Warum sind so wenig Frauen in der Politik, Christine?

Ich habe gestern versucht, meinen Fraktionsfreunden zu erklären, warum Frauen in der Politik so selten zu finden sind, aber ich erntete ziemlich verständnislose Blicke. Sie glauben mir nicht. (Spoiler: Wahrscheinlich, weil ich als feministische Gender-Tante nicht kompetent bin. Warum das witzig ist, erfahrt Ihr im mittleren Teil dieses Texts.)

„Wir brauchen mehr Frauen bei uns in der Fraktion!“, das ist keine originelle Feststellung, und wir haben sie in den vergangenen 4 Jahren, die es das Junge Forum Konstanz als Wählervereinigung gibt, schon oft getroffen. Aber aus irgendeinem Grund ist es uns nicht gelungen, weibliche Neumitglieder dauerhaft zu halten und zu gewinnen. Woran liegt das?

Die Erklärungen, die ich spontan gab, sind gar nicht so abwegig, und ein Resultat dessen, was ich las zum Thema Frauen und Politik sowie eigener Erfahrungen. Aber Männern scheint das, was ich als Gründe für die Frauenknappheit angab, vollkommen fremd zu sein – bzw. sie beanspruchen, dass all dies doch für sie auch gelte. (Das klingt paradox, soll aber zeigen, dass sogar die modernen, gut gebildeten, sehr netten und aufgeschlossenen Männer in meiner Fraktion sich nur unzureichend in die Lage von Frauen versetzen können.)

Frauen in der Politik
Sitzung des Jungen Forum Konstanz aus dem Januar 2018

Wir brauchen also ein paar engagierte Frauen. Aber wir finden sie nicht, oder sie finden uns nicht. Und weil ich diese Gedanken gerne weiterspinnen möchte, eben um vielleicht doch mehr Frauen für die Kommunalwahlen 2019 bewegen zu können, sich einer Fraktion (am besten unserer, wenn’s passt) anzuschließen, möchte ich das gerne mal mit euch durchdenken. Ich brauche Input!

Die Gründe, warum Frauen nicht so häufig in die Politik gehen

Nicht nach Wichtigkeit sortiert, sondern in der Reihenfolge, in der sie mir einfallen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Unfehlbarkeit:

  • Es fehlt an Vorbildern
  • Ausufernde Sitzungen mit langen, selbstverliebten Redebeiträgen (die statistisch gesehen von Männern kommen) nerven sie extrem
  • Sie machen als Partnerin/Mutter den Großteil der Care-Arbeit und Hausarbeit Zuhause, auch wenn sie voll berufstätig sind
  • Frauen sind weniger wettbewerbsorientiert als Männer sozialisiert
  • Sie haben eher Zweifel an ihrer Kompetenz
  • Die Kompetenz von Frauen wird eher angezweifelt (während Männer sich und ihre Leistungen tendenziell überschätzen)
  • Sind sie zielstrebig und fordernd, viel gelten sie als unsympathisch und zickig, während diese Eigenschaften bei Männern als Durchsetzungsfähigkeit gewertet werden, was es schwierig macht, sich durchzusetzen in einem männerdominierten Politikbetrieb
  • Frauen fehlen Netzwerke und Seilschaften in der Politik
  • Frauen priorisieren anders, weil sie weniger Zeit und ein geringeres Einkommen haben als Männer, speziell, wenn sie Familie haben (Gender Pay Gap, traditionelle Rollenverteilung)
  • Der „mental work load“, die Verantwortung für die Organisation der Familie, liegt fast immer bei den Frauen, ihre Auslastung ist höher, als das sichtbar ist

Es sind im Grunde dieselben Dinge, die dafür sorgen, dass Frauen weniger häufig Karriere machen – siehe dazu auch die Thesen zur Verhaltensökonomie und Gleichstellung von Iris Bohnet, deren Buch ich kürzlich hier im Blog vorstellte.

„Wie kann man das also ändern?“

Das wollte unser Vereinsvorsitzender von mir wissen. Ich sagte, was ich immer sage, dass ich nämlich glaube, es wird ohne Quote nicht gehen – das war die gesamtgesellschaftliche Antwort. Aber wie wir als Fraktion das im Kleinen ändern können, weiß ich nicht. Wir wollen ja nicht erst seit gestern mehr Frauen in unseren Reihen haben. Aber alle, die wir ansprachen und die zum Schnuppern vorbeikamen, sprangen wieder ab. Einige zwar erst nach Wochen oder Monaten, aber im Endeffekt bin ich die einzige Frau, die aus der Gründungsphase noch dabei ist.

Schauen wir uns zum Beispiel mal an, wer gestern zur Fraktionssitzung gekommen war: Die beiden männlichen Räte Thomas und Matthias, eine Handvoll weiterer männlicher Vereinsmitglieder und zwei Frauen, die nur zum Jungen Forum Konstanz gestoßen sind, weil ihre Partner sich uns angeschlossen haben und sie irgendwann aus Neugierde mitkamen. Die eine ist seit neuestem unsere Fraktionsassistentin, die andere macht seit vergangenem Sommer unsere Pressearbeit. Und die Fraktionssitzungen sind sowas wie ein gemeinsames Hobby für die beiden Paare, würde ich sagen. Anna und Verena machen das gut, aber ohne ihre Männer wären sie nicht zu uns gestoßen.

Fehlt den Frauen Zeit oder Interesse an der Politik?

Ich war lange Zeit die einzige Frau, die regelmäßig zu den Fraktionssitzungen kam, bis eine weitere Rätin, die momentan verreist ist, aus einer anderen Fraktion zu uns „rübermachte“, und ich habe mir die Frage, wo ich vor Ort engagierte Frauen finde, die in der Kommunalpolitik mitmischen wollen, schon oft gestellt. Aber alle Frauen, die mir einfallen, sind bis über beide Ohren beschäftigt und haben Null Kapazitäten.

Kennen wir also die falschen Frauen oder gehen wir als Fraktion es falsch an? Habt Ihr Ideen? Wie macht Ihr das, falls Ihr in der Politik seid? Und wie würdet Ihr angesprochen/gefunden werden können, wenn wir jemanden wie dich suchen? Über Kommentare freue ich mich diesmal besonders.

(Wenn ich mir anschaue, wie ich zur Politik kam, dann war das ein reiner Zufall, der ohne diesen Blog niemals passiert wäre. Und ausgerechnet ich bin nun Gründungsveteranin. Schon ulkig.)

Linktipp: Publikation des Familienmisteriums „Wege und Erfahrungen von Kommunalpolitikerinnen“

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Johanna
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Johanna

Die Frage, warum sowenige Frauen in der Politik sind, habe ich mir auch schon gestellt. Die Antworten sind ja schon davon dir, Christine, gegeben worden. Vielleicht sollte ich mal bei euch vorbei kommen, ich bin schließlich auch aus Konstanz und alleinerziehend. Ich befürchte nur dass es darauf hinaus laufen wird dass ich nicht genügend Zeit mitbringen kann

Vroni
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Vroni

Warum bin ich als politikinteressierte Frau nicht in der Kommunalpolitik tätig?
Nun ja, zum einen wüsste ich gar nicht, wo einsteigen. Denn keine Partei vertritt meine Vorstellungen so richtig.
Dann habe ich ein Zeitproblem. Sitzungen vormittags oder tagsüber sind für mich leichter zu wuppen als Veranstaltungen abends. Ich denke aber, man muss Sitzfleisch haben (auch bei Festen etc.)
Ich denke nicht, dass ich bereit bin, meine knappe Zeit mit Männerklüngeleien, Machtkämpfen und Seilschaftereien zu verbringen.
Und dafür auch noch in sozialen Netzwerken beschimpft, kritisiert und beleidigt zu werden, das würde ich nicht aushalten.

Vanessa
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Vanessa

Hallo Christine, noch in der Wahlnacht, in der Trump zum Präsidenten gewählt wurde, platzte mir die Hutschnur und ich bin endlich in eine Partei eingetreten. Ich bekam sehr schnell daraufhin Post von diversen Parteigruppierungen und meinem zuständigen Ortsverein. Zu Letzterem ging ich zur Jahreshauptversammlung. Ich wurde sehr nett empfangen und fühlte mich sofort wohl, wenn die Versammlung inhaltlich für mich als Neuling jedoch sehr schwer greifbar aufgrund mangelnder Kenntnisse der Strukturen war. Da der Beginn relativ spät war und ich meinen Sohn noch bei meinen Eltern abholen und dann bei uns pünktlich ins Bett verfrachten musste, musste ich leider eher… Weiterlesen »

Antje
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Antje

Ich denke, es ist nicht das Reinkommen in die Politik, sondern das Dabeibleiben. Politische Prozesse muss man erst erkennen, verstehen und dann selbst initiieren. Genau hier solltet Ihr Unterstützen: wir hatten ein Mentoringprogramm: Mentorinnen waren gestandene Politikerinnen und Mentees eben Neueinsteiger. Sie sind einfach erstmal mitgelaufen und haben so politische Prozesse kennengelernt. Wir haben sie in die Sitzungen mitgenommen, zu Abendveranstaltungen usw. So haben sie auch ganz nebenbei unsere Netzwerke kennengelernt. Wir hatten, je nach Personen, auch mehrere Vier-Augen-Gesprächstermine. Grundsätzlich ist Poltik aber immer nur ein Abschnitt im Leben. Es ist unglaublich toll, aber unglaublich energetisch und kräftezehrend – egal… Weiterlesen »

Kim
Gast
Kim

Hallo liebe Christine, da ich selbst in einer kleinen Gemeinde als Gemeinderätin tätig bin, wollte ich mich auch mal äußern. Ich habe mich selbst jahrelang eher als einen politisch wenig interessierten Menschen wahrgenommen. Erst als ich konkret angesprochen wurde, ob ich mich nicht zur Wahl stellen möchte, habe ich ernsthaft darüber nachgedacht. Ich gehe gerne zu den Sitzungen und es bereichert mich. Allerdings ist es schon auch so, dass ich mal nicht kommen kann, weil eines meiner Kinder krank ist. Auch in die gesellige Runde nach der Sitzung schaffe ich es regelmäßig nicht, aber ich bilde mir sowieso lieber meine… Weiterlesen »

Anne Rüsing
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Anne Rüsing

Liebe Christine wie wär’s mit Kinderbetreuungsangebot während der Fraktionssitzungen etc.? Habe ich mal erfolglos für Lehrerkonvente vorgeschlagen (im Schulhaus eine der Turnhallen zweckentfremden, Matten hinlegen zum Austoben oder Draufliegen und Lesen, eine Betreuungsperson dafür (Sportstudi mit Möglichkeit Credits zu erwerben?) plus eine für Schularbeiten (Päd.studi, Credits siehe oben, müsste mit PH abgesprochen werden), Snacks/Essen bringt jeder selber mit). Vielleicht könntet Ihr ja auch eine Schul-, KiTA- o. ä. Infrastruktur für Eure Sitzungen nutzen? Lässt sich die politische Beteiligung ganz konkret als (niederschwellige) Wiedereinstiegsmöglichkeit in den Beruf gestalten, allenfalls mit Anerkennung/Zeugnissen? Könnt Ihr in diesem Zusammenhang Arbeitgeber angehen und ein Jobprofil… Weiterlesen »

Mirjam
Gast
Mirjam

Als junge Frau wird man weiterhin in der Kommunalpolitik immer nur belächelt. Das nervt so unendlich. Ich hatte wirklich eine große Motivation, die Politik auszuprobieren. Aus der Schulzeit brachte ich aus dem Jugendparlament nicht wenig Vorerfahrung mit, Auslandserfahrung etc. Dann erste Erfahrungen in Ortsgruppen verschiedener Fraktionen: die Leiter und AG-Leiter alles Männer zwischen 55- und 75 Jahre, Macht- geil, miteinander verwandt und oder Kollegen. Die Erfahrung: man ist unerwünscht, man weiß nicht so recht wie man mit einer jungen Frau umgehen soll, verletzende und erniedrigende Bemerkungen. „Schön, dass mal jemand junges da ist.“ „Welcher Partei gehören denn ihre Eltern an?“… Weiterlesen »

Anna
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Anna

Liebe Frau Finke, Ich selber bin auf kommunaler Ebene aktiv, leite eine Ortsgruppe und übernehme demnächst den Vorsitz unserer Sektion. Ich war schon immer politisch interessiert, setze mich – abgesehen von Wahlen und Abstimmungen(Schweiz) – aber erst seit einigen Jahren aktiv für eine Partei ein. Damals war meine Partei nicht mehr im Gemeinderat vertreten, was mich sehr störte. Durch meine Initiative haben wir jetzt wieder eine Gemeinderätin und dieser Erfolg hat meine Position in der Partei gefestigt. Ich habe versucht, mich unentbehrlich zu machen (ja pfui, das dürfen natürlich eigentlich nur Männer :-)). Aus dieser Position der Stärke heraus versuche… Weiterlesen »

Anke
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Anke

Ich mache einen Haken hinter ALLE Deine Gründe. Selbst habe ich einen Versuch auf Gemeindeebene und einen weiteren auf Landesebene unternommen. In beiden Fällen wurde ich angesprochen und „mitgeschnackt“, aber beides ist gescheitert, weil mir endlose, sinnfreie Diskussionen und Klüngel nicht wichtig genug waren um dafür meine knappe Zeit aufzuwenden.

Bettina
Gast
Bettina

Ich komme aus einer Familie in der Parteipolitik, auch in Führungspositionen in einer Partei, immer Frauensache war. Ich war lange politisch aktiv, nicht in der Kommunalpolitik, aber auf Landesebene und eine Legislaturperiode lang war ich Landtagsabgeordnete. Ist lange her. Ungefähr in der Halbzeit der Legislaturperiode habe ich meine erste Tochter bekommen und dann war klar, wenn ich ein Leben mit meinem Kind haben will und einen Beruf, muss ich aus der Politik aussteigen. Oder aus meinem Beruf, aber der war mir dann doch wichtiger. Um mich herum sah ich Männer, die immer lamentierten, dass die Familie ach zu kurz komme,… Weiterlesen »

Anke Joh.
Gast
Anke Joh.

Liebe Christine, ich bin selbst eine von den wenigen Frauen in der Kommunalpolitik und stehe vor den gleichen Herausforderungen wie eure Fraktion. Wir haben im Mai schon Wahlen und ich musste die Liste zusammenstellen. Wir müssen quotieren, haben aber nur vier Frauen auf der Liste. Mit einer weiblichen Spitzenkandidatin kommt man dann nur bis Platz 7. Die Personaldecke wird leider allgemein dünner. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass es vor allem Frauen sind, die sich in Kindergärten- und Schulelternbeiräten engagieren, in Sportvereinen Ehrenämter übernehmen usw. Das ist dann nicht so institutionalisiert wie in einer Stadtvertretung, aber immerhin ein Raum,… Weiterlesen »

Sonnenfräulein
Gast
Sonnenfräulein

Heisst umgekehrt:
Es sind immer noch zu viele Männer in der Politik,die tatsächlich meinen mit Gesetzestexten die Welt verändern zu können.
Und – hat sich was verbessert ?
Egal wie viele Mönner in allen Zeiten regierten, redeten, Foren zuschrieben, das Internet stündlich zupflasterten oder gar staats-männisch gestalten wollten.

Die Menschheit bleibt davon völlig unbeeindruckt.
Es gibt Kriege, Kriminelle und vielerorts hohes Elend. Daran wird sich nichts ändern.

Wahrscheinlich wissen wir Frauen das schon seit Jahrtausenden und machen einfach unser Ding. :)

Judith Urban
Gast
Judith Urban

Das Thema Politik beschäftigt mich tatsächlicherweise, jetzt gerade!, als alleinerziehende Mutter enorm. Vorher habe ich die Wahlen verfolgt und meine Stimme abgegeben. Aber nun gehe ich etwas tiefer in die Materie, denn einige Sachen lassen mich einfach nicht los. Ich habe ein gesundes Selbstbewusstsein, stelle mir aber trotzdem noch manchmal die Frage, ob ich mir völlig sicher bin diesen Schritt, auch teils in die Öffentlichkeit, zu gehen. Oder ist es gerade nur deswegen, weil ich mich nicht ernst genommen fühle und deswegen zu emotional entscheide? Werde ich als Mama und Papa, berufstätig und politisch unterwegs, meiner Tochter noch gerecht? Und… Weiterlesen »