Aktivistinnen geben auf – weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Wenn führende Alleinerziehenden-Aktivistinnen aufhören, wird mir das Herz schwer. Es müssen neue her!

Rona Duwe hat heute verkündet, dass sie keinen Sinn mehr darin sieht, Frauen – speziell Mütter – bei ihrem Weg aus der Beziehungsgewalt zu unterstützen. Mit ihrem Projekt “Phoenixfrauen” war sie 3 Jahre lang eine wichtige, besonnene und fachlich kompetente Stimme zum Thema Gewalt gegen Frauen, und als ich sie an der Seite von Alexandra Widmer sah, die Rona als ihre Begleitung zur Verleihung des Emotion Awards 2017 mitgenommen hatte, war ich froh und stolz, mit diesen beiden Frauen etwas für Frauen zu bewegen.

Das war im Juni. Seitdem hat Alexandra überraschend, kurz nach der Unterschrift für ihr zweites Buch, verkündet, dass sie sich von ihrem Projekt “Stark und alleinerziehend” verabschiedet und verstärkt wieder ihrer eigentlichen Arbeit als Psychotherapeutin widmen will. Das war schon eine traurige Nachricht für alle, die sich für Alleinerziehende engagieren. Dass nun auch noch Rona ihr gesellschaftliches Engagement einstellt, macht mir weiche Knie. Muss ich denn jetzt alles alleine machen!?

Als Rona und Alexandra in meiner Blog-o-Sphäre auftauchten, waren wir sehr schnell vernetzt und auch befreundet. Es kamen Carola Fuchs und Annette Loers (Mutterseelesonnig Blog) dazu, die auch mit viel Engagement und Herzblut über Themen schreiben, die Alleinerziehenden das Leben schwer machen, wie Umgangs- und Sorgerecht, ich über die Armut und den Stress, Alexandra über die Seele, und Rona über Gewalt (was auch bei mir ein Thema war). Und in letzter Zeit meldet sich auch verstärkt und sehr engagiert Susanne Triepel (notyetaguru Blog) für Alleinerziehende zu Wort. Nicht bloggend, aber auch sehr wichtig, ist Reina Becker, die sich seit Jahren und sehr hartnäckig für gerechtere Besteuerung von Alleinerziehenden einsetzt.

Aktivistinnen
Geralt auf Pixabay.com

Filterblasen verhindern Veränderung – weil sie die Wahrnehmung einschränken

Wer soll diese Lücken füllen? Gibt es junge oder nicht mehr so junge Frauen da draußen, die den Mut und die Kraft haben, sich einzubringen, und auch politisch zu werden? Bitte, bitte, fangt an mit Schreiben und werdet sichtbar, geht in Talkshows, fasst euch ein Herz und sprecht im Radio, gebt Interviews, wenn euch jemand zum Thema befragt. Ohne beherzte Mitstreitende ist die Alleinerziehenden-Lobbyarbeit eine aussichtslose Sache. Und dass sie aussichtlos ist, will ich nicht glauben!

Was mich heute sehr bewegt, wo ich immer mehr mit Politikern und Entscheidern zu tun habe, ist dass ich sehe, woran diese unsere Lobbyarbeit für Frauen und gegen Gewalt scheitert: Wer in normalen Verhältnissen lebt, also zivilisiert ablaufende Trennungen und Scheidungen im Freundes- und Bekanntenkreis mitbekommt, kann sich gar nicht vorstellen, wie oft es eben nicht gut läuft nach und während der Trennung.

Jede zehnte Mutter erlebt massive Gewalt nach der Trennung

Eine Studie des Familienministeriums zu Gewalt in Paarbeziehungen sagt dazu:

“Im direkten Kontext der Trennungs- und Scheidungssituation berichteten in der Studie… etwa 8–10 Prozent der Frauen, die sich getrennt haben, von Gewaltdrohungen und gewaltsamen Übergriffen durch (Ex-)Partner, welche sich gegen Eigentum, gegen die Frau selbst, aber auch gegen die Kinder richteten.”

Und weiter heißt es:

“Besonders gefährdend scheint im Kontext von Trennung und Scheidung die Realisierung des Umgangs- und Besuchsrechts zu sein, denn zusammengenommen 10 Prozent der Frauen, die sich aus Beziehungen mit gemeinsamen Kindern gelöst haben, gaben Probleme an, die sich auf Gewaltdrohungen, körperliche Gewalt, Entführung und angedrohte oder versuchte Ermordung der Frau oder ihrer Kinder bezogen. Drohungen im Kontext von Trennung und Scheidung waren häufig (etwa zur Hälfte) mit realisierter Gewalt verbunden, allerdings nicht in dem Maße wie bei Gewalt in bestehenden Paarbeziehungen.” (S. 42)

Es geht um Machterhalt, nicht ums Kindeswohl

In dieser Studie ist auch ganz klar benannt, was Männerrechtler gerne anzweifeln und als Benachteiligung ihres Geschlechts darstellen: Die von Männern ausgehende Gewalt in Paarbeziehungen hat mit der gefühlten Ohnmacht der Männer zu tun, die sich Frauen unterlegen fühlen und Machtverlust fürchten – es geht um den Erhalt von Geschlechterhierarchien und die Dominierung der Frau. Und die Gewalt durch Männer ist massiv, die Schweregrade und ihre Häufigkeit können einem zurecht Angst machen. Aber das passt nicht ins “Oh, wir sind jetzt alle gleichberechtigt”-Denken, das die Politik den Wählern gerne verkaufen möchte, weil’s so schön zeitgeistig klingt.

