizt als das andere. Ist doch auch schön wenn man weiß, was einem liegt und worin man richtig gut ist.

    Claudia

  2. Hallo Frau Dr. Finke, auf Ihren Lesungen sind Fans. Ich würde niemals zu einer Ihrer Lesungen gehen und Ihnen freiwillig zuhören. Im Stadtrat haben offenbar nichts beizutragen. In den Medien tauchen Sie auf, weil Sie sich für wenig oder gar kein Geld anbieten. Ich bin auch Stadtrat. Hören Sie auf Ihre Verwaltung durch den Dreck zu ziehen. Beste Grüße

    • Hallo Herr anonymer Stadtrat CDU,

      wo ist denn hier Dreck? Ich stelle nur fest, dass wir anders sind und dass es in meinem Leben bisher wenig Berührungspunkte mit der Verwaltung gab. Sie müssen mich übrigens auch nicht lesen. Das ist freiwillig.

      Selber beste Grüße!

  3. Ohjehohjeh! Hoffentlich schreibt hier wenigstens kein Stadtrat aus Konstanz! Ihren Blog lesen und dann anonym die Kollegin kommentieren? Hoffentlich hatte da jemand einfach nur einen ganz sagenhaft schlechten Tag… Sonst wäre das doch sehr schade, wenn es so jemand eventuell in der Kommunalpolitik etwas zu sagen und entscheiden hätte.
    Freundliche Grüße von jemandem aus der kommunalen Verwaltung (die das glaubt ganz richtig verstanden zu haben und sich überhaupt nicht durch den Dreck gezogen fühlt.)

  4. Ich bin auch Verwaltungsmitarbeiterin eines Landesministeriums u sehe keinen Dreck weit u breit (an den Stadtrat!). Im Gegenteil ist es doch gut u erfrischend,wenn Menschen diese oft getrennten Welten von Politik,Verwaltung u dem,was viele Leute als ihre Realität empfinden (ihr eigener Lebensalltag) durchbrechen u Transparenz ueber die anderen Wirklichkeiten schaffen! Ich hatte selbst anfangs Horror vor der Verwaltung, und wurde positiv überrascht.Trotz Hierarchie u sicherlich vielen MitarbeiterInnen,die bereits innerlich gekündigt haben scheint doch langsam eine neue Generation zu kommen. Und Verwaltung kann mehr gestalten als man glaubt! Ich bin als Alleinerziehende v zwei Kindern froh über die Flexibilität u Sicherheit – aber das heisst nicht,dass ich dafür meine Werte u Arbeitsmoral verliere.Danke an Christine fuer ihren stetigen Einsatz,persönlich u auf vielen Ebenen eben auch häufig politisch. Solche Menschen braucht unser Land -und nicht noch mehr CDU/CSU Selbstdarsteller,die ausser dem Pflegen ihrer Seilschaften nix hinbekommen u blind für jede Realität sind!Viele Grüsse!

  5. Haha der Herr Stadtrat hat’s einfach nicht verstanden.Warum wird aus einem Interessierten an Familien Themen ein Fan von Christine Finke?
    Weil eine Expertin interessant und gut über Familien Themen spricht.
    Zunächst habe ich FamilienHefte gelesen. Dann festgestellt,dass diese Hefte nicht interessant sind und zu wenig über Vielfalt schreiben. Dann habe ich angefangen Familien Themen in Blogs zu lesen. Und bei den guten Blogs bin ich geblieben.
    Da setzt sich Qualität durch, und nicht Dienstjahre ;)
    Eine andere Meinung ist eben nicht immer Kritik, aber das kann jemand aus einer alten CDU vielleicht nicht verstehen.
    deswegen ist Frau Finke ja gerade nicht in der CDU?

  6. Liebe Christine, ich selbst arbeite in der Berliner Verwaltung und kann gut nachvollziehen, was du schreibst. Auch nach über 10 Jahren fühle ich mich dort als Fremdkörper und genauso wie du wundere ich mich oft über die Ansichten meiner KollegInnen.
    Der Kommentar des CDU Stadtrats zu deinem Artikel spricht Bände. Eigentlich sollte man den Herren trösten.
    Gruss Alexandra

  7. Sie sprechen mir aus der Seele. Ich war 15 Jahre in der Verwaltung beschäftigt, kam zu dem Job wie die Jungfrau zum Kind. Vor kurzem habe ich fristlos gekündigt, weil ich es einfach nicht mehr ertragen habe. Mein Chef, ein Beamter, von grotesker Umständlichkeit, Kollegen mit denen ich nie etwas anfangen konnte. Es ist eine sehr eigene Welt, die Verwaltung. Man muss dafür geboren sein. Die Reaktion Ihres CDU Kollegen spricht Bände. Bleiben Sie so couragiert wie Sie es sind. Alles Gute !

  8. Liebe Christine,

    Ich habe selber lange Zeit in Konstanz gelebt und kenne daher die eine oder andere Situation aus der Verwaltung dort. Ihr Blog ist wunderbar. Er macht Mut, klärt auf und zeigt, dass sich – wenn auch sehr sehr langsam etwas tut. Alleinerziehend ist definitiv eine Familienform. Und nein, die hat man sich in den aller aller aller seltensten Fällen so ausgesucht. Von daher ist es wichtig, dass Alleinerziehende sich zusammen tun und gemeinsam auf sich aufmerksam machen und für ihre Rechte kämpfen. Dafür braucht es Expertinnen, die sich in diesen Themen auskennen. Die versuchen diese beiden Welten zu etwas näher zusammen zu bringen. Herzlichen Dank für Ihre Arbeit, Ihr Engagement und Ihre Einblicke.

    An Sie werter Herr CDU-Stadtrat (schon peinlich wenn man nicht die E… in der Hose hat und so einen Mist anonym von sich geben muss), hier wird sehr differenziert dargelegt, das sich in 2 unterschiedlichen Welten bewegt wird. 2 Welten die so unterschiedlich sind, dass sie eben wie beschrieben, aufeinanderprallen. Hier wird niemand durch den Dreck gezogen. Die einzige Person, welche gerade das Dreckbassin versucht hat aufzubauen sind Sie. Frischer Wind in den Sitzungen, mehr Flexibilität (übrigens die gleiche, welche Sie lieber Herr Politiker von Alleinerziehenden erwarten) und mehr Engagement täte den verstaubten und festgefahrenen Gewohnheiten gut.

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