Twitterer im Interview: Alles B.

Berliner Schnauze. Vielleicht in Schöneberg, denn das steht in der Twitter-Bio von Alles B.: „Starkstrombefeuchterin in der Destille Schöneberger Sonnenbrand und Putenwemserei seit 1886. Krönchen im Wappen.“ Das ist grober Unfug, wie auch die Frau Alles B. manchmal derbe und oft kodderschnäuzig daherkommt. Irgendwie aber charmant.

 

Im Leben von Frau B. gibt es Kippen, Bier und diverse alkoholische Getränke, laute Nachbarn im Hinterhof und Gedrängel am S-Bahnhof Friedrichstraße. Sie transportiert damit ziemlich genau das, was ich mit Berlin verbinde.

Der in der Twitter-Bio genannte Blog „buchstabenvomfeinsten“ ist seit Dezember 2012 nicht mehr neu befüllt worden. Er verrät einem, dass Frau B. in den 70ern Kind war, die Duz-Wut verabscheut und sich als Exil-Rheinländerin bezeichnet.

Bild: Alles B.
Bild: Alles B.

Aus ihren Tweets wissen wir, dass sie mit ihrem Sohn zusammenlebt, den sie „Spacelord“ nennt – ich schätze, er ist 9-10 Jahre alt -, und dass der Sohn manchmal beim Vater übernachtet, von dem sie schon länger getrennt ist.

Ob sie einen Partner hat? Wir wissen es nicht, von Liebe schreibt Frau B. nicht. Dafür aber viel über skurrile Dialoge im Alltag (mit dem Sohn, ihrem Vater, aber auch Busfahrern und Obdachlosen), Szenen des Bürolebens; und gegen späten Abend postet sie Links zu Musikvideos auf Youtube.

Gut 1600 Follower mögen ihre Wortsalven. Wenn sie erstmal in Schwung ist, dann postet Frau B. auch ganz ungeniert mehrere Tweets hintereinander und ich mag sie dafür. Da ist nix geplant, zumindest wirkt ihr Twittern immer spontan.

Bild: Alles B. "Mit Punkten hab ich's ja nicht so."
Bild: Alles B. „Mit Punkten hab ich’s ja nicht so.“

In meiner Vorstellung ist sie eine Frau Mitte 30, die Projekte betreut. Ich glaube sie kann rechnen und Excel, denn manchmal ist die Rede von Präsentationen und gar nicht so selten reist B. zu Kunden, um etwas vorzustellen.

Frau B. mag Kleider mit Punkten und Muster, genau wie ich, und sie ist eine zierliche Person. Da muss man vielleicht gelegentlich eine große Schnauze haben. :)

Obwohl ihre Tweets so offenherzig daherkommen, finde ich Frau B. schwer zu fassen. Sie vermittelt einem nicht das Gefühl, dass man sie kenne. Sie bleibt distanziert, ohne unnahbar zu sein. Das schaffen nur wenige. Und auch wenn ich gründlich aus dem Alter raus bin, in dem man schwärmerisch diesen Begriff benutzt, finde ich sie „cool“. Sehr cool.

Reaktion von Frau B.

Das ist alles wahnsinnig freundlich von Ihnen. Lieben Dank, ich freue mich rotohrig. Besonders den Teil mit „zierlich“, „Mitte 30“ und „kann rechnen“ mag ich sehr. Könnten wir den bitte stehenlassen?

Foto: Alles B.
Foto: Alles B.

Wie möchten Sie genannt werden, Frau Alles, Frau B., Frau Alles B.?

Seit der Anschaffung zweier geburlingtonter Kleidchen und obschon noch immer in zehrender Ermangelung eines koketten Hütchens bin ich mit „Miss Alles Moneypenny“ stark zufrieden. „Überaus reizende Miss Alles Moneypenny“ ginge zur Not aber auch.

Ihr Profilfoto bei twitter wird von der Regenbogenfahne geziert. Ein Zeichen von Solidarität oder Zugehörigkeit zur schwullesbischen Szene?

Solidarität: Gerne. Zugehörigkeit: Nein. Es gab einmal eine Aktion für eine Twitterdame, die Zeichen der Hoffnung gut gebrauchen konnte. Einige Twitterer beregenbogten darum ihre Avatare. Ich tat es ihnen gleich und ließ ihn seitdem da kleben. Schadet ja nix.

Sind Sie kurz- oder weitsichtig? Oder ist die Brille nur ein modisches Accessoire, um Kunden zu beeindrucken?

Ich bin alterssichtig, sagt der Fachmann. Dieser zwar sehr hübsche, jedoch furchtbar ungehobelte Optikermeister aus Friedrichshain hat dafür sein gerechtes Verbalfett schon wegbekommen. Meine Kunden hingegen beeindrucke ich durch gleichermaßen regelmäßiges wie spontanes Umrennen von Moderationsmaterial in Konferenzräumen mit hässlichen Teppichen. Eine Brille wäre da nur hinderlich.

Foto: Alles B.
Foto: Alles B.

Haben Sie twitter-Freunde im Real Life? Oder ist twitter eher ein separater Bereich, in dem Sie sich austoben?

Foto: Alles B.
Foto: Alles B.

Twitter ist, bis auf wenige Ausnahmen, separiert von den Menschen, die mit mir und meinem Spacelord sind.

Manch twitterferner Lebenswegkreuzer liest allerdings sporadisch mit und schreibt mir kesse bis pfiffige Replys unter Zuhilfenahme des vorinstallierten Kurznachrichtensystems in seinem Handtelefon. Dann bin ich milde irritiert und mache drei Minuten lang Übersprungshandlungen wie Handstand, Biertrinken oder Algebra.

(Ach so, Kai, wenn Du das liest: Ich krieg immer noch fünf Mark von Dir.)

Twittern Sie gelegentlich auch Pointen, die so hätten stattfinden können – oder nur wahre Gegebenheiten?

Ja.

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