Alleinerziehend – selbst Schuld? Oder: vom Normalsein

Ich entspanne mich jetzt und geb’s auf, das Normalseinwollen. Nein, es ist nicht so, dass ich anecke – es ist eher eine chronisches Anderssein, unfreiwillig. Wo andere Kinder einen konkreten Berufswunsch hatten oder recht genaue Vorstellungen von ihrer privaten Zukunft, da schwebte bei mir der Wunsch, ein normales Leben zu haben. Nicht, weil es in meinem Elternhaus so herausragend schräg zugegangen ist, sondern weil ich mich herausragend schräg fühlte.

Woher das kommt, habe ich erst spät verstanden – im vergangenen Jahr. Und von selbst wäre ich auch nie darauf gekommen, mir hat ein kluger, geschulter Mensch auf die Sprünge geholfen. Die life-changing Frage (Analogie zu life changing sex :)) für mich war: „Kann es sein, dass Sie hochbegabt sind?“ Hochbegabt, ich!? Nein, das war ausgeschlossen. Hatte ich doch nur ein mittelmäßiges Abitur, mit sehr wenigen Punkten in Mathe und einem Schnitt von 2,2 gemacht. Gut, die Magisterprüfung war dann mit 1,5 und die Promotion mit magna cum laude erstritten worden. Aber trotzdem: Es gibt so vieles, was ich nicht beherrsche, und Zahlen sind ein wichtiger Teil dessen.

Was ich nicht wusste: oft haben Hochbegabte Teilleistungsschwächen, also Bereiche, in denen sie grottenschlecht sind, während sie in den „Kompetenzzentren“ brillieren. Ich sah lange nur meine Defizite, und nicht, dass es eine Begabung ist, 10 Fremdsprachen gelernt zu haben, und dass auch obendrein keine Mühe mit Altenglisch, Altfranzösisch, Altisländisch, Mittelhochdeutsch und Schweizerdeutsch zu haben, nicht selbstverständlich ist.

Aber das ist nicht alles. Ich spreche schnell, ich verstehe schnell und ich ahne, was mein Gegenüber sagen wird. Das nervt – und zwar mein Gegenüber, weswegen ich das synchrone Sprechen auf sehr gute Freunde, meine große Tochter und meine Mutter beschränke, die das auch so praktizieren. Die Welt ist zu langsam. Nein, ich bin zu schnell. Was ich gelernt habe, zu unterdrücken, ich rede sozusagen in Slow Motion mit 98% aller Menschen. Das funktioniert gut, es fällt nicht auf.

Ob mein „Anderssein“ mich auch dazu führte, in meinem Liebesleben neue Wege zu suchen, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass das zumindest eine Rolle spielte. Menschen, in die ich mich verliebte, waren manchmal wie explodierende Supernovas, wie ein schlummernder Vulkan, wie eine seltene Blume. Und nicht immer vom entgegengesetzten Geschlecht, was sehr wenige Leute schockierte, selbst in den frühern 90ern. Nicht einmal meine Eltern waren entsetzt, als ich ihnen, all meinen Mut zusammennehmend, erklärte, dass die „beste Freundin“ in Wahrheit meine derzeitige Liebe war. Auch die Tatsache, dass ich mal mit einem, mal mit mehreren Partnern, und das nicht mit Exklusivitätsversprechen, eine Liäison hatte, fand meine Umgebung nicht weiter aufregend.

Heute ist das ganz anders: ich bin ein echter Schocker. Denn ich lebe in der katholischen Provinz und bin offen alleinerziehend. Auf dem CSD (Christopher Street Day) 1997 auf einem Wagen fahrend halbnackt durch Berlin zu prozessieren, das ist ein Kinderspiel. Aber offen alleinerziehend mit drei Kindern in einer Kleinstadt zu sein, das verursacht emotionalen Aufruhr. Ich glaube ja, dass das so ist, weil die Leute Angst haben, dass ihnen das „auch passieren“ kann, anders als schwul/bi/lesbisch sein. Weil sie sich fragen, was da „schief gelaufen“ ist, und eine Schuldfrage stellen, anders als man das heute bei der geschlechtlichen Orientierung tut.

Dass eine Frau mit drei kleinen Kindern sich nicht trennt, weil es mal eben nicht so gut läuft in der Ehe, sollte eigentlich klar sein. Ob und wer „Schuld hat“, ist eine zweit- nein, drittrangige Frage. Aber wenn mich Leute dafür verurteilen, dass ich mich getrennt habe, finde ich das einfach nur gemein.

Alleinerziehend zu sein ist nichts, wovor man sich fürchten muss, oder wofür ich mich bedauern lassen möchte. Leute, mein Leben ist gut. Und das der Kinder auch!