Mir macht das große Sorgen für alle Frauen, die sich mit Kindern aus Gewaltbeziehungen befreien wollen, und die nach der Trennung durch Gerichte und Jugendämter gezwungen werden, übers Umgangsrecht Kontakt mit dem Täter zu haben. Falls sie nun auch noch gezwungen werden, ihre Kinder per Wechselmodell dem Täter auszuliefern, dann ist das einfach nur schrecklich.

Wir dürfen nicht wegschauen. Werdet Aktivistinnen!

Denn gewalttätige Väter, auch wenn sie “nur” die Mutter angegriffen haben, können keine guten Väter sein. Und auch das bloße Miterleben von Gewalt, und sei sie nur durch die verschlossene Kinderzimmertüre nachts mitgehört, kann Kinder massiv traumatisieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass hier weggeschaut wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Und wir müssen dafür sorgen, dass Familienrichter, Jugendämter und Politikerinnen Gewalt gegen Frauen und Kinder genauso ernst nehmen wie sexuellen Missbrauch.

Also – bitte bloggt, wenn Ihr noch nicht damit angefangen habt. Erhebt eure Stimme, mischt euch ein! Ich zähl auf euch!

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22 Kommentare auf "Aktivistinnen geben auf – weil nicht sein kann, was nicht sein darf"

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alexandra
Gast
ich finde es auch extrem schade die beiden frauen aufgehört haben, das anliegen ist zu wichtig um nicht dafür zu kämpfen. auch wenn ich nicht immer ihrer meinung bin, hoffe ich doch sehr das sie weitermachen, sie haben doch auch schon einiges erreicht . der unterhaltsvorschuss für 18 jahre währe als meine kinder klein waren undenkbar gewesen . auch das sichtbarmachen von alleinerziehenden finde ich wirklich wichtig . ich habe mich neulich mit einer freundin unterhalten die genau wie ich lange alleinerziehend war und wir haben beide festgestellt das zu unserer zeit (mein kinder sind 25 und 20 jahre alt… Read more »
Rebecca
Gast
Ich überlege schon lange was zu starten in der Richtung, aber Christine – ich habe einfach beim besten Willen nicht dafür auch noch Zeit, denn ich baue gerade ein kleines Geschäft auf, arbeite pausenlos, Tag und Nacht nur dafür mir darüber etwas aufzubauen um endlich wieder auf die Beine zu kommen. Meine Sprache ist auch nicht unbedingt das Wort, vielmehr erzähle und denke ich als Illustratorin in Bildern. Manchmal bleiben Bilder auch stärker haften, da sie klare Emotionen zeigen und auslösen können. All die durchweinten Nächte, die Angst und die bittere Ohnmacht als Mutter allein und mit nichts als Hoffnungslosigkeit… Read more »
judith
Gast
Ja, ich finde es auch schade, dass die von Dir angesprochenen Frauen nicht weiter machen wie bisher, würde es aber nicht unter “aufgeben” verbuchen, denn das ist so zwangsläufig negativ besetzt. Bei Alesandra Widmer habe ich das ein bißchen anders verstanden, aber vielleicht kenne ich auch die Hintergründe nicht. Was Du im Bezug auf den Umgang schreibst, erinnert mich daran, dass ich von vielen Alleinerziehenden gehört habe, dass insbesondere auch die Familienrichter_innen mit sehr krassen Ansichten unterwegs sind, die einfach mit den Interessen des Kindes (wie sie in der Kinderrechtskonvention verankert sind) nicht vereinbar sind. Wenn sie Sätze sagen wie… Read more »
Hexi
Gast

Ich hätte wohl einiges zum Thema Alleinerziehend, Manipulation, Willkür gegenüber Frauen im Familienrecht etc. zu erzählen…. vielleicht irgendwann wenn sich die Wogen glätten durften……………..

Sandra
Gast

Mir persönlich fehlt Zeit und Energie. Hinzu kommt, ich mag ungern Privates ins Internet schreiben und mich angreifbar machen.
Seufz.

Susa
Gast
Ich bin so froh, deinen Aufruf zu lesen! Mein Vorschlag: KISS = Keep It Short And Simple Was haltet ihr davon, wenn wir den Spieß rumdrehen und als Alleinerziehende klar, deutlich, selbstbewusst und in einer (kreativen, plakativen) einfachen Darstellung einfordern was wir brauchen und welche Regeln es geben muss, damit es uns und somit unseren Kindern gut geht. Das könnten illustrierte Kampagnen in dem Sinne sein: “Klar zahle ich Unterhalt. Ist ja für mein Kind!” Wenn Ihr Lust und Muße auf kreative bis freche Kampagnen habt, dann bin ich gerne als PR-Frau dabei. Im digitalen Zeitalter können wir sehr gut… Read more »
judith
Gast
Ich habe auch schon mal in eine ähnliche Richtung überlegt und dachte, wie wäre es denn, wenn es so etwas die “Aidsschleife” für Alleinerziehende gäbe. Damit würden die Alleinerziehenden und ihre Unterstützer_innen endlich sichtbar werden in der Gesellschaft. Es wird immer gesagt, es sind so viele Alleinerziehende, aber man sieht sie nicht. Weil sie keine Lobby haben, weil sie keine Zeit haben. Aber damit würden wir sie zumindest sichtbar machen. Und es würde vielleicht dazu führen, dass wir das Eis manchmal schneller brechen könnten. Es nimmt vielleicht die Hemmschwelle ein wenig. Es soll einfach ein Symbol sein – zu sagen,… Read more »
Katharina
Gast

Ich würde wahnsinnig gerne helfen. Ich bin nicht alleinerziehend und ich habe noch nie in meinem Leben von Vertrauenspersonen Gewalt erfahren. Ich dachte immer das sei selbstverständlich….. scheinbar ist das nicht der Fall, das zeigen viele Studien. Ich will gerne über gewaltfrei schreiben, ich bin mir aber der Zielgruppe noch nicht im Klaren und ich weiß noch nicht was genau ich beitragen kann.
Katharina

Sonnenfräulein
Gast

Hab seit dem G20-Gipfel in Hamburg Angst vor “Aktivisten” und Aktivist-ERICHen. Allein schon das Wort lässt mich erschaudern.

Ansonsten ist das alles eine traurige Geschichte.
Man kann nur hoffen, dass Frauen, Männer und Menschen irgendwann wieder zusammenhalten.

Rike
Gast

Mh, ich persönlich könnte nicht so intimes schreiben bzw. von mir bekannt geben im Internet. Ich finde das toll und echt super, dass du das so hinbekommst. Wahnsinns Leistung! Und sehr Kraft spendend. Danke dafür an dieser Stelle!
Dein anderer Bericht mit dem Aufruf in die Politik zu gehen hat mich auch schon sehr zum Nachdenken angeregt. Damit werde ich mich noch mal weiter beschäftigen.

katharina
Gast
Hallo, ich finde es auch sehr schade, dass Aktivistinnen aufhören. Aber ich kann es auch verstehen, wenn Frau irgendwann die -meist private-Wunde vielleicht lieber schliessen wollen oder die Kraft auch komplett für sich brauchen. Vielleicht pausieren Rona und Alexandra auch nur? Leider kann ich sicher keinen regelmässigen Aktiven Beitrag leisten. Vielleicht möchtest Du seinen Blog um eine Sparte ergänzen-in der GastschreiberInnen – ihre Beiträge oder Erfahrungen veröffentlichen können? So könnten mehrere Stimmen gezeigt werden. Du bist dann quasi eine Plattform. Ich könnte einen Beitrag schreiben, wie es sich anfühlt als Kind eine RosenkriegScheidung erlebt zu haben-und wie es nich geprägt… Read more »
Aelleinerziehende-norddeutschland e.V.
Gast

Moin, auch ich finde es schade das die beiden aufhören. Leite ich doch selbst einen Verein für Alleinerziehende Mütter und Väter seit 2006. In unseren Beratungen erleben wir jeden Tag immer wieder neue Schicksale, aber auch Kinder die darunter leiden. Aber das sich Betroffene zusammen tun um was zu ändern, ist fast schon eine Seltenheit.

Karen
Gast

Ich halte das Thema für wichtig. Gewaltandrohungen selbst zerstören bereits viel und erzeugen Angst. Fight on

Barbara
Gast

Ich denke es wurde genug in letzten Jahren geschrieben und gesagt. Es hat kein Sinn mehr alles zu wiederholen. Es ist Zeit auf die Straße zu gehen! Vielleicht kann man sich nur so aufmerksam machen, etwas bewegen und erreichen. Ich wäre bereit

Julia
Gast

Wie wäre es denn, wenn jede Frau ihre Zeit dafür nutzt, um sich wehrhaft zu machen. Also die Zeit lieber für Selbstverteidigung- oder Schießtraining nutzen, anstatt zu schreiben, selbst aktiv werden, statt hnterher zu jammern?

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