Frau Finke wird fett (Silencing)

Warum ich trotzdem schreibe, was ich will, und mir die blöden Antworten nix ausmachen. Ein Text über Silencing.

Gestern las ich einen Text aus dem Juli 2018 über Silencing auf Vice.com. Darin beschreibt Nicole Schöndorfer typische Strategien, die aggressive, antifeministisch eingestellte Männer in den Social Media einsetzen, um Frauen aus dem öffentlichen Diskurs zu drängen:

  • Frauen auf Äußerlichkeiten reduzieren („Du bist fett“)
  • Sexualität/Beziehung/Familie der Frau thematisieren („Kein Wunder, dass du Single bist“)
  • Die Frau für psychisch krank erklären („Geh zum Psychiater, der kann dir helfen“)
  • Kompetenzen/Erfahrungen absprechen („Und sowas nennt sich Journalistin“ )
  • Beleidigungen/Drohungen („Traurige Charaktere wie dich tritt man gegen die Wand“)
  • Feminismus-Bashing („Ich lese hier nur paranoiden Männerhass“)
  • Der Frau Hysterie andichten („Schlimm, wenn man so von Hass zerfressen ist“)
  • Der Frau ihren Platz zeigen („Geh in ein islamisches Land, wenn es dir hier nicht passt“)

Ich kenne alle diese Formen von Silencing-Versuchen, bei mir sind die häufigsten Angriffe solche auf meine Kompetenzen und mein Äußeres, aber auch meine Familie/Beziehungen geraten immer wieder in die Schusslinie. „Sie [Frauen] sollen ruhig gestellt und davon abgehalten werden, sich öffentlich zu äußern“, schreibt Schöndorfer, und ich finde es wichtig, sich genau das bewusst zu machen.

Ich hab die Väterrechtler an meinen Hacken, dazu noch ein paar ganz spezielle Bekloppte, die sich auf mich eingeschossen haben aus dem Maskulistenspektrum, dazu gesellen sich regelmäßig irgendwelche deutschtümelnden AfD-ler, die mir erklären, dass Alleinerziehende sich besser nicht getrennt hätten und die Flüchtlinge an allem Schuld seien.

Silencing
stevepb auf Pixabay.com

Diese Leute nerven, ja. Sie nerven mich auf dem Niveau von Schmeißfliegen, wobei das Bild natürlich etwas schief ist, denn das impliziert ja, ich sei ein unappetitlich duftender Haufen. Es sind eher aggressive Wespen, aufgestachelt von irgendwas oder irgendwem, der außerhalb meines Wirkungskreises ist, aber da ich gerade sichtbar bin, gehen sie auf mich los.

Lustgewinn als Motivation fürs Silencing?

Meist mute ich (Stummschaltung) dümmliche, fiese und unkonstruktive Kommentare auf twitter, und im Blog kommen die gleich in den Papierkorb. Mich ficht das nicht an, aber ich frage mich schon, warum es Menschen gibt, die sich viel Zeit nehmen, um per Reply/Kommentar bei wildfremden Frauen verbalen Dreck zu hinterlassen. Ich schätze, es ist eine Mischung aus Langeweile, einem kurzen Gefühl von Macht und damit Lustgewinn, und wahrscheinlich auch noch die Wahnvorstellung, sich hier für eine Sache einzusetzen, nämlich es den dummen Fotzen mal richtig zu zeigen. Denen, die sie im Real Life nicht beachten.

Traurig eigentlich. Denn wenn ich sie mute, dann merken sie gar nicht, dass das an mir komplett vorbeigeht. Und zitiere ich doch mal irgendeinen giftigen Spruch auf twitter, dann nur zu Anschauungszwecken, damit sichtbar wird, wie manche Leute ticken.

Silencing-Attacken und der Einfluss aufs eigene Verhalten im Netz

Trotzdem ist es schwierig, sich nicht selbst zu zensieren, wenn frau Gegenstand solcher Attacken wird. Heute habe ich zum Beispiel über einen Tweet nachgedacht, der tatsächlich bis auf den Anlass (Ich habe Kleider aussortiert) frei erfunden war.

Eine Steilvorlage für Hater und Deppen, ich weiß das. Es ist ein bisschen wie bei der Yellow Press, auch wenn ich mich nicht mit Prinzessin Caroline und Herzogin Kate vergleichen will. Aber denen geht’s genauso – was würde ein Klatschblatt daraus machen? Genau, „Frau Finke wird fett“. Oder: „Schock am Kleiderschrank – Finke platzt aus allen Nähten!“

Dass ich glücklich darüber bin, von Kleidergröße 34 auf 36 zugelegt zu haben, und dass mir nebenbei sogar etwas mehr Oberweite gewachsen ist („Finke brüstet sich mit Brüsten!“), steht nicht in dem Tweet und gehört da auch nicht rein. Denn er ist eine literarische Form, dieser jedenfalls. Und so muss ich damit rechnen, dass dieser Tweet, genauso wie jeder andere, und jede meiner Replies auf Twitter, und jeder Blogtext, den ich schreibe, auf Brauchbares für Skandale, Hass und Silencing benutzt werden kann.

Mich macht das aber nicht leise. Ich werde von sowas eher stur, ich schalte in den „Mit mir nicht!“-Modus. Aber die vielen anderen Frauen, die sich nicht mehr trauen, auf FB zu kommentieren, in den Kommentarspalten der Zeitungen zu schreiben, und ihre Accounts auf privat stellen, und denen ich das auch nicht verübele, fehlen. Der Diskurs wird verzerrt, und das ist nicht gut. Es macht mir Sorgen für unsere Gesellschaft, die Demokratie, die Freiheit.

Wenn’s irgend geht: Bitte taucht nicht ab, sondern mutet. Oder blockt, oder ignoriert dummes Geschreibsel. Silencing darf nicht gewinnen.

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Julia
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Julia

Christine, du kennst mich nicht, ich kenne dich nicht persönlich. Ich bin nicht alleinerziehend. Ich wollte dir nur mal wieder schreiben, dass du toll bist. Und einfach stark. Ich habe meinen Blog längst eingemottet, u.a. weil ich keine Kraft hatte, mich gegen solche Hater zu verteidigen. Liebe Grüße aus Berlin, Julia

Carsten
Gast
Carsten

Ich denke, es ist wichtig, dass auch Männer aktiv auf solche Strategien regieren und die Täter und ihre Methoden zum Thema machen. Da wo es geschieht.
Und das mächtigste Instrument, ist vermutlich, darauf hinzuweisen, das jeder, das sowas primitives tut, offensichtlich keine besseren Argumente hat. Und damit Unrecht.

ExaktNeutral
Gast
ExaktNeutral

Hallo Carsten, das ist löblich, dass du so denkst. Aber irgendwie auch erschreckend, dass es nicht selbstverständlich ist. Macht jemand in meinem Umfeld antisemitische Kommentare, sage ich etwas, auch wenn ich nicht jüdisch bin. Macht jemand in meinem Umfeld rassistische Bemerkungen, sage ich etwas, auch wenn ich nicht zu den People of Color gehöre. Macht jemand in meinem Umfeld sexistische Bemerkungen… dann? Ist das doch nur ein Problem von Frauen?
Täter sind immer nur eine Minderheit, ob die Mehrheit wegschaut oder reagiert entscheidet darüber, ob es zum gesellschaftlichen Problem wird.

Sonnenfräulein
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Sonnenfräulein

Haben die Internetgangster schon wieder Interneteier ?

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Linkliebe № 17 | Meergedanken

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