Linktipps innerhalb des Blogs:

Alleinerziehend – die Vorteile

Arm, aber glückllich

Kinderbücher und Trennung

Kunst, oben: Baselitz, Kunsthaus Zürich

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Thisis
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Thisis

Aus meiner Erfahrung kann ich dir da vollkommen zustimmen. Wir leben ja auch in der Provinz.
Und sind Aliens. Einfach, weil es bei uns eben anders ist als in den Vater-Mutter-Kind-Haushalten, von denen wir umgeben sind. Wir werden aber nicht als Bereicherung wahrgenommen, sondern als gescheiterte Existenzen.
Dabei interessiert nicht, dass die Entscheidung, alleine zu erziehen eine freie, eine gute und vor allem eine Entscheidung war. Es zählt nur das Manko.
Weswegen ich hier auch schnellstmöglich weg und wieder in die große Stadt will.

Inke Meier
Gast
Inke Meier

Eigentlich wollte ich nicht mehr kommentieren, aber dieser Artikel ist zu gut um ihn unkommentiert zu lassen

Alexandra
Gast
Alexandra

Vermutlich hat es schon immer Menschen gegeben, die Du mit Deinem Verhalten „schockiert“ hast – Du nahmst es nur nicht wahr, weil es keine Rolle spielte. Heute, etwas älter und mit Kindern, fällt Dir das eher auf. Lass Dich nicht nervlich fertigmachen. Auf dem Land werden die Alleinerziehenden unter die Lupe genommen und in der Stadt muss sich so manches Kind beinahe dafür entschuldigen, wenn die Eltern nicht geschieden sind. Die Leute reden immer – wenn man geboren wird, wenn man gestorben ist und dazwischen sowieso. Die permanenten Vergleiche zwischen den Menschen (Wer macht es richtig? Wem geht es besser?… Weiterlesen »

Nadja
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Nadja

Offen alleinerziehend – das bin ich wohl auch schon seit mehr als drei Jahren. Anfangs ist mir die Offenheit nicht leicht gefallen. Aus meinem Umfeld (in dem sich noch einige Alleinerziehende tummeln) kannte ich schon die schönsten Horrorgeschichten. Aber ich muss sagen, dass sich für mich keine davon bewahrheitet hat. Ich habe in den letzten Jahren viel Respekt erlebt, manchmal schon fast Ehrfurcht. „Super, was sie alles schaffen“, „Ich wünschte, die anderen Eltern würden sich auch so engagiert um ihre Kinder kümmern“, „Eine riesige Leistung, dass sie Kinder, Beruf und Haushalt so hinbekommen“. Genauso oft begegnet mit Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen.… Weiterlesen »

Nadja
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Nadja

Liebe Christine, steht die Schuldfrage wirklich im Raum? Oder kommt es Dir nur so vor? Das ist ein Punkt, über den ich oft mit einer guten Bekannten diskutieren. Ihre Kinder sind so alt wie meine beiden Großen. Die Kids gehen auf die selben Schulen in die selben Klassen. Und seit sie getrennt ist, fühlt sie sich dauernd der Schuldfrage ausgesetzt. Ihr Empfinden ist, dass jedes „schlechte Benehmen“, jedes unpassende Verhalten und jede schlechte Note der Kinder darauf zurück geführt wird, dass sie alleinerziehend ist. Und da sie sich getrennt hat, kommt das als Vorwurf bei ihr an. Das gibt bei… Weiterlesen »

Viola
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Viola

Als ich Dein Foto sah, las was Du alles machst und wo Du Dich engagierst war mir sofort klar das Du hochbegabt bist. Es kam mir so vor, als wenn ich Du wäre….
Selbe Situation: Alleinerziehend, voll beruftsätig, viel ehrenamtliches Engagement und immer Interesse an neuen Dingen. Und dann der Test, weil man sich immer anders gefühlt hat. Sie sind HB. Na toll, und das mit 3 Kindern!!
Ich weiß was Du für eine Aufgabe hast, aber wenn wir nix zu tun hätten wären wir sehr sehr unglücklich. Ich hoffe, ich lese noch viel von Dir.

dadlunatic
Gast
dadlunatic

Ich, für meinen Teil, bin in der öffentlichen Wahrnehmung der schwächliche „Halbmann“, dem die „Schlampe“ davongelaufen ist und der mit 3 Kindern sitzen gelassen wurde, wobei eines davon nicht einmal von ihm sein kann (die Hautfarbe meiner Stieftochter ist da untrüglicher Beweis). Dass die „Schlampe“ schlicht ins Grab „gelaufen“ ist (wohin ich sie über mehr als 2 Jahre sehr zeit- und kräfteintensiv begleiten durfte), weiss praktisch jeder in „meinem“ 2,5 k Seelenkaff, das lässt sich aber offenkundig sehr leicht ignorieren. Man hat eindeutig Berührungsängste zu mir, ich kann mich als Freiwilliger zu allen möglichen Hilfsdiensten melden, für mich ist nie… Weiterlesen »

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Elternabend - alleinerziehend ein Problem

